Zum Inhalt

Auf der Suche nach der Zeit

Peter Hein­tel : „Die Ziel­vor­ga­ben wer­den immer mehr gestei­gert. Wer sein Ziel erreicht hat, kriegt noch etwas drauf­ge­packt.“ Der Phi­lo­soph grün­dete vor 20 Jah­ren den „Ver­ein zur Ver­zö­ge­rung der Zeit“ . Seit­her ist alles noch schnel­ler geworden. 

Da hetzt man die Treppe hin­auf, zu einem Bespre­chungs­ter­min mit einem Kun­den, der Zuspät­kom­men hasst. Auf einer ver­eis­ten Stufe rutscht man aus, ver­knackst sich den Knö­chel, und zeit­gleich mit dem Schmer­zens­schrei blinkt ein Satz im Hirn auf : „Wenn du es eilig hast, gehe lang­sam.“ Jaja, Dalai Lama oder wer immer das gesagt hat, du hast ja recht.
Im Büro war­ten zehn Auf­ga­ben, von denen bes­ten­falls drei noch zu schaf­fen sind, denn ab mor­gen ist Ski­ur­laub ange­sagt. Den Urlaub um zwei Tage ver­schie­ben ? Das gäbe Krieg zu Hause. Wenn sich doch die Zeit ver­zö­gern ließe !
So einen Gedan­ken haben kluge Köpfe im Jahr 1990 auch gehabt. Da grün­de­ten Peter Hein­tel und ein paar sei­ner Phi­lo­so­phen-Kum­pane den „Ver­ein zur Ver­zö­ge­rung der Zeit“. Es war der frühe Tod eines Freun­des, der Hein­tel die Kost­bar­keit der Zeit schät­zen ließ. Und seine Erfah­rung als Bera­ter von Unter­neh­men, als Beob­ach­ter von Grup­pen­dy­na­mik. Also emp­fah­len die Ver­eins­meier Ent­schleu­ni­gung. Wer Mit­glied im Ver­ein wer­den wollte, ver­pflich­tete sich, „inne­zu­hal­ten und dort zum Nach­den­ken auf­zu­for­dern, wo blin­der Akti­vis­mus und par­ti­ku­lä­res Inter­esse Schein­lö­sun­gen pro­du­zie­ren“. Klingt auch 20 Jahre spä­ter wie eine höchst aktu­elle, sehr drin­gende For­de­rung an die Poli­tik, an die Wirt­schaft, an uns alle.

eco­nomy : Sind Sie mit der Ver­zö­ge­rung der Zeit nicht kolos­sal gescheitert ?
Peter Hein­tel : Ober­fläch­lich, ja. Im Den­ken der Men­schen, nein. Ent­schleu­ni­gung war zur Zeit unse­rer Ver­eins­grün­dung kein wirk­lich dis­ku­tier­tes Thema. Die fak­ti­sche Ent­wick­lung hat zu noch mehr Zeit­ver­dich­tung und Beschleu­ni­gungs­pro­zes­sen geführt. Es klingt blöd idea­lis­tisch, wenn man sagt, dass nun die Bewusst­seins­bil­dung fort­ge­schrit­ten ist. Doch in der Wirt­schaft hat man erkannt, dass Beschleu­ni­gung und Druck­aus­übung öko­no­misch inef­fi­zi­ent sein kön­nen. Es gibt auch Leute in der Wirt­schaft, die die Inno­va­ti­ons­hys­te­rie – man schafft stän­dig Neues und ver­kürzt die Pro­dukt­zy­klen immer mehr – nicht für ver­nünf­tig halten. 

Was kann man als Ein­zel­ner, der unter dem Druck lei­det, machen ? 
Wenn jemand sehr unter Zeit­druck lei­det, soll er sich eine Woche beob­ach­ten. Er wird drauf­kom­men, dass das eine oder andere unnö­tig war. Es gibt Zeit­spiel­räume, die nicht für Ent­schleu­ni­gung, Inne­hal­ten, Über­le­gen, Sinn­be­stim­men genutzt wur­den. Mit einem Zeit­ta­ge­buch kommt man auf eini­ges drauf.

Unter mei­nen Bekann­ten nimmt Burn-out zu, viele bre­chen zusam­men. Ist den Unter­neh­men bewusst, dass sie die Leute an die Gren­zen ihrer Leis­tungs­fä­hig­keit treiben ?

