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22. Mai 2017

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Wintertourismus in gefährlicher Wachstumsspirale

Wintertourismus in gefährlicher Wachstumsspirale© Montafon Tourismus

Das Versprechen einer kollektiven Winterfrische macht die Alpen ökologisch verletzlich. Der Wintertourismus verwandelt alpine Täler in Industrieflächen, zeigt ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt.

Das Projekt dokumentiert anhand dreier Skigebiete in Vorarlberg die Entwicklung des Wintertourismus. Unter der Leitung der Umwelthistorikerin Verena Winiwarter soll das Projekt „Alpine Skiläufer und die Umgestaltung alpiner Täler im 20. Jahrhundert“ eine „Forschungslücke“ schließen: „Umweltgeschichte muss jene gesellschaftlichen Bereiche in den Fokus nehmen, die großen Einfluss auf die jeweilige Umwelt haben. Diese Kräfte unterscheiden sich von Region zu Region, von Land zu Land. Für die Umweltgeschichte Österreichs müssen wir also den Tourismus untersuchen, der die heimische Landschaft – neben Land- und Forstwirtschaft – ganz intensiv als Ressource nutzt.“

Exemplarisch für den heimischen Wintertourismus
Durchgeführt wurde das FWF-Projekt zwischen 2012 und 2015 vom Humanökologen Robert Groß von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er suchte und fand historische Quellen zu den ökologischen, sozialen und ökonomischen Dynamiken des Wintersports von 1920 bis 2010 in drei Vorarlberger Gemeinden. Als Fallstudien dienten Gaschurn und St. Gallenkirch im Montafon, Lech am Arlberg und das schneereiche Damüls am Übergang zwischen Bregenzerwald und Großem Walsertal. „Die drei Regionen mit durchaus unterschiedlicher verkehrstechnischer Lage, Erschließungs- und Entwicklungsgeschichte erlauben im Vergleich Rückschlüsse auf Skigebiete in ganz Österreich", so Groß.

Fabriken für touristische Zufriedenheit
Entscheidend für die Entwicklung von Schifahren zum Massentransport waren die mechanischen Aufstiegshilfen. Der erste Schlepplift Österreichs wurde 1937 in Lech am Arlberg errichtet. Ab den 1950er-Jahren wurden viele Lifte mit günstigen Krediten im Rahmen des Marshallplans (European Recovery Program) gebaut.
Die Studienergebnisse erlauben den Vergleich von Skigebieten mit Fabriken, in denen Skilifte die Förderbänder sind: „Wir erkennen im Wintertourismus eine Industrielandschaft, die nach Kriterien der Effizienz bebaut wird, wobei das Produkt ‚Touristische Zufriedenheit‘ heißt“, so Winiwarter und Groß.

Ausufernder Ressourceneinsatz
Mit immer höherem Einsatz von finanziellen Mitteln, natürlichen Ressourcen, Menschen und Maschinen sei die Effizienz der Skitourismus-Technosphäre erhöht worden. Die Piste werde so zum „sozio-naturalen Hybrid“. Das einzig natürliche daran? Eine Wiese in Hanglage. Doch auch die Wiesen bräuchten ganzjährig Betreuung. Ausgeklügeltes Equipment und viele Ressourcen seien nötig, um diese Flächen im Winter weiß und im Sommer grün zu erhalten.
„Wir üben nicht nur Fortschrittskritik“, betont Winiwarter, die sich auch für Transferprojekte starkmacht. Einige Vorarlberger Gemeinden hätten bereits erkannt, dass Wachstum nicht die einzige Option ist und Wintergäste auch andere Erlebnisse in alpinen Tälern schätzten.

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red, Economy Ausgabe Webartikel, 27.02.2017