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17. Mai 2022

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Umsatzrückgang und Kurzarbeit und Fachkräftemangel und Optimismus

Umsatzrückgang und Kurzarbeit und Fachkräftemangel und Optimismus© Pexels.com/Vlada Karpovich

Die aktuelle Bestandsaufnahme des Österreichischen Mittelstandes bewegt sich zwischen pandemischer Vergangenheitsbewältigung und positiver Konjunkturerwartung, so eine aktuelle Studie von EY.

(red/czaak) Die Ausbreitung der Omikron-Variante ist aktuell auch in der österreichischen Wirtschaft das bestimmende Thema. Unterm Strich blicken die Betriebe jedoch wieder positiver auf Gegenwart und Zukunft. Die Einschätzung des eigenen Geschäftsklimas hat sich nach einem erheblichen, pandemiebedingten Rückgang Anfang 2021 wieder deutlich verbessert. Der Anteil jener Unternehmen, die ihre aktuelle Geschäftslage als uneingeschränkt positiv bewerten, ist gegenüber dem Vorjahr von 37 auf 62 Prozent gestiegen.

Mit diesen Zahlen kehrt das Ergebnis wieder auf das Niveau vor dem Ausbruch der Pandemie Anfang 2019 zurück. Die Zahl derer, die sie als negativ einstufen, ist von 28 auf neun Prozent gesunken. Insgesamt schätzen damit neun von zehn Unternehmen (91 Prozent) ihre Geschäftslage derzeit als gut ein. Das reicht von 78 Prozent in den Bereichen Transport und Energie bis hin zum Tourismus mit 43 Prozent. 

Rasche Anpassung und strategische Weichenstellungen
Auch der Blick in die Zukunft ist von Optimismus geprägt: Ein Drittel rechnet für das eigene Unternehmen mit einer verbesserten Geschäftslage in den kommenden sechs Monaten. Zuletzt waren die heimischen Unternehmen Anfang 2018 so positiv eingestellt. Das sind die zusammengefassten Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, für die über 600 Manager von mittelständischen Unternehmen befragt wurden (Anm. Sample: 30 bis 2.000 Mitarbeiter und keine kapitalmarktorientierten Unternehmen).

„Viele Unternehmen haben volle Auftragsbücher, einige profitieren sogar von einer Sonderkonjunktur. Das unterstreicht, wie gut und schnell sich Österreichs Unternehmen angepasst haben oder wie sie die Situation für wichtige strategische Weichenstellungen nutzen, insbesondere in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit“, kommentiert Erich Lehner, Leiter des Bereichs Mittelstand bei EY Österreich.

Fast vier von zehn Betriebe verzeichnen Umsatzrückgänge
Trotz der aktuell positiven Lage war das vergangene Jahr für viele heimische Betriebe eine große Herausforderung: Beinahe vier von zehn (38 Prozent) Unternehmen in Österreich mussten 2021 Umsatzrückgänge verzeichnen. Fast ebenso viele (37) waren mit Problemen in der Lieferkette konfrontiert, bei 18 Prozent kam es zu Stornierungen von Aufträgen. Immerhin mehr als ein Viertel (27 Prozent) hat keine Auswirkungen durch Corona gespürt.

„Trotz Optimismus bleibt die Situation in vielen Branchen sehr angespannt und kritisch: Der Tourismus ächzt weiterhin unter den Corona-Maßnahmen. Die Industrie leidet vor allem unter den schwankenden Rohstoffpreisen und Lieferengpässen, insbesondere bei Chips in Folge der Halbleiterkrise“, so Lehner.

Jedes zweite Unternehmen nimmt 2021 Kurzarbeit in Anspruch
Abgefedert wurden die Auswirkungen der Pandemie im vergangenen Jahr durch staatliche Unterstützungen. 56 Prozent der österreichischen Betriebe haben 2021 diese Maßnahmen in Anspruch genommen (2020: 71 Prozent). Bei den Branchen liegt der Tourismus (90 Prozent) weit vorne, danach folgt mit 59 Prozent der Handel und mit 56 Prozent die Industrie. Mit 47 Prozent am stärksten in Anspruch genommen wurde auch 2021 das Instrument der Kurzarbeit. Je 14 Prozent haben Steuerstundungen oder Fixkostenzuschuss genutzt.

