Zum Inhalt
© pexels/mart production

Bio­lo­gi­sche Ersatz­stoffe für Humanmedizin

Stei­gen­der Bedarf an Spen­der­ge­webe oder Orga­nen wird immer mehr zu Her­aus­for­de­rung. Deut­sche Inno­va­ti­ons­agen­tur SPRIND star­tete dazu letz­ten Novem­ber eigene För­der-Pro­gramm­li­nie und prä­sen­tiert nun erste Ergebnisse.

Immer mehr Patient:innen sind auf Spen­der­ge­webe oder Organe ange­wie­sen. Der stei­gende Bedarf kann aber bei wei­tem nicht gedeckt wer­den. Die Pati­en­ten lei­den unter lan­gen War­te­lis­ten und viel­fäl­ti­gen medi­zi­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen – oder sie ster­ben, noch bevor eine Spende ver­füg­bar ist. Künst­lich erzeug­tes Gewebe kann hier eine nach­hal­tige Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät bedeuten. 

In den letz­ten Jahr­zehn­ten haben Wis­sen­schaft­ler, Inge­nieure und Ärzte Werk­zeuge ent­wi­ckelt, um bio­lo­gi­sche Ersatz­stoffe zu kon­stru­ie­ren, die natür­li­ches Gewebe nach­ah­men. Ein fina­les Ziel, die Gren­zen etwa der her­kömm­li­chen Organ­trans­plan­ta­tion zu über­win­den, blieb bis dato jedoch uner­reicht. Auch an der Med Uni Inns­bruck wird dazu inten­siv geforscht (eco­nomy berichtete).

Die Ent­wick­lung von Zel­len, von Gewe­be­ar­chi­tek­tur und tech­ni­sche Materialien
Die deut­sche Inno­va­ti­ons­agen­tur SPRIND hat nun letz­ten Novem­ber zu die­sen The­men eine eigene mehr­stu­fige För­der­pro­gramm­li­nie gestar­tet. Im Fokus steht ein fort­schritt­li­ches Kon­zept, wel­ches das bis­her am wei­tes­ten ent­wi­ckelte künst­li­che Gewebe her­vor­bringt. Die­ses Gewebe muss dem natür­li­chen Gewebe des Men­schen bei Größe, Struk­tur und Kom­ple­xi­tät so nahe wie mög­lich kom­men und kann Ele­mente wie die Ent­wick­lung von Zel­len, die Ent­wick­lung von Gewe­be­ar­chi­tek­tur oder tech­ni­sche Mate­ria­lien umfas­sen, zusam­men­ge­fasst im soge­nann­ten Tis­sue Engineering.

Ziel der ers­ten Stufe mit einer Lauf­zeit von acht Mona­ten ist die Demons­tra­tion der Eigen­schaf­ten des künst­li­chen Gewe­bes. Das wird von Sprind mit bis zu 500.000 Euro unter­stützt. In der abschlie­ßen­den zwei­ten Stufe mit einer Lauf­zeit von zwei Mona­ten ste­hen den Teams dann jeweils bis zu 100.000 Euro zusätz­lich zur Ver­fü­gung. Hier rich­tet sich der Fokus schon auf die Pla­nung eines soge­nann­ten First-in-human Trial. Wie von ande­ren Inno­va­ti­ons­pro­jek­ten gewohnt, wer­den die Teams auch hier durch Sprind beglei­tet und mit wei­te­ren Expert:innen vernetzt.

Die Teil­neh­mer des Pro­jekts „Tis­sue Engineering“
In der ers­ten Stufe des 10-mona­ti­gen Inno­va­ti­ons­wett­be­wer­bes wer­den nun vier Teams finan­ziert, um die Mach­bar­keit eines neu­ar­ti­gen Ansat­zes von Tis­sue Engi­nee­ring für eine erste Trans­plan­ta­tion beim Men­schen zu demons­trie­ren. Die nach­fol­gen­den Teams erschaf­fen Organ­er­satz für Leber, Bauch­spei­chel­drüse, Mus­keln und Gelenkknorpel. 

„Das Gewebe soll dem natür­li­chen Vor­bild so nahe wie mög­lich kom­men, um Patient:innen als Trans­plan­tat eine hohe Lebens­qua­li­tät zu ermög­li­chen. Dafür braucht es Inno­va­tio­nen im Engi­nee­ring von Zel­len, der Ent­wick­lung von Gewe­be­ar­chi­tek­tu­ren oder tech­ni­schen Mate­ria­lien“, erläu­tert Jano Cos­tard, Chall­enge Offi­cer bei SPRIND.

