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14. November 2018

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Mit Temelin.com gegen Atomstrom

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Gibt es sie wirklich, die Renaissance der Atomkraft? Nahe der österreichischen Grenze offensichtlich schon. Die Slowakei und Tschechien rüsten ihre Atomkraftwerke auf. Umweltschützer schwingen die Sicherheitskeule, und Oberösterreich führt seinen Kleinkrieg gegen die Nachbarn im Internet.

In seinem Kampf gegen die Atomkraft kann man Greenpeace nicht vorwerfen, humorlos zu sein. „Die Errichtung einer Beleuchtungsanlage am Kraftwerksgelände soll anscheinend lediglich verhindern, dass ein Pilot die riesige Anlage übersieht.“ Wogegen die Aktivisten hier polemisieren, ist das slowakische Atomkraftwerk Mochovce. 140 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt wird dort munter an zwei neuen Reaktorblöcken gebaut. Laut Greenpeace könnte schon der Absturz eines mittelgroßen Flugzeugs eine Atomkatastrophe auslösen, weil dem Reaktortyp eine entsprechende Schutzhülle fehlt. Auch die Slowaken wollen überleben, könnte man einwenden, Schreckensszenarien gehören bei Greenpeace-Kampagnen einfach dazu.
Solche Anti-Atom-Kampagnen häufen sich, denn Atomkraft ist wieder en vogue. Ob es wirklich eine „Renaissance“ ist, daran scheiden sich die Geister. Die Slowakei wäre ein Beleg dafür: Neben Mochovce sollen in Bohunice zwei neue Meiler entstehen, der Ort liegt nur 70 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Die zwei alten Blöcke mussten als Bedingung für den EU-Beitritt vom Netz genommen werden. CEZ, der Eigentümer des tschechischen Kraftwerkes Temelin, wird in Bohunice eine Mrd. Euro investieren. Verkündet wurde der Deal ausgerechnet beim European Nuclear Ener­gy Forum (Enef) Ende Mai in Prag. Das aus EU-Kassen finanzierte Enef ist eigentlich als neutrale Diskussionsplattform konzipiert, nun verkommt es zur Lobbyisten-Runde. Vom Atom-Deal brüskiert, kündigten Greenpeace, Friends of the Earth und Sortir du Nucléaire noch in Prag ihre Mitarbeit im Forum auf.
Umgehend auf den Affront reagiert hat auch das renitente Oberösterreich. Im Kampf gegen das grenznahe Temelin betreibt das Bundesland eine PR-Maschinerie, die ihresgleichen sucht. Nach den Vorfällen in Prag setzte diese das Anti Nuclear Forum (Anef) in Bewegung. Für 17. Juni war das erste Treffen in Linz angesetzt, hosted by Landeshauptmann Pühringer. Ihren Feldzug führen die Ober­österreicher samt Anti-Atom-Beauftragten bevorzugt im Internet. „Don’t nuke the climate“, heißt es auf Anef.info, der stylischen Homepage des neuen Forums. Die Oberösterreicher sind überhaupt Meister im Horten knackiger Domains. So liefert Temelin.com weder neutrale News über das Kraftwerk noch über die 770 Seelen-Gemeinde in Südböhmen: Hier sendet die Linzer Anti-Atom-Behörde. Fette „Störfall“-Banner bei jedem dritten Artikel wecken Gedanken an Jod-Tabletten und Unter-dem-Tisch-Kauer-Übungen. Dasselbe auf Mochovce.com. Nur Bohunice.com ist überraschenderweise noch zu haben. Wer „Temelin“ googelt, wird erst von den Linzern „informiert“, dann von Wikipedia.

Verständnis für die Nachbarn
In Temelin werden gerade die Weichen für zwei weitere Reaktorblöcke gestellt, geplanter Baubeginn ist 2013. Dagegen wird Temelin.com nichts ausrichten, auch wenn es wahlweise auf Tschechisch über Störfälle informiert. Mit Ausnahme der Grünen sind alle Parteien für den Ausbau, in der Bevölkerung sagen 71 Prozent Ja zu Atomkraft. In Tschechien stammen 31 Prozent, in der Slowakei 55 Prozent der Energie aus der Atomkraft, die Bürger sehen die nukleare Energie pragmatisch, sie halten sie einfach für notwendig. Österreich ist mit Wasserkraft gesegnet, diese Länder nicht. Und der Strombedarf steigt. Schon jetzt gibt es Versorgungslücken. So ist die Slowakei seit der Abschaltung der alten Bohunice-Reaktoren auf Importe angewiesen.
Wie schmerzhaft diese Abhängigkeit sein kann, erfuhr das Land letzten Winter. Nachdem die Russen den Ukrainern wieder einmal den Gashahn abgedreht hatten, schrammte die Slowakei wegen der folgenden Engpässe nur knapp an einem völligen Stromausfall (Blackout) vorbei. Als Reaktion darauf kündigte Premierminister Robert Fico an, den gerade abgeschalteten Reaktor in Bohunice wieder hochzufahren. Österreich protestierte scharf gegen diese Verletzung des EU-Rechts, und schließlich genügten Gaslieferungen aus Nachbarländern, um Fico davon abzubringen. Doch nächstes Mal könnte der russische Gasboykott nicht Wochen, sondern Monate dauern, fürchten Energiestrategen in Brüssel. Das steigert die Angst vor Versorgungslücken und senkt die Bedenken gegen Atomenergie europaweit. Auch der Klimaschutz verleiht der Nuklear­energie Rückenwind, weil Atomkraft klimafreundlicher ist als Kohle- oder Gaskraftwerke. Die Frage des Atommülls und der energieaufwendigen Kühlung ist in der Rechnung allerdings nicht enthalten.

Heiße Luft
Derzeit spricht vieles für die atomare Renaissance – und vieles dagegen: In Finnland und Frankreich verzögert sich der Bau der modernsten Reaktorentypen massiv, die Kosten explodieren. In Italien, Groß­britannien und Schweden bleibt es bei Ankündigungen. Jurrien Westerhof, Atomexperte von Greenpeace, bezweifelt, dass sich dort jemals Unternehmen finden, die bis zu vier Mrd. Euro in ein neues Kraftwerk investieren, das frühestens 2020 Strom liefert. „Ein Gaskraftwerk kostet 400 Mio. Euro und liefert in fünf Jahren Strom.“
Spannend wird es in Deutschland. Unter der rot-grünen Regierung wurde der Atomausstieg bis 2021 paktiert, die aktuelle Große Koalition rührte das Thema nicht an. Das kann sich ändern, sollte ab Herbst die CDU mit der FDP regieren. Die CDU will die Laufzeit der 17 Reaktoren verlängern, für Neubauten von Atomkraftwerken ist sie vorerst nicht zu haben. Die FDP sieht das anders. Falls sich der Juniorpartner durchsetzt, seien Betreiber neuer Kraftwerke gewarnt: Ober­österreich wird sich entsprechende Domains für gezielte Störaktionen blitzartig sichern.

Clemens Neuhold, Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Ein Regulierungschaos ist programmiert

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Zwischen der Wirtschaft und EU-Kommissar Günter Verheugen bahnt sich Streit um die Ökodesign-Richtlinie an. Diese warnt die Kommission vor einer Überregulierung und kritisiert mangelnde Planungssicherheit.

Über 12.000 Verordnungen aus Brüssel regeln unser Leben – jährlich kommen 2500 dazu. Das Corpus Delicti nennt sich „Richtlinie 2005/32/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 6. Juli 2005 zur Schaffung eines Rahmens für die Festlegung von Anforderungen an die umweltgerechte Gestaltung energiebetriebener Produkte und zur Änderung der Richtlinie 92/42/EWG des Rates sowie der Richtlinien 96/57/EG und 2000/55/EG des Europäischen Parlaments und des Rates“. Sie ist auch unter der Kurzbezeichnung „Ökodesign-Richtlinie“ oder „EUP-Richtlinie“ (Energy Using Products) bekannt.
In Österreich wurde sie durch die Ökodesign-Verordnung 2007 (ODV 2007) umgesetzt, die seit 10. August 2007 in Kraft ist. Der Vorschlag der EU-Kommission, dem in erster Lesung im Europaparlament bereits zugestimmt wurde, sieht vor, neue Energiesparnormen nicht nur für elektrisch betriebene Geräte wie Kühlschränke, Fernseher und Waschmaschinen zu erlassen, sondern auch andere Produkte wie Dämmstoffe oder Warmwasserleitungen einzubeziehen. Die Ausweitung ist aus der Not geboren, denn Europa verfehlt seine Klimaschutzziele deutlich. Deshalb sollen die Bürger nun mit weniger Energie auskommen. Laut Kyoto-Protokoll muss die EU ihre Emissionen bis zum Jahr 2012 um acht Prozent gegenüber 1990 reduzieren; geschafft ist bisher nur ein mageres Minus von 1,4 Prozent.

