
Bedrohliche Abhängigkeiten Europas
93 Prozent der Deutschen Unternehmen beklagen digitale Abhängigkeit vom Ausland. Rund 60 Prozent könnten ohne Digitalimporte nur maximal zwölf Monate überleben. Bitkom-Studie zu heutigem Gipfel zu Europas digitaler Unabhängigkeit.
Hardware aus China, Cloud- und KI-Lösungen aus den USA, Chips aus Taiwan oder Industrieroboter aus Südkorea : Die Unternehmen der deutschen Wirtschaft sind weiterhin stark abhängig von digitalen Technologien und Leistungen aus dem Ausland. Gleichzeitig schwindet das Vertrauen, vor allem in die USA.
9 von 10 Unternehmen, die digitale Güter oder Leistungen importieren, sehen sich davon abhängig. 51 Prozent davon sogar „stark abhängig“. Nur eine Minderheit (4 Prozent) wäre dauerhaft überlebensfähig, würden diese Importe wegfallen.
Repräsentative Studie mit mehr als 600 Unternehmen
Damit Europa unabhängiger von Digitalimporten aus dem Ausland wird, haben Deutschland und Frankreich den heutigen Gipfel für europäische digitale Souveränität initiiert (Anm. 18. November in Berlin). Der Digitalverband Bitkom hat im Vorfeld mehr als 600 Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden repräsentativ nach ihrer Abhängigkeit von ausländischen Technologien und Services befragt – und welche Risiken daraus entstehen.
Ein Ergebnis der Umfrage zeigt die nochmals gestiegene Abhängigkeit von den USA und China allein innerhalb des heurigen Jahres : 51 Prozent der deutschen Unternehmen sehen sich „stark abhängig“ von den Vereinigten Staaten, im Januar 2025 waren es noch 41 Prozent. Und ebenfalls 51 Prozent sehen sich „stark abhängig“ von China, ein Zuwachs um sieben Prozentpunkte gegenüber dem Jahresbeginn.
„Deutschland und Europa müssen sich aus diesen Abhängigkeiten befreien“
Die deutschen Unternehmen können laut eigenen Angaben derzeit nur 12 Monate überleben ohne Technologien oder Services aus den USA. Bei China wären es sogar nur 11 Monate. In Summe sehen sich 93 Prozent der deutschen Unternehmen abhängig von digitalen Technologien und Leistungen aus dem Ausland. Nur 10 Prozent glauben an eine Verringerung in fünf Jahren, ein Viertel rechnet mit einer Fortschreibung dieses Zustands, 63 Prozent mit einer Zunahme der Abhängigkeiten.
„Deutschland und Europa müssen sich aus diesen Abhängigkeiten befreien und ihre digitale Zukunft selbst in die Hand nehmen“, fordert Ralf Wintergerst, Präsident beim Bitkom-Verband. „Wir müssen Europa zu einem Ort machen, wo digitale Technologien auch entwickelt und in wettbewerbsfähige Produkte und Dienste übersetzt werden. Der Gipfel für europäische digitale Souveränität sollte dafür den Startschuss geben“, so Wintergerst.
Kaum ein Unternehmen kommt ohne Digitalimporte aus
Insgesamt kommt kaum ein Unternehmen in Deutschlandohne den Import digitaler Technologien und Leistungen aus (96 Prozent). Ganz oben stehen Endgeräte wie Smartphones oder Notebooks. Digitale Bauteile bzw. Hardware-Komponenten wie Chips, Halbleiter oder Sensoren beziehen 74 Prozent, Software 72 Prozent und Security-Anwendungen wie Firewalls 67 Prozent aus dem Ausland.
Digitale Geräte und Maschinen, etwa für die Produktion, importieren 60 Prozent der Unternehmen. Digitale Dienste wie Programmierung von Apps oder IT-Beratung beziehen 41 Prozent von außerhalb Deutschlands. Drei Prozent der Unternehmen weiß teilweise nicht, ob und welche Technologien aus dem Ausland bezogen werden.
USA und CHINA sind wichtigste Herkunftsländer
Die wichtigsten Herkunftsländer sind die USA und China. 67 Prozent importieren „häufig“ aus den USA, 23 Prozent „in Einzelfällen“, so dass die Vereinigten Staaten für 9 von 10 Unternehmen ein Handelspartner für digitale Technologien und Leistungen sind. 58 Prozent importieren „häufig“ aus China, ein weiteres Viertel „in Einzelfällen“. Bedeutend aus dem asiatischen Raum ist außerdem Taiwan (21 Prozent „häufig“/ 24 Prozent „in Einzelfällen“).
„Die deutsche Wirtschaft ist vergleichsweise stark von dem kleinen Inselstaat Taiwan abhängig, da Schlüsselindustrien wie die Automobil- und Elektronikbranche auf dort produzierte Hochleistungs-Chips angewiesen sind. Chinas Aggressionen gegen Taiwan bedrohen deshalb direkt die Lieferketten und Produktionskapazitäten in Deutschland“, erläutert Ralf Wintergerst.
