
Bewusster Umgang mit Klängen der Stadt
Das Linzer Akustikon ist ein Erlebnismuseum, ist Vermittlungs- und Forschungsstelle. Im Zentrum stehen dabei das Hören und die Möglichkeit der Mitgestaltung. Die Initiative richtet sich nicht gegen Lärm per se, sondern tritt für eine politische Mitbestimmung des akustischen Raums ein, der allen gehört.
Zuerst ist es ein Rauschen, dann kristallisieren sich Geräusche heraus. Stimmengewirr, ein Mann fragt : „Brauchen wir das?“ Er geht gut hundert Meter vom Akustikon entfernt am Linzer Hauptplatz an einem Hörrohr vorbei. Drei überdimensionale Hörröhre, die in unterschiedliche Richtungen weisen, vermitteln in der Hörkammer des Akustikons Impressionen der Stadt, ohne sie zu sehen.
Sich auf das Hören einlassen, das möchte das Akustikon unweit des Linzer Hauptplatzes erreichen. Es ist ein Zentrum des Hörens, eine Vermittlungsstelle, aber auch ein Ort der Forschung. Hundert Jahre ist es her, dass Filippo Tommaso Marinettis Manifest im Pariser Le Figaro erschienen ist und die Futuristen dem Lärm als Boten einer neuen, technisch dominierten Zeit huldigten. Hundert Jahre nach dem futuristischen Manifest stellt Peter Androsch, Musikintendant von „Linz 09“, dem sein eigenes, akustisches Manifest entgegen. Nicht gegen den Lärm per se, sondern gegen Zwangsbeschallung, für eine politische Mitbestimmung des akustischen Raums, der allen gehört.
Vernachlässigte Akustik
Das Akustikon ist dabei ein Ort der Bewusstwerdung. Und es wird gut angenommen. 3300 Besucher verzeichnete es im Juli und August, den beiden ersten Monaten seines Bestehens. An sieben Hörstationen, sogenannten Auditons, werden verschiedene Aspekte des Hörens behandelt. Man hört, wie man hört, wenn das Gehör beschädigt ist. Man hört, wie verschiedene Baumaterialien die Akustik beeinflussen, man hört nichts und spürt ein Gefühl der Bedrängnis, wenn im reflexionsarmen Raum Orientierungs- und Gleichgewichtssinn entschwinden. Auf visuelle Darstellungen wurde dabei weitgehend verzichtet. Im Zentrum der Wahrnehmung stehen das Gehör und der Selbstversuch.
Ein Beispiel : Schnippt man in einem Raum, der mit absorbierendem Kunststoffmaterial ausgekleidet ist, und danach in einem, wo Glas, Beton oder Metall verwendet wurden, ist der Unterschied eindeutig. „Man hört, wie sich durch Materialien etwas ändert. Schallharte Materialien wie Glas sind die Lieblingsmaterialien der modernen Architektur. Der Schall wird da aber wie ein Ball hin- und hergeworfen“, sagt Androsch. Bei Verkehrslärm zwischen Häuserfronten verhält es sich ähnlich.
Dass die Akustik in der Architektur oft vernachlässigt wird, dazu kann Androsch zig Beispiele nennen : „Es nutzt nichts, Architektur und Akustik zu trennen. Es ist ein Irrweg. Im Nachhinein kann ich das Desaster nur minimieren.“ Ein Beispiel sind Räume, in denen Sprache eine große Rolle spielt. Parallele Wände erhöhen die Lautstärke und erschweren es, einem Vortrag zu folgen. Zuhörer ermüden. „Und trotzdem bauen wir unsere Schulen wie Schuhschachteln.“ Mit dem Einsatz bestimmter Baumaterialien verhält es sich aber wie mit dem Lärm. Nicht alles ist per se schlecht. „Es gibt keine gute Akustik an sich, sondern nur für gewisse Aufgaben“, sagt Androsch.
Stolz des Hauses sind die beiden Polyfone, die alten Apothekerschränken gleichen und auf höchstem Niveau bis zu 17 Minuten Klang in den einzelnen Schubladen verbergen. „Harmonia Mundi“ heißt das größere der beiden Polyfone, das nach dem Hauptwerk des Astronomen und Mathematikers Johannes Kepler benannt wurde. 672 Klänge sind in den Schubladen des Polyfons versteckt. Klänge, die von weit her kommen. Es sind die Klangprofile von Pulsaren, Kernfragmente explodierter Sterne, die hier hörbar werden. Sie können gleichzeitig abgespielt werden, das Polyfon wird damit zum Instrument. Minikonzerte mit den Klängen der untergegangenen Sterne sind in Planung. „Für Kepler wäre das ein Paradies gewesen“, meint Musikintendant Androsch.
Neues Studium
Nicht so weit her sind die Klänge des zweiten Polyfons. Zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten blieben aber auch sie unerhört. Karin Wagner und Norbert Trawöger haben das Polyfon „Verbotener Klänge“ kuratiert, aus dessen Laden Musik ertönt, deren Verfasser aus rassistischen, politischen, religiösen oder ästhetischen Motiven verboten und verfolgt wurden und werden. Schostakowitsch, Tauber, Weill – die Liste ist 128 Namen lang. Bewegt werden konnte unter dem Deckmantel „Hörstadt“, zu dem auch das Akustikon gehört, in Linz bislang einiges. Institutionen wie die Linzer Linien haben sich in Linz mit Aufklebern als beschallungsfreie Zone gekennzeichnet. Im Gemeinderat wurde Anfang des Jahres die Linzer Charta beschlossen, die dazu aufruft, „den akustischen Raum als zentralen Lebensbereich zu berücksichtigen.“
Das Akustikon ist dabei mehr als eine bloße Vermittlungsstelle. Es ist eine Forschungsstelle, die der Akustik nicht nur von physikalischer Seite, sondern auch aus sozial- und geisteswissenschaftlicher Perspektive gegenübertritt und einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt. Dass vorwiegend arme Menschen in lärmbelasteten Gegenden wohnen, ist dabei nur ein soziologisches Beispiel. Im Herbst 2012 startet die Studienrichtung „Akustik“, die gemeinsam von Kunstuniversität und Johannes Kepler Universität angeboten wird. Der Lehrbetrieb soll zum Teil auch im Akustikon stattfinden.