Vorschläge ex cathedra
Autofahrer, Hausbesitzer, Unternehmer: Ab jetzt soll jeder seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Während die geltende Richtlinie nur energiebetriebene Produkte (Energy Using Products) erfasst, soll die vorgeschlagene Revision den Geltungsbereich auf energieverbrauchsrelevante Produkte (Energy Related Products) ausdehnen. Derzeit werden 25 Produktgruppen in sogenannten Durchführungsmaßnahmen unter die Lupe genommen, wie Heizkessel, PC, TV, Batterieladegeräte, Bürobeleuchtung, Wäschetrockner, Staubsauger und Settop-Boxen.
Aufgrund der möglichen Anforderung, eine komplette Lifecycle-Analyse für jegliches von einer Durchführungsmaßnahme betroffene Produkt unabhängig von dessen tatsächlicher Produktionsmenge durchführen zu müssen, ist damit zu rechnen, dass ein erheblicher Aufwand an Bürokratie und unnötige Hindernisse besonders für kleine und mittelständische Unternehmen entstehen werden. Die EU-Kommission setze zunächst auf freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie, aber auch schärfere EU-Gesetze seien denkbar, ließ man in Brüssel verlauten. Dort bedarf es wohl Engelszungen, um den Europäern zu verdeutlichen, vom Stand-by-Modus, so die verniedlichende Bezeichnung für die Stromverschleuderung, mit dem allein in Deutschland tagtäglich zwei Großkraftwerke beschäftigt sind, abzurücken.
Die geplante Ausweitung der Richtlinie könne in ein Regulierungschaos führen, fürchten die Kritiker, die sich vor allem an der vagen Formulierung stoßen: Ein „Gegenstand, dessen Nutzung den Verbrauch von Energie in irgendeiner Weise beeinflusst“ könne vieles sein – von Fenstern über Duschköpfe bis zu Tiefkühlpizzen. So mahnt Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die Kommission müsse den Geltungsbereich der neuen Verordnungen schnell klarstellen, um Planungssicherheit zu schaffen. „Wenn es zukünftig auch Ökodesign-Vorschriften für Sofas, Turnschuhe und Kaugummis gibt, verzetteln wir uns heillos.“

Wirtschaft bezieht Stellung
Die EU-Kommission wies den Vorwurf zurück: Die geplante Neuregelung komme nicht nur Umwelt und Verbrauchern, sondern auch der Wirtschaft zugute. Noch ungeklärt ist allerdings, wie die Einhaltung der Durchführungsmaßnahmen überprüft werden soll, speziell im Falle von Herstellern außerhalb der EU. Auch die heimische Wirtschaft bezieht Stellung: „Klar ist, dass produktspezifische Vorschriften nur auf EU-Ebene getroffen werden können.“ Allerdings solle man „die Hersteller in die Erarbeitung der technischen Spezifikationen umfassend einbinden“ und der Industrie „ausreichend Zeit“ geben, „sich auf neue Produktanforderungen einzustellen“, so die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

You-Rope braucht anderes
Eine Ökodesign-Richtlinie 2.0 bewirkt keine Verringerung von CO2-Emissionen durch einen geringeren Stromverbrauch. Schließlich ist durch den Emissionshandel eine Obergrenze betoniert, die in jedem Fall auch ausgeschöpft werden wird (siehe Seite 19). Richtlinien aus Brüssel, also de facto verpuppte Ländergesetze, die das Licht eines modernen You-Rope künftig in Form einer 15 Watt-Sparglühlampe erblicken, sind der falsche Weg.
Umweltschutzgesetze und der Wettbewerb zwingen Unternehmen heute schon zu kostensparendem Umgang mit Ressourcen. Der Verbraucher benötigt bei seiner Konsumentscheidung hinsichtlich der Produkteigenschaften mehr Transparenz statt einer Bevormundung.

Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Zeigen, wie es funktionieren kann

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Ein vom Institut für Wirtschaftsforschung, der Universität für Bodenkultur und von der Universität Innsbruck getragenes Projekt widmet sich dem nutzungsbedingten Wechsel der Landschaften im Laufe der Zeit.

Knapp 84.000 Quadratkilometer misst das österreichische Bundesgebiet. Ähnlich groß sind neben Aserbaidschan nur die Vereinigten Arabischen Emirate mit 82.000 Quadratkilometern. Doch die Landschaft und deren Nutzung könnten nicht divergierender sein: Hier das wasser- und waldreiche Alpenland, dort ölreicher Wüstenstaat. Vorsorge ist in Österreich ein wichtiges Prinzip, schließlich sollen auch künftige Generationen von den Ressourcen leben können.
Und genau da setzt das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Werkzeuge für Modelle einer nachhaltigen Raumnutzung“ an. Das vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), von der Universität für Bodenkultur und von der Universität Inns­bruck beziehungsweise der Europäischen Akademie in Bozen getragene Projekt ermittelt erstmals innerhalb des OECD-Raumes flächenbezogene Agrar-Umwelt-Indikatoren, die als Ergänzung für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung herangezogen werden können. Damit fließen auch ökologische Bedingungen in die klassische Wohlstandsbeurteilung eines Landes mit hinein, die sonst im Bruttoinlandsprodukt nicht berücksichtigt werden.
Die Zusammensetzung und die Dichte der Tier- beziehungsweise Pflanzenarten beschreiben die Biodiversität eines Lebensraumes. Je mehr eine Landschaft von verschiedenen Organismen belebt wird, umso intakter ist sie. Der natürliche Stofffluss befindet sich im Gleichgewicht. „Uns geht es darum, die Landnutzungsänderungen zu quantifizieren und ihre Auswirkungen auf die Biodiversität zu erfassen“, erläutert Projektleiter Franz Sinabell vom Wifo. Und weiter: „Wir ermitteln damit für den ländlichen Raum einen erweiterten Wohlstandsindikator.“

Dem Hanf auf der Spur
Der bezieht sich auf ganz Österreich, geht aber möglichst kleinräumig in die Tiefe. Ein Hinweis darauf, wie sich Landschaften im Laufe der Zeit wandeln, weil sich die Produktionsbedingungen ändern, liefern auch zwei Linguistinnen. Unter der Leitung von Isolde Hausner von der Akademie der Wissenschaften erarbeitet Theresa Hohenauer, wo denn überall Namen von Kultur- und Nutzpflanzen auftauchen. Zunächst kamen die vielseitig verwendbaren Arten Flachs und Hanf in Betracht. Der Anbau von Flachs prägte die Landschaften von Nord- bis Südeuropa, was sich auch in den Ortsnamen widerspiegelt, die diese Kulturpflanze verarbeiteten. „In Österreich gibt es heute noch 43 Orte, die in ihrem Namen Flachs oder Hanf führen“, erklärt Theresa Hohenauer. „Niederösterreich führt sowohl beim Hanf als auch beim Flachs die Liste an, aber auch in Tirol und Vorarlberg gibt es Flachs- und Hanforte.“
Im niederösterreichischen Dunkelsteiner Wald befindet sich die Einöde „Harrerhof“, deren Bezeichnung sich aus dem mittelhochdeutschen „har“ für Flachs ableitet. Im Waldviertel zeugt wiederum der „Harstubencampingplatz“ von der eins­tigen Bedeutung dieser landwirtschaftlichen Kultur. Auch slawische Wurzeln kennzeichnen bestimmte Orte: Mottschüttelbach bei Laa an der Thaya und Modsiedl bei Waidhofen an der Thaya (NÖ) lassen sich auf das slawische „mo_idlo“ zurückführen, das so viel wie Flachsröste bedeutet. Dabei werden die Flachsgarben für einige Tage eingeweicht, ehe sie weiterverarbeitet werden. Künftig folgen weitere geografische Bezeichnungen, die auf bestimmte Landnutzungen schließen lassen. „Au“ zum Beispiel.

