Zum Inhalt
© Pixabay_axevaper_ifo_190126

Aus Indus­trie­be­trie­ben wer­den Dienstleister

Dienst­leis­tun­gen als zuneh­men­des Geschäfts­feld für Indus­trie und regio­nale Aus­wir­kun­gen von US-Zöl­len sowie Geschäfts­er­war­tun­gen 2026 und KI-Nut­zung am Arbeits­platz. Umfas­sende Ifo-Ana­lyse zu Stand­ort-Fak­to­ren und Trends in Wirt­schaft Deutschlands. 

Deutsch­land hat seine erst kürz­lich nach Grön­land gesand­ten Sol­da­ten nur einen Tag nach deren Ankunft wie­der zurück­ge­holt. Beob­ach­ter glau­ben einen Grund gefun­den zu haben in den par­al­lel vom prä­si­dia­len US-Zoll-Zucht­meis­ter Donald Trump geäu­ßer­ten Andro­hun­gen von Straf-Zöl­len gegen die Unter­stüt­zer von Grön­lands Unabhängigkeit.

Das deut­sche ifo-Insti­tut hat sich kurz zuvor in einer umfang­rei­chen Anaylse die regio­na­len Aus­wir­kun­gen von US-Zöl­len ange­se­hen. Als Ergeb­nis zeigt sich, dass die 15 %-igen US-Straf­zoll-Zuschläge den Indus­trie­stand­or­ten in Süd­deutsch­land am stärks­ten scha­den wür­den. „Das Nord-Süd-Gefälle ist deut­lich: Wäh­rend Pots­dam sogar einen leich­ten Zuge­winn ver­zeich­net, dro­hen Indus­trie­stand­or­ten wie Salz­git­ter, Din­gol­fing-Landau, Wolfs­burg und Ingol­stadt emp­find­li­che Ein­bu­ßen“, sagt Mar­cel Thum, Lei­ter der ifo Nie­der­las­sung Dresden.

Gra­vie­rende Ver­luste im ver­ar­bei­ten­den Gewerbe 

Beson­ders stark betrof­fen sind Regio­nen mit hohem Indus­trie­an­teil, etwa in der Auto­mo­bil- und Metall­erzeu­gung. Am höchs­ten sind die Wert­schöp­fungs­ver­luste für die Orte Salz­git­ter (minus 1,16 Pro­zent), Din­gol­fing-Landau (minus 1,08 Pro­zent), Wolfs­burg („VW-Stadt“, minus 1,06 Pro­zent), Böb­lin­gen (minus 1,05 Pro­zent) und Ingol­stadt („AUDI-Stadt“, minus 0,98 Pro­zent). Leichte posi­tive Wert­schöp­fungs­ef­fekte gibt es für Pots­dam (plus 0,23 Pro­zent), den Main-Tau­nus-Kreis (plus 0,22 Pro­zent), Cott­bus (plus 0,18 Pro­zent) und Bonn (plus 0,17 Pro­zent).

Die regio­na­len Unter­schiede sind vor allem auf die Wirt­schafts­struk­tur vor Ort zurück­zu­füh­ren. „Wäh­rend Dienst­leis­ter vie­ler­orts ten­den­zi­ell pro­fi­tie­ren und Markt­an­teile gewin­nen kön­nen, sind in ein­zel­nen Regio­nen die Ver­luste im Ver­ar­bei­ten­den Gewerbe gra­vie­rend“, ergänzt Robert Leh­mann von der ifo Nie­der­las­sung Dres­den. „Ins­ge­samt könn­ten die Zölle mit­tel­fris­tig zu einer Ver­schie­bung der Wirt­schafts­ak­ti­vi­tät von Indus­trie zu Dienst­leis­tun­gen füh­ren“, erläu­tert der ifo-Experte.

