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28. Februar 2021

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Massiv reduzierte Insolvenzen

Massiv reduzierte Insolvenzen© Pexels.com/ Tim Mossholder

Unternehmensinsolvenzen sinken durch Corona-Hilfen auf Niveau von 1990. Kapitalmangel verdrängt Managementfehler als Hauptursache. Gläubigerschützer Creditreform fordert Rückkehr zur normalen Handhabung.

(red/czaak) „Das Insolvenzgeschehen als Seismograph für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat sich vom wirklichen Zustand der österreichischen Unternehmen entkoppelt. Trotz eines massiven Konjunktureinbruchs im Zuge der Covid-19- Pandemie ist die Zahl der Firmeninsolvenzen um rund 42 Prozent auf nur etwas mehr als 3.000 Verfahren zurückgegangen. So wenige Insolvenzen gab es in Österreich zuletzt vor 30 Jahren.“ So erläutert der Gläubigerschutzverband Creditreform die aktuelle Entwicklung.

Kapitalmangel als Hauptursache
Die Analyse der Gläubigerschützer zeigt, dass die Zahl der eröffneten Verfahren um rund 42 Prozent auf 1.800 Fälle zurückging. Die mangels Vermögen abgewiesenen Verfahren sanken um knapp 40 Prozent auf rund 1.200 Fälle. Erstmals ist Kapitalmangel die Hauptursache für die Insolvenzen und nicht Managementfehler. Bei allen Verfahren waren in Summe rund 14.000 Arbeitsplätze betroffen. Die Schätzungen bei den Verbindlichkeiten belaufen sich auf rund 2,2 Mrd. Euro, so die Zahlen der Creditreform.

„Die vielen Maßnahmen der Bundesregierung waren angesichts der Wucht von Covid-19 anfangs richtig. Nun wäre es aber an der Zeit, das Insolvenzrecht mit seinem bewährten Sanierungsinstrumentarium wieder uneingeschränkt zuzulassen und damit auch eine Marktbereinigung. Eine Prolongierung der Hilfsmaßnahmen würde nur den Überlebenskampf vieler Unternehmen hinauszögern, den letztlich alle Steuerzahler bezahlen müssten“, kommentiert Gerhard M. Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform.

Bundesländervergleich und Branchenentwicklung
Den stärksten Rückgang bei den Insolvenzen verzeichneten die westlichen Bundesländer Tirol (minus rund 58 Prozent), Vorarlberg (minus rund 52) und Salzburg (minus rund 51 Prozent). Die höchste Insolvenzbetroffenheit herrschte in Wien mit knapp 11 Insolvenzen pro 1.000 Unternehmen, die geringste in Vorarlberg mit 3,5 von 1.000 Unternehmen.

Österreichweit mussten etwas mehr als 6 von 1.000 Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht antreten. Der Rückgang erfolgte quer durch alle Branchen, am meisten im Transportwesen (Anm. Verkehr- und Nachrichtenübermittlung) mit minus 48,2 Prozent, gefolgt von den „Unternehmensbezogenen Dienstleistungen“ (minus 47,6) und dem Handel (minus 46,3 Prozent).

Vergleich mit Deutschland
Eine deutlich andere Situation verzeichnete der wichtigste heimische Wirtschafts- und Handelspartner Deutschland. Dort nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auch ab, aber deutlich weniger stark, nämlich nur um etwas über 13 Prozent. 16.300 Insolvenzen bedeuten den niedrigsten Stand seit Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999. Die Gründe für die weniger drastische Situation liegen darin, „dass die staatlichen Eingriffe nicht ganz so stark waren.“
Auch habe die Corona-Krise zu einer „überdurchschnittlich hohen Zahl an Großinsolvenzen geführt, etwa Galeria Karstadt Kaufhof oder die Modeeinzelhändler „Esprit“ und „Bonita“, so die Creditreform-Experten. Erhöht haben sich dadurch die Schäden für die Gläubiger auf schätzungsweise 34 Mrd. Euro und so „ist zu befürchten, dass es hier in Österreich im kommenden Jahr zu einem Nachholeffekt kommen kann.“ Creditreform schätzt, dass rund 50.000 heimische Unternehmen insolvenzgefährdet sind.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 15.12.2020