Wissen und verbreiten
Das gesamte Forschungsprojekt hat den Anspruch, nicht in irgendeiner Forschungsförderungsschublade zu landen, sondern möglichst breit anwendbar zu sein. Dazu werden die von den Ökologen und Meteorologen erhobenen Grundlagendaten von Agrarwissenschaftlern und Ökonomen weiterverarbeitet. Sie simulieren Situationen, die Aufschluss darüber geben, mit welchen landwirtschaftlichen Ertragsänderungen zu rechnen ist, sobald sich bestimmte Einflussfaktoren ändern. Das kann sich auf die klimatischen Bedingungen beziehen, aber auch auf geänderte politische Zielvorstellungen. Inwieweit sich der Lebensstil auf das Konsumverhalten auswirkt und welche regionalen Konsequenzen sich daraus ergeben, wird man in drei Jahren wissen. Vorerst erarbeiten alle ein Modell, das die Umweltverträglichkeit im ökonomischen Kontext messbar macht. Die gewonnenen Ergebnisse bestimmen dann den Inhalt eines Lehrgangs für Landwirtinnen.

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Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Die Kräfte aus der Natur mobilisieren

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Biokraftstoffe leisten einen Beitrag zum Klimaschutz und forcieren die Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen.

Mit Kraftstoffen aus agrarischer Produktion scheinen gleich mehrere hartnäckige Probleme gleichzeitig lösbar.
Die Nutzung von Feldfrüchten aus heimischer Produktion zur Herstellung von Kraftfahrzeugtreibstoff ermöglicht, so scheint es, gleichzeitig die Kohlendioxidreduktion zum Zwecke des Klimaschutzes, die Befriedigung weiter ansteigender individueller Mobilitätsbedürfnisse, die Befreiung von Agrarmarktstützungszahlungen und die Unabhängigkeit von ausländischen Rohstoffen.
Manche Fragen blieben dabei allerdings offen: Wie wird die Agrarlandschaft verändert? Wo sind Landnutzungsänderungen zu erwarten? Und welche Bedeutung haben diese für den Naturschutz in Österreich? Ist die Gewinnung von Kraftstoffen aus Agrarprodukten von der Ökobilanz her ausreichend effizient, oder gäbe es Alternativ­szenarien, die sich als Lösung für die eingangs aufgezählten Probleme besser eignen würden? Welche Folgen hat die großflächige Umwandlung von Stilllegungsflächen in Ackerland auf die Biodiversität in der Agrarlandschaft? Steht das 2010-Biomasseziel der EU mit dem Ziel des Stopps der Biodiversitätsverluste überhaupt in Einklang? Haben Biokraftstoffe negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit?
All diesen Fragen versucht das Projekt „Biokraftstoffe – Potenziale, Risiken, Zukunftsszenarien“ auf den Grund zu gehen. Projektleiter Klaus Peter Zulka vom Umweltbundesamt skizziert die Dimensionen dieses Vorhabens: „Die Zukunft des Individualverkehrs, der mittel­europäischen Agrarlandschaft, der Soziologie des ländlichen Raums und die Sicherheit der Energieversorgung hängen vermutlich von einer ausreichenden Beantwortung dieser Fragen ab.“ Neben einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas geht es den Projektträgern darüber hinaus aber auch darum, einen konkreten Handlungskatalog für die Politik und die Öffentlichkeit vorzulegen.

Modulare Vorgehensweise
Gestartet wurde in dem auf fünf Module aufgebauten Projekt damit, zu berechnen, welches Potenzial der Biomasse der Anbau von Raps unter der Berücksichtigung verschiedenster Szenarien hat. Erstmals wurden hier auch bislang unberücksichtigte Kriterien wie etwa die ökologische Sensibilität von Regionen herangezogen.

Interdisziplinäre Forschung
In weiterer Folge ging es schließlich darum, mit dem Globalen Emissionsmodell Integrierter Systeme (Gemis) die Ökobilanz von Biokraftstoffen zu untersuchen. Im Modul 3 wird der Einfluss des Anbaus von Ausgangsprodukten für die Biokraftstoffproduktion auf die Biodiversität auf nationaler Ebene, auf Landschaftsebene sowie auf Artenebene untersucht. Im Modul 4 werden die Auswirkungen vermehrten Biokraftstoffeinsatzes auf die Luftqualität mithilfe von Modellrechnungen untersucht und Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung abgeschätzt. Im Modul 5 werden die Ergebnisse der vier Module integriert und zu einer Gesamtaussage synthetisiert. Das Ziel ist neben der Beantwortung der eingangs gestellten Forschungsfragen die Begründung eines interdisziplinären Forschungsfelds an der Schnittstelle zwischen Physik, Biologie, Landschaftsökologie, Umweltwissenschaften und Medizin.

Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Zwei Professoren auf Mission Impossible

Zwei Professoren auf Mission ImpossibleJKU

Zwei Professoren an der Uni Linz wollen aus dem CO2 der Luft Methanol, also Treibstoff, gewinnen. Und sie wollen die Fotosynthese der Pflanzen imitieren. Noch ist das Utopie. Vorerst wird an den Grundlagen geforscht.

Sie wollen Treibstoff aus der Luft gewinnen. Und zwar Methanol aus dem reichlich in der Atmosphäre vorhandenen Kohlendioxid. Wenn ihnen das gelingt, würden sie gleichzeitig helfen, das Klimaerwärmungsproblem des Planeten zu lösen. Das Projekt, mithilfe von Sonnenenergie aus CO2 Methanol zu erzeugen, firmiert in Linz unter dem Namen „Solar Fuel“.
Und sie wollen die Arbeit von Pflanzen imitieren. Sie wollen mithilfe von Katalysatoren und Sonnenenergie Wasser spalten und Wasserstoff erzeugen. Die Idee firmiert weltweit als künstliche Fotosynthese. Serdar Sariçiftçi und Günther Knör, beide Professoren am Institut für Chemie an der Johannes-Kepler-Universität in Linz, planen das derzeit noch Utopische, um die Energieprobleme der Menschheit zu lösen.

Private Geldgeber
Der Ort für die Mission (Im-)Possible ist äußerlich unscheinbar: ein aus Beton gegossener Hochbau der späten 1970er Jahre am Universitätsgelände in Linz, längst schäbig geworden. Der Lift zuckelt in den achten Stock. Dort arbeiten hinter einer Tür mit dem Schild „Solar Fuel“ bislang acht Leute, weitere Dissertanten werden gesucht. Am anderen Ende des Gangs liegt das Büro von Serdar Sariçiftçi, drei Stockwerke tie­fer jenes von Günther Knör.
Bezahlt wird die Forschung am utopischen Treibstoff von einem privaten Investor, der zu diesem Zweck das Unternehmen Solar Fuel Technology gegründet hat, an dem auch Sariçiftçi beteiligt ist. „Wir sind gemeinsam auf bestimmte Entwicklungen gestoßen“, sagt Sariçiftçi. „Aus CO2 und Wasser werden wir Kohlenwasserstoffe machen. Ähnlich wie die Pflanzen. Die machen es seit einer Milliarde Jahren.“
Die Verknüpfung von bahnbrechender Forschung mit privatwirtschaftlichem Engagement hat Sariçiftçi von seinem Lehrer, Vorbild und Mentor gelernt – von Nobelpreisträger Alan Heeger. Von 1992 bis 1996 arbeitete Sariçiftçi bei Heeger an der University of California in Santa Barbara. Gemeinsam forschten sie zu organischen, halbleitenden Polymeren – für die Entdeckung der elektrischen Leitfähigkeit von Polymeren erhielten Heeger und seine Kollegen Alan MacDiarmid und Hideki Shirakawa im Jahr 2000 den Nobelpreis für Chemie.

Amerikanischer Geist
Als Sariçiftçi 1996 an die Universität Linz berufen wurde, brachte er nicht nur sein Wissen über organische Solarzellen mit, sondern auch amerikanischen Unternehmergeist. Das heißt, produktfähiges Wissen möglichst bald in ein kommerzielles Spin-off auszugliedern, eigenes Geld in das Projekt zu stecken und Investoren zu suchen. In einem Christian-Doppler-Labor entwickelten er und seine Studierenden die organischen Solarzellen weiter. „Wir haben aus Plastikwerkstoffen ein Mate­rial entwickelt, das einen fotovoltaischen Effekt hat, also Licht in elektrischen Strom umwandelt“, sagt Sariçiftçi. „Dazu mischen wir organische Polymere mit Fullerenen, großen Kohlenstoffmolekülen, zusammen.“
Der Vorteil: Diese Solarzellen können auf riesigen Druckmaschinen gedruckt werden. Deshalb kostet die Produktion nur einen Bruchteil im Vergleich zu den auf Silizium basierenden Solarzellen. Die biegsame Form ermöglicht neue Anwendungen – man kann die Solarzellen zusammenrollen und wie eine Isomatte zum Campen mitnehmen. Der Nachteil: Die Haltbarkeit ist begrenzt, und der Wirkungsgrad ist noch gering. Die Herstellung in großem Maßstab läuft gerade in Boston an.

