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07. Juli 2020

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300 Jahre Zeit(ungs)geschehen

300 Jahre Zeit(ungs)geschehen© Pexels.com/AG Z

Forscher der Akademie der Wissenschaften digitalisieren Ausgaben der Wiener Zeitung aus 18. Jahrhundert. Das damalige Wien(n)erische Diarium beherbergt als älteste Zeitung der Welt einen überaus umfangreichen wie spannend informativen Datenschatz.

(red/mich) Das Wien[n]erische Diarium ist die älteste Tageszeitung der Welt, die bis heute als Wiener Zeitung existiert. Das Medium bietet entsprechend eine lückenlose wie breite Quelle über 300 Jahre Zeitgeschehen. Drei Jahre lang haben sich ForscherInnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nun der digitalen Transformation dieses Datenschatzes gewidmet. Im Ergebnis sind jetzt 300 Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert im Volltext digitalisiert und online durchsuchbar.

Keine Einreise wegen Pest
Es wird verlautbart, dass „wegen der in Frankreich grassirenden Pest / weder Personen / Vieh / noch Waaren / von dorten“ einreisen dürften. Auch heißt es andernorts, dass „allda niemand Frembder / ohne sichern Paß / wegen der anderwerts im Schwung gehenden bösen Seuche / eingelassen werde“. „Was in Zeiten von Corona unangenehm vertraut klingt, entstammt einem Datenschatz, der über dreihundert Jahre in die Vergangenheit zurückreicht: dem digitalen Diarium - kurz Digitarium -, als digitalisierte Sammlung der historischen Ausgaben des Wien[n]erischen Diariums“, so die ÖAW in einer Aussendung.

In den nunmehr zugänglich gemachten Sammlungsbeständen werden etwa Pandemien auch im 18. Jahrhundert als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Konkret fanden sie in Gestalt des Überbegriffs der Pest regelmäßig und zahlreiche Erwähnung im Wie[n]erischen Diarium. Die Meldungen aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten erlauben aufschlussreiche Einblicke in die Art und Weise, wie man früher mit derartigen Pandemien umgegangen ist. Zugänglich gemacht wurden all diese Meldungen in einem Forschungsprojekt an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wo Wiener Forscher die Webapplikation Digitarium entwickelt und daraus nunmehr bereits zahlreiche digitalisierte Ausgaben online verfügbar gemacht haben.

Anfänge des modernen Journalismus und der Werbung
„Im gesamten 18. Jahrhundert sind etwa 10.000 Nummern des Wien[n]erischen Diariums erschienen“, erzählt Claudia Resch, Projektleiterin und Germanistin am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW. Gemeinsam mit Anna Mader-Kratky vom ÖAW-Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes und einem interdisziplinären Projektteam digitalisierte sie mehr als 300 Ausgaben des Diariums und erschloss diese wissenschaftlich. ÖAW-Angaben zufolge entspricht das etwa 6.000 Seiten beziehungsweise drei Millionen Wörtern.

Die Bandbreite der Themen sind dabei durchaus mit jener der heutigen Zeitung vergleichbar. Nicht nur um Pest und Seuchen, auch der Baufortschritt der Wiener Hofburg lässt sich über die Jahrzehnte hinweg genauso recherchieren, wie der Beginn der Luftfahrt, die Entwicklung der Schriftsprache oder die Gestaltung von Inseraten im Zeitverlauf. Das Wien[n]erische Diarium, gegründet 1703 und 1780 in Wiener Zeitung umbenannt, gilt nicht umsonst als bedeutendstes Medium der Habsburgermonarchie, in dem sich die Anfänge des modernen Journalismus widerspiegeln. Heute ist es eine reiche Quelle für Geschichtsinteressierte und die Wissenschaft.

Smarte Daten durch lernfähige Software
Um diese Vielfalt zugänglich zu machen, sind die digitalisierten Ausgaben der Tageszeitung in der Webapplikation nach beliebigen Begriffen durchsuchbar, etwa nach historischen Ereignissen, Personen oder Orten. Alle digitalisierten Nummern stehen auch im Volltext zur Verfügung. Während bei anderen Projekten zur Digitalisierung von Zeitungen die Inhalte maschinell mit herkömmlichen Methoden der Optischen Zeichenerkennung (OCR) erfasst werden, entschied man sich beim Digitarium erstmals für die Verwendung von selbstlernenden, sogenannten „Handwritten Text Recognition“-Technologien. Der Einsatz dieser lernfähigen Software und viele manuelle Korrekturdurchgänge haben sich aus ÖAW-Forschersicht jedenfalls gelohnt.

„Die Textgenauigkeit beträgt nun 99,7 Prozent. Die sorgfältig überprüften Daten tragen wiederum dazu bei, dass weitere Ausgaben verbessert eingelesen werden können. Die Forschung braucht verlässlichere Texte und zeichengenaue Transkriptionen, in denen jedes Wort dem historischen Sprachstand gemäß korrekt wiedergegeben und damit auffindbar ist“, erläutert Resch. Die moderne Technik eröffnet Lesern zudem auch hoffnungsvolle Meldungen von damals: So steht am 11. November 1722 im Diarium: „daß die Seuche an allen Orten von Provence und Languedoc völlig aufgehört / und […] daß jene Stadt / in welcher dieselbe so sehr gewütet / nunmehro davon befreyet seye.“

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red/mich, Economy Ausgabe Webartikel, 24.04.2020