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17. Juli 2019

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„Es muss ein neues Unternehmen her“

„Es muss ein neues Unternehmen her“© Bilderbox.com

NDGIT steht für Next Digital Banking und für Open-Banking-Plattformen zur Umsetzung der neuen PSD2-Richtlinie der EU. Oliver Dlugosch, CEO von NDGIT im zweiten Teil des Gesprächs mit economy über wegbereitende Projekte mit internationalen Banken, prägende Gründererfahrungen und kritische Erfolgsfaktoren für rasches internationales Wachstum.

Econony: Bankkunden erwarten neue und zunehmend personalisierte Services, Unternehmen erwarten neue digitale Ökosysteme und ebenso individuelle Serviceleistungen und jetzt noch die PSD2-Regularien. Jedes einzelne dieser drei Themen ist eine Herausforderung. Wie kann dann die rasche Umsetzung aller drei Bereiche zusammen passieren?

Oliver Dlugosch: Aus unserer Sicht ist es keineswegs eine Bürde, alle drei gemeinsam umsetzen zu müssen. Im Gegenteil, wir sehen sie so eng mit einander verwoben, dass eine Umsetzung nur gemeinsam Sinn macht.
Die PSD2 ist für viele Banken der regulatorisch verpflichtende Einstieg ins API-Banking (Anm. Applikation Programm Interface) bzw. den Ecosystem-Gedanken. Dabei kommen wir wieder auf die Notwendigkeit einer flexiblen API-Middleware wie die von NDGIT zurück.
Mit ihr können Entwickler in kurzen Zyklen auf die Anforderungen ihrer Kunden reagieren und neue Anwendungen schneller entwickeln oder Fremdanwendungen einbinden.

Economy: NDGIT hat 2017 mit der Hypothekarbank Lenzburg das erste Open Banking-Portal der Schweiz umgesetzt, dann etwa auch die UBS als Kunden gewonnen sowie weitere Banken etwa in Deutschland und Österreich. Können Sie uns am Beispiel Lenzburg die wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Umsetzung erläutern?

Oliver Dlugosch: Das Projekt mit der Hypothekarbank Lenzburg war von Anfang an durch eine starke Vision seitens ihres CEO Marianne Wildi getrieben. Sie hat Open Banking als klares Zukunftsbild für ihre Bank ausgewiesen.
Mit dieser Perspektive wurde die NDGIT-Plattform als Grundlage für die zukünftigen Use Cases an die Systeme angebunden. Damit konnte die Bank Out-of-the-box APIs von NDGIT nutzen aber auch eigene APIs entwickeln und sicher für Dritte bereitstellen. Gemeinsam schufen wir so als erster in der Schweiz die Grundlage für ein Banking-as-a-Service Offering.
Dafür mussten unsere Konto- und Payment-APIs an die Schweizer Besonderheiten angepasst werden. Erste Nutznießer waren FinTechs wie Neon, die einen einfachen Zugriff auf Whitelable Konten der Bank erhielten.
Die neuen Schnittstellen ermöglichten außerdem noch einen weiteren Usecase: FinTechs wie Sonect, können jetzt auf die Kunden der HBL zugreifen und ihnen ihren Service, Bargeldabhebung über mobile Endgeräte, anbieten.

Econony: Aktuell hat NDGIT nun auch in Österreich die BAWAG-Gruppe als Kunden gewonnen. Was war seitens der BAWAG gefragt und wie ist der aktuelle Projekt-Stand?

Oliver Dlugosch: Nach unseren renommierten Kunden in Deutschland und der Schweiz, wie UBS, Credit Suisse oder Volkswagen Financial Services, freuen wir uns sehr, dass die kundenstarke BAWAG auf die Technologie von NDGIT setzt.
Hier konnten wir innerhalb weniger Wochen unsere Plattform anbinden und mit ihr PSD2 Services und Funktionen der Bank bereitstellen - angefangen mit einem Developer-Portal für TPPs (Anm. Third Party Provider) in denen man die neuen Services der Bank findet.
Jeder Drittanbieter wird bei seiner Anfrage an die Bank auf die notwendigen Zertifikate überprüft und erhält bei positivem Ergebnis die Freigabe, die entsprechenden Konto- oder Zahlungsdienste durchzuführen.
Hierbei werden alle Transaktionen protokolliert und die Metriken für das verpflichtende Reporting an die Aufsichtsbehörden aufbereitet sowie zur eigenen Ansicht bereitgestellt.