Dem wirtschaftspolitischen Umgang mit der Coronakrise stellen Österreichs Betriebe kein gutes Zeugnis aus: Nur noch 24 Prozent vergeben die Note „gut“ oder „sehr gut“ (2020: 31 Prozent). Und 21 Prozent geben nur ein „Genügend“ oder „Nicht genügend“ (gleich wie 2020). Auch die Zustimmung zur nationalen Standortpolitik ist weiter gesunken. Die positiven Bewertungen sind gegenüber dem Jahresbeginn 2021 von 39 auf aktuell 29 Prozent gesunken. Noch vor drei Jahren stimmten 51 Prozent pro nationaler Standortpolitik.

Konjunkturerwartungen versus Investitionsdynamik
Die konjunkturellen Erwartungen in den nächsten sechs Monaten haben sich trotz neuer Coronawelle deutlich aufgehellt. 38 Prozent erwarten in den nächsten sechs Monaten eine Verbesserung – das sind fast doppelt so viele wie vor einem Jahr (20 Prozent). Parallel reduziert sich der Anteil der Konjunkturpessimisten stark: von 63 Prozent zu Beginn 2021 auf aktuell 19 Prozent. Erstmals seit Jahresbeginn 2019 zeigen sich damit wieder mehr Unternehmen optimistisch als pessimistisch bezüglich der Binnenkonjunktur.

Abbremsen tut sich die Investitionsdynamik, wo nur noch zwölf Prozent der Betriebe höhere Investitionen planen. Zu Jahresbeginn 2019 war dieser Anteil mit 23 Prozent noch fast doppelt so hoch. Sieben Prozent wollen ihre Investitionen zurückfahren. Knapp 75 Prozent wollen sie konstant halten. „Nach überdurchschnittlich vielen Investitionen im vergangenen Jahr, werden die heimischen Unternehmen in den kommenden Monaten zurückhaltender und den Fokus auf Stabilisierung und Nachhaltigkeit legen“, erläutert Lehner von EY.

Fachkräftemangel löst Pandemie als Hauptsorge bei Geschäftsrisken ab
Die größte Gefahr sehen die Betriebe neuerlich beim Fachkräftemangel (61 ggü. 2021 mit 57 Prozent). In Hinblick auf die Pandemie glaubt knapp die Mehrheit der Befragten (46 Prozent), dass das Schlimmste überstanden ist – deutlich weniger als vor einem Jahr (76). Stark gestiegen sind die Sorgen über Probleme in der Lieferkette (von 18 auf 51 Prozent), hohe Rohstoffpreise (von 29 auf 49) sowie hohe Energiepreise und steigende Inflation (jeweils von 17 auf 44 Prozent). 

„Das derzeitige Umfeld ist für Unternehmen extrem volatil, es ist gerade für kleinere Unternehmen enorm schwierig, alle Risiken im Blick zu behalten und ihnen angemessen zu begegnen. Sie sind zudem oftmals als Teil der Lieferkette auf solvente, handlungs- und lieferfähige Lieferanten angewiesen,“ betont Lehner. „Die Pandemie ist auch noch nicht vorbei. Unternehmen müssen auf Sicht fahren und sich soweit möglich auch auf zunächst unwahrscheinlich erscheinende Negativszenarien vorbereiten“, so der Mittelstandsexperte von EY.

Im Bundesländervergleich hat Oberösterreich wie im Vorjahr die beste Geschäftslage
Im aktuellen Vergleich der Bundesländer wird die Geschäftslage in Oberösterreich von drei Viertel (76 Prozent) der Unternehmen als gut eingeschätzt, gefolgt von Kärnten (65) und Niederösterreich (64). Das Schlusslicht bildet das Burgenland, hier bewerten nur 40 Prozent die Geschäftslage positiv. Bei der Geschäftsprognose ist der Blick in die Zukunft bei Unternehmen mit Sitz in Wien am positivsten.

45 Prozent der Wiener Betriebe rechnen mit einer Verbesserung der eigenen Geschäftslage in den kommenden sechs Monaten. Auch in Tirol (40 Prozent) sind die Erwartungen sehr optimistisch. Am stärksten investieren im kommenden halben Jahr wollen Unternehmen aus Salzburg (24 Prozent), der Steiermark (22) und Tirol (21 Prozent). Zurückhaltend sind die Vorarlberger und Oberösterreicher, wo nur jeweils 16 Prozent ihre Investitionen in den nächsten sechs Monaten steigern wollen.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 25.01.2022