
Angst vorm heißen Thema
Ulrich Körtner : „Fehlende Regelungen wirken sich forschungshemmend aus.“ Der Medizinethiker sagt, dass Österreichs Politiker und Politikerinnen überfällige Gesetze zur Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik wegen drohender Kontroversen vermeiden.
„Weil das so ein heißes Thema ist, rühren wir das besser nicht an.“ Diese Aussage einer Politikerin ist der Sukkus aus den Interviews, die der Soziologe Erich Grießler mit Beamten, Politikern und Politikerinnen zur Stammzellforschung geführt hat. Genauer gesagt : zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen in Österreich.
Da herrscht eine kuriose Situation mit Verboten, Gesetzeslücken und der Weigerung, diese zu schließen – aus Angst vor der Diskussion über die Frage, wann Leben beginnt, und den Gräben, die dabei aufgerissen werden könnten. Weshalb die Frage seit Jahren nicht angetastet wird und Forschung an humanen embryonalen Stammzellen eben anderswo stattfindet. Obwohl sie, aufgrund einer Gesetzeslücke, in Österreich sogar machbar wäre.
Forschung in der Gesetzeslücke
Doch die Gesetzeslücke wirkt sich forschungshemmend aus. „Niemand hat Lust darauf, wegen vermeintlich unethischer Forschungen in der Öffentlichkeit am Pranger zu stehen“, sagt der evangelische Theologieprofessor und Medizinethik-Experte Ulrich Körtner.
Als der damals stellvertretende Leiter des Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) Erwin Wagner an humanen embryonalen Stammzellen forschen wollte, nachdem er jahrelang an Mäusestammzellen geforscht hatte, gab er eine Studie beim Rechtsprofessor Christian Kopetzki in Auftrag, um sich abzusichern. Der versicherte ein rechtliches Okay. Weil die in der Forschung verwendeten Stammzellen nicht totipotent, sondern nur mehr pluripotent sind, solche Zellen aber durch das Fortpflanzungsmedizingesetz in Österreich nicht geregelt sind. Totipotente Zellen sind entwicklungsfähige Zellen, aus denen ein Mensch werden könnte. Entwicklungsfähige Zellen dürfen laut Gesetz nur zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung verwendet werden.
Die Forschung an Stammzellen dient dazu, Therapien gegen Krankheiten zu entwickeln. Dabei wird an embryonalen Stammzellen, an adulten Stammzellen und an Zellen, die zu Stammzellen umprogrammiert wurden, geforscht. Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler hält alle Methoden für derzeit notwendig. Die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen wird in den meisten Ländern streng geregelt. In Österreich gibt es keine Regelung.
Die 25-köpfige Bioethikkommission des Bundeskanzleramts hat mit großer Mehrheit im März 2009 empfohlen, eine liberale Regelung zur Stammzellforschung auszuarbeiten. Das ist aber nur eine der Fragen, mit denen sich die Kommission beschäftigt. Ihr Mitglied Ulrich Körtner spannt den Bogen der biomedizinischen Ethikfragen weit.
economy : Vor 32 Jahren wurde das erste in vitro gezeugte Baby geboren. Nun ist die Rocksängerin Gianna Nannini mit 54 schwanger, und „Sex and the City“-Star Sarah Jessica Parker bekam Zwillinge durch eine Leihmutter. Wie stehen Sie, wie steht die evangelische Kirche zu diesen Entwicklungen ?
Ulrich Körtner : Die offizielle Haltung der evangelischen Kirche gegenüber In-vitro-Fertilisation ist zurückhaltend. Sie wird nicht grundsätzlich abgelehnt, doch gibt es Bedenken gegenüber den Auswüchsen wie Leihmutterschaft. Ich bin in der Frage kritisch, weil ich an das Kindeswohl denke – was es für ein Kind bedeutet, wenn es 20 wird, und die Mutter ist bereits 74.
Was sagen Sie dann zu späten Vätern wie Wolfgang Ambros und Niki Lauda, die beide um die 60 Jahre alt sind und beide vor kurzem Zwillinge bekamen ?
Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Ich will auch keine Ungleichbewertung von Männern und Frauen. Doch Schwangerschaften jenseits des Klimakteriums sowie Frauen, die im Großmutteralter als Leihmutter ein Kind für ihre Tochter austragen, finde ich problematisch.
Wie ist die offizielle Lehrmeinung der evangelischen Kirche ?
Die evangelische Kirche kennt kein zentrales Lehramt. Es gibt Stellungnahmen einzelner Kirchen zur In-vitro-Fertilisation, aber die stammen aus den 1980er Jahren. Derzeit wird diskutiert, ob diese Stellungnahmen einer Revision unterzogen werden sollten, weil sie zu restriktiv seien.
Haben sich die moralisch-ethischen Ansichten durch die gelebte Realität verändert ?
Ja, und durch die Erfahrungen. Es geht darum, die moderne Reproduktionsmedizin wirklichkeitsgerecht mit theologischen Überzeugungen zu verbinden. Seit dem ersten in vitro gezeugten Baby wurde eine Lawine biomedizinischer Möglichkeiten losgetreten. So haben sich die evangelischen Kirchen wiederholt zur Präimplantationsdiagnostik zu Wort gemeldet.