Das ist auf eigen­ar­tige Weise wider­sprüch­lich. Die eine Seite sieht : „Die sind an der Grenze.“ Die andere Seite sagt : „Könnte nicht noch was drin­nen sein?“ Das sieht man an den Ziel­ver­ein­ba­run­gen, die in Wirk­lich­keit Ziel­vor­ga­ben sind. Die Ziel­vor­ga­ben wer­den immer mehr gestei­gert. Wer sein Ziel erreicht hat, kriegt noch etwas drauf­ge­packt. Dann heißt es : „Der ist noch nicht am Limit.“ Das ist pro­ble­ma­tisch. Wenn Sie Ihr Ziel erfül­len, sind Sie stolz dar­auf. Wenn Sie dann aber etwas drauf­ge­packt bekom­men, wird Ihnen der Erfolg genom­men. Das ist demo­ti­vie­rend. Wenn ich dau­ernd Druck kriege, bis zum Burn-out, fällt meine Krea­ti­vi­tät aus. Wie moti­viert man Men­schen ohne Druck, wie moti­viert man sich sel­ber, um das Maxi­mum, das ver­langt ist, zu geben ? Das Maxi­mum, aber nicht mehr – keine Selbstausbeutung. 

Es gibt ein Unter­neh­men, das Mit­ar­bei­ter, die zu viele Über­stun­den ange­häuft haben, am Wochen­ende nicht mehr ins Büro­ge­bäude lässt. Ken­nen Sie sol­che Fälle ? 
Ich kenne Fir­men, die am Frei­tag ab einer bestimm­ten Zeit ein E‑Mail-Ver­bot haben. Dann geht kein E‑Mail mehr raus oder rein. Wir haben noch kei­nen befrie­di­gen­den Umgang mit die­ser tech­no­lo­gi­schen Kul­tur gefun­den. Wenn mir jemand um 23:20 Uhr ein E‑Mail schickt und ich es am nächs­ten Mor­gen lese, denke ich, dass ich sofort ant­wor­ten muss. Doch kurz­fris­tige, unüber­legte Ant­wor­ten füh­ren oft zu wei­te­rem E‑Mail-Ver­kehr. Bei einer Soft­ware-Firma haben sich die Leute sogar von Zim­mer zu Zim­mer E‑Mails geschrie­ben, statt den Kopf aus dem Zimm­mer raus­zu­ste­cken und zu reden. Das hatte den Vor­teil, dass man alles schwarz auf weiß hatte, was für das Kon­troll­sys­tem wich­tig war. Als die Firma auch mit einem Kun­den nur per E‑Mail kom­mu­ni­zierte, war der Kunde sehr befrem­det, wie die Firma mit die­ser Art der Kom­mu­ni­ka­tion Pro­bleme wie Rekla­ma­tio­nen bewäl­ti­gen wollte.

Viele Müt­ter redu­zie­ren ihre Arbeits­zeit. Die Sozio­lo­gin Helen Peter­son hat in Schwe­den zehn Paare mit Kin­dern unter­sucht, bei denen jeweils Mann und Frau IT-Experte und ‑Exper­tin sind. Alle Frauen und drei der Män­ner hat­ten ihre Arbeits­zeit redu­ziert. Im End­ef­fekt arbei­te­ten die Frauen auch abends und nah­men auf dem Spiel­platz Anrufe von Kun­den ent­ge­gen. Genau des­halb redu­zier­ten die Män­ner ihre Arbeits­zeit nicht : weil sie zwar gleich lang, aber für weni­ger Geld arbei­ten würden.
Wir wis­sen schon lange, dass Teil­zeit dazu neigt, zu über­bor­den. Halb­tags war immer ein Drei­vier­tel­tag. Wenn alle voll arbei­ten und Sie ver­ab­schie­den sich, obwohl viel zu tun ist, krie­gen Sie ein schlech­tes Gewis­sen. Frauen ste­hen unter einem dop­pel­ten psy­chi­schen Dau­er­druck. Sie sind im Beruf zu wenig prä­sent – Prä­senz und Ver­füg­bar­keit sind oft die Haupt­kri­te­rien für Erfolg. Und sie haben für die Fami­lie ihrer Mei­nung nach zu wenig Zeit. Bei solch wider­sprüch­li­chen Ver­hält­nis­sen wie Beruf und Fami­lie – beide for­dern die volle Ver­füg­bar­keit – ist ein Kon­flikt unver­meid­bar. Man muss sich zu Hause hin­set­zen und das durch­dis­ku­tie­ren : Was wol­len wir von­ein­an­der, wie orga­ni­sie­ren wir das ? Dann muss man Ver­ein­ba­run­gen tref­fen – auf Zeit, da geht es ja nie ums ganze Leben. Doch das geschieht viel zu wenig. Statt­des­sen ope­riert man mit Schuld­zu­wei­sun­gen und schlech­tem Gewissen.