Econony: NDGIT wurde 2016 von Ihnen und Florian Pahl in München (D) gegründet. Was war die Initialzündung für die Gründung und was waren die prägendsten unternehmerischen Erfahrungen in dieser Gründungszeit?

Oliver Dlugosch: Wir haben uns mit unserem Unternehmen von Anfang an mit der Technologie für Connected Banking beschäftigt.
Aus unserer Vergangenheit in anderen Firmen wussten wir, dass eine API-basierte Middleware der Schlüssel für die zukünftige Banktechnologie sein wird und sich die Zeiten der Monolithen endgültig dem Ende zuneigt.
Besonders erfreut hat uns, dass Innovatoren wie Mobile.de oder die Hypothekarbank Lenzburg 2017 auf den Zug aufsprangen obwohl noch nicht klar war, was die Entwicklungen rund um Open Banking für ihr Unternehmen bedeuten würden.
Im letzten Jahr konnten wir dann bereits über zwanzig neue Banken für unsere Technologie gewinnen. 2019 sind Ecosysteme und die smarte Umsetzung mit der NDGIT Plattform in aller Munde.

Econony: Ihr Unternehmen ist in kurzer Zeit auch international sehr rasch gewachsen mit Standorten nun etwa auch in London, Zürich oder Warschau, dazu soll Paris und Madrid folgen. Was sind aus unternehmerischer Sicht kritische Erfolgsfaktoren in so einer Wachstumsphase?

Oliver Dlugosch: Strukturell sind wir durch unsere agile Arbeitsweise sehr gut und vor allem flexibel aufgestellt. Uns fällt es daher nicht schwer, uns an neue Anforderungen anzupassen.
Da Open Banking eine weltweite Bewegung ist, findet im Moment weltweit ein Run auf dieselben Talente statt. Daher geht es uns wie anderen erfolgreichen Unternehmen auch: wir müssen unser Wachstum künstlich verlangsamen, um genügend Zeit für die Mitarbeiter-Akquise zu haben.
Auch deshalb sind wir froh und stolz, bereits so viele API- und Banking-Experten (Anm. aktuell 60) für uns gewonnen zu haben.

Econony: NDGIT wird von einer prominenten internationalen Investorengruppe rund um DvH-Ventures (D), Capnamic (D) oder Profunders (UK) finanziert. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft und ist hier etwaig auch an einen Börsengang gedacht?
Oliver Dlugosch: Wir gehören aktuell zu den am schnellsten wachsenden B2B-FinTechs in Europa und wollen mit Unterstützung von externen Investoren weiterwachsen. Dabei wollen wir uns von heute 60 auf 300 Mitarbeiter entwickeln und unsere Produkte für Open Banking weiter ausbauen.
Wie Sie richtig sagen, sind wir ja heute schon an mehreren Standorten aktiv und machen den größeren Teil unseres Umsatzes bereits international. In Zukunft wollen wir weitere Fokusmärkte in Europa eröffnen und auch Richtung USA und Asien expandieren. Ob wir am Ende an die Börse gehen? Wir werden es sehen.

Econony: Sie selbst haben Wirtschaft studiert und dann primär im Bereich Beratung und Finanztechnologie gearbeitet. Was war dann die Initialzündung für Ihren Weg in Richtung Finanz-Startup?
Oliver Dlugosch: Für mich standen bereits bei meiner Tätigkeit als Vorstand der Ray Sono bei der Entwicklung von Bankanwendungen der digitale Kundenprozess und die Mehrwerte für den Kunden im Vordergrund.
Mit Crealogix in Deutschland habe ich den Standort für ein großes FinTech geleitet bei dem mit traditioneller Technologie Innovationen wie Personal Finance Management oder Robo Advisory für innovative Banken eingeführt wurde.
Als dann erkennbar wurde, dass moderne API-Technologien das neue Paradigma werden, stand für mich fest: Es muss ein neues Unternehmen her, dass auf der grünen Wiese aufsetzen kann.
Das sahen wir als zwingend notwendig, um Banken eine derartige Modernisierung von Bankarchitekturen mit schneller Time-to-Market und echten Innovationen ermöglichen zu können.

(Anm. der Redaktion: Den ersten Teil des Interviews mit Oliver Dlugosch „Die Digitalisierung stellt Banken vor eine existentielle Frage“ lesen Sie hier)

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 01.07.2019