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29. März 2017

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„Digitalisierung schafft mindestens so viele Jobs wie sie einspart“

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(Video/Text) Im Februar wurde im Infrastrukturministerium ein neues KMU-Förderprogramm zur innerbetrieblichen Weiterbildung im Bereich Industrie 4.0. präsentiert. Der zweite Teil der Economy-Berichterstattung zu dem Event beleuchtet die Fragen, wie sinnvolle 4.0-Schulungsmaßnahmen im eigenen Betrieb aussehen könnten und welche Qualifizierungsmaßnahmen und strukturellen Adaptierungen generell im heimischen Bildungssystem verankert werden müssten, um die Menschen mit den erforderlichen Kompetenzen für die Arbeitswelt 4.0 auszustatten. Eine Studie der Prospect Unternehmensberatung ortet diesbezüglich jedenfalls dringenden Handlungsbedarf.

Der neue Fokus auf die Weiterbildung im eigenen Betrieb hat laut Studienautorin Trude Hausegger zwei Hauptgründe: „Einerseits weil das Lernen sehr schnell funktionieren muss, andererseits weil es am zielführendsten ist, die Qualifizierung unmittelbar entlang der Geschäfts- und Produktionsprozesse des Unternehmens stattfinden zu lassen. In diesem Zusammenhang gibt es auch klare Erkenntnisse aus der Forschung darüber, unter welchen Voraussetzungen Arbeitsplätze lernförderlich sind. Lernförderliche Arbeitsplätze sind nebenbei auch gesundheitsförderlicher – ein Thema, das mit zunehmendem Tempo ebenfalls an Bedeutung zunimmt“

KMU investieren stark in Digitalisierung
Eine KMU-spezifische Förderung für die digitale Transformation der Betriebsstätten und Geschäftsprozesse gibt es schon länger, und die habe sich bewährt, unterstreicht AWS-Geschäftsführerin Edeltraud Stiftinger. „Wir haben seit über zwei Jahren ein Programm zur Unterstützung von KMU, wenn sie Investitionen in die Digitalisierung tätigen. KMU investieren durchschnittlich anderthalb Millionen Euro pro Unternehmen und Jahr in Digitalisierungsprojekte. Das ist doch schon ein beträchtlicher Betrag für kleinere Betriebe und zeigt, dass das auf der Agenda ganz oben steht“, so Stiftinger.
Diese Firmen seien in den unterschiedlichsten Branchen beheimatet – von Chemie über Futtermittel bis zur Tischlerei, unterstreicht Stiftinger: „Es geht nicht immer nur um Hightech-Unternehmen, die Digitalisierung ist schon weit in den Kern des KMU-Bereichs vorgedrungen. Sie haben alle ein gemeinsames Ziel: ihre Kunden schneller, punktgenauer und kostengünstiger zu beliefern.“
KMU vollziehen damit nur den nächsten notwendigen Schritt in der Optimierung ihrer Produktionsprozesse, ergänzt Hausegger: „Diese Weiterentwicklung steht einerseits im Kontext von Automatisierung, andererseits aber auch – und darauf weisen insbesondere Betriebsräte ganz heftig hin – von Fragen der Verlagerung von Produktionsteilen ins Ausland.“

Unterm Strich nicht weniger Jobs
In Sachen Arbeitsmarkt, so Infrastrukturminister Jörg Leichtfried, zeige die Studie aber deutlich: „Es werden durch die Digitalisierung zumindest gleich viele neue Jobs entstehen, wie durch die Automatisierung allenfalls verloren gehen. Andere Studien, die sich mit Digitalisierung beschäftigen, sehen das sogar noch positiver.“
Hausegger ergänzt, dass sich die Betriebe im Studiensample durchwegs in Wachstumsphasen befinden würden. „Diese Betriebe berichten, dass es zu Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur, nicht aber zu Kündigungen gekommen sei. Alle Personen, die an einer Stelle nicht mehr gebraucht wurden, konnten an anderer Stelle sinnvoll eingesetzt werden“, so Hausegger.

Gamification und Duale Ausbildung
Zu den Fragen, wie innerbetriebliche Schulungsprogramme aussehen müssen, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen, und wo auch extern im Bildungs- und Weiterbildungssystem Handlungsbedarf in Sachen Digitalisierungskompetenzen besteht, gibt es in der Studie von Prospect Consulting eine Reihe von Empfehlungen. „Wir haben eine Entwicklungslinie vorgeschlagen, auf der man die virtuellen Möglichkeiten in Zusammenhang mit Augmented Reality und Gamification gezielt nutzt, um die Schulung von Mitarbeitern zu unterstützen“, so Hausegger.
Darüber hinaus schlägt Hausegger vor, das Prinzip der „Dualen Ausbildung“ aus dem Lehrlingsbereich (Anm.: parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule) auf den universitären Bereich auszuweiten. „Dafür gibt es Modelle in Deutschland und auch in St. Pölten gibt es bereits eine Fachhochschule, die eine tertiäre duale Ausbildung anbietet“, so Hausegger.

Qualifizierungspaket 4.0
Aber auch in die Digitalisierung der Lehrlingsausbildung müsse gezielt investiert werden, unterstreicht die Expertin. In diesem Zusammenhang kündigt Leichtfried ein „Qualifizierungspaket 4.0“ an, das er gemeinsam mit der Bildungsministerin Sonja Hammerschmid und Sozial- und Arbeitsminister Alois Stöger zu schnüren gedenkt: „Wir wollen die Fertigkeiten unserer Ministerien gemeinsam einbringen, um ein umfassendes Gesamtpaket zu erstellen.“

Siehe auch: "Ständige Weiterbildung ist ein Grundpfeiler der Arbeitswelt 4.0"

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red/aha, Economy Ausgabe Webausgabe, 03.03.2017