Das Unter­neh­men Cellbricks
Das Team von Cell­bricks (Anm. GmbH) hat sich zum Ziel gesetzt, feh­lende oder gestörte Leber­funk­tio­nen zu erset­zen, da ohne eine funk­tio­nie­rende Leber der Stoff­wech­sel des Kör­pers zusam­men­bricht. Gemein­sam mit ihren kli­ni­schen Part­nern an der Cha­rité Ber­lin (Anm. Kran­ken­haus) will das Cell­bricks-Team mensch­li­ches Leber­ge­webe in gro­ßem Maß­stab nachbilden. 

Dabei soll mit­tels 3D-Bio­prin­ting kom­ple­xes Leber­ge­webe aus Bio­tin­ten mit extra­zel­lu­lä­rer Matrix und mensch­li­chen Leber­zel­len her­ge­stellt wer­den. Diese Gewe­be­the­ra­peu­tika wer­den im Labor bio­tech­no­lo­gisch her­ge­stellt und schließ­lich in den Kör­per der Pati­en­ten implan­tiert. Ziel ist ein län­ge­res und gesün­de­res Leben.

Das Unter­neh­men Zonal­CartHT – Bizo­nal car­ti­lage grafts
Feh­len­der oder beschä­dig­ter Knor­pel ver­ur­sacht enorme Schmer­zen und macht unsere Gelenke oft unbrauch­bar. Das Team von Zonal­CartHT um Sol­vig Diede­richs (Ortho­pä­die Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Hei­del­berg) und Uwe Freu­den­berg (Leib­niz-Insti­tut für Poly­mer­for­schung Dres­den) arbei­tet an der Ent­wick­lung eines neu­ar­ti­gen Knor­pe­l­ersat­zes, der Gelenk­funk­tio­nen wie­der­her­stel­len soll. 

Dabei wird durch die Kom­bi­na­tion aus bio­hy­bri­den Hydro­ge­len und Stamm­zel­len eine kom­plexe zwei­schich­tige Matrix ent­wi­ckelt, die den natür­li­chen Über­gang zwi­schen Kno­chen und Knor­pel spie­geln soll. Gleich­zei­tig sol­len die ein­ge­setz­ten Mate­ria­lien eine nach­hal­tige Funk­tion und Belast­bar­keit ermög­li­chen, um Gelenk­funk­tio­nen wie­der­her­zu­stel­len und mehr­ma­li­gen Gelenk­er­satz zu ver­hin­dern. Die Med Uni Inns­bruck arbei­tet an einem ähn­li­chen Pro­jekt (eco­nomy berichtete).

Mus­cle Engi­nee­ring for Human Transplant
Trotz ihrer Plas­ti­zi­tät kön­nen Ver­let­zun­gen und Krank­hei­ten die Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­keit des Mus­kel­ge­we­bes an ihre Gren­zen brin­gen. Um Mus­kel­ver­let­zun­gen und ‑krank­hei­ten bes­ser behan­deln zu kön­nen, will das Team von Bruno Cadot (Insti­tut de Myo­lo­gie, Paris), Fran­cisco Fer­nan­des (Sor­bonne Uni­ver­sité, Paris) und Léa Tri­chet (Sor­bonne Uni­ver­sité Paris) große trans­plan­tier­bare Mus­kel­ein­hei­ten herstellen. 

Das vom Team genutzte soge­nannte Ice-Tem­pla­ting ermög­licht die Her­stel­lung makro­sko­pi­scher und kom­ple­xer Gewe­be­ar­chi­tek­tu­ren aus Kol­la­gen und Fibrin. Diese sol­len anschlie­ßend mit ver­schie­de­nen Zell­ty­pen des Mus­kel­ge­we­bes besie­delt wer­den, um funk­tio­nale und Mus­kel­ein­hei­ten zu erhal­ten, die anschlie­ßend beschä­dig­tes Gewebe erset­zen sollen.

Func­tional Bio­prin­ted Pan­creas Tissue
Obwohl Insu­lin vie­len Men­schen mit Typ 1 Dia­be­tes eine wirk­same Behand­lung bie­tet, besteht bis heute keine Aus­sicht auf eine Hei­lung, da das kör­per­ei­gene Gewebe für die Insu­lin-Pro­duk­tion fehlt. Ric­cardo Levato (Utrecht Uni­ver­sity Medi­cal Cen­ter) und sein Team wol­len hier der Hei­lung einen ent­schei­den­den Schritt näherkommen. 