Die Wasserspalter
Während das Prinzip der Fotovoltaik, aus Sonnenenergie Strom zu gewinnen, bereits eine etablierte Technologie ist, arbeitet Günther Knör an einer – noch – reinen Utopie. „Wir versuchen, die Sonnenenergie so zu speichern, wie die Pflanzen es uns vormachen: in Form von chemischen Verbindungen, die wir dann als Brennstoffe nutzen können“, erklärt Knör. Die Pflanzen gewinnen ihre Energie durch Fotosynthese. Knör will die künstliche Fotosynthese von Treibstoffen vorantreiben.
„Wir suchen nach Katalysatoren, mit denen man Wasser durch Sonnenlicht in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen kann. Das wollen wir ähnlich wie die Pflanzen direkt auf fotochemischem Weg erreichen.“
Bisher scheitern Forscher weltweit noch immer am ersten entscheidenden Schritt: der Verknüpfung von zwei Sauerstoffatomen. Dazu hat Knör neue Ideen. Es ist ihm gelungen, künstliche Blattfarbstoffe zu entwickeln, die Tageslicht nutzen, um Wassermoleküle katalytisch umzuwandeln.
Dabei entsteht als Zwischenprodukt Wasserstoffperoxid, das sehr leicht weiter in Sauerstoff gespalten werden kann. Mit den so freigesetzten Elektronen und Protonen können Chemiker durch Katalyse solaren Wasserstoff gewinnen. „Vereinfacht gesagt: Wir suchen einen Stoff, den man ins Wasser gibt, und das Wasser teilt sich“, sagt Knör.
Auch die Arbeit, die hinter der Tür mit dem Schild „Solar Fuels“ passiert, ist Grundlagenforschung. Einer der beschrittenen Wege ist es, mit Licht an Metalloberflächen gebundene Katalysatoren zu aktivieren, um einen Teil der Sonnenenergie in einer chemischen Bindung zu speichern. Technische Details werden nicht verraten. Die Konkurrenz schläft nicht.

„Wir werden es schaffen“
Günther Knör kreist seit der Dissertation um sein liebstes Forschungsthema, die künstliche Fotosynthese. Nebenbei setzt er seine fotochemische Forschung für die Entwicklung von Krebstherapien ein.
Wie ist es, für ein Ziel zu arbeiten, das man vielleicht erst in 50 Jahren, mit Krückstock und grauen Haaren, erreicht? „In der Grundlagenforschung muss man einen langen Atem haben, bis die Zeit reif ist“, sagt Knör. „Dann explodieren die Dinge. Irgendeiner dieser Generation wird es in den nächsten Jahrzehnten schaffen.“
„Das werden wir schaffen“, unterbricht Sariçiftçi. „Wir werden zeigen, dass das keine Utopie ist.“

Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung

Beiträge zur nachhaltigen EntwicklungHenkel

Alle Umweltparameter entwickeln sich positiv, gleichzeitig zeigt sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnkurve nach oben. Zu schaffen ist dies mit der grundsätzlichen Philosophie oder Überzeugung, dass nur nachhaltiges Wirtschaften zur langfristigen Wertsteigerung des Unternehmens beiträgt. Für Henkel die Basis für jegliches Handeln.

economy: „Henkel – A Brand like a Friend“, das klingt sympathisch. Sind Ihre Produkte und Herstellungsprozesse auch so freundlich, vor allem zur Natur, oder zumindest freundlicher geworden?
Michael Sgiarovello: Einer unserer Unternehmenswerte lautet: „Wir wirtschaften nachhaltig und gesellschaftlich verantwortlich.“ Das betrifft unsere Produkte und unsere Produktion. Verantwortung umfassend wahrzunehmen heißt für uns, entlang der gesamten Wertschöpfungskette dementsprechend zu handeln.

Das heißt konkret?
Wir analysieren den gesam­ten Lebensweg unserer Produkte. Ziel ist es, ihre Sicherheit und Umweltverträglichkeit in allen Phasen der Wertschöpfungskette – vom Einkauf unserer Rohstoffe über Produktion und Distribution bis hin zu Anwendung und Entsorgung – ständig weiter zu verbessern.

Mit welchem Ergebnis?
Im abgelaufenen Jahrzehnt, von 1998 bis 2007, konnten wir pro produzierter Tonne die Zahl der Arbeitsunfälle um 86 Prozent, den Wasserverbrauch um 48 Prozent, den Energieverbrauch um 40 Prozent sowie das Abfallaufkommen um 37 Prozent reduzieren.
Bei der Herstellung und dem Transport Ihrer Produkte entstehen Emissionen, Abwasser und Abfall.

Wie werden diese Umweltbelastungen erfasst und kontinuierlich reduziert?
Die produktionsbezogenen Umweltkennzahlen werden an Produktionsstätten in 57 Ländern weltweit ermittelt. Die Erfassung der Daten, was Logistik, Transport oder auch Geschäftsreisen betrifft, ist ungleich schwieriger. Zum Beispiel müsste für die Berechnung der Transportemissionen der Kraftstoffverbrauch jedes Lkw, dessen Auslastung und jeder gefahrene Kilometer genau bekannt sein. Für 2008 wurde dies im Unternehmen hochgerechnet, da lag Henkel global bei 500.000 Tonnen CO2 für den Transport seiner Produkte und bei 150.000 Tonnen CO2 für Geschäftsreisen. Die Möglichkeiten, Verbesserungen durchzusetzen, sind da wie dort vielfältig. Zwei Beispiele aus Wien: Wenn wir nun im Dampfkesselbereich einen neuen Abgaswärmetauscher einsetzen, lassen sich damit Emissionen senken und rund 6,5 Prozent Energie einsparen. Und durch unser Zentrallager Wien, von dem Ware in die benachbarten Länder ausgeliefert wird, konnten wir im Vorjahr rund 220.000 Lkw-Kilometer oder 75.000 Liter Diesel-Kraftstoff sparen. In Bezug auf CO2 wurde seit 2004 eine globale Reduktion von sechs Prozent erreicht. Nimmt man 1998 als Basis, waren es 33 Prozent – jeweils für die produzierte Tonne berechnet.

Welche Ziele haben Sie sich bis zum Jahr 2012 gesetzt?
Henkel möchte global seinen Energieverbrauch um 15, den Wasserbrauch um zehn und das Abfallaufkommen um zehn Prozent senken. Diese Zahlen beziehen sich auf die Tonne an Produktionsmenge, und das Basisjahr für den Vergleich ist 2007.

Sie haben Produkte zur Steigerung der Energieeffizienz in Ihrem Portfolio. Was hat sich in puncto Energieeffizienz in Ihrem eigenen Hause in den letzten fünf Jahren geändert, und welche Ziele sind avisiert?
Henkel braucht heute weltweit pro Tonne Produktionsmenge um elf Prozent weniger Energie als 2004. In Wien ist es uns seit 2004 gelungen, den Energieverbrauch pro produzierter Tonne Wasch- und Reinigungsmittel um rund 53 Prozent zu reduzieren.

Ihr Wettbewerber Procter & Gamble will in den nächsten fünf Jahren 20 Mrd. Dollar Umsatz mit Produkten erwirtschaften, die einen kleineren „ökologischen Fußabdruck“ hinterlassen als die heutigen Produkte. Welche Ziele verfolgen Sie?
Henkel beteiligt sich in Deutschland und in den USA, dort in Kooperation mit der Arizona State University in Phoenix, an Pilotprojekten, was Product Carbon Footprints angeht, da es bisher keine international einheitliche Methode gibt, um den CO2-Fußabdruck eines Produkts zu bestimmen. Auf den Ergebnissen aufbauend können dann mögliche Formen einer sinnvollen Produktinformation zum Klimawandel gegenüber den Verbrauchern diskutiert werden. Denn die Einbindung des privaten Konsums wird von zentraler Bedeutung sein, wenn beim Klimaschutz Fortschritte erreicht werden sollen.

