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18. September 2020

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Zahlreiche Unternehmen existenziell bedroht 

Zahlreiche Unternehmen existenziell bedroht © Pexels.com/Andrea Piacquadio

Deutsches Ifo-Institut sieht massive globale Rezessionsgefahr durch Corona-Einschränkungen. Eurozone und USA stärker betroffen als Asien. Geringe Gefahr von Krankheitswellen bei Personal und keine Bankenprobleme.

(red/czaak) Viele deutsche Unternehmen sehen ihre Existenz durch die Coronakrise massiv bedroht, so die zusammengefassten Ergebnisse der April-Umfrage des deutschen ifo-Instituts. Knapp 30 Prozent der befragten Firmen sagen, sie könnten drei Monate oder kürzer überleben, wenn die pandemiebedingten Einschränkungen noch für längere Zeit bleiben würden. Sechs Monate oder kürzer könnten knapp 53 Prozent stemmen. „Das sind beunruhigende Zahlen, die auf eine kommende Pleitewelle hindeuten“, sagt Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut. 

Kritische Lage im Einzelhandel
Besonders kritisch ist die Lage im April im Einzelhandel. Hier antworteten rund 45 Prozent der Unternehmen, sie könnten maximal drei Monate durchhalten. Etwas über 63 Prozent der Einzelhändler können nach eigenem Bekunden höchstens ein halbes Jahr überstehen. Bei den Dienstleistern haben rund 31 Prozent ein Vierteljahr oder weniger bis zum betrieblichen Aus. 56 Prozent der Dienstleister müssten spätestens nach einem halben Jahr die Pleite anmelden.

Situation in Industrie stabiler
Etwas stabiler ist die Situation in der deutschen Industrie. Hier sagen rund 25 Prozent der Firme, sie haben Kraft für drei Monate. Nach einem halben Jahr oder früher müssen 48 Prozent der Industrie-Unternehmen ihr Geschäft aufgeben. Am robustesten zeigt sich die Baubranche: Etwas über 20 Prozent der Unternehmen halten ein Vierteljahr oder weniger durch. Und etwas über 45 Prozent der Firmen würden nach spätestens einem halben Jahr verschwinden, so die ifo-Experten.

Erwartung einer weltweiten Rezession
Bezogen auf die globale Situation zeigen die Umfrageergebnisse die latente Gefahr einer bevorstehenden Rezession durch die Corona-Einschränkungen. Auf Basis der ifo-Umfrage, an der 1000 Experten in 110 Ländern teilnahmen, soll die weltweite Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,9 Prozent schrumpfen. „Das ist eine beispiellos niedrige Zahl seit Beginn der Umfrage 1989“, so Dorine Boumans, Sebastian Link und Stefan Sauer vom ifo Institut.
Eurozone stark betroffen, China und Indien wachsen weiter

Besonders stark soll es die Eurozone mit minus 5,3 Prozent treffen und dort insbesondere Italien (minus 7 Prozent). Für Deutschland und Frankreich sehen die Experten jeweils minus 5 Prozent voraus, für Großbritannien minus 3,6 und für Spanien minus 3,4 Prozent. Die USA werden mit minus 4,6 Prozent veranschlagt, Brasilien mit minus 4,2 Prozent, Russland und Südafrika mit je minus 3,4 Prozent, Japan mit minus 3,3 Prozent. Selbst die Wachstumsweltmeister China und Indien werden nur noch geringfügig zulegen mit 2,3 und 2,5 Prozent.

Betriebliche Probleme größer als neue Krankheitswellen bei Personal
Für die Experten ist eine Verringerung der Investitionen am problematischsten, gefolgt von einer Erhöhung der Staatsdefizite, einem Schrumpfen der Konsumausgaben, den Betriebsschließungen und Produktionstopps, den Quarantäne-Maßnahmen, den Störungen der Lieferketten und der Firmenpleiten. Die Folgen von Krankheitswellen beim Personal und Bankenpleiten stufen sie als gering ein.

Hilfreiche Gegenmaßnahmen
Als besonders hilfreiche Gegenmaßnahmen bezeichnen die Experten Liquiditätshilfen für kleinere wie größere Unternehmen, Steuerstundungen für Firmen, Ankäufe von Wertpapieren durch die Zentralbanken und vorübergehende Umsatzsteuersenkungen. Eher skeptisch sind sie bei Zinssenkungen, dauerhaften Steuersenkungen, Helikoptergeld und einer lockeren Bankenaufsicht.

Rückkehr zum Leistungsniveau vor der Krise
Eine Rückkehr zum Leistungsniveau vor der Krise wird von den vom ifo-Institut befragten Experten erst mit Zeitverzögerung erwartet. Am optimistischsten sind sie in den Schwellen- und Entwicklungsländern, wo 34 Prozent dies schon für das laufende Jahr erwarten. Für Afrika südlich der Sahara denken das rund 21 Prozent, für den Nahen Osten und Nordafrika knapp 19 Prozent. Das Schlusslicht bildet die EU, wo dies nicht einmal ganze 7 Prozent der befragten Experten schon für 2020 erwarten.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 04.05.2020