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22. Juni 2017

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Von der Quadratur des Wetters

Von der Quadratur des Wetters© piqs.de/scheka

Mit dem Emissionshandel wurde der Strompreis doppelt abhängig von Temperatur, Windstärke und Niederschlag. Je ungünstiger diese Werte ausfallen, desto teurer werden auch die CO2-Zertifikate an der Leipziger Strombörse EEX. Und diesen Preisanstieg geben die Stromerzeuger eins zu eins an ihre Abnehmer weiter.

CO2-Zertifikate sind ein begrenztes Gut. Etwa so wie UMTS-Mobilfunklizenzen. Nur: Während Letztere für unglaubliche Beträge versteigert wurden, haben sich die Staaten in Sachen Klimaschutz für die kostenlose Zuteilung der CO2-Zertifikate an Energiewirtschaft und Industrie entschieden. In der EU macht dieses Geschenk heute einen Gegenwert von rund 130 Mrd. Euro aus. Viel zu großzügig. Denn: Seit einem Jahr werden die Ausstoßrechte für CO2 auch an der Strombörse EEX gehandelt. Nur: Die Liquidität dieser Geschäfte ist äußerst bescheiden, das Volumen also sehr gering. Der Preismanipulation mit relativ geringen Mitteln ist so Tür und Tor geöffnet. Und das ist nicht unerheblich: Denn der Preis an der EEX gilt als Referenzwert für alle Lieferverträge an die Stromabnehmer – kann er höher gehalten werden, bedeutet das auch höhere Gewinne. Je teurer also die Tonne CO2 gehandelt wird, umso höher auch der Preisaufschlag, den die Stromproduzenten ihren Abnehmern aufbrummen. Rund die Hälfte ihrer Kosten für die neu benötigten Ausstoßrechte werden in der Regel auf die Konsumenten abgewälzt, so die Experten der EEX.

„Vielen Versorgern ist es gelungen, GratisZertifikate in ihre Strompreise einfließen zu lassen“, bestätigt auch Österreichs Energieregulator Walter Boltz. Er plädiert überhaupt dafür, die CO2-Zertifikate künftig zu versteigern und die Erlöse in Klimaschutzprojekte fließen zu lassen. Neben den Auswirkungen des CO2-Handels auf den StromGroßhandelspreis in Europa wirken sich freilich die hohen Anstiege von Öl-, Erdgas- und Kohlepreis auf die Energieerzeugung aus. Zur „Quadratur des Wetters“ schließlich kommt es, indem etwa bei kaltem Winter nicht nur mehr geheizt werden muss – um vier Euro verteuert sich das Megawatt Strom je Grad Celsius weniger –, sondern dadurch auch zusätzliche Kraftwerke angefahren werden müssen, die vorrangig auf fossile Energieträger zurückgreifen. Und das erhöht wiederum den Bedarf an CO2-Zertifikaten, die sich an der EEX in Folge verteuern und – richtig – den Strompreis noch einmal verteuern. Politisch sind diese Strompreiserhöhungen ja durchaus gewollt – CO2-Zertifikate sollen schließlich einen Lenkungseffekt erzielen. Nur: Die Staaten als solche profitieren nur indirekt davon, indem sie an den größten Energieversorgern in der Regel beteiligt sind. Entsprechend haben Investmentbanker diesen durch den Emissionshandel bedingten Preisanstieg schon vor Jahren erwartet und die Aktien großer Stromversorger zum Kauf empfohlen.

Atomindustrie profitiert
Besondes prekär an den „grünen“ Klimaschutz-Ambitionen sind auch die indirekten Konsequenzen: So profitiert von der Einpreisung der CO2-Zertifikate in die Großhandelspreise vor allem und nicht zuletzt die Atomindustrie. Nachdem ein AKW völlig CO2-neutral produziert, muss es auch künftig keinerlei CO2-Zertifikate zukaufen, kann aber dennoch den Strom teurer absetzen. Umgekehrt gilt das natürlich auch für große Wasserkrafterzeuger wie den Verbund. Kritisch muss man diesbezüglich auch Strom aus Windkraft bewerten: Denn die notwendige Ausgleichsenergie bei Windflauten hat denselben Effekt wie die in einem kalten Winter oder trockenen Sommer. In Summe verhindere, so Boltz, der Emissionshandel den europäischen Stromwettbewerb, „indem er für zu hohe Eintrittsbarrieren in Drittmärkte sorgt“. Hinzu komme, dass „die Verwaltung der CO2-Zertifikate in manchen Ländern überaus leger gehandhabt wird“. Von einer „schier endlosen Zuteilung von CO2-Zertifikaten an manche Kraftwerksbauer“ wird gemunkelt. Ein laxer Umgang mit den CO2-Zertifikaten wie mit den Maastricht-Kriterien sei vorprogrammiert.

In ihrer groß angelegten Untersuchung zur europäischen Energiewirtschaft kommt die EU-Kommission jedenfalls zu dem Schluss, das die nationalen Märkte nicht zusammenwachsen – die Integration ist bis dato nicht gelungen. Nach wie vor halten die jeweils drei größten Energieversorger eine beträchtliche Marktmacht und agieren so als Oligopol. Vom angepeilten Ziel, dass jedes Land mindestens zehn Prozent des eigenen Stromaufkommens mit anderen Ländern austauscht, ist man noch weit entfernt. Und anstatt in den bilateralen Netzausbau zu investieren, werden von den jeweiligen Regelzonenführern lieber Auktionen zu beschränkten Kapazitäten an den Grenzen durchgeführt. Lukrativ für den Regelzonenführer, kontraproduktiv für Europa. Damit nicht genug: Während Finanz- und Warenbörsen allerorts ihren Marktteilnehmern strikte Transparenz verordnen, herrscht an der Strombörse Nachrichtenflaute. Welche Kraftwerke gerade heruntergefahren werden oder weiter in Betrieb sind – essenzielle Daten für den Stromhandel – wissen hier nur die Kraftwerksbetreiber selbst. Ein unfairer Vorsprung: Sie können so billigen Strom einkaufen, fahren ihr Kraftwerk herunter und verkaufen ihn teurer wieder weiter. So einfach.

Abgeschottete Gasmärkte
Noch schlimmer ist es um den Gasmarkt bestellt. Zwar würden physikalisch 15 bis 25 Prozent freie Importkapazitäten in den Pipelines aus Russland, Norwegen und Algerien vorhanden sein. Blockierende Reservierungsverträge weniger Gasimporteure verhindern hier aber jedwede Marktbelebung schon im Ansatz. Bis 2017 gibt es insbesondere auf der West-OstVerbindung so gut wie keinen Sekundärmarkt – alle Kapazitäten sind durch Langfristverträge restlos ausgebucht. Summa summarum: Der Klimaschutzmechanismus ist noch wenig ausgereift. Am Gasmarkt herrscht kein Wettbewerb. Aber immerhin: „Steigende Preise sind beim Strom nicht mehr zu erwarten“, sagt Boltz.

Ausgewählter Artikel aus Printausgabe 01/2006

Markus Zwettler, Economy Ausgabe 01-01-2006, 09.02.2017