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28. September 2016

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So war der Wilde Westen wirklich … nicht.

So war der Wilde Westen wirklich … nicht.piqs.de/igoline

Ein FWF-Projekt untersucht künstlerische Gegenentwürfe zum Indianer-Klischee.

Stolz, edel und naturverbunden: Karl Mays „Winnetou“ beeinflusst bis heute das Bild des „Indianers“ im deutschsprachigen Raum. „Dieses Klischeebild entspricht in keiner Weise der Realität der nordamerikanischen Ureinwohner. Kindheitserinnerungen und Sehnsüchte lässt man sich jedoch nur ungern nehmen. Das zeigen unter anderem die Besucherrekorde der Karl May-Festspiele“, so Nicole Perry vom Institut für Germanistik der Universität Wien.
Indigene Künstler setzen sich mit diesem noch immer bestehenden Klischee kritisch auseinander und rütteln an überholten Wahrnehmungsgewohnheiten. Perry untersucht im Rahmen eines Lise-Meitner-Stipendiums des Wissenschaftsfonds FWF diese künstlerischen Gegenentwürfe.

Sehnsüchte
„Karl Mays Erfolg – seine Bücher wurden ja schon in der Erstauflage über 400.000 Mal verkauft – liegt auch darin begründet, dass er Gefühlslagen und Sehnsüchte seiner Zeit geschickt aufgriff“, erläutert Perry. Da waren zum Beispiel die Sehnsucht nach der Bildung einer Nation oder Kolonialfantasien, aber auch romantische, anti-modernistische Wünsche nach einer Rückkehr zur Natur. Die romantisierte Naturverbundenheit mündete in einer Darstellung als sterbende vormoderne Kultur, deren Rettung in der Europäisierung und Christianisierung lag.
Den Schwerpunkt des Projekts bilden zahlreiche Fallstudien zeitgenössischer Widerstandsformen gegen dieses schablonenhafte „Indianer“-Bild. Indigene Künstler greifen dieses Bild seit einiger Zeit auf und inszenieren es in neuen Umgebungen, um ein Umdenken zu provozieren. Zu den Fallbeispielen, die Perry untersucht, zählt der kanadische Künstler Kent Monkman mit seinem Alter Ego „Miss Chief Testickle“, einer Kunstfigur vergleichbar mit Conchita Wurst in High Heels und mit Federschmuck. Monkman sprengt damit gängige Genderstereotypen des „Indianers“ als Naturbursch.
Die Reaktionen auf diese Neuinterpretationen sind kontrovers. „Filmische Gegenentwürfe wurden auf der Berlinale, und davor auf dem imagineNATIVE Film Festival in Toronto gezeigt. Der enthusiastischen Aufnahme in Kanada folgten kontroverse Diskussionen auf der Berlinale.“

Das FWF-Projekt bietet erstmals eine Basis für die Auseinandersetzung mit im deutschsprachigen Raum bisher wenig bekannten indigenen Antworten auf klischeebeladene „Indianer“-Darstellungen.

Links

red/stem, Economy Ausgabe Webartikel, 12.02.2016