Forscher haben ein natürliches Pilz-Enzym entdeckt, mit dem man bald dunkle Haare schonend bleichen kann. Ist Bio-blond auf grüne Art auch für Sie interessant?
Alles, was Produkte in Richtung Schonung, sei es bei der Anwendung oder im Rohstoffbereich, verbessern kann und dabei das Leistungsversprechen nicht schwächt oder schmälert, ist interessant.

Haben Sie bei der Entwicklung neuer Produkte schon die Zielgruppe „Lohas“ im Visier, Menschen, die dem Lifestyle of Health and Sustainability, also Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit huldigen?
Ja, zwei Innovationsbeispiele dazu: Die Marke Essensity, die beim Schwarzkopf-Friseur erhältlich ist, steht für Haarpflegeprodukte, bei denen synthetische Inhaltsstoffe großteils durch natürliche ersetzt wurden und auf künstliche Duftstoffe oder Silikone verzichtet wird. Terra Activ ist eine Marke für Reinigungsmittel, bei denen der Anteil von Inhaltsstoffen auf Basis nachwachsender Rohstoffe im Durchschnitt bei 85 Prozent liegt.

Sie tun Gutes und reden auch darüber. Warum findet sich Henkel dennoch in der Publikation „Das neue Schwarzbuch Markenfirmen“ wieder?
Es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten und daher gleichzeitig Platz für Kritik.

Die Chemie kann alles, sie ist ätzend, explosiv, heilend und gedeihend. Innovationen haben bei Henkel Tradition. Was sind die Innovationen der Zukunft, und wie werden sie künftig unser Leben verändern?
Henkel wird weiterhin innovieren, nämlich in Marken und Technologien, die das Leben der Menschen leichter, besser und schöner machen. Alle neuen Produkte müssen einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung in mindestens einem unserer Fokusfelder Energie und Klima, Wasser und Abwasser, Materialien und Abfall, Gesundheit und Sicherheit oder gesellschaftlicher und sozialer Fortschritt leisten.

Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Ökoferialjobs

ÖkoferialjobsAlpenverein

Schildkröten retten in Griechenland, mit wenig Geld durch Neuseeland „wwoofen“, Kühe melken am Biobauernhof. „Geile“ Ökojobs sollen das Umweltbewusstsein von Schülern und Studenten fördern.

Sommerferienzeit ist nicht immer gleichzusetzen mit Urlaubszeit. Denn Tausende pflichtbewusste Eltern vergattern ihre halbwüchsigen Kinder dazu, einen Ferialjob oder ein Praktikum zu absolvieren. Für wenig Geld müssen angeödete Teenager in stickigen Gaststätten Tische säubern oder in staubigen Postämtern Briefe sortieren. Das Forum Umweltbildung – eine gemeinsame Initiative des Umwelt- und Unterrichtsministeriums – bietet mit einer umfangreichen Sammlung von Stellenangeboten im In- und Ausland sinnvolle Alternativen zu herkömmlichen Ferialjobs.
Betreuung der Ausschank auf der Salzburger Hundsfußalm, Pflege eines Kräutergartens auf dem Biobauernhof oder Schutz der Schildkrötennester auf der griechischen Insel Zakynthos – das ist nur ein Auszug aus der aktuellen Jobdatenbank. „Für das Gros dieser Stellen gibt es zwar nur Gratis-Kost und -Logis und etwas Taschengeld, aber Know-how und Erfahrungen, die man sich dort aneignet, sind unbezahlbar“, hält Anita Zrounek, Leiterin des Ökoferialjob-Projektes, dem oftmals gehörten Vorwurf der Ausbeutung entgegen. Und die steigende Nachfrage nach den umweltfreundlichen Jobangeboten bestätigt ihre Einschätzung. An die 1000 davon sind heuer in der Datenbank abzurufen, das Angebot wird laufend erweitert.

Umwelt-Kompetenzbildung
Abenteuerlust, Spaß, Neugier auf Unbekanntes, Naturliebe und Wunsch nach Berufsorientierung geben die meisten jungen Leute als Hauptgrund für ihre Bewerbung an. „Umweltbewusstes Vorleben ist auch nicht unbedingt Voraussetzung. Die Ökojobs und Praktika sollen ja dazu beitragen, Umweltbewusstsein zu erlernen beziehungsweise nachhaltig zu vertiefen“, beschreibt Zrounek das Ziel der Initiative.
Dass dies sehr gut gelingt, zeigen die Erfahrungsberichte der jungen Leute. „So richtig umweltbewusst hab ich mit 18 eigentlich nicht gelebt“, gesteht die heute 23-jährige Studentin Barbara Lipp ihre frühere Unwissenheit gegenüber Ökothemen. Wie die meisten Maturanten hatte Barbara keine Ahnung, was sie nach der Schule eigentlich tun soll. „Ich wusste nur eines: Ich wollte etwas Sinnvolles tun.“
Über das Forum Umweltbildung hat sie dann vom sogenannten Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) des Jugend-Umwelt-Netzwerks erfahren. Ähnlich wie beim Freiwilligen Sozialen Jahr können Interessierte ein Jahr lang erste Erfahrungen bei Organisationen, Vereinen oder Biobauernhöfen sammeln, bevor sie sich bewusst für eine Ausbildung entscheiden. Barbara war zehn Monate lang bei unterschiedlichen Projekten eingesetzt. Die Tätigkeitspalette reichte vom Einsatz in der „kleinen Kinderküche“, wo Kids spielerisch lernen selbst Gerichte zuzubereiten, bis zur Teilnahme an einem Naturtextilprojekt. „Da ging es darum, den Lebensweg eines Kleidungsstückes nachzuvollziehen.“ Die 23-Jährige schließt heuer ihr Studium Produktmarketing und Projektmanagement für erneuerbare Ener­gien an der FH Wieselburg ab, um danach den Masterlehrgang Bioressourcenmanagement an der Wiener Boku in Angriff zu nehmen. „Für mich war das Freiwilige Ökologische Jahr eine perfekte Orientierungshilfe für die Zukunft, es hat meine Lebensweise stark beeinflusst“, betont Barbara, die heute umweltbewusster lebt als zuvor. „So ein Jahr würde allen Menschen gut tun, vor allem Politikern.“

Abenteuer im Ausland
Ebenfalls in der Ökojobdatenbank zu finden sind Informationen für alle begeisterten Wwoofer. Karin Schneeweiss, die heute für die EDV-Technik der Ökojobdatenbank im Forum Umweltbildung verantwortlich ist, reiste nach ihrem Studium vier Monate lang durch Neuseeland. „Leisten konnte ich mir das nur, weil ich immer, wenn das Geld knapp wurde, wwoofen gegangen bin.“ Wwoof steht für World Wide Opportunities on Organic Farms. „Das bedeutet, du kannst tageweise gegen freie Kost und Logis auf biologischen Farmen und Bauernhöfen mitarbeiten. Bei längeren Aufenthalten gibt es auch Taschengeld nach Vereinbarung. Eine günstige Möglichkeit, zu reisen, Land, Leute, Alltag und Sprache zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln.“

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Astrid Kasparek, Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Die große Macht des Einzelnen

Die große Macht des EinzelnenJohn Wells

Angie entwirft umweltrelevantes Design. John erzeugt seinen Strom selbst. Jay baut Häuser, die zehn Quadratmeter groß sind. Steve will grüne Architektur abseits technischer Spielereien. Ulrike macht sich für die ökologische Mehrleistung von Frauen stark: Fünf Umweltschützer erzählen von Alltag und Idealen.

„Alles wird gut werden“ und „Bitte recycle“ steht auf den Magnetkarten des Ace Hotels in Manhattan. In der New York Times werden Öko-Neuerer porträtiert, die sich bis auf Weiteres von ihrem Kühlschrank verabschieden. Die Leute entdecken Fahrräder, Mopeds und öffentlichen Verkehr.
„Living with less“, mit weniger auskommen, ist in den USA schick, seit Rezession herrscht. Der Trend scheint mächtig, dennoch sind sich Experten einig, dass sich die Nachhaltigkeit des neu entdeckten Ökobewusstseins erst nach dem Abflauen der Mode zeigen wird. Architekt Steve Mouzon interessiert sich indes dafür, wie viel umgesetztes Grün „Gizmo Green“ ist: Passivenergiehäuser, mit denen die Landschaft zersiedelt wird. Die vielen Quadratmeter an Wohnfläche, die Amerikaner außerhalb der großen Ballungsräume gewohnt sind, vergrößern zusätzlich zur Mobilität den ökologischen Fußabdruck. Hier könnte den Bewohnern die Immobilienkrise neue Wege abringen.

