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08. Dezember 2019

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Rekordniveau bei Finanzierungen europäischer Start-Ups

Rekordniveau bei Finanzierungen europäischer Start-Ups© Bilderbox.com

Großbritannien führt bei Geldvolumen vor Frankreich und Deutschland. Schweden und Spanien holen auf und Österreich stagniert auf vergleichsweise niedrigem Niveau, so der aktuelle Start-Up-Report von Ernst & Young.

(red/czaak) Europäische Jungunternehmen haben im ersten Halbjahr so viel Geld erhalten wie nie zuvor: Der Gesamtwert der Start-Up-Finanzierungen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 62 Prozent auf knapp 17 Milliarden Euro. Die Zahl der Finanzierungsrunden legte um zehn Prozent auf in Summe 2.301 zu.

Großbritannien konnte trotz der Brexit-Querelen seine Spitzenposition innerhalb der europäischen Start-Up-Szene sogar ausbauen. Mit 6,7 Milliarden Euro flossen mehr als doppelt so viele Gelder an britische Jungunternehmen als im Vorjahreszeitraum. Das ergibt ein Plus von 112 Prozent und entspricht in Summe rund 40 Prozent des gesamteuropäischen Finanzierungsvolumens.

Auch Stockholm und Barcelona punkten
Französische Start-Ups erhielten 2,8 Milliarden Euro und damit 43 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres. Deutschland belegt beim Investitionsvolumen mit 2,7 Milliarden knapp hinter den Franzosen den dritten Rang, hier macht die Steigerung sieben Prozent aus. Es folgen Stockholm mit 1,2 Milliarden und Barcelona mit 263 Millionen Euro.

Im Städteranking liegt London mit 5,7 Milliarden Euro auf dem ersten Platz. Schon weit dahinter belegt Paris mit 2,2 Milliarden Platz zwei und Berlin mit 2 Milliarden Euro den dritten Platz. Auch bezüglich der Projektanzahl belegt London mit 323 Finanzierungen den ersten Platz, auf den Rängen folgen Paris mit 230 Start-Up-Investitionen und Berlin mit 129.

Chefsache in Frankreich und die Dynamik in kleineren Märkten
Das sind Ergebnisse des Start-up-Barometers der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Die Studie basiert auf einer Analyse der Investitionen in europäische Start-Ups. Als Start-Ups werden dabei Unternehmen gewertet, die nicht älter als 10 Jahre sind. „Der Finanzierungs-Boom für Jungunternehmen hält an“, beobachtet Thomas Gabriel, Partner und Leiter der Start-Up-Initiative bei EY Österreich. Und: „Gerade sehr große Deals boomen: Europaweit hat sich die Zahl der Transaktionen, bei denen 100 Millionen Euro und mehr geflossen sind, von zwölf auf 26 mehr als verdoppelt.“

Gabriel zufolge ist auch die Dynamik in kleineren Märkten beeindruckend: „Die Zahl der Finanzierungsrunden stieg beispielsweise in Schweden um 19 Prozent, in der Schweiz um 25 Prozent und in Ungarn um 22 Prozent.“ Auffallend sei zudem der anhaltende Aufwärtstrend in Frankreich. „Die französische Politik verfolgt das klare Ziel, Frankreich zum Top Start-up-Standort in Europa zu machen, indem bürokratische Hürden für Jungunternehmer abgebaut werden und Investoren und Gründer verknüpft werden – und das zeigt Wirkung: bei der Zahl der Transaktionen liegt Frankreich inzwischen deutlich vor Deutschland auf Platz zwei.“

Österreichische Start-Up-Szene stagniert
Grundsätzlich hat sich der Trend zu einem Anstieg von Finanzierungsrunden in der österreichischen Start-Up-Szene auch im ersten Halbjahr 2019 fortgesetzt. Allerdings werden die Finanzierungen kleinteiliger. Das durchschnittliche Volumen pro Finanzierungsrunde sank im Vergleichszeitraum von 3,7 auf 2,5 Millionen Euro. Während die Anzahl der Finanzierungsrunden von 25 auf 36 gestiegen ist, reduzierte sich parallel das gesamte Volumen von 103 Millionen auf rund 90 Millionen Euro.

„Einerseits gibt es eine steigende Anzahl an Finanzierungsrunden und immer mehr heimische Jungunternehmen erhalten frisches Kapital. Auf der anderen Seite sehen wir aber einen klaren Trend zu immer kleinteiligeren Finanzierungen. Es fehlen nach wie vor die ganz großen Ideen für die ganz großen Finanzierungsrunden“, analysiert Gabriel die ambivalente Entwicklung in Österreich.

Die Lücke im Sinne des Wirtschaftsstandortes Österreich
Im europaweiten Vergleich liegt Österreich entsprechend nur auf Rang 17. Die Top-10-Deals in Österreich hatten im ersten Halbjahr ein Durchschnittsvolumen von rund acht Millionen Euro. Die Schweiz liegt vergleichsweise bei 41 Millionen und Deutschland bei 151 Millionen Euro. „Im europäischen Vergleich hat die österreichische Start-Up-Szene Aufholbedarf. Hier zeigt sich eine Lücke, die es im Sinne des Wirtschaftsstandorts Österreich zu schließen gilt“, betont Gabriel.

„Start-Ups spielen eine immer größere Rolle beim digitalen und auch ökologischen Wandel der österreichischen Wirtschaft. Mit ihren Innovationen geben sie neue Impulse und das auch auch bei etablierten Konzernen. Die Trends belegen, dass nicht mehr nur Finanzinvestoren Start-Ups mit frischem Kapital versorgen, sondern immer mehr Corporates und mittelständische Betriebe professionelle Venture-Capital-Runden oder Fonds aufsetzen und damit auch gezielt die eigene Innovation ankurbeln“, unterstreicht EY-Experte Thomas Gabriel.

Rekordfinanzierung für Britisches Start-Up
Die größte Finanzierung des Jahres im bisherigen Jahresverlauf ging mit 1,1 Milliarden Euro an das britisches Unternehmen OneWeb, ein sogenanntes Internet-Satelliten-Start-Up. Die zweitgrößte Transaktion war die 885 Millionen schwere Finanzierung für den schwedische Batteriehersteller Northvolt, wo sich etwa Volkswagen und BMW beteiligten. Auf Rang drei folgt das Finanzdienstleistungsunternehmen Greensill Capital UK Ltd. mit einer Finanzierung von über 700 Millionen Euro.

In Österreich holte sich das in Wien und New Yoork ansässige Biopharma-Start-Up Hookipa Biotech mit umgerechnet rund 33 Millionen Euro die größte Finanzierungsrunde des bisherigen Jahres. Auf Platz zwei folgt das Marketing Analytics Software-Start-Up Adverity mit elf Millionen und den dritten Platz belegt das Grazer Lautsprecher-Start-Up USound mit rund neun Millionen Euro.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 28.10.2019