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Auf Wolke Num­mer sieben

Cloud Com­pu­ting ist das Schlag­wort der IT-Bran­che. Dahin­ter steckt ein altes Kon­zept in neuer Auf­ma­chung. Doch die Vor­zei­chen sind heute anders. Eine ganze Bran­che steht nun vor dem Umbruch.

Viele Beob­ach­ter hal­ten Cloud Com­pu­ting für eine Revolu-tion der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie (IT). Nicht nur der ame­ri­ka­ni­sche Autor Nicho­las Carr ver­gleicht den Trend gerne mit dem Über­gang zu einer zen­tra­li­sier­ten, flä­chen­de­cken­den Strom­ver­sor­gung um die Wende zum 20. Jahr­hun­dert. Doch er hält dies auch in Buch­form fest. „Ein Jahr­hun­dert spä­ter wie­der­holt sich die Geschichte“, schreibt Carr in sei­nem Buch The Big Switch. IT hat heute einen ähn­li­chen Stel­len­wert wie die Elek­tri­zi­tät am Ende des 19. Jahr­hun­derts : Sie gehört zum Kern­be­stand des­sen, was Unter­neh­men ihr Kapi­tal nen­nen, und wird in vie­len Fäl­len sogar als eigene Unter­neh­mens­funk­tion ange­se­hen. Nun schickt IT sich an, zu einer Leis­tung zu wer­den, die über eine gemein­same Infra­struk­tur zur Ver­fü­gung gestellt und in vie­len Fäl­len sogar ver­brauchs­be­zo­gen abge­rech­net wird.
Es hat in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der Ver­su­che gege­ben, sol­che Infra­struk­tu­ren auf­zu­bauen. Es begann bereits in dern 1960er Jah­ren und dau­erte bis zum ASP-Hype (Appli­ca­tion Ser­vice Pro­vi­ding) der Dot­com-Blase. Als Nadel­öhr erwies sich immer wie­der die Band­breite der Daten­über­tra­gung, sodass genau das Gegen­teil Rea­li­tät ist. So schaffte es Bill Gates mit Win­dows und Office auf einen Groß­teil der Schreibtische.

Res­sour­cen teilen
Ist es eine sinn­volle Res­sour­cen­nut­zung, wenn Daten­zen-tren in den Unter­neh­men nur zu rund zehn Pro­zent aus­ge­las­tet sind, da sie auf Spit­zen­las­ten aus­ge­legt sein müs­sen, wel­che natur­ge­mäß nur sel­ten erreicht wer­den ? Ist es nicht ver­schwen­de­risch, dass laut einer Stu­die der Markt­for­scher von IDC 2005 nur 16 Pro­zent der Soft­ware, die Unter­neh­men kau­fen, auch tat­säch­lich genutzt wer­den ? Und ist es effi­zi­ent, Mil­lio­nen von Ver­sio­nen einer Appli­ka­tion auf eben so vie­len Mil­lio­nen von Maschi­nen zu installieren ?
Unter der Hand haben sich Lap­tops heute längst in „Web-tops“ ver­wan­delt, die sich alle nöti­gen Daten, Dienste und Appli-kat­io­nen aus dem Netz holen. Viele pri­vate Anwen­der nut­zen einen freien E‑Mail-Account bei Hot­mail, suchen Orte in Google Maps und bear­bei­ten ihre Bil­der mit­hilfe der Online-Ver­sion von Pho­to­shop. Unter­neh­men hin­ge­gen set­zen auf Soft­ware für Kun­den­be­zie­hungs­ma­nage­ment von Salesforce.com, die es nur über das Inter­net zu bezie­hen gibt. Die lau­fende Zunahme der Band­breite des Inter­nets macht es mög­lich. Der Com­pu­ter in der Cloud nimmt Gestalt an. Und eben diese Wolke stammt aus diver­sen Dia­gram­men, in denen das Inter­net als Wolke dar­ge­stellt wird. Cloud Com­pu­ting bedeu­tet also, das Inter­net als Com­pu­ter zu nutzen.
Die Schnitt­stelle, mit der der Nut­zer auf die Cloud zugreift, ist heute noch in den aller­meis­ten Fäl­len der Web­brow­ser. Wäh­rend her­kömm­li­che Brow­ser sich dabei am Modell eines Doku­ments ori­en­tier­ten, das der Nut­zer aus dem Netz saugt, um es dann auf sei­nem eige­nen Rech­ner zu stu­die­ren, hat Google sei­nen vor Kur­zem vor­ge­stell­ten Brow­ser Chrome gezielt dar­auf­hin opti­miert, als Platt­form für Web-Anwen­dun­gen zu fun­gie­ren. Somit wer­den heu­tige Betriebs­sys­teme zuse­hends mit dem Brow­ser ver­schmel­zen. Appli­ka­tio­nen, die in Chrome lau­fen, wir­ken wie Desktop-Anwendungen.
Cloud Com­pu­ting für Unter­neh­men lässt sich als eine Art „Cloud Sourcing“ ver­ste­hen : So wie Unter­neh­men bei­spiels­weise ihre Pro­duk­tion an Dritt-unter­neh­men out­sour­cen kön­nen, erlaubt Cloud Com­pu­ting es ihnen, IT-Kapa­zi­tä­ten aller Art ins Netz aus­zu­la­gern. Was heute bereits mit Out­sour­cern wie EDS, T‑Systems oder Raiff­ei­sen Infor­ma­tik all­täg­lich ist, soll sich in Zukunft wesent­lich ver­stär­ken. Beden­ken zen­trie­ren sich natur­ge­mäß vor allem um den Fak­tor Sicher­heit. Aber auch die lücken­lose Ver­füg­bar­keit von IT aus der Wolke gilt als Hemm­schuh. Und nach wie vor ist, wie erwähnt, die Geschwin­dig­keit von Cloud-Anwen­dun­gen verbesserungsfähig.
Auch die Palette ver­füg­ba­rer Ange­bote ist heute bei Wei­tem nicht breit und aus­ge­reift genug, als dass sich sämt­li­che digi­ta­len Geschäfts­pro­zesse in der Cloud abbil­den lie­ßen – der Über­gang zum Cloud Com­pu­ting kann nur schritt­weise erfol­gen und stellt selbst eine tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­rung dar. Erste Dienst­leis­ter spe­zia­li­sie­ren sich bereits auf die Cloud-Migra­tion, also den Umzug von IT-Res­sour­cen ins Netz. Und die tra­di­tio­nel­len Anbie­ter ver­su­chen jetzt, die The­men­füh­rer­schaft an sich zu reißen.