Mit Hilfe des Licht-indu­zier­ten Bio­prin­ting kom­bi­nie­ren sie zeit­gleich Stamm­zel­len, bio­lo­gisch aktive Mole­küle und Extra­zel­lu­lärma­trix zu funk­tio­na­len Gewe­be­ein­hei­ten. Das ent­ste­hende Gewebe ähnelt der endo­kri­nen Bauch­spei­chel­drüse und kann eben­falls Insu­lin pro­du­zie­ren. Wei­tere Funk­tio­na­li­sie­run­gen sol­len das neue Gewebe aber auch vor der Zer­stö­rung durch das Immun­sys­tem schüt­zen, um so das Grund­pro­blem von Typ 1 Dia­be­tes zu lösen.

Autor: red/czaak
27.02.2024

Weitere aktuelle Artikel

For­schungs­team der Med Uni Inns­bruck ent­wi­ckelt KI-Modell zur Ana­lyse von Elek­tro­kar­dio­gram­men. Soge­nann­tes „Foun­da­tion Model“ erfasst und ana­ly­siert elek­tri­sche Herz­si­gnale in ihrer gesam­ten Band­breite. Neue KI-Anwen­dung gilt als inter­na­tio­na­les Vor­zei­ge­mo­dell.  For­schende um den Phy­si­ker und Medi­zi­ner Cle­mens Dlaska von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck haben ein neues „Foun­da­tion Model“ ent­wi­ckelt, das die in Elek­tro­kar­dio­gram­men (EKG) erfass­ten elek­tri­schen Herz­si­gnale […]
Außer­halb klas­si­scher Büro­jobs kann Digi­ta­li­sie­rung ein Gesund­heits­ri­siko bedeu­ten. Das betrifft ins­be­son­dere Beschäf­tigte mit mehr­heit­lich kör­per­li­cher Arbeit. Im Ver­gleich feh­len sie um 20 Pro­zent mehr im Jahr, so eine neue Studie. Bei Beschäf­tig­ten mit über­wie­gend kör­per­li­chen Tätig­kei­ten geht mehr Digi­ta­li­sie­rung des Arbeits­plat­zes mit schlech­te­rer Gesund­heit und mehr Krank­heits­ta­gen ein­her. Das zeigt eine neue Stu­die des ifo […]
Leicht­me­tall­kom­pe­tenz­zen­trum Rans­ho­fen vom AIT ent­wi­ckelt mit inter­na­tio­na­len Part­nern Lösun­gen für das Recy­cling von Alu­mi­ni­um­le­gie­run­gen. Herz­stück ist der von CAN­COM Aus­tria ent­wi­ckelte „RecAL Hub“, eine digi­tale Platt­form zur siche­ren Ver­net­zung aller Akteure. Am EU-Pro­jekt „RecAL“ sind 19 Orga­ni­sa­tio­nen aus neun euro­päi­schen Län­dern beteiligt.  Alu­mi­nium ist in der Her­stel­lung sehr res­sour­cen- und ener­gie­in­ten­siv. Recy­cling ist daher noch […]
Die Alfred Korn­ber­ger Foun­da­tion eröff­net in Wie­ner Bäcker­strasse 9 museale Schau­räume mit Schwer­punkt auf Expres­sio­nis­mus und Akt. Museum, Art-Shop & Gale­rie haben geöff­net von Di bis Fr: 11–18 und Sa: 10–13 Uhr. Die Eröff­nungs­aus­stel­lung „Der ero­ti­sche Moment“ mit retro­spek­ti­ver Werk­schau von Akt­mo­ti­ven aus dem Bestand von Alfred Korn­ber­ger-Foun­da­tion und Fami­lie.Die Alfred Korn­ber­ger Foun­da­tion eröff­net in der Wie­ner Bäcker­strasse […]
Nie­der­ös­ter­rei­chi­sches Insti­tut for Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria und TU Wien bekom­men meh­rere ERC Start­ing Grants des EU-For­schungs­rats. Allein ISTA holt fast zehn Mil­lio­nen Euro mit Pro­jek­ten zu KI, Astro­phy­sik, Bio­tech und Quan­ten­op­tik. TU Wien punk­tet mit Infor­ma­tik und Physik. Dass das nie­der­ös­ter­rei­chi­sche ISTA natio­nal und inter­na­tio­nal zu den erfolg­reichs­ten Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen zählt ist mitt­ler­weile durch zahl­rei­che […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram