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Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung (nicht) für alle

Jedem zwei­ten HIV-Infi­zier­ten Afri­kas fehlt der Zugang zu Medi­ka­men­ten. An Durch­fall­erkran­kun­gen ster­ben welt­weit mehr Men­schen als an Aids und Mala­ria zusam­men. Patent-Pools gel­ten als ein Lösungsansatz.

Gilead Sci­en­ces ist eine der Sili­con-Val­ley-Erfolgs­ge­schich­ten : Ende der 1980er Jahre von einer Hand­voll Leu­ten gegrün­det ; Finan­ciers, die gedul­dig durch­hal­ten und belohnt wer­den ; stra­te­gi­sche Zukäufe, bis das Unter­neh­men auf dem HIV-Arz­nei­mit­tel­markt vorne mit dabei ist. Nor­bert Bischof­ber­ger, For­schungs­chef und Teil­ha­ber, spricht unver­krampft über Phar­ma­geld. Er berich­tet von einer Umsatz­ver­fünf­fa­chung inner­halb weni­ger Jahre und dass 83 Pro­zent des Erlö­ses von Tablet­ten zur anti­re­tro­vi­ra­len The­ra­pie von HIV-Pati­en­ten stammen.
Die Ver­ein­ten Natio­nen schät­zen, dass im Afrika süd­lich der Sahara rund 23 Mio. Men­schen mit HIV infi­ziert sind oder Aids haben. Etwa der Hälfte davon fehlt der Zugriff auf Medi­ka­mente. Weil Vor­sor­ge­maß­nah­men nur bedingt grei­fen, brei­tet sich der Virus viel zu schnell aus. In Swa­si­land etwa ist jede fünfte Frau im Alter zwi­schen 15 und 24 Jah­ren betroffen.

Alter­na­tive zu Preisstufen
Eine der Mög­lich­kei­ten, Medi­ka­mente für die Bevöl­ke­rung ärme­rer Län­der zugäng­lich zu machen, sind Patent-Pools. Meh­rere Phar­ma­un­ter­neh­men wer­fen dabei ihre Patente in einen Topf, die Pro­fite wer­den geteilt. Lizenz­neh­mer sol­len damit Gene­rika für die Bevöl­ke­rung in den Ent­wick­lungs­län­dern schnel­ler ver­füg­bar machen. Der Vor­teil ist, dass Lizenz­neh­mer nicht mit jedem ein­zel­nen Patent­hal­ter ver­han­deln müs­sen, son­dern sich an die Bestim­mun­gen des Pools hal­ten. Phar­ma­un­ter­neh­men ver­zich­ten dabei auf ihre Exklu­siv­ver­triebs­rechte in bestimm­ten Regio­nen, ein Schritt, der oft nur zöger­lich geschieht.
„Ich glaube, das ist eine schlechte Idee“, so Bischof­ber­ger. Wenn meh­rere Unter­neh­men etwas gemein­sam machen wür­den, funk­tio­niere das nur sel­ten. „Wir geben unsere Medi­ka­mente ein­fach an Ent­wick­lungs­län­der wei­ter und ver­rech­nen nur die Her­stel­lungs­kos­ten“, führt der gebür­tige Vor­arl­ber­ger die Alter­na­tive aus. Rund eine halbe Mio. Pati­en­ten wür­den auf diese Weise in Ent­wick­lungs­län­dern ver­sorgt. Das kali­for­ni­sche Unter­neh­men unter­schei­det in der Preis­ge­stal­tung vier Stu­fen : An einem Ende befin­den sich rei­che Staa­ten wie die USA, Kanada, Aus­tra­lien oder die Euro­päi­sche Union, am ande­ren Ende ist Afrika. Dazwi­schen lie­gen Schwel­len­län­der wie Bra­si­lien. Wie sich Gilead das leis­tet : „Weil wir in den USA gutes Geld ver­die­nen“, sagt Bischofberger.