Indus­trie­un­ter­neh­men wer­den immer mehr zu Dienst­leis­tern
 
Gene­rell zeigt sich, dass deut­sche Indus­trie­un­ter­neh­men immer mehr Umsatz mit Dienst­leis­tun­gen machen. Das ifo-Insti­tut hat aktu­ell auch hierzu eine eigene Stu­die erstellt. „Im Jahr 2024 haben Indus­trie­un­ter­neh­men bereits rund 166 Mil­li­ar­den Euro mit pro­dukt­be­glei­ten­den Dienst­leis­tun­gen umge­setzt, wie Bera­tung, Mon­tage oder War­tung. Damit über­tra­fen sie etwa den Umsatz des gesam­ten Gast­ge­wer­bes in Deutsch­land, der bei rund 138 Mil­li­ar­den Euro lag“, sagt Timo Woll­mers­häu­ser, Kon­junk­tur­for­scher beim ifo-Insti­tut.
 
Unter den Indus­trie­un­ter­neh­men macht der Maschi­nen­bau mit einem Anteil von über 13 Pro­zent über­durch­schnitt­lich viel Umsatz mit pro­dukt­be­glei­ten­den Dienst­leis­tun­gen, gefolgt vom Fahr­zeug­bau (sie­ben Pro­zent) und der Elek­tro­in­dus­trie (sie­ben Pro­zent). In den Berei­chen Nah­rungs- und Genuss­mit­tel oder im Tex­til- und Beklei­dungs­ge­werbe spie­len pro­dukt­be­glei­tende Dienst­leis­tun­gen dage­gen nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Ins­ge­samt hat der Umsatz­an­teil der pro­dukt­be­glei­ten­den Dienst­leis­tun­gen in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren in allen Indus­trie­zwei­gen zugenommen. 

Indus­trie­be­triebe mit Inno­va­ti­ons­tä­tig­keit haben höhe­ren Dienst­leis­tungs­an­teil am Umsatz
 
Zudem haben Indus­trie­un­ter­neh­men mit Inn­no­va­ti­ons­tä­tig­keit einen höhe­ren Dienst­leis­tungs­an­teil am Umsatz. Unter­neh­men mit For­schung und Ent­wick­lung (F&E) kamen auf durch­schnitt­lich knapp acht Pro­zent. Set­zen sie Künst­li­che Intel­li­genz (KI) ein, lag der Anteil bei fast neun Pro­zent. „Es gibt einen posi­ti­ven Zusam­men­hang zwi­schen der Inno­va­ti­ons­tä­tig­keit eines Unter­neh­mens und sei­nem Umsatz mit pro­dukt­be­glei­ten­den Dienst­leis­tun­gen“, ergänzt Ste­fan Sauer vom ifo-Insti­tut.
 
Die ifo-Stu­die selbst beruht auf einer geson­der­ten Erhe­bung vom Juli 2025 als Teil der regel­mä­ßi­gen ifo Kon­junk­tur­um­fra­gen. 1.680 Unter­neh­men nah­men laut ifo-Insti­tut an der Umfrage teil, die damit reprä­sen­ta­tiv für das Ver­ar­bei­tende Gewerbe in Deutsch­land sind. Gefragt wurde nach der pro­zen­tua­len Auf­tei­lung der Umsätze für das Jahr 2024 nach Umsatz mit der Her­stel­lung von Waren bzw. ihrem Ver­kauf, wei­ters nach dem Umsatz mit pro­dukt­be­glei­ten­den Dienst­leis­tun­gen sowie Umsatz mit sons­ti­gen Tätigkeiten.

Jedes vierte Unter­neh­men rech­net 2026 mit schlech­te­ren Geschäften

Erho­ben hat das ifo-Insti­tut auch wie­der die aktu­el­len Erwar­tun­gen der deut­schen Wirt­schaft an das Jahr 2026. Rund 26 Pro­zent der Unter­neh­men erwar­ten 2026 eine Ver­schlech­te­rung ihrer Geschäfte. 59 Pro­zent der befrag­ten Unter­neh­men rech­nen mit kei­ner Ver­än­de­rung. Und 15 Pro­zent erwar­ten bzw. hof­fen auf eine Ver­bes­se­rung. „Die Unter­neh­men blei­ben sehr zurück­hal­tend – von Auf­bruch­stim­mung ist weit und breit nichts zu sehen“, sagt Klaus Wohl­rabe, Lei­ter der ifo Umfra­gen.

