Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

10. April 2021

Search form

Search form

Die Digitale Nabelschnur in Pandemiezeiten 

Die Digitale Nabelschnur in Pandemiezeiten © Pexels.com/Andrea Piacquadio

Anlässlich des diesjährigen Safer Internet Day untersucht eine Studie das Nutzungsverhalten junger Menschen von Sozialen Netzwerken. Parallel sichtet der Jugend-Internet-Monitor deren aktuelle Reichweiten.

(red/czaak) Von Rezepten am Morgen über fitnessfördernde Kurzvideos bis zur Online-Party auf Discord: Für viele Jugendliche sind Soziale Netzwerke längst zentraler Bestandteil ihres Lebens und in Zeiten von Corona hat der Stellenwert von TikTok, WhatsApp & Co. nochmals massiv zugelegt. Im Rahmen der Initiative Saferinternet.at gaben daher das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) und die ISPA - Internet Service Providers Austria eine Studie zum Leben von Jugendlichen in Sozialen Netzwerken in Auftrag.

Soziale Netzwerke als digitale Nabelschnur in Pandemiezeiten 
Praktisch alle befragten Jugendlichen nutzen Soziale Netzwerke. Sie treten mit durchschnittlich 11 Jahren ihrem ersten Sozialen Netzwerk bei und verwenden dabei zwei bis drei Plattformen parallel. Die Netzwerke werden dabei bewusst für unterschiedliche Zwecke eingesetzt. Diese differenzierte Nutzung zeigt sich umso deutlicher, je älter die Jugendlichen sind.

Stand früher die Selbstdarstellung im Vordergrund, so ist nun das Kontakthalten eindeutige Hauptfunktion. Das zeigte sich schon vor Covid-19 und nun noch stärker. Die Pandemie macht das Kontakthalten mit Familie, Freunden und Schulkollegen schwieriger, gleichzeitig erhöht sich die Bedeutung. Soziale Netzwerke dienen als eine Art digitale Nabelschnur zur Außenwelt und verdienen ihren Namen mehr als je zuvor.

Nach dem Kontakthalten folgen die Themen Information und Unterhaltung und erst dann eigene Postings und Posen bzw. die Selbstdarstellung. Das virtuelle Teilhabenlassen anderer am eigenen Leben ist damit weniger wichtig geworden. „Diese veränderten Nutzungen sind Anzeichen einer Entwicklung hin zu einer reiferen Nutzung von Sozialen Netzwerken“, so Matthias Jax, Projektleiter von Saferinternet.at nach Workshops und Gesprächen mit jungen Menschen.

Größte Zuwächse bei Discord und TikTok
Die veränderten Nutzungsweisen bringen auch Verschiebungen im Ranking der verbreitetsten Internetplattformen. Die beliebtesten Sozialen Netzwerke der 11- bis 17-Jährigen wurden zum 6. Mal im Rahmen des Jugend-Internet-Monitors erhoben. Demnach ist WhatsApp mit 98 Prozent der klare Favorit. Es ist die wichtigste Plattform zum Kontakthalten mit Familie, Freunden und Schulkollegen, wird aber während der Pandemie auch zur gegenseitigen Unterstützung beim Homeschooling verwendet.

Auf dem zweiten Platz landet YouTube (93 Prozent) als Info- und Entertainment-Channel, auf dem dritten Rang liegt Instagram (84 Prozent), das ebenfalls zum Kontakthalten sowie zur Information verwendet wird. Alle drei Netzwerke konnten im Vergleich zum Vorjahr zulegen. Dann folgen die Foto-Sharing-App Snapchat (75 Prozent) und die Video-App TikTok (57 Prozent). Mit 39 Prozent folgt dann (erstmals) die Inspirations-Plattform Pinterest – und erst dann Facebook (34 Prozent), dass von fünf auf Platz sieben zurückfiel.