Digital souverän ist ein Land mit eigenen digitalen Schlüsseltechnologien
Ein bedeutendes Bezugsland ist zudem Japan : 12 Prozent der Unternehmen importieren von dort „häufig“, 31 Prozent „in Einzelfällen“. Auch Frankreich – Deutschlands Partner beim kommenden Gipfel in Berlin – ist für die hiesige Wirtschaft wichtig : Jedes zehnte Unternehmen bezieht „häufig“ digitale Technologien und Leistungen aus dem Nachbarland und doppelt so viele zumindest in Einzelfällen. Gleiches gilt für die übrige EU sowie das Vereinigte Königreich. Nur ein Prozent der befragten Unternehmen gibt Russland als Handelspartner an.
„Digital souverän ist ein Land, das eigene substanzielle Fähigkeiten in digitalen Schlüsseltechnologien besitzt und selbstbestimmt darüber entscheiden kann, aus welchen Ländern es digitale Technologien bezieht“, betont Ralf Wintergerst. „Die deutsche Wirtschaft muss sich aus einseitigen Abhängigkeiten befreien und sie muss adäquat reagieren können, wenn sie von Lieferländern unter Druck gesetzt wird.“
Deutsche fordern mehr Unabhängigkeit vom Ausland
In einer weiteren repräsentativen Studie (Anm. 1.100 Befragungen) hat der Bitkom-Verband anlässlich des Gipfels für europäische digitale Souveränität die Sicht der Deutschen auf das Verhältnis zu den USA und China ermittelt. Hier sagt eine Mehrheit von 59 Prozent, dass die USA ein verlässlicher Partner für Deutschland seien – mit Blick auf China nehmen dies 42 Prozent an. Gleichwohl ist die Abhängigkeit bei digitalen Technologien für eine überwiegende Mehrheit sehr präsent : 44 Prozent der Bundesbürger halten Deutschland für „sehr abhängig“ und 50 Prozent für „eher abhängig“ vom Import aus dem Ausland.
98 Prozent halten es für wichtig, dass Deutschland bei wichtigen digitalen Technologien unabhängiger wird. Die deutsche Wirtschaft selbst blickt mit Sorge insbesondere in die USA. 99 Prozent der Unternehmen sehen weitere finanzielle Belastungen durch Strafzölle oder Sanktionen als Risiko, 56 Prozent fürchten Exportbeschränkungen und 49 Prozent einen Austritt der USA aus internationalen Organisationen wie der NATO oder der WTO. Die damit verbundenen ökonomischen Risiken werden von den Unternehmen gewichtiger eingeschätzt als digitale Risiken.
Gipfel zur Digitalen Unabhängigkeit stößt auf großen Zuspruch
Den aktuellen Gipfel für europäische digitale Souveränität begrüßen entsprechend 86 Prozent der Deutschen Betriebe. 92 Prozent meinen, Deutschland und Frankreich sollten eine Führungsrolle bei der Stärkung der digitalen Souveränität Europas einnehmen und 82 Prozent betonen, eine enge deutsch-französische Zusammenarbeit im Digitalbereich stärke die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft insgesamt.
Auch aus Bitkom-Sicht braucht es dazu den Aufbau einer leistungsfähigen Cloud- und Rechenzentrums-Infrastruktur in Deutschland und Europa. Wichtig sei außerdem der Aufbau eigener Fähigkeiten bei den Schlüsseltechnologien Künstliche Intelligenz, Quantum-Computing, dem Industrial Metaverse und der IT-Sicherheit. Auch der Ausbau Deutschlands zu einem Zentrum der Chip-Fertigung gehöre dazu.
Einführung der European Digital Identity Wallet
Nationale Maßnahmen müssten dabei eng mit Aktivitäten auf EU-Ebene verzahnt werden. Dabei gehe es nicht nur darum, im internationalen Subventionswettbewerb zu bestehen. „Entscheidend sind verlässliche Rahmenbedingungen, gut ausgebildete Fachkräfte und eine Verwaltung, die Investitionen beschleunigt statt bremst“, so Wintergerst. Auch die Einführung der European Digital Identity Wallet müsse vorangebracht werden.
„Die EUDI-Wallet ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen, Identitätsdaten und digitale Nachweise sicher, selbstbestimmt und grenzüberschreitend zu organisieren“. Auf dem Gipfel am 18. November werden erste Implementierungen der EUDI-Wallet präsentiert. Auf Initiative und unter Vermittlung des Bitkom-Verbandes haben mehr als 60 Unternehmen eine Absichtserklärung unterzeichnet, Anwendungen für die EUDI-Wallet zur Verfügung zu stellen. (red/czaak)