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23. September 2017

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Der Stimmendieb aus dem Computer

Der Stimmendieb aus dem Computer© Bilderbox.com

Nur eine Minute Audio reicht aus, um eine Stimme nachzuahmen.

Das kanadische Start-Up Lyrebird hat einen Algorithmus vorgestellt, der laut den Machern jede Stimme nachmachen kann. Als Grundlage reichen dem Unternehmen zufolge Aufnahmen des Originals von etwa einer Minute Länge. Dann kann das System in der jeweiligen Stimme alles sagen - und das auch mit unterschiedlichem Ausdruck. Als Beispiele dafür dürfen Donald Trump, Barack Obama und Hillary Clinton herhalten.
Lyrebird setzt auf selbstlernende KI, damit sein System aus einem kompakten Audio-Sample die Stimm-DNA eines Sprechers in kurzer Zeit ermitteln kann. Damit ist es dann möglich, diese Stimme beliebigen Text mit einem gewünschten emotionalen Ausdruck vortragen zu lassen. Wirklich perfekt sind die veröffentlichten Beispiele zwar noch nicht. Doch wenn der Aufwand wirklich so gering ist, wie vom Start-Up behauptet, sind die Ergebnisse beeindruckend - und es scheint plausibel, dass die Stimmsynthese in nächster Zeit noch besser wird.

Viele Anwendungen
Laut dem Hersteller erlaubt das System auch, völlig neue Stimmen zu entwickeln. Potenzielle Anwendungen umfassen demnach digitale Assistenten mit personalisierter Stimme, das automatisierte Erstellen von Audiobüchern mit bekannten Sprechern oder Stimmen für Animationsfilme und Videospiele. Das Unternehmen wirft zudem die Frage auf, ob Sprachaufnahmen denn noch als Beweismittel geeignet sind. Offen bleibt dabei, ob und wie Lyrebird selbst Missbrauch verhindern will - immerhin scheint auch denkbar, mit einer ausreichend guten Synthese fremder Stimmen Sicherheitssysteme hereinzulegen, die auf Stimmerkennung basieren.
Lyrebird ist nicht das einzige Unternehmen, das an digitaler Stimmsynthese arbeitet. Adobe hat im November 2016 ein ähnliches System vorgestellt. Dieses braucht aber 20 Minuten an Sample-Dateien, um eine Stimme nachzubilden.

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PressetextAustria/red/stem, Economy Ausgabe Webartikel, 22.05.2017