Sie haben in Ihrem Buch „Inne­hal­ten“ geschrie­ben, was sich durch Via­gra in der Sexua­li­tät ver­än­dert. Man glaube, die Zeit ver­kür­zen zu kön­nen, Vor­spiel und Nach­spiel seien nicht mehr not­wen­dig, man müsse sich nicht mehr „anstren­gen“, damit der Mann „potent“ sei.
Habe ich das geschrie­ben ? Na, so was. Wenn Sexua­li­tät etwas mit Nähe und Liebe zu tun hat, ist es etwas ande­res als bloße Sexua­li­tät. Das braucht Zeit. Einige Men­schen brau­chen weni­ger, andere mehr Zärt­lich­keit, nicht unbe­dingt nur im sexu­el­len Sinne. Sexua­li­tät, kom­bi­niert mit etwas, was man gemein­hin als geschlecht­li­che Liebe bezeich­net, braucht eine zusätz­li­che Sorg­sam­keit, eine zusätz­li­che Zeit. Durch unsere gene­relle Beschleu­ni­gung und die Über­tra­gung des Leis­tungs­prin­zips auf die Sexua­li­tät ist das gefähr­det. Bei Via­gra muss die Sexua­li­tät getak­tet sein. Das nimmt sehr viel an Spon­ta­nei­tät weg, am von selbst ent­ste­hen­den Begeh­ren. Es hat immer Aphro­di­siaka gege­ben, ich möchte auch Via­gra nicht abwer­ten. Es kann zum sexu­el­len Lust­erle­ben bei­tra­gen, aber es nimmt eine Form von nicht spon­ta­ner Mess­bar­keit an. Das wol­len Sie auch schreiben ? 

Es geht um Zeit und Schnelligkeit.
Das muss ich schon sagen : Es gibt Berei­che, wo Geschwin­dig­keit etwas Wun­der­ba­res ist. Ich bin ja ein wil­der Ski­fah­rer. Ich gehe kaum mehr auf die Pis­ten, weil ich nicht schnell genug fah­ren kann, nur mor­gens und abends, wenn keine Leute da sind. Das ist Lust. Wir leh­nen Geschwin­dig­keit nicht gene­rell ab. Bei logis­ti­schen Pro­zes­sen soll ein Unter­neh­men beschleu­ni­gen, so viel es will, wenn es sinn­voll ist. 

Es gibt einen Bereich, wo es nicht schnell genug gehen kann : beim Kli­ma­schutz. Seit zehn Jah­ren reden wir von der Dring­lich­keit, doch es pas­siert wenig, die Poli­tik ist lahm, und die Men­schen sind lang­sam beim Umden­ken und Handeln.
Na ja. Da spre­chen Sie ein gro­ßes Thema an. Man kann das Ganze auf sys­te­mi­sche und poli­ti­sche Ursa­chen zurück­füh­ren. Ich bin opti­mis­tisch. Als ich jung war, gab es Umwelt­pro­bleme über­haupt noch nicht. Res­sour­cen­knapp­heit und Kli­ma­schutz sind erst seit 30 Jah­ren ein Thema. Wenn man das angeht, bedeu­tet es einen Umbau der Wirt­schaft, und zwar welt­weit. Im Wes­ten geht es uns noch so gut, dass kei­ner den Lei­dens­druck hat, etwas zu ver­än­dern. Mit dem Glau­ben : Hun­dert Jahre haben wir noch Erdöl. So schnelle Ver­än­de­run­gen wie jetzt hat es his­to­risch noch zu kei­ner Zeit gege­ben. Dadurch haben sich die Pro­bleme radi­ka­li­siert, aber auch das Bewusst­sein über die Pro­bleme hat welt­weit stark zuge­nom­men. Wir haben in der Geschichte noch nie erlebt, dass wir glo­bal han­deln müs­sen. Wir sind am Anfang eines müh­sa­men Prozesses. 

Auch Wis­sen­schaft­ler sind weit ent­fernt vom Ent­schleu­ni­gen. Sie lei­den unter dem Publikationsdruck. 
Die Uni­ver­si­tä­ten haben Modelle aus der Wirt­schaft, wie Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen, über­nom­men. Es spricht nichts dage­gen, die gesell­schaft­li­che Rele­vanz von Wis­sen­schaft zu prü­fen. Doch nun wird die Arbeit mit einem Impakt­fak­tor und mit der Quan­ti­tät von Zita­ten inner­halb der letz­ten zwei Jahre bewer­tet. Wis­sen Sie, wie viel Blöd­sinn da raus­kommt ? Es wird gezählt, wie oft wer zitiert wird. Je mehr, desto bes­ser. Doch auch die wer­den zitiert, die Blöd­sinn schrei­ben. Einige grün­den Zitier­klubs und zitie­ren sich gegen­sei­tig – spiel­theo­re­tisch sehr schlau. Die­ses Sys­tem ist völ­lig daneben.