John Wells, Pionier

John Wells arbeitet an seinem Gewächshaus, weil es gerade kühl draußen ist. „Ganz schön kalt eigentlich“, sagt er, und meint damit 22 Grad Celsius. Die Woche davor hatte es 43 Grad, und da im Inneren eines Schiffscontainers zu arbeiten, ist selbst für einen modernen Pionier zu viel. Wells wohnt in einem Stück texanischer Wüste, das Terlingua Ranch heißt und rund 900 Quadratkilometer groß ist. Sein Haus baute sich Wells selbst, in acht Tagen. Es hat zehn Quadratmeter Wohnfläche und kostete in seiner ersten Version 1600 Dollar. Weiterer fünf Monate und 800 Dollar bedurfte es, um es „so richtig gemütlich“ zu gestalten. Das fragil wirkende, kleine Gebäude – eine mit Wellblech überzogene Sperrholzkonstruktion – steht auf 16 Hektar Land. Zum nächsten kleinen Lebensmittelladen sind es 30 Kilometer, das nächste größere Geschäft ist im Städtchen Alpine, rund 100 Kilometer entfernt. Das Land hier ist billig, das Leben nicht besonders. „Ich sage den Leuten, sie sollen nicht ohne Geld kommen“, erzählt Wells. Für jede Besorgung gelte es weit zu fahren, und das kostet. „Manche hier leben in absoluter Armut und haben nicht einmal genug Geld, um wieder wegzukommen“, berichtet er.
Vor zwei Jahren, zu Hause im Bundesstaat New York, arbeitete Wells als Fotograf. Sein Haus war 260 Quadratmeter groß und stand auf 13 Hektar Land. Er werkte sieben Tage die Woche, um sich die Hypothek und die Grundsteuer leisten zu können. Als sein Vater starb, begann er sein Leben zu überdenken. Er traf Leute, die auf Turliqua lebten, und fasste den Entschluss, sich als moderner Pionier zu versuchen. Er verkaufte sein Haus und machte sich im Dezember 2007 auf nach Texas. „Was für eine Verschwendung das immer war, das große Haus und nur ein Bewohner“, sagt er. Das Haus hätte eine große Familie geradezu verdient. Mit den neuen Besitzern bekam es diese dann schließlich auch.
Wells nennt sein Projekt „Southwest Texas Alternative Energy And Sustainable Living Field Laboratory“. Schon ein paar Jahre zuvor experimentierte er mit alternativer Ener­gie. „Die Technik ist so weit, dass so gut wie jeder energieautark leben kann“, ist er überzeugt. In seinem Gewächshaus will Wells künftig alles anbauen, was er an Obst und Gemüse braucht. Lebensmittel kühlt er in einer Box, die jeden zweiten Tag mit vier Kilogramm Eis bestückt wird. Zum Kochen entwickelt er einen Solarofen. Um die Temperatur im Haus erträglich zu machen, baut er eine Klimaanlage, indem er eine Wasserkühlung und vier kleine Ventilatoren kombiniert.
Wells hat Internet-Anschluss und ein Festnetztelefon. Zum Verlegen der Leitung muss die Telefongesellschaft zweieinhalb Kilometer Kabel verlegen. „Weil der Staat den Ausbau fördert, kostete mich die Zuleitung aber nur zehn Dollar“, erzählt er. Seit Wells sein Blog betreibt, kommen ein bis zwei Besucher pro Woche vorbei. Er freut sich, dass er sie herumführen und ihnen sein Werk zeigen kann. „Es ist mir nie zu heiß oder kalt, ich bin nie durstig oder hungrig. Das ist ganz schön luxuriös“, beschreibt er sein neues Leben. Seit er mit der Sonne aufwacht, gibt es keinen Wecker mehr. Wells ist schuldenfrei: „Alles, was ich habe, besitze ich wirklich. In meinem neuen Leben schaffe ich mir meine Annehmlichkeiten selbst“, sagt er. Seine Schäferhundin Goldie, die ihn nach Texas begleitet, musste er im April einschläfern. Ihr Grab ist mit einer Pyramide gekennzeichnet. Sobald Google die Satellitenfotos seiner Gegend aktualisiere, müsste Goldies letzte Ruhestätte darauf erkennbar sein.
www.thefieldlab.org

Steve Mouzon, Architekt
„Es ist fast ein bisschen wie Cohousing“, erzählt Steve Mouzon. Der Architekt wohnt mit seiner Frau in South Beach im Bundesstaat Florida. Seine Wohnung ist mit 70 Quadratmetern eher unterdurchschnittlich groß. Wenn Freunde bei ihm übernachten, kann er das zweite Schlafzimmer seines Nachbarn nutzen. Man lädt sich im Haus gegenseitig zum Essen ein, vor dem Gebäude wird gerade ein Gemüsegarten geplant. Cohousing beschreibt Siedlungen mit maßvollen Wohnungen und großzügigen Gemeinschaftsanlagen. Das Konzept passt gut zu Mouzons Grünbewegung Original Green. „Ein Niedrigenergiehaus in die Landschaft zu stellen und stundenlang mit dem Auto zur Arbeit zu pendeln, ist ‚Gizmo Green‘“, sagt er: Grünsein aus bloßer Begeisterung an technischen Spielereien. Um dies rechnerisch zu untermauern, will er demnächst Tabellen mit handfesten Zahlen liefern: ab welchem Benzinpreis Liegenschaften, unter Abhängigkeit ihres Kaufpreises, unleistbar und damit unbewohnbar werden.
Architekt Mouzon machte sich mit den sogenannten Katrina Cottages einen Namen: kleine, günstige Häuser im traditionellen Baustil der Südstaaten, die nach dem Hurrikan die Containerwohnungen der Katastrophenbehörde Fema ersetzen sollten. Etwas unerwartet stießen diese plötzlich im ganzen Land auf Interesse. Katrina Cottages, ist Mouzon überzeugt, eignen sich auch für Cohousing-Siedlungen, ein Trend, der sich angesichts der Immobilienkrise verstärken könnte.
www.originalgreen.org

Ulrike Röhr, Wissenschaftlerin
Es ist ein Zwiespalt: Weh muss nachhaltiger Lebensstil nicht tun. „Aber so ein bisschen ökologisch sein reicht auch nicht“, erklärt Ulrike Röhr, Umweltaktivistin und Leiterin für Gender, Umwelt und Nachhaltigkeit beim deutschen Bildungsträger Genanet. Wenn die Einschnitte zu groß seien, würde man niemanden dazu bringen, es zu machen. Gleichzeitig würden Experten eine radikale Verringerung des Ressourcenverbrauchs fordern.
Röhr hat für sich vor 15 Jahren das Auto „abgeschafft“. Neben den ökologischen Aspekten war es ihr lästig, immer einen Parkplatz zu suchen. „Gesellschaftlich ist das aber weiterhin wenig akzeptiert. Das hat immer den Anstrich, dass du es dir nicht leisten kannst“, sagt sie. Für sie jedenfalls sei es gesteigerte Lebensqualität, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.
Auch vieles andere, was längst selbstverständlich sein sollte, ist es nicht. Etwa bei der Wohnungssuche nach der energetischen Ausstattung zu fragen. „Da wird man dann schon noch angeschaut“, sagt sie. Gleichzeitig seien dies alles Maßnahmen, die überhaupt nicht wehtäten. Eingeschränkte Mobilität würde da schon eher Schmerzen bereiten. Röhr versucht möglichst wenig zu fliegen, machmal lässt es sich schließlich doch nicht vermeiden. „Dann habe ich schon ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob das jetzt wirklich sein muss“, bekennt sie.
Mobilität ist es auch, die die ökologischen Fußabdrücke von Männern und Frauen unterschiedlich aussehen lässt. Frauen seien ressourcenbewusster, was vom Staat nicht honoriert würde. „Frauen leisten zumeist die Versorgungsarbeit und haben dadurch andere Prioritäten. Sie sind nicht die guten Menschen, sie haben einfach einen anderen Blickwinkel auf die Alltagsrealität“, erklärt Röhr. Es ginge für die meisten nicht darum, mit einem möglichst gro­ßen Auto möglichst schnell von A nach B zu kommen. Dieser Trend zeige sich in allen Einkommensschichten. Auch wenn Frauen mehr verdienen, fahren sie typischerweise keinen Porsche.
Hinzu kommt, dass die Wegstrecken von Frauen im öffentlichen Verkehr zumeist nicht berücksichtigt werden. Wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass die meisten Bus- und U-Bahnnetze strahlenförmig aufgebaut sind, Verbindungen am Rand sind komplizierter. Von der Politik wünscht sich Röhr daher, dass bei jedem Gesetz beachtet wird, wie es auf die Geschlechter wirkt. Außerdem müsste die umwelttechnische Mehrleistung von Frauen endlich finanziell vergütet werden: „Momentan ist es genau umgekehrt“, sagt sie.
Röhr fährt mit dem Rad zur Arbeit und kauft im Bioladen ein. Sie versucht möglichst wenig Energie zu verbrauchen, „so wenig, wie es mir möglich ist“, präzisiert sie. Das hieße nicht, dass sich da nicht auch noch mehr machen ließe. In ihrer neuen Wohnung stellte sie kürzlich die gesamte Beleuchtung auf LED-Lampen um. Das Licht sei dabei noch nicht perfekt. Seither versucht sie über eine Art Musterschau herauszufinden, welche Lampe die beste sei.„Ich bin ja Technikerin“, schmunzelt sie, „da kann das durchaus auch Spaß machen.“
www.genanet.de