Die Skep­sis erstreckt sich quer über alle Bran­chen. Indus­trie­be­triebe erwar­ten zu 55 Pro­zent eine unver­än­derte Lage für 2026, 27 Pro­zent rech­nen mit schlech­te­ren Geschäf­ten, 18 Pro­zent mit einer Ver­bes­se­rung. Posi­tiv fällt der Bereich der elek­tri­schen Aus­rüs­tun­gen auf, in dem der Anteil der opti­mis­ti­schen Unter­neh­men (27 Pro­zent) den der pes­si­mis­ti­schen Unter­neh­men (13 Pro­zent) übertrifft.

Die Pro­blem­bran­chen Han­del und Bau

Bei den Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men zeigt sich ein ähn­li­ches Bild. Hier erwar­ten 63 Pro­zent eine sta­bile Lage, 23 Pro­zent eine ungüns­tige Ent­wick­lung, 14 Pro­zent erwar­ten und hof­fen auf eine Ver­bes­se­rung. Beson­ders viele pes­si­mis­ti­sche Ein­schät­zun­gen kom­men aus dem Han­del. Hier erwar­ten fast 33 Pro­zent eine Ver­schlech­te­rung.

Auch im Bau­ge­werbe ist der Aus­blick ver­hal­ten. 33 Pro­zent der Betriebe rech­nen mit einer ungüns­ti­ge­ren Lage, knapp 57 Pro­zent erwar­ten 2026 keine Ver­än­de­rung und nur 10 Pro­zent erwar­ten bzw. hof­fen auf bes­sere Geschäfte. „Die Zah­len sind inso­fern über­ra­schend, als die Bran­che eigent­lich auf das ange­kün­digte Infra­struk­tur­pa­ket hof­fen könnte. Eupho­rie scheint dies noch nicht aus­zu­lö­sen“, sagt Wohlrabe.

Nur jeder fünfte Beschäf­tigte nutzt KI regel­mä­ßig
 In einer eige­nen Stu­die ana­ly­siert hat das ifo-Insti­tut auch die Ver­wen­dung von Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) direkt am Arbeits­platz und hier gibt nur jede/​r fünfte Beschäf­tigte eine regel­mä­ßige Nut­zung an. In Summe haben rund 64 Pro­zent KI bereits ein­ge­setzt, die meis­ten nut­zen sie jedoch nur gele­gent­lich. „Zudem wurde die KI-Haupt­an­wen­dung nur bei etwa einem Drit­tel der Nut­zen­den auch vom Unter­neh­men ein­ge­führt. Zwei Drit­tel nut­zen KI dem­nach also eigen­in­itia­tiv“, sagt Oli­ver Schlen­ker, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des Lud­wig Erhard ifo Zen­trums für Soziale Markt­wirt­schaft. 
 
Die indi­vi­du­elle Nut­zung kon­zen­triert sich stark auf leicht zugäng­li­che Text‑Tools (Anm. ChatGPT oder Über­set­zer), die ein­fach ver­füg­bar sind und geringe Ein­stiegs­kos­ten haben. Diese wer­den von über 80 Pro­zent der KI-Nut­zen­den ver­wen­det. Die for­melle arbeit­ge­ber­ge­steu­erte Nut­zung von KI-Tools kon­zen­triert sich auf kom­ple­xere oder kost­spie­li­gere Anwen­dun­gen (Anm. etwa dia­gnos­ti­sche Tools, Sprach- oder Bild­ver­ar­bei­tung). „Die Beschäf­tig­ten berich­ten, dass die betrieb­li­che Ein­füh­rung von KI mit einer höhe­ren Nut­zungs­häu­fig­keit, mehr Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­ten, mehr KI-basier­ter Super­vi­sion und final dann mit höhe­ren Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­nen ein­her­geht“, sagt Schlenker. 

Reprä­sen­ta­tive Stu­die mit fast 10.000 Inter­views
 
Die Ergeb­nisse basie­ren auf Aus­wer­tun­gen der zwei­ten Befra­gung zur Ver­brei­tung und Aus­wir­kun­gen von Digi­ta­li­sie­rung und Wan­del der Beschäf­ti­gung (Anm. DiWaBe 2.0). Das ifo Insti­tut hat die Ana­lyse gemein­sam mit dem Zen­trum für Euro­päi­sche Wirt­schafts­for­schung (ZEW), dem Insti­tut für Arbeits­markt und Berufs­for­schung (IAB), dem Bun­des­in­sti­tut für Berufs­bil­dung (BIBB) und der Bun­des­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (BAuA) durchgeführt. 