Kos­ten als Treiber
Zunächst galt die Wolke nur als neues Mode­thema. Als aber Ray Ozzie, Nach­fol­ger von Bill Gates als obers­ter Soft­ware-Archi­tekt von Micro­soft, die neue Stra­te­gie vor­stellte, war aus dem Mode­be­griff plötz­lich ein Trend gewor­den. Ozzie ver­kün­dete Micro­softs Abkehr vom Per­so­nal Com­pu­ter und die Zuwen­dung zur Wolke als ver­bin­den­dem Ele­ment zwi­schen allen Com­pu­tern, Netz­werk­rech­nern und mobi­len Gerä­ten. Live Mesh wird das neue Super­netz aus dem Hause Micro­soft hei­ßen. Nur wenige ganz große Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men wer­den auf­grund der Grö­ßen­vor­teile den Cloud-Com­pu­ting-Markt beherr­schen : Ama­zon, Google, IBM und mög­li­cher­weise Ora­cle, ganz sicher aber Micro­soft wer­den nach Ansicht von Micro­soft-Chef Steve Ball­mer dazugehören.
„Das war ein sehr wich­ti­ges öffent­li­ches State­ment für Micro­soft, näm­lich dass die aktu­elle Schlacht die Schlacht um die Wolke ist“, meint dazu Gart­ner-Ana­lyst Mark Stahl­mann. Im Vor­der­grund stehe nicht mehr der Kampf um die Inter­net-Suche oder um das Betriebs­sys­tem. „Diese Kämpfe sind aus­ge­foch­ten und gewon­nen. Der Kampf um das Cloud-Com­pu­ting ist aber völ­lig offen.“
Vor­rei­ter des Cloud-Com­pu­tings ist aber weder Micro­soft noch Google, son­dern der Online-Händ­ler Ama­zon, der zu den gro­ßen Inno­va­to­ren im Inter­net gehört. Hun­dert­tau­sende Betrei­ber von Inter­net-Sei­ten spei­chern ihre Daten inzwi­schen auf den Rech­nern, die Ama­zon zunächst für seine eige­nen Inter­net­shops auf­ge­baut hat. „Zuerst haben wir die-se Dienste für uns sel­ber gebraucht. Dann haben wir uns gedacht, wenn wir diese Dienste benö­ti­gen, brau­chen andere Inter­net-Sei­ten sie auch. Das kam gut an, und des­we­gen haben wir uns ent­schlos­sen, dar­aus ein kom­plett neues Geschäft zu machen“, sagte der Ama­zon-Chef Jeff Bezos in einem Inter­view. Im Gegen­satz zu Micro­soft oder Google hat Ama­zon mit sei­ner Ela­s­tic Com­pute Cloud aber keine Ambi­tio­nen, eine Wolke für die pri­va­ten Inter­net-Nut­zer auf­zu­bauen. Ama­zon geht es um pro­fes­sio­nelle Anwen­der, die lie­ber Spei­cher­platz güns­tig kau­fen statt teuer selbst auf­zu­bauen. „Wenn das Mana­gen eines Rechen­zen­trums nicht zu den Kern­kom­pe­ten­zen eines Unter­neh­mens gehört, sollte die-se Auf­gabe an einen exter­nen Dienst­leis­ter über­tra­gen wer­den“, rät Wer­ner Vogels, Chief Tech­no­logy Offi­cer von Ama­zon. Somit hat der Kampf um die Wolke begonnen.

Autor:
20.01.2009

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