Jay Shafer, Unternehmer
Jay Shafer hat geheiratet. Jetzt steht sein Häuschen, zehn Quadratmeter groß, im 50 Quadratmeter großen Garten des Häuschens seiner Frau. Die meisten Gebäude, die Shafer plant und manche davon auch baut, sind unter zehn Quadratmeter groß.
In drei verschiedenen solcher Minihäuser lebte er in den letzten zehn Jahren. Die Gründe hat er rasch zur Hand: Er kann weder Staubwischen noch Staubsaugen ausstehen. „Ich habe mich in meiner Wohnung umgeschaut, und da gab es einfach zu viel Platz und zu viele Sachen“, berichtet er. Und dann ist da noch die Umwelt. Der Gedanke, zum Treibhauseffekt beizutragen oder viele nicht erneuerbare Ressourcen zu verwenden, gefällt ihm gar nicht.
Sein derzeitiges Haus steht unter dem Namen Epu im Katalog und hat 8,2 Quadratmeter Wohnfläche, weiters Räder, um hinter ein Auto gespannt zu werden, und eine Veranda. Im Wohnraum steht eine Sitzgruppe neben einem Minikamin. In der Küche gibt es einen Herd, Kühlschrank und Miniback­ofen. Das Badezimmer dient als Ganzes als Dusche, ein Plastikvorhang und zwei Schiebetüren schützen Wände und Toilette vor der Feuchtigkeit. Über der Küche ist der Schlafbereich untergebracht, dessen eines Ende eine Fensteröffnung hat, am anderen Ende ist ein Ventilator montiert. Sehnsucht nach herkömmlich großen Räumen habe er nicht. „Ich kann nur keine großen Partys machen“, sagt Shafer.
Mit seinem Unternehmen Tumbleweedhouses baut er im Durchschnitt zwei Häuser pro Jahr und verkauft an die zwei Dutzend Pläne für Wohngebäude, die zwischen sechs und 35 Quadratmeter groß sind. Drei weitere Modelle sind etwas größer. Kunden verwenden die Hütten entweder als Zubauten im Garten, als Wochenend- und manchmal auch Hauptwohnsitz. Hat er ein schlechtes Gewissen, wenn er einem McMansion, einem neu erbauten Rieseneinfamilienhaus, ein Gartenhäuschen hinzufügt? „Mein Traum ist es nicht“, sagt er. Lieber wäre es ihm natürlich, wenn die Leute im Minihaus wohnen würden. „Aber jeder, wie er kann“, schließt Shafer.
www.tumbleweedhouses.com

Angie Rattay, Grafikerin
Mit 14 Jahren sieht Angie Rattay den Film Gandhi und notiert sich das Zitat „Sei du selbst die Veränderung in der Welt, die du sehen möchtest“. Die Macht des Einzelnen beschäftigt sie: „Ich wollte den Leuten als Kind schon vor Augen halten, dass jeder etwas tun kann“, sagt sie.
Als an der Universität für angewandte Kunst das Studien­ende näher rückt, will die Wienerin die Zeit, die sie für ihre Diplomarbeit aufwenden wird, gut anlegen. Sie entwickelt eine Gebrauchsinformation für den Planeten Erde, als Medikamentenbeipacktext gestaltete Gebrauchsanleitungen für Atmo-, Bio-, Hydro-, Litho- und Pedo­sphäre. „Es haben sich ganz unterschiedliche Menschen bei uns gemeldet, auch solche, die mit Umweltschutz überhaupt nichts zu tun hatten“, berichtet sie vom Feedback. Nach ihrem Studium gründet die Grafikerin das Neongrün Network, einen Verein zur Förderung „umweltrelevanter Design-Projekte“. Das Projekt Gebrauchs­information hat so großen Erfolg, dass es zunächst auf Englisch und derzeit in zehn weitere europäische Sprachen übersetzt wird. Rattay und ihr Team finalisieren unterdessen die Edition für Kinder.
Ihre privaten Ökoansätze findet sie „gar nicht so radikal“. Rattay ist Vegetarierin, benutzt Ökostrom und teilt sich mit ihren Eltern ein Auto. Berufliche Termine in der Stadt legt sie möglichst auf einen einzigen Wochentag. „Es geht darum, mit und nicht nur auf unserem Planeten zu leben“, sagt sie. Und dabei sei jeder Schritt gut.
www.neogruen.net

Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Rußfilter des Klimawandels

Rußfilter des KlimawandelsGabriel Rodriguez

Lange rätselten Wissenschaftler, warum die Treibhausgase das Klima nicht schon stärker beeinflusst haben. Im Zuge jahrzehntelanger Forschungsarbeit kam man dahinter, dass ein schleichendes Klimaphänomen das Ausmaß der Erderwärmung kaschiert: Das Problemkind „Global Dimming“ war geboren.

Es war Mitte der 1980er Jahre, als der englische Wissenschaftler Gerald Stanhill in Israel
einen dramatischen Rückgang der Sonneneinstrahlung von 22 Prozent seit den 1950ern feststellte. Durch Nachforschungen fand er heraus, dass er damit auf ein globales Phänomen gestoßen war. In Teilen der USA, England und Russland zum Beispiel betrug der Rückgang zwischen zehn und 30 Prozent. Stanhill prägte daraufhin den Begriff „Global Dimming“ – globale Verdunkelung.
Diese alarmierende Entdeckung blieb zunächst weitestgehend unbeachtet. Nach und nach wurde die Bedeutung des Global Dimmings jedoch schließlich anerkannt. In einem multinationalen 25 Mio. Dollar-Mammutprojekt Anfang der 1990er untersuchte Veerabhadran Ramanathan, einer der weltweit führenden Klimaforscher, dieses Phänomen über dem Indischen Ozean. Sein Team entdeckte dabei, dass eine drei Kilometer dicke Schicht verschmutzter Luft zu einer Verdunkelung des Gebietes um zehn Prozent führte. Dabei beliefen sich sogar Ramanathans pessimistischste Prognosen anfangs auf höchstens ein Prozent.

Kleine Wirkung ganz groß
Die Studie zeigt, dass feinste, vom Menschen produzierte Schwebeteilchen, die vor allem bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre gelangen, nicht nur selbst das Sonnenlicht blockieren, sondern auch zu stärkerer Wolkenbildung führen. Wolken entstehen, wenn Wasserdampf um kleine Partikel, wie etwa Meersalz oder Pflanzenpollen, in der Atmosphäre kondensiert. Die bei den genannten Verbrennungsvorgängen freigesetzten Partikel führen jedoch zu einer vermehrten, fast zehnfachen Tröpfchenbildung in den Wolken, was diese wie riesige Spiegel wirken lässt, die das Sonnenlicht reflektieren. Dadurch kommt es zur Verdunkelung.
Um die Jahrhundertwende konnte sich die Theorie des Global Dimmings schließlich in der Forschungswelt etablieren. Das 2002 gestartete Nasa-Satellitenprojekt „Aqua“ liefert detaillierte Daten zur Wirkung des Phänomens. Diese zeigen eine verdunkelungsbedingte permanente Abkühlung um ein Grad Celsius. Dies mag dem Laien wenig erscheinen. Das Klima ist jedoch ein ebenso komplexes wie empfindliches System, das schon bei konstanten Temperaturzu- oder abnahmen von nur zwei bis drei Grad Celsius verheerende Schäden davontragen kann.
Zugegeben, die durch Luftverschmutzung erzeugte kühlende Verdunkelung hat einen positiven Nebeneffekt: Sie bremst die Erderwärmung. Auf einer weniger seriösen Internet-Seite eines Nachbarlandes schlägt der Autor deswegen die Bekämpfung der Erderwärmung durch Urlaubsflüge auf eine balearische Insel vor. So einfach ist es dann aber doch wieder nicht.
Die betroffenen Partikel alleine sind schon Krebs hervorrufende Krankheitserreger. Noch wesentlich gefährlicher ist allerdings die gesteigerte Wolkenbildung. Sie verändert die weltweite Niederschlagsverteilung, da durch die Verdunkelung das Meer in betroffenen Gebieten abgekühlt wird. Der tropische Regengürtel soll sich aus diesem Grund in den weniger betroffenen Süden verschieben – in vielen Ländern könnte dadurch früher oder später die Regenzeit ausbleiben. Das Global Dimming wird darum auch als möglicher Verursacher der Dürrekatastrophen in der Sahelzone in den 1970er und 1980er Jahren gehandelt. Hunderttausende Menschen kamen dabei ums Leben.