Knappe Ver­tei­lung
Der HIV-Sek­tor in der Phar­ma­in­dus­trie befin­det sich im Umbruch, doch die Ver­än­de­run­gen gehen tie­fer. Viele Unter­neh­men nähern sich in den nächs­ten vier Jah­ren einer „Patent­klippe“: Das Exklu­siv­recht für zahl­rei­che ein­träg­li­che Medi­ka­mente fällt zuguns­ten der Her­stel­lung von Gene­rika. Um ihre Kräfte zu bün­deln, glie­der­ten zuletzt etwa Glaxo Smith Kline und Pfi­zer ihre HIV-Berei­che in ein eige­nes, gemein­sa­mes Unter­neh­men aus. Gleich nach des­sen Grün­dung erging von Unitaid, einer gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­tion, die Medi­ka­mente zu güns­ti­gen Kon­di­tio­nen ein­kauft, eine Ein­la­dung zur Teil­nahme an einem Patent-Pool. Unitaid hält eine inter­na­tio­nal starke Posi­tion : Die Mischung aus gro­ßen Bud­gets – die Finan­zie­rung erfolgt unter ande­rem über den Soli­da­ri­täts­zu­schlag auf Flug­ti­ckets – und der Garan­tie hoher Abnah­me­zah­len macht die Phar­ma­in­dus­trie auf­nah­me­be­reit für For­de­run­gen der Orga­ni­sa­tion. Als Ver­tei­ler agie­ren schließ­lich Unicef oder die Wil­liam J. Clin­ton HIV/​Aids Initiative.
In Afrika hin­ter­lässt die hohe Zahl an Aids-Erkran­kun­gen tiefe gesell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Wun­den. Die Betreu­ung der Kran­ken wird von der jun­gen Gene­ra­tion über­nom­men, damit kommt etwa Schul­bil­dung zu kurz. Gleich­zei­tig ist die starke Kon­zen­tra­tion der Hilfe auf HIV durch­aus umstrit­ten. Die Kos­ten für HIV-Medi­ka­mente, die lebens­lang ein­zu­neh­men sind, rücken die Behand­lung ein­fa­cher Krank­hei­ten in den Hin­ter­grund. Die Unicef zählt jähr­lich 1,5 Mio. Klein­kin­der, die in Ent­wick­lungs­län­dern an Durchfall­erkrankungen wie Cho­lera ster­ben – weit mehr Opfer als Aids und Mala­ria zusam­men for­dern. Hier könn­ten bereits bil­lige Zink­ta­blet­ten und die soge­nannte WHO-Trink­lö­sung, eine Mischung aus Elek­tro­ly­ten, Trau­ben­zu­cker und Koch­salz, helfen.
Erschwert wird die Ver­sor­gung von Ent­wick­lungs­län­dern mit Gene­rika durch eine unsi­chere Rechts­si­tua­tion. Laut einem Bericht von Oxfam und Health Action Inter­na­tio­nal beschlag­nahm­ten Deutsch­land und die Nie­der­lande inner­halb des letz­ten Jah­res 19 Schiffs­la­dun­gen mit Medi­ka­men­ten. Der Groß­teil davon kam aus Indien, Bestim­mungs­orte waren vor allem Län­der Latein­ame­ri­kas. Als Grund nann­ten die Behör­den ver­meint­li­che Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen. Oxfam hält ent­ge­gen, dass die Frach­ten laut Richt­li­nien der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­tion rech­tens gewe­sen seien.

Schwei­negrip­pe­imp­fung
Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion hofft der­zeit dar­auf, dass die Phar­ma­in­dus­trie 200 Mio. Impf­do­sen gegen den Schwei­negrip­pe­vi­rus spen­det. Diese sol­len an ins­ge­samt 95 ärmere Län­der ver­teilt wer­den. Glaxo Smith Kline sagte zuletzt 50 Mio. Stück zu, Sanofi-Aven­tis davor bereits 100 Mio. Ein­hei­ten. Ob alle 95 Staa­ten den Impf­stoff anneh­men, ist aller­dings noch unsi­cher, da die Über­nahme einen Haf­tungs­aus­schluss gegen­über den Her­stel­lern bedeutet.
Die Debatte über einen ange­mes­se­nen Preis von Arz­nei­mit­teln ist so alt und gleich­zei­tig aktu­ell wie die betriebs­wirt­schaft­li­che Rech­nung dahin­ter. „Wir sind der Mei­nung, da wir das Risiko tra­gen und die Inno­va­tion lie­fern, steht uns auch ein Ertrag von unse­rem Geld zu“, sagt der Bio­che­mi­ker Bischof­ber­ger. Die gemisch­ten Gefühle, die in Europa rasch in Vor­würfe umschla­gen, wenn es um idea­lis­ti­sche Wis­sen­schaft gepaart mit finan­zi­el­lem Wohl­stand geht, kennt er. Über die Ursa­chen ist er sich im Unkla­ren : „Viel­leicht hängt es damit zusam­men, dass vie­les von der Regie­rung gemacht wird.“

Autor:
20.11.2009

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