Humangenetiker Markus Hengstschläger fordert die Erlaubnis der Präimplantationsdiagnostik. Derzeit darf eine befruchtete Eizelle vor Einsetzung in die Gebärmutter nicht getestet werden, danach aber schon. Sollte der Embryo geschädigt sein, kann er abgetrieben werden. Diese Regelung sei scheinheilig.
Ja, die Mehrheit in der Bioethikkommission hat schon vor Jahren dafür plädiert, die Präimplantantionsdiagnostik zumindest in eingeschränktem Maß zuzulassen.
Warum wird das nicht getan ?
Das ist eine politische Frage. Vor der Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes 2005 versuchte die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, die Präimplantationsdiagnostik mit aufzunehmen. Ihr Vorstoß scheiterte an politischem Widerstand. An Protesten der katholischen Kirche und Vereinigungen wie Aktion Leben.
Auch eine Regelung der Stammzellforschung ist überfällig. Erwin Wagner hat am IMP mit humanen embryonalen Stammzellen geforscht. Das konnte er nur wegen einer Lücke im Gesetz tun. Der österreichische Weg sei derjenige, nichts auszudiskutieren, sagt Wagner.
Wir haben in der Bioethikkommission eine Empfehlung dazu erarbeitet. Eine Mehrheit der Kommission sprach sich für Forschung an embryonalen Stammzellen und eine gesetzliche Regelung aus. Aber politisch ist nichts weitergegangen. Der damalige Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat eine interministerielle Arbeitsgruppe eingesetzt – das sicherste Mittel, um etwas zu schubladisieren. Doch auch die Scientific Community zeigte kein brennendes Interesse, für ein Gesetz Lobbying zu machen.
Wird in Österreich derzeit mit embryonalen Stammzellen geforscht ?
Von konkreten Projekten ist mir nichts bekannt, seit Erwin Wagner nach Spanien gegangen ist. Doch der Bedarf an einer gesetzlichen Regelung besteht nach wie vor. Fehlende Regelungen führen nicht dazu, dass ein Land zum Forschungseldorado wird. Sie wirken sich forschungshemmend aus. Niemand hat Lust darauf, wegen vermeintlich unethischer Forschungen in der Öffentlichkeit am Pranger zu stehen. Am IMP und an den Perutz Laboratories machen die Leute international beachtete Stammzellforschung, aber sie arbeiten mit tierischen Zellen. Da Österreich in der Frühphase, in der sich diese Forschung entwickelte, nicht mitgespielt hat, ist der Zug vielleicht bereits abgefahren. Man könnte nun schauen, wo es Nischen gibt. Aber das sind Fragen jenseits der Ethik.
Wird die Forschung nun anderswo gemacht, weil die österreichische Politik zu feig war, die Frage zu diskutieren und zu entscheiden ?
Genau. Möglicherweise forschen österreichische Wissenschaftler im Ausland an humanen embryonalen Stammzellen.
Was sind die drängendsten ethischen Fragen ?
Bei der Stammzellforschung ist es die Weiterentwicklung in Chimärenbildung. Man erzeugt Zellen, die eine Mischung aus tierischem und menschlichem Gewebe sind. Es ist sehr umstritten, ob das ethisch ist oder nicht, ob die Menschenwürde dabei verletzt wird. Ich sehe das nicht so. Unethisch wäre, mit solchen Zellen eine Schwangerschaft herbeizuführen. Es wird auch daran gearbeitet, Zellen künstlich herzustellen, künstliche lebensfähige Zellen oder Organismen zu schaffen.
Das ist doch schon gelungen ! Das hat Craig Venter gemacht.
Aber er hat die Zelle nicht selber geschaffen, sondern ein Bakterium genommen und künstlich produzierte DNA reingesetzt. Das haben die Medien knalliger dargestellt als es war. Aber ich will das nicht kleinreden. Man könnte mit synthetischer Biologie Bakterien schaffen und sie für die industrielle Produktion von Wirkstoffen in der Pharmaindustrie oder der chemischen Industrie anwenden. Die ethischen Probleme in der synthetischen Biologie sind nicht neu – die kennen wir schon aus der Gentechnikdebatte. Wichtig ist auch, was als Enhancement bezeichnet wird – dazu zählt die plastische Chirurgie, wenn sie aus ästhetischen Gründen eingesetzt wird. Oder Neuroenhancement, wenn Menschen Stimmungsaufheller nehmen oder Medikamente, um ihre intellektuellen Kapazitäten zu steigern, zum Beispiel vor einer Prüfung oder einer Bewerbung. Soll es erlaubt sein, dass Menschen nach freier Wahl irgendwelche Pillen einwerfen ?
Was ist Ihre Haltung ?
In einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft muss man sich fragen, wo der Gesetzgeber Grenzen ziehen muss und wo man den Menschen freistellt, was sie mit ihrem Körper machen. Ich hätte Bedenken bei einer zu restriktiven Rechtsordnung. Weil wir auch Alkohol und andere Drogen als Mittel des Konsums erlauben. Auch Rauchen ist gesundheitsschädlich. Aber wir haben das Rauchen nicht grundsätzlich verboten, wir greifen nur ein, wo sich Dritte belästigt fühlen. Aber wenn sich einer zu Tode paffen will, soll er es machen.