Sie haben sich sehr jung habi­li­tiert. Warum haben Sie so beschleunigt ?
Sie stel­len ein Argu­men­tum ad homi­nem ? Ich war ja auch nicht immer so klug, wie ich es heute bin. Mein Vater war Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie in Wien. Er hat öfters an mei­nen Fähig­kei­ten gezwei­felt, wie das bei Vätern so üblich ist. Ich musste mich also beweisen. 

Wie gehen Sie mit Ihrer Zeit um ? Ent­spannt ? Oder in der Tretmühle ?
Phi­lo­so­phie besteht im Nach­den­ken. Ich habe mir Zeit neh­men müs­sen, die andere nicht haben. Ich habe mich aber auch unter Druck gesetzt und viel in der Wirt­schaft gear­bei­tet. Das halte ich für ganz wich­tig für die Wis­sen­schaft, weil man sonst den Blick auf die Rea­li­tät verliert.

Autor:
29.01.2010

Weitere aktuelle Artikel

Natio­nal­bank mit Finanz­zah­len 2024. Net­to­ein­kom­men auf 290 Mrd. und Gesamt­ver­mö­gen auf 937 Mrd. Euro gestie­gen. Starke Spar­quote mit 30 Mrd. Euro als his­to­ri­scher Höchst­stand. Geringe Ver­schul­dung der Haus­halte und weni­ger Mit­tel für Investitionen. Die Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bank (OeNB) hat die aktu­el­len Finanz­zah­len der öster­rei­chi­schen Haus­halte für 2024 ver­öf­fent­licht und die ein­zel­nen Para­me­ter (wie gewohnt) detail­liert und […]
Zustim­mung in der deut­schen Bevöl­ke­rung für hohe Leis­tungs­kür­zun­gen bei Pflicht­ver­let­zung. Gleich­zei­tig Wunsch für mehr Mög­lich­kei­ten bei Zuver­dienst, wenn Bedürf­tige Arbeit begin­nen, so neue Stu­die von ifo-Insti­tut.  Die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land befür­wor­tet eine Reform beim Bür­ger­geld mit höhe­ren Leis­tungs­kür­zun­gen, so Bezie­her ihre Pflich­ten ver­let­zen soll­ten. Par­al­lel befür­wor­ten die deut­schen Bürger:innen eine Ver­bes­se­rung bei den Zuver­dienst­mög­lich­kei­ten, wenn […]
Magenta Tele­kom neu­er­lich Sie­ger bei renom­mier­tem Netz­test von con­nect. Der Tele­kom­dienst­leis­ter gewinnt mit Daten, Spra­che und Nut­zer­er­fah­rung alle Dis­zi­pli­nen und erhält Best­note „Über­ra­gend“. Wer als Unter­neh­mer oder fami­liär Pfle­ge­ver­ant­wort­li­cher etwa im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Wein­vier­tel auf ein funk­tio­nie­ren­des Mobil­funk­netz ange­wie­sen ist und dann als (Noch)Kunde eines ehe­mals staat­lich-öster­rei­chi­schen Tel­ko­be­trei­bers schnell aus dem Haus und mit dem Auto […]
Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs mit fokus­sier­tem Ultra­schall beein­träch­tigt Lebens­qua­li­tät der Pati­en­ten nicht so wie andere Metho­den. Neue Stu­die von Karl Land­stei­ner Pri­vat­uni Krems und nie­der­ös­ter­rei­chi­schem Uni­kli­ni­kum St. Pöl­ten bestä­tigt das nun. Pro­sta­ta­krebs zählt zu den häu­figs­ten Krebs­er­kran­kun­gen des Man­nes. Stan­dard­the­ra­pien wie etwa ope­ra­tive Ent­fer­nun­gen oder Radio­the­ra­peu­ti­sche Bestrah­lung kön­nen den Tumor zwar besei­ti­gen, füh­ren aber nicht sel­ten zu […]
Der qua­li­ta­tive Kunst­auk­ti­ons­markt funk­tio­niert. Aktu­ell fal­len wie­der Rekord­preise. Anzahl der Ver­käufe auch hoch. Ein Bei­spiel sind die Zeit­ge­nos­sen im Wie­ner Doro­theum. Am 3. Dezem­ber folgt Im Kin­sky nächste Auk­tion mit hoch­ka­rä­ti­gen Werken. 236 Mil­lio­nen Dol­lar für ein Werk von Gus­tav Klimt oder knapp 55 Mil­lio­nen für eine Male­rei von Frida Kahlo bei den aktu­el­len Kunst­auk­tio­nen […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram