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28. Juni 2022

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Fünf neue ERC-Grants an ForscherInnen in Österreich

Fünf neue ERC-Grants an ForscherInnen in Österreich© Pexels.com/Nataliya Vaitkevich

Theater, Weltraum, Physik, Biologie und Quanten. Emine Fisek, Christian Möstl, Josef Pradler, Yasin Dagdas von ÖAW und Marcus Huber von TU Wien erhalten EU-Grants und knapp 10 Mio. Euro Forschungsgelder. 

(red/mich/cc) Bei der aktuellen Vergaberunde der Forschungspreise des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) konnten ForscherInnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der TU Wien erneut Erfolge feiern. Mit Theaterwissenschaftlerin Emine Fisek, Weltraumforscher Christian Möstl, Physiker Josef Pradler und Molekularbiologe Yasin Dagdas erhalten gleich vier ÖAW-Forschende einen der heuer mit jeweils bis zu 2 Mio. Euro dotierten ERC Consolidator Grants.

Mehr als 100 Millionen Euro an ERC-Förderungen nach Österreich
Ebenso einen „ERC Consolidator Grant“ erhält Marcus Huber vom Atominstitut der TU Wien für Forschungen im Bereich der Quantentechnologie. Und Forscher Marc Händel vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW ist an einem weitere ERC Grant beteiligt. Mit den neuen Grants erhöht sich die Anzahl der seit 2007 an ÖAW-ForscherInnen vergebenen Preise auf 66 ERC Grants und 6 Proof of Concept Grants. Beteiligt war die ÖAW ferner an weiteren 18 ERC Grants. Angaben zufolge konnte die ÖAW bereits mehr als 100 Millionen Euro an ERC-Förderungen nach Österreich holen.

Die Förderpreise ermöglichen den ForscherInnen die Umsetzung ihrer weiteren Forschungsprojekte sowie die weitere Festigung ihrer wissenschaftlichen Unabhängigkeit. In den kommenden fünf Jahren werden sie dabei an den Schnittstellen zu Theater und Gentrifizierung forschen, Sonnenstürme im interplanetaren und erdnahen Weltraum in den Blick nehmen sowie Studien durchführen, die sich mit Dunkler Materie auseinandersetzen oder den Beitrag der sogenannten Autophagie zur Zellerneuerung untersuchen.

Von Theater und außerirdischen Wettervorhersagen
Mit ihrem Consolidator Grant durchleuchtet Emine Fisek am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, wie die Schicksale des Theaters und der Stadt miteinander verwoben sind. Dieses interdisziplinäre Forschungsprojekt, das ethnografische und archivarische Untersuchungen an mehreren Orten kombiniert, analysiert die komplizierte und oft ambivalente Beziehung zwischen Theaterpraktiken und urbaner Transformation im Europa des 21. Jahrhunderts.

Christian Möstl wird sich mit seinem Consolidator Grant der Vorhersage von extremen Sonnenstürmen widmen. Der Wissenschaftler am Institut für Weltraumforschung der ÖAW möchte herausfinden, wie sich der Sonnenwind zeitlich entwickelt, insbesondere dessen Geschwindigkeit und die Nord-Süd-Komponente des Magnetfelds. Neue Entdeckungen erhofft man sich dabei insbesondere von neuen Bildern der Raumsonde Solar Orbiter und von der Parker Solar Probe aus der Nähe der Sonne.

Über Dunkle Materie und sich selbst verzehrende Zellen
Josef Pradler vom Institut für Hochenergiephysik der ÖAW, wird sich der Erforschung der nicht-gravitativen Natur der Dunklen Materie zuwenden – und zwar in zwei Bereichen, die für die Teilchenphysik von zentralem Interesse sind: zum einen geht es um den direkten Nachweis von Dunkler Materie im Labor und zum anderen um die von Dunkler Materie unterstützte Strukturbildung im Universum. Eines der Ziele: Das Verständnis der Signalbildung bei der Suche nach Dunkler Materie zu vertiefen.

Mit seinem ERC Consolidator Grant erforscht Yasin Dagdas am Gregor Mendel Institut (GMI) für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW, welche Rolle Autophagie (Anm. Zelleigener Abbau schädlicher Bestandteile) im Kontext mit an das endoplasmatische Retikulum (ER) angebundene Ribosomen spielt. In Zellen bewegen sich mehrere Ribosomen gleichzeitig entlang der mRNAs, um die Gene in Proteine zu übersetzen. Das kann unter zellulärem Stress zu Kollisionen zwischen den Ribosomen und zur Unterbrechung der Proteinsynthese führen und hier spielt nun laut Dagdas die Autophagie eine zentrale Rolle.

ERC-Grant für Marcus Huber von TU Wien
Quanten, Komplexität und Thermodynamik, das sind unterschiedliche Bereiche der Physik und die verknüpft Marcus Huber von der TU Wien auf neue Weise und dafür erhält er nun auch einen ERC Consolidator Grant. Große Dinge beschreibt man normalerweise nicht mit den Formeln der Quantenphysik, sondern mit den Gesetzen der klassischen Physik. Doch was passiert, wenn ein Quantensystem (etwa ein Atom) in Kontakt mit etwas Großem kommt, etwa mit einem Messgerät? Das gehört zu den schwierigsten Fragen der Physik, auf die man bis heute keine wirklich befriedigende Antwort gefunden hat.

Die Grundgesetze der Physik unterscheiden eigentlich nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft. „Es gibt nur zwei Bereiche, wo die Richtung der Zeit eine entscheidende Rolle spielt, und das ist die Thermodynamik und der quantenphysikalische Messprozess“, so Huber. Er hofft auf neue Einblicke in Quantensysteme und Quantenmessungen als Basis für neue Quantentechnologien. Anwendungen dafür gibt es viele – von „Quantenkühlschränken“ für extrem tiefe Temperaturen, bis zur Übertragung von Quanteninformation und einem Quanteninternet. „Mit neuen Erkenntnissen lässt sich auch berechnen, wo die Grenzen bisheriger Quantentechnologien liegen, und welche von ihnen man möglicherweise überwinden kann“, ergänzt Marcus Huber von der TU Wien.

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red/mich/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 25.03.2022