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20. November 2019

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Herzliche Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Herzliche Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit© Bilderbox.com

Anlässlich des aktuellen Weltherztages erläutert Axel Bauer, renommierter Herzspezialist und neuer Chef der Innsbrucker Kardiologie, neue Therapieformen in der modernen Herzmedizin.

(Christian Czaak) An der Abteilung Kardiologie und Angiologie der Innsbrucker Universitäts-Klinik für Innere Medizin werden pro Jahr knapp 5.000 Patienten stationär und rund 70.000 Patienten ambulant versorgt. Das Behandlungsspektrum umfasst etwa minimalinvasive Therapieformen, koronare Herzerkrankungen, Herzinsuffizienz oder strukturelle Herzerkrankungen und Herzrhythmusstörungen.
„Kardiovaskuläre Krankheitsbilder werden immer komplexer. Die Betroffenen haben verschiedenste Begleiterkrankungen“, so Axel Bauer, seit Juli neuer Klinik-Direktor. Die Herausforderung und Chance der modernen Herzmedizin sieht Axel Bauer „in der konsequenten interdisziplinären Zusammenarbeit von internistischen und chirurgischen Fächern.“
Stressnerv am Herzen

Der von der Münchner Maximilian-Universitätsklink gekommene Kardiologe Bauer ist ausgewiesener Experte für den plötzlichen Herztod. In der westlichen Welt ist das die häufigste Einzeltodesursache, auch 12.000 Österreicher sind jedes Jahr davon betroffen. Bauer forscht schwerpunktmäßig an der computerbasierten Entschlüsselung von Biosignalen für die zielgerichtete Diagnostik und Therapie. Ein Ergebnis ist etwa die Entwicklung eines EKG-basierten Risikoparameters, der die Effekte des Stressnervs am Herzen sichtbar macht und inzwischen internationale Verbreitung gefunden hat.

Das dabei angewandte Verfahren „Periodic Repolarization Dynamics“ (PRD) erfasst den rhythmischen Einfluss des sympathischen Nervensystems auf die sogenannte Repolarisation als die elektrische Erholungsphase am Ende der Herzaktion. „Dieser unabhängige Parameter gilt aktuell als einer der stärksten Risikomarker für den plötzlichen Herztod und sogenannte maligne Herzrhythmusstörungen“, erläutert Bauer.

Prophylaktische Implantation eines Defibrillators
Dass dieser Parameter auch höchst geeignet ist, jene Hochrisiko-Patienten zu identifizieren, die aufgrund drohender Herzrhythmusstörungen von der Implantation eines Defibrillators profitieren, ist ebenfalls das Ergebnis einer von Axel Bauer geleiteten europäischen Studie an rund 1.400 Patienten mit Herzschwäche.

Diese Patienten mit eingeschränkter Herzleistung sind aufgrund von drohenden Herzrhythmusstörungen besonders gefährdet am plötzlichen Herztod zu versterben. Effektiv verhindert werden kann dieser nur durch prophylaktische Implantation eines sog. Defibrillators (implantable cardioverter defibrillator – ICD), ein Schrittmacher-artiges Gerät, das den Herzrhythmus kontinuierlich überwachen und im Falle bösartiger Rhythmusstörungen einen Schock abgeben kann.

The Lancet berichtet über innovatives Prognose-Tool
„Die aktuellen Kriterien für die Leitlinien einer prophylaktische ICD-Therapie basieren auf veralteten Studien und sind entsprechend sehr ungenau. Nur die wenigsten der mit einem ICD versorgten Patienten entwickeln tatsächlich bösartige Rhythmusstörungen“, sagt Bauer. „Diese überaus kostspielige ICD-Therapie ist mit unerwünschten Nebenwirkungen wie Sondenbrüchen, Infektionen oder inadäquaten Schockabgaben verbunden“, unterstreicht der Kardiologe.

Bauers Studienergebnisse wurde kürzlich sowohl im Top-Journal The Lancet wie auch beim Europäischen Kardiologie-Kongress (ESC) in Paris gewürdigt. „Wir konnten erstmalig zeigen, dass es mit einem EKG-basierten digitalen Biomarker tatsächlich möglich ist, den Effekt einer prophylaktischen ICD auf das Überleben zu prognostizieren“, betont Bauer. „Wir können also vorhersagen, welcher Patient tatsächlich von einer prophylaktischen ICD-Therapie profitiert und genau so funktioniert personalisierte Medizin“, resümiert Herzexperte Axel Bauer.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 27.09.2019