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15. November 2018

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Musik und Film im Nationalsozialismus

Musik und Film im NationalsozialismusBilderbox.com

Zwischen 1938 und 1945 drehte die Wien-Film rund 50 Spielfilme. In Melodramen, Revuen oder Romanzen machten Regisseure und Schauspieler Stimmung für das Nazi-Regime und den Krieg. Filmhistoriker Armin Loacker und Musikwissenschaftler Stefan Schmidl analysierten in aktuellem Forschungsprojekt vorhandene Archiv-Bestände aus NS-Produktionen.

Drehbücher, Plakate, Fotoalben und 127 Schachteln mit sogenannter „Korrespondenz“ der Wien-Film lagern im Filmarchiv Austria im Wiener Augarten. Sie bilden die Grundlage für das aktuelle Forschungsprojekt „Die Wien-Film: Eine umfassende Analyse des Filmstudios 1938-1945“ des Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
„Die Akten aus der NS-Zeit hätten eigentlich vernichtet werden sollen. Aber das Filmarchiv konnte sie Ende der 60er Jahre in einer Nacht-und-Nebel-Aktion retten“, so Armin Loacker. Der Filmhistoriker wertete die Unterlagen aus und sichtete dabei auch umfangreiche Korrespondenz zwischen Wien und Berlin. „Jedes Projekt, jede Künstler- und Regiegage musste von Berlin finanziell bewilligt werden“, erläutert Loacker, der in diesem Schriftwechsel auch ein Abbild der Hierarchien im Dritten Reich sieht.

Musikalischer Nationalismus
Neben den Briefen haben sich aber auch die Partituren der Filmmusiken erhalten und das war wiederum die wissenschaftliche Ausgangsbasis für Stefan Schmidl, Musikwissenschaftler der OeAW. Er befasst sich schon länger mit dem „musikalischem Nationalismus“ und insbesondere mit der Musikgestaltung in österreichischen Filmen, die zwischen 1933 und 1945 entstanden sind. Hier sei deutlich „eine immer intensivere Musikgestaltung festzustellen und die lässt sich sogar in Minuten messen“. Schmidl weiter: „Je weiter der Krieg voran schreitet, desto mehr Musik im Kino“.
Zugleich wurden die Filmmusiken auch spürbar „dynamischer, empathischer, pathetischer. Sie arbeiteten auf eine Suggestion hin und waren immer ideologischer Bedeutungsträger, egal ob in den eskapistischen Unterhaltungsfilmen oder in den deklariert politischen Filmen“, unterstreicht Schmidl. Mit Hilfe der Partituren, die sich im Gegensatz zur deutschen NS-Schwesterfirma UFA bei der Wien-Film fast vollständig erhalten haben lässt sich dieser Eindruck am Notenmaterial überprüfen.
Ein klarer Beleg für die musikalisch transportierte NS-Ideologie ist für Schmidl etwa die berühmte Gefängnisszene aus der Wien-Film-Produktion „Heimkehr“ (Premiere 1941), in der Paula Wessely von einer „Heimkehr“ aller Deutschen aus den Ostgebieten schwärmt. Das pathetische Finale ihrer Rede unterlegt Regisseur Gustav Ucicky mit einer Variation aus Haydns „Kaiserquartett“, jener Melodie, die zugleich als „Deutschlandlied“ und „Kaiserhymne“ bekannt ist. Für die Nationalsozialisten die „ideale“ Bündelung österreichischer und deutscher Heimatgefühle.

Die Kluft zwischen Kriegsalltag und heile Welt
Man müsse „ganz genau darauf achten, wann Szenen wie diese gedreht, geschnitten und schließlich erstaufgeführt wurden, nur dann könne man den zeitgeschichtlichen Kontext erfassen“, so Loacker und Schmidl. Die wissenschaftliche Forschungsarbeiten der Experten soll nun auch in eine historisch-kritische Ausgabe wichtiger Partituren münden. Viele Musiken der Wien-Film wurden von den Wiener Philharmonikern eingespielt und NS-Produktionen engagierten gerne auch die Wiener Sängerknaben als Kinderdarsteller und Chor. In „Heimkehr“ musizieren gleich beide als entsprechende Aushängeschilder Österreichs.
In den über 60 produzierten Dokumentarfilmen der Wien-Film werde musikalisch „eine aggressivere Gangart eingeschlagen“, erklärt Schmidl abschliessend. Hier wirke der Score „überhaupt nicht mehr lieblich, sondern nur noch stramm“. Letztlich konnte aber auch diese Musik der NS-Filme die Kluft zwischen Kriegsalltag und der Illusion einer heilen Welt nicht mehr verbergen.

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red/mc, Economy Ausgabe Webartikel, 18.10.2018