Ein besonders hoher Zuwachs um 16 Prozentpunkte auf 33 Prozent (Anm. Platz 8) ist bei Discord zu verzeichnen. In den letzten Monaten hat sich Discord von einer Gaming-Plattform hin zu einem vielfältig genutzten digitalen Aufenthaltsraum entwickelt. Der vollständige Jugend-Internet-Monitor findet sich unter jugendinternetmonitor.at.

Jugendliche wollen online die Kontrolle behalten
Erhoben wurden auch wiederum die Themen Datenschutz und Privatsphäre. 29 Prozent der Jugendlichen beschäftigen sich regelmäßig mit den Privatsphäre-Einstellungen in Sozialen Netzwerken. Für 35 Prozent sind diese nur bei erstmaliger Nutzung ein Thema und 14 Prozent haben sich überhaupt noch nie damit auseinandergesetzt. „Auch wenn vielen Jugendlichen der Schutz ihrer Privatsphäre ein Anliegen ist, gibt es hier noch Verbesserungspotenzial“, so die Studienautoren.

Im Kontext der Privatsphäre ist auch der Trend hin zu zeitlich begrenzten Inhalten („Stories“) zu betrachten. Denn damit ist – zumindest aus Sicht der Jugendlichen – das Risiko deutlich geringer, die Kontrolle über die eigenen Bilder zu verlieren. 38 Prozent haben schon einmal eine Aufnahme gepostet, die sie später als peinlich empfunden haben und 32 Prozent eine, von der sie nicht gewollt hätten, dass die Eltern sie sehen.

Probleme mit „verwaisten“ Konten und generelle negative Erfahrungen
Die langjährige Nutzung von Sozialen Netzwerken führt auch dazu, dass Jugendliche im Lauf der Zeit viele Konten ansammeln, auf die sie zum Teil gar nicht mehr zugreifen können (Anm. 41 Prozent der Befragten). „Jugendliche wie Erwachsene sollten sich überlegen, wie sie mit ihrem ‚Digitalen Nachlass‘ umgehen wollen. Wir wollen das Bewusstsein für dieses Thema stärken und bieten dazu unsere Expertise an“, betont Charlotte Steenbergen, Generalsekretärin der ISPA.

Trotz eines zunehmend „reiferen“ Umgang mit Sozialen Netzwerken, sind Jugendliche vor negativen Erfahrungen im Internet nicht gefeit. 22 Prozent der Befragten geben an, dass Bilder von ihnen schon einmal gegen ihren Willen geteilt wurden, 17 Prozent waren bereits mit Gerüchten über ihre Person konfrontiert. Immerhin 16 Prozent berichten, dass die eigenen Eltern peinliche Dinge über sie verbreitet haben. 76 Prozent meinen zudem, dass Fake-Profile sehr verbreitet sind.

Jugendliche nicht allein lassen
Einen sicheren Umgang mit Sozialen Netzwerken lernen Jugendliche laut 32 Prozent der Befragten vor allem durch Aufklärung und Workshops, etwa in der Schule. Dann folgt das Lernen aus eigenen Fehlern (31 Prozent) sowie Rat von Eltern und Freunden (je 28 Prozent). „Wir müssen gemeinsam sicherstellen, dass der Erwerb von Safer Internet-Kompetenzen in der Schule auch in der aktuellen Situation nicht zu kurz kommt“, unterstreicht Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at.

Die Plattform unterstützt hier österreichweit mit Workshops, Flyern, Quiz und Unterrichtsmaterialien. Ab sofort kann auch das mit Unterstützung des Bildungsministeriums aktualisierte Handbuch für Lehrende „Selbstdarstellung von Mädchen und Jungs im Internet“ kostenlos bestellt werden (inkl. Download). Leitfäden zu technischem Kinderschutz sowie Privatsphäre-Einstellungen in Sozialen Netzwerken und der Videoratgeber für Eltern „Frag Barbara!“ runden das umfangrieche Angebot ab.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 12.02.2021