Die Umfrage umfasst rund 9.800 Inter­views und ist reprä­sen­ta­tiv für die sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­ten in Deutsch­land. „Die Ergeb­nisse zei­gen Kor­re­la­tio­nen und Zusam­men­hänge, keine kau­sa­len Effekte“, erläu­tert Oli­ver Schlen­ker, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des Lud­wig Erhard ifo Zen­trums für Soziale Markt­wirt­schaft. (red/​rucz, red/​czaak)

Autor: red/czaak, red/rucz
19.01.2026

Weitere aktuelle Artikel

A1 und IBM inten­si­vie­ren Zusam­men­ar­beit bei Gene­ra­ti­ver KI. IBM stellt Platt­form wat­sonx und A1 betreibt diese auf der eige­nen Cloud Infra­struk­tur mit ent­spre­chen­der Ver­ant­wor­tung auch für Hos­ting und Manage­ment der Daten. A1 und IBM ver­tie­fen ihre Zusam­men­ar­beit im Bereich Gene­ra­tive AI, um Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen in Öster­reich den Zugang zu KI-Lösun­gen auf unab­hän­gig sou­ve­rä­ner Infra­struk­tur zu […]
Neues pro­ak­ti­ves KI-Modell für Unter­neh­men ver­füg­bar. Anwen­dung „Talos‑1“ von Abla­tic als Spin-Off der Lin­zer Kep­ler Uni benö­tigt bei glei­cher Leis­tung weit­aus weni­ger Res­sour­cen als her­kömm­li­che Modelle. Zum Start auch Ver­öf­fent­li­chung von Zah­len, Ver­gleichs­wer­ten und Kosten. Das im August ange­kün­digte Sprach­mo­dell des JKU-Spin-Offs Abla­tic AI ist nun für Unter­neh­men ver­füg­bar. Talos‑1 ist für Auf­ga­ben gebaut, bei […]
Inno­va­tion. Gesetz­li­che Nor­men wie Cyber Resi­li­ence Act, NIS2 oder DORA kön­nen für Unter­neh­men auch Chance für neue Wert­schöp­fung sein. Wie aus gesetz­li­chen Regu­la­rien Trei­ber für zukunfts­si­chere Inno­va­tion wer­den kön­nen, erläu­tern Tho­mas Sei­ler und Dierk Lucyga von CAN­COM Austria. Kri­ti­sche Infra­struk­tu­ren, Lie­fer­ket­ten, Gesund­heit, künst­li­che Intel­li­genz und grenz­über­schrei­tende Zusam­men­ar­beit als bei­spiel­hafte Berei­che: Die Euro­päi­sche Union enga­giert sich […]
Bei den neuen gesetz­li­chen NIS‑2 Regu­la­rien zeigt sich beim Groß­teil der öster­rei­chi­schen Unter­neh­men Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Die nun­mehr gül­ti­gen Cyber­se­cu­rity-Maß­nah­men betref­fen rund 4.000 Betriebe direkt und über die Lie­fer­ket­ten rund 60.000 hei­mi­sche Unternehmen. Das neue Netz-Infor­ma­ti­ons-Gesetz (NIS) gilt seit 1. Okto­ber 2026 und mit die­sem Gesetz wird ein neues Niveau an Cyber­si­cher­heit für deut­lich mehr Unter­neh­men in […]
In Nie­der­ös­ter­reich geht „digi4wirtschaft“ als Impuls­pro­gramm und För­der­instru­men­ta­rium für die The­men KI und Digi­ta­li­sie­rung in die nächste Runde. Land Nie­der­ös­ter­reich und Wirt­schafts­kam­mer Nie­der­ös­ter­reich ver­laut­bar­ten die Fort­set­zung der erfolg­rei­chen Initia­tive bei einem Betriebs­be­such im Unter­neh­men Kern Tec. Das Impuls­pro­gramm und die erfolg­rei­che KI- und Digi­ta­li­sie­rungs­för­de­rung „digi4wirtschaft“ des Lan­des Nie­der­ös­ter­reich und der Wirt­schafts­kam­mer NÖ geht in die nächste […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram