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Auf­schrei der Mediziner

Viele Ärzte am Wie­ner AKH machen inter­na­tio­nal aner­kannte Spit­zen­for­schung. Obwohl für die For­schung oft nur der Abend bleibt. Und obwohl per­so­nelle und insti­tu­tio­nelle Unter­stüt­zung fehlen. 

Es gibt die Erfolge im Leben von Medi­zi­nern. Wenn eine Pati­en­tin geheilt nach Hause geht. Und wenn die Arbeit inter­na­tio­nale Aner­ken­nung fin­det. Wie am 12. Februar, als das New Eng­land Jour­nal of Medi­cine eine Stu­die publi­zierte, die der Brust­krebs­spe­zia­list Michael Gnant, Pro­fes­sor für chir­ur­gisch-expe­ri­men­telle Onko­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, gemein­sam mit 20 ande­ren Ärz­ten und Ärz­tin­nen in ganz Öster­reich gemacht hatte. Als Drauf­gabe schrieb dann noch die New York Times einen lan­gen Arti­kel über die Studie.
Die Ärzte hat­ten 1803 Brust­krebs­pa­ti­en­tin­nen, die nach der Ope­ra­tion drei Jahre eine Hor­mon­be­hand­lung erhiel­ten, beob­ach­tet. Die Frauen hat­ten einen Tumor gehabt, der von Östro­gen genährt wurde. Des­halb erhiel­ten sie Medi­ka­mente, die ihren Kör­per daran hin­der­ten, Östro­gen zu pro­du­zie­ren. Um eine Neben­wir­kung von Östro­gen­man­gel, näm­lich Kno­chen­schwund, zu bekämp­fen, bekam ein Teil der Frauen zusätz­lich Zole-dron­säure, ein Medi­ka­ment zum Kno­chen­auf­bau. Das Ergeb­nis fünf Jahre nach der Ope­ra­tion : Von den Frauen ohne Kno­chen­me­di­ka­ment erlit­ten 83 einen Krebs­rück­fall oder beka­men Meta­sta­sen. Von den Frauen mit Kno­chen­me­di­ka­ment hat­ten nur 54 einen Rück­fall. Eine 36-pro­zen­tige Reduk­tion von Rück­fäl­len ist für Onko­lo­gen (Krebs­spe­zia­lis­ten) beein­dru­ckend. Gnant durfte die Ergeb­nisse auf einem bedeu­ten­den Brust­krebs­sym­po­sium in Chi­cago prä­sen­tie­ren, und nun wur­den sie publiziert.
„Spek­ta­ku­lär an der Stu­die ist, dass eine Sub­stanz, die neben­wir­kungs­arm und auch sehr güns­tig ist, eine so große Risi­ko­re­duk­tion bringt“, erklärt Mit­au­tor Peter Dubsky. Das Ergeb­nis zeige über­dies neue Wege, über Gesund­blei­ben oder Wie­der­erkran­ken nachzudenken.
Neben sol­chen Erfol­gen ste­hen Miss­erfolge. Damit sind nicht ster­bende Pati­en­ten gemeint oder Stu­dien, die nicht so aus­ge­hen, wie man es sich vor­ge­stellt hat, son­dern Stu­dien, die nie gemacht wer­den. Immer wie­der pas­siert es, dass Medi­zi­ner glau­ben, eine bril­lante Idee zu haben – aber sie haben kein Geld für eine Stu­die. Wegen der For­schungs­struk­tu­ren in Öster­reich und wegen eines sys­te­mi­schen Geldmangels.

Aus Geld­man­gel gescheitert

Das hat auch Dubsky erlebt. Er forschte zu Immun­the­ra­pien gegen Krebs : wie den­dri­ti­sche Zel­len (Zel­len der Immun­ab­wehr) genutzt wer­den kön­nen, um Krebs zu bekämp­fen. „Viele Jahre war es uns gelun­gen, gute Stu­dien zu machen“, sagt Dubsky. „Als es aber darum ging, in die Phase III zu gehen, also eine große kli­ni­sche Stu­die zu machen, sind wir sen­sa­tio­nell geschei­tert. Wäre die Idee ein leicht ver­markt­ba­res Pro­dukt gewe­sen, hätte es Geld­ge­ber ohne Ende gegeben.“
Das Pro­blem : Kli­ni­sche For­schung wird in Öster­reich nur finan­ziert, wenn ein Pharma-Unter­neh­men ein Medi­ka­ment tes­tet, um eine behörd­li­che Zulas­sung zu bekom­men. Wer eine Heil­me­thode ent­wi­ckeln will, die nicht ein ver­kauf­ba­res Medi­ka­ment oder Pro­dukt ist, stößt schnell an Mau­ern. Der For­schungs­för­de­rungs­fonds (FWF) finan­ziert nur medi­zi­ni­sche Grundlagenforschung.
In den USA haben die Natio­nal Insti­tu­tes of Health (NIH) ein Bud­get von jähr­lich 29 Mrd. Dol­lar – und in den nächs­ten zwei Jah­ren je zehn Mrd. zusätz­lich dank des Kon­junk­tur­pa­kets. Die NIH finan­zie­ren medi­zi­ni­sche For­schungs­pro­jekte jeder Art und beschäf­ti­gen circa 18.000 eigene Forscher.
Auch Dubsky hat die groß­zü­gi­gen For­schungs­be­din­gun­gen in den USA ken­nen­ge­lernt. Zwei Jahre forschte er am Bay­lor Insti­tute for Immu­no­logy Rese­arch in Texas. „Voll­kom­men unge­stört von finan­zi­el­len Gren­zen“, sagt er. „Wenn ich ein Expe­ri­ment machen wollte, das drei Tage dau­ert und 20.000 Dol­lar kos­tet, sag­ten sie : ‚Das klingt inter­es­sant, mach es unbe­dingt.‘“ Er lacht. „Das müs­sen Sie hier mal ver­su­chen!“ Er kehrte nach Wien zurück, weil er nicht nur for­schen, son­dern Pati­en­ten behan­deln will. Die For­schung kann er hier nur schwer fort­set­zen. Der medi­zi­ni­sche Fort­schritt wird von den zahl­rei­chen US-Grup­pen erzielt wer­den, die zu den­dri­ti­schen Zel­len for­schen. Das wurmt ihn. „Warum muss alles, was inter­es­sant ist, in Ame­rika pas­sie­ren ? Warum müs­sen die die Nase vorn haben?“
Als sich die Onko­lo­gin Chris­tine Marosi in den frü­hen 1990er Jah­ren auf Gehirn­tu­more spe­zia­li­sierte, wusste sie, was sie wollte : inter­na­tio­nale Spit­zen­for­schung betrei­ben. Sie schloss sich der euro­päi­schen Orga­ni­sa­tion für Gehirn­tu­mor­spe­zia­lis­ten an. Gemein­sam mit kana­di­schen Kol­le­gen tes­te­ten die Euro­päer eine neue The­ra­pie­form. Pati­en­ten mit Glio­blas­tom, dem bös­ar­tigs­ten Gehirn­tu­mor, erhiel­ten gleich­zei­tig mit der Strah­len­the­ra­pie eine Che­mo­the­ra­pie. Das Ergeb­nis : Die Pati­en­ten leb­ten im Schnitt zwei Monate län­ger. 26 Pro­zent statt zehn Pro­zent der Pati­en­ten leb­ten zwei Jahre län­ger. Die 2005 im New Eng­land Jour­nal of Medi­cine ver­öf­fent­lichte Stu­die, mit Marosi als Co-Autorin, war ein Durchbruch.

Stän­di­ger Personalmangel
Der Erfolg bringt zwar Repu­ta­tion, aber keine bes­se­ren For­schungs­be­din­gun­gen. „Wir pfei­fen stän­dig aus dem letz­ten Loch“, sagt Marosi. Es gebe viel zu wenig Per­so­nal. Die Ärzte sol­len die Pati­en­ten am AKH betreuen und an der Uni­ver­si­tät leh­ren, sie sol­len for­schen und den stän­dig wach­sen­den Ver­wal­tungs­auf­wand erle­di­gen. Die Pati­en­ten haben, gerade in einer Krebs­ab­tei­lung, immer Vor­rang. „Die For­schung wird irgend­wie dazwi­schen erle­digt“, sagt Marosi. 60-Stun­den-Arbeits­wo­chen sind sowieso nor­mal. Dazu kommt, dass es an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien kaum, wie inter­na­tio­nal üblich, eigene For­schungs­kran­ken­schwes­tern und Daten­ma­na­ger gibt. So wird es immer schwe­rer, an inter­na­tio­na­len Stu­dien teilzunehmen.
„Pati­en­ten­ver­sor­gung steht an ers­ter Stelle, und damit ist man aus­ge­las­tet“, sagt auch der Psych­ia­ter Lukas Peza­was. Er hat wäh­rend sei­ner vier­jäh­ri­gen For­schungs­tä­tig­keit am NIH einen gene­ti­schen Mecha­nis­mus ent­deckt, der mög­li­cher­weise Depres­sio­nen begüns­tigt. Die Arbeit wurde 2005 in Nature Neu­ro­sci­ence publi­ziert. In Wien setzt er seine For­schung im Pro­jekt „Ima­ging Gene­tics“ fort. Die­ses wird auch vom FWF geför­dert, doch die Mit­tel sind knapp. Von sei­ner 17-köp­fi­gen For­schungs­gruppe kann er drei Leute bezah­len. Die rest­li­chen Mit­ar­bei­ter sind Stu­den­ten, die aus Begeis­te­rung an der For­schung die Pro­jekt­durch­füh­rung garan­tie­ren. Eine Sekre­tä­rin oder For­schungs­as­sis­ten­tin gibt es nicht. Peza­was : „Wenn ich keine Dritt­mit­tel lukriere, bin ich ein Ein-Mann-Betrieb.“

Autor:
27.02.2009

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