Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

26. Juni 2019

Search form

Search form

Kinderwunsch und Wirklichkeit

Kinderwunsch und Wirklichkeit© Piqs.de/ D. Sharon Pruitt

In Europa haben Frauen weniger Kinder als sie sich wünschen. In Österreich gilt das insbesondere für Akademikerinnen, so eine aktuelle Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

(red/czaak) Der sogenannte „Fertility Gap“ bezeichnet die Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl. Die Vermutung, dass der Kinderwunsch von Frauen höher liege als ihre Kinderzahl, wird oft als Argument für familienpolitische Maßnahmen angeführt. Eva Beaujouan und Caroline Berghammer untersuchten nun die aktuelle Situation für eine Studie des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Demographieforscherinnen verglichen dabei den in früheren Umfragen angegebenen Kinderwunsch und die tatsächlich erreichte Kinderzahl von Frauen in 19 Ländern Europas sowie in den USA.
 
Grundlage für die Studie waren die Daten von insgesamt 12.574 Frauen, die in den 1990er Jahren im Alter von 20 bis 24 Jahren sowie von 25 bis 29 Jahren für die „Fertility and Family Surveys“ der UN-Wirtschaftskommission für Europa nach ihrem Kinderwunsch befragt worden sind. In der aktuellen Studie haben Eva Beaujouan von Wirtschaftsuniversität Wien und Caroline Berghammer, Demographin an der ÖAW, untersucht, wie sich die damals abgefragten Zahlen zu den tatsächlichen Geburtenraten in den 20 untersuchten Ländern verhalten.
 
Diskrepanz besonders bei österreichischen Akademikerinnen
Die zusammengefassten Ergebnisse zeigen, dass tatsächlich eine Diskrepanz zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl existiert. Die in den 1990ern befragten 20 bis 24 Jahre alten Frauen aus Österreich gaben an, im Durchschnitt zwei Kinder zu wollen. Wie die heutigen Geburtenraten für diese Jahrgänge nun zeigen, bekamen sie aber durchschnittlich nur 1,7. Am größten ist der Unterschied bei österreichischen Akademikerinnen. Jene, die im Alter von 25 bis 29 Jahren befragt wurden, wünschten sich im Durchschnitt 1,8 Kinder. Bekommen haben Akademikerinnen dieser Jahrgänge durchschnittlich aber nur 1,5. Bei den Frauen mit mittlerer (Wunsch 1,9 versus 1,8 real) und niedriger Ausbildung (2,0 zu 1,8) ist dieser Unterschied weniger stark ausgeprägt, aber dennoch vorhanden.     

Einen Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit gibt es umgekehrt auch bei der Kinderlosigkeit. So wollten in Österreich, Deutschland und der Schweiz rund fünf Prozent der befragten Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren kinderlos bleiben, tatsächlich ist die spätere Kinderlosigkeit mit rund 20 Prozent aber viermal so hoch. Auch in Mittel- und Osteuropa wollten ursprünglich rund fünf Prozent kinderlos bleiben (in Ungarn sogar nur ein Prozent), in der Realität bleiben aber mit zehn Prozent doppelt so viele ohne eigenen Nachwuchs.
 
Bei Akademikerinnen ist diese Lücke besonders in Österreich sowie in der Schweiz, Deutschland, Italien und Spanien am größten. Von den höher gebildeten 25- bis 29-jährigen Frauen gaben ebenfalls fünf Prozent an, keine Kinder zu wollen, tatsächlich bleiben aber 26 bis 30 Prozent im Lauf ihres Lebens kinderlos. In anderen europäischen Ländern wie Norwegen, Belgien, Tschechien und Ungarn besteht hingegen kaum ein Bildungsgefälle: Niedriger gebildete Frauen bleiben ähnlich oft kinderlos wie Akademikerinnen.
 
Familienpolitische Maßnahmen
„Akademikerinnen bleiben weitaus häufiger hinter ihrem Kinderwunsch zurück als niedriger gebildete Frauen. Deswegen sollte Familienpolitik bei ihnen ansetzen“, fordert Eva Beaujouan, Erstautorin der Studie. „Wichtig sind besonders Maßnahmen, die eine Kombination von Karriere und Kindern ermöglichen“, ergänzt Caroline Berghammer, ÖAW-Demographin. Aus ihrer Sicht dazu gehören „ein ausgebautes Kinderbetreuungssystem,  einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld, wie es in Österreich bereits existiert, sowie eine höhere Flexibilität von Arbeitszeiten und Arbeitsort.“

Maßnahmen der Vereinbarkeit sollten auch Männer berücksichtigen, zum Beispiel durch die arbeitsmarktpolitische Förderung der Väterbeteiligung in der Familie, sind sich die Forscherinnen einig. Ihre Ergebnisse haben die Forscherinnen nun im renommierten Fachjournal „Population Research and Policy Review“ veröffentlicht.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 12.04.2019