Verfälschte Daten
Das noch größere Problem scheint jedoch ein anderes zu sein. Wenn, wie die Studien zeigen, der Verdunkelungseffekt unser Klima abkühlt, so kompensiert er teilweise die Auswirkungen der Erderwärmung. Folglich sind viele Daten zur Erderwärmung verfälscht und müssen überarbeitet werden. Ausmaß und Fortschritt der globalen Erwärmung sind also unter Umständen schon wesentlich gravierender als bisher angenommen und bedürfen dadurch energischerer Maßnahmen als der bisherigen.
In welchem Rahmen sich die Abweichungen und somit die Folgen bewegen, muss noch gründlich erforscht werden. Der US-amerikanische Klimaforscher Peter Cox warnte gegenüber BBC vor irreversiblen Klimaschäden in wenig mehr als zehn Jahren. Vieles im betroffenen BBC-Bericht und auch von dem, was anderweitig über das Phänomen berichtet wird, scheint zugegebenermaßen an einem gewissen Hang zum Sensationalismus zu leiden und ist voll von apokalyptisch anmutenden Worst-Case-Szenarien. Seriöse Studien belegen jedoch, dass es sich beim Global Dimming um ein tatsächliches Problem handelt, wenn auch noch über dessen Ausmaß heftig debattiert wird. Untersuchungen zeigen, dass es scheinbar verhältnismäßig leicht in den Griff zu bekommen ist, sofern sauberer verbrannt wird, Katalysatoren oder Filtereinrichtungen verwendet werden.
Der steigende Luftverkehr ist zwar ein reales Problem und ein steigender Negativfaktor, dennoch zeigen Studien, dass das Phänomen in den Industriestaaten in den vergangenen Jahren dank entsprechender Maßnahmen bereits wieder messbar zurückgegangen ist, während es in Entwicklungsländern, die noch keine Maßnahmen gesetzt haben, weiterhin rapide ansteigt. Wenn nur das Global Dimming bekämpft wird, so könnte dies durch Wegfallen der Bremswirkung einen starken Anstieg der Erderwärmung nach sich ziehen. Gegenmaßnahmen müssen deshalb aufeinander abgestimmt sein. Ein wichtiger Schritt ist es deshalb, zumindest das Kyoto-Protokoll allseits einzuhalten und Verstöße dagegen nicht mehr als internationales Kavaliersdelikt zu handeln.
Messdaten zum Klimawandel reichen zwar zum Teil nicht ausreichend lange zurück, um in jedem Fall sicher sagen zu können, inwiefern der Mensch für gewisse Phänomene verantwortlich ist oder inwiefern diese auch ohne unser Zutun auftreten würden. Nichtsdestotrotz sollte man kritisch genug sein, nicht alles als Panikmache abzutun, sondern Fakten auch als solche erkennen und entsprechend reagieren. Die Technik für entsprechende Gegenmaßnahmen ist bereits vorhanden, es scheint nur noch am politischen Willen zu fehlen, diese auch einzusetzen.

Emanuel Riedmann, Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

Das Kreuz mit den „Ökosteuern“

Das Kreuz mit den „Ökosteuern“DPA/Führer

Die acht Milliarden Euro Einnahmen aus sogenannten Umweltabgaben sind in Österreich nicht zweckgebunden.

Wie hoch wäre in Österreich aktuell der Benzinpreis, wenn es darauf keine Ökosteuern gäbe? Vom Durchschnittspreis eines Liters Normalbenzin von derzeit 1,087 Euro ziehen wir die Mehrwertsteuer ab, bleiben 0,906 Euro, und davon dann die fixe Mineralölsteuer von 0,442 Euro pro Liter. Bleiben also ganze 0,464 Euro Nettopreis für den Liter Sprit. Mit anderen Worten: Benzin ist in Österreich mit deutlich mehr als 100 Prozent besteuert, mit dem kleinen Nebeneffekt, dass die Mineralölsteuer zusätzlich der Mehrwertsteuer unterworfen ist, man also gewissermaßen eine Steuer auf die Steuer zahlt.
Was soll’s, es ist ja für einen guten Zweck – sollte man meinen. Denn die Mineralölsteuer wird in Österreich vom Gesetzgeber als „Ökosteuer“, Unterabteilung Energiesteuer, betrachtet. Sie hat den bei Weitem größten Anteil am „ökologischen“ Steueraufkommen des Landes, wie aus einem entsprechenden Bericht der Statistik Austria hervorgeht.
Solcherart erleichtert, schwindet das gute Gewissen aber bald, wenn man weiß, dass es für die Mineralölsteuer keine Zweckbindung gibt, sondern die­se ungebremst ins Bundesbudget fließt. Das Trickreiche ist ja, dass in Österreich Ökosteuern als solche gelten, die auf Dinge erhoben werden, die eine „nachgewiesen schädliche Wirkung auf die Umwelt haben oder nicht erneuerbare Ressourcen sind“, sagt die Studienautorin Brigitte Petrovic von der Statistik Austria. „Das ist bei der Beurteilung dieser Steuern das einzig ausschlaggebende Kriterium. Eine allfällige Zweckwidmung hat darauf keinen Einfluss.“

Haushalte im Würgegriff
Und so zahlen wir also die Normverbrauchsabgabe, die motorbezogene Versicherungssteuer, den Straßenbenützungsbeitrag, die Energieabgabe und den Altlastenbeitrag; sogar die Grundsteuer gilt dieser Definition nach als Ökosteuer. Ganz zu schweigen von Müll-, Wasser- und Abwassergebühren, Düngemittelabgaben, Parkpickerl und Streckenmaut. Sogar die Kfz-Zulassungssteuer läuft im Budget unter Ökosteuer.
Insgesamt nahm der Bund im letzten Jahr mehr als acht Mrd. Euro im Jahr unter dem Titel der Ökosteuern und der „ökologisch relevanten Zahlungen“ ein. Die diesbezüglichen Abgaben stiegen seit 1995 im Schnitt um 60 Prozent, einzelne Posten um mehr als das Dreifache. Interessant dabei: Fast die Hälfte der Steuerlast tragen die privaten Haushalte. Diese sind laut Expertin Petrovic „anteilsmäßig am stärksten belastet, bei den Energiesteuern sogar führend“. Und dies, obwohl sie statistisch die Umwelt weniger verschmutzen als Industrie und Gewerbe und ihre Energieintensität seit mehreren Jahren relativ stabil geblieben ist.
Immer wieder wird als Ausgleich zur Ökosteuerbelastung die Senkung der Lohnnebenkosten andiskutiert, wie auch im entsprechenden Modell der Grünen. Dies soll Anreize für die Wirtschaft und letztlich vor allem Beschäftigungsimpulse schaffen. Das Problem: Wenn die Umweltbelastung zurückgeht – was ja eigentlich das Ziel einer ökologischen Besteuerung sein sollte – gehen auch die Ökosteuern zurück. Ein sinnvoller Steuerausgleich kann nicht mehr stattfinden, der Lenkungseffekt verpufft. Dasselbe tritt bei einer „Rückverteilung“ an Haushalte und Unternehmen ein. Das Problem ist, dass Ökosteuern ohne starke ökologische Begründung und positive Folgen für den Einzelnen ein ewiges Akzeptanzproblem haben werden.

Economy Ausgabe 74-06-2009, 26.06.2009

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