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Bloß nicht Groß­bri­tan­nien werden

Die meis­ten Ame­ri­ka­ner befür­wor­ten eine all­ge­meine Kran­ken­ver­si­che­rung. Staat­li­che Ein­mi­schung und Gleich­heits­me­di­zin ist ihnen jedoch Gräuel. Unter­des­sen steigt die Zahl der Unversicherten.

Hil­la­rycare“ hatte so tiefe Spu­ren hin­ter­las­sen, dass Hil­lary Clin­ton 15 Jahre spä­ter als Kan­di­da­tin im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf 2008 immer noch daran labo­rierte. Als der unter ihrer Feder­füh­rung aus­ge­ar­bei­tete, 1300 Sei­ten dicke Geset­zes­vor­schlag einer all­ge­mei­nen Kran­ken­ver­si­che­rung 1994 durch den Kon­gress ras­selte, ver­lor die First Lady nahezu ihr Gesicht und Bill Clin­ton, kurz nach dem Deba­kel, die demo­kra­ti­sche Mehr­heit im Kongress.
Dem Land eine all­ge­meine Kran­ken­ver­si­che­rung zu ver­pas­sen, daran hatte sich davor schon eine Reihe ande­rer die Zähne aus­ge­bis­sen. Der erste unter ihnen war Prä­si­dent Frank­lin Roo­se­velt. Auch seine vier­fa­che Amts­zeit hatte zur Durch­set­zung einer sol­chen Maß­nahme nicht gereicht. Wich­tige Zuge­ständ­nisse an die Ver­sor­gung von finan­zi­ell Schwa­chen und Senio­ren schaffte Lyn­don John­son Mitte der 1960er Jahre mit der Ein­füh­rung der Ver­si­che­run­gen Medi­caid und Medi­care. 40 Jahre spä­ter explo­die­ren nun die Kos­ten für die bei­den Versorgungspakete.

Tiefe Wur­zeln der Autonomie 

Die euro­päi­sche Ansicht, dass Kran­ken­ver­sor­gung ein Grund­recht der Bür­ger dar­stellt, ist in den USA weit weni­ger ver­brei­tet. Zwar schämt sich ins­be­son­dere die Linke gera­dezu, es als füh­rende Wirt­schafts­macht zu kei­ner all­ge­mei­nen Kran­ken­ver­sor­gung geschafft zu haben. Dass der Staat zur Ver­sor­gung ver­pflich­tet sein sollte, geht für viele in einem Land, das Staats­ein­mi­schung tra­di­tio­nell scheut wie kaum ein ande­res, doch zu weit. Die Debatte ist von Wider­sprü­chen geprägt. So zei­gen etwa Umfra­gen, dass eine Mehr­heit die Ver­sor­gung für alle befür­wor­tet. Doch sobald es um die Menge an staat­li­cher Ein­mi­schung geht, etwa im Arzt-Pati­en­ten-Ver­hält­nis oder bei der Ver­tei­lung der Kos­ten, schei­den sich die Geister.
Durch­aus ver­brei­tet ist auch die Über­zeu­gung, dass der Staat schlicht nicht in der Lage sei, 300 Mio. Leute zu ver­sor­gen. Dass die Ein­nah­men mit einer ver­pflich­ten­den Ver­si­che­rung stei­gen, liegt zwar auf der Hand. Dahin­ter wird aber oft­mals ein Sin­ken der Qua­li­tät ver­mu­tet. Eine Ansicht, die ins­be­son­dere Kon­ser­va­tive hoch­hal­ten. Als abschre­cken­des Bei­spiel wird Groß­bri­tan­nien genannt, mit sei­nen oft mona­te­lan­gen War­te­zei­ten auf Ope­ra­tio­nen und einem Sys­tem, des­sen Qua­li­tät in Gleich­heit untergeht.

40 Mil­lio­nen nicht versichert

„Hier ist nicht Groß­bri­tan­nien“, kom­men­tiert Kolum­nist Ste­ven Pearl­stein in der Washing­ton Post die Kri­tik der Rech­ten. Viel­mehr seien die USA ein Land mit einer tief ver­wur­zel­ten Über­zeu­gung hin­sicht­lich der Auto­no­mie und freien Wahl des Ein­zel­nen. Wett­be­werb und Inno­va­tion seien ein­fach zu tief ver­an­kert, eine Art sozia­lis­ti­sches Gesund­heits­we­sen könne daher gar nicht erst auf­kom­men, so Pearlstein.
Die höchste Anzahl Unver­si­cher­ter fin­det sich unter jun­gen Erwach­se­nen. Laut Zah­len des Com­mon­wealth Fund waren dies im Jahr 2007 – und damit noch vor der Wirt­schafts­krise – mehr als 13 Mil­lio­nen. Ins­ge­samt sol­len unter­schied­li­chen Schät­zun­gen zufolge 40 Mio. Per­so­nen im Land nicht kran­ken­ver­si­chert sein.
Wer seine Kran­ken­ver­si­che­rung selbst bezahlt, hat eine schier unüber­schau­bare Fülle von Mög­lich­kei­ten, vor­aus­ge­setzt, es bestehen keine beson­de­ren Vor­er­kran­kun­gen. Nicht umsonst wurde im Wahl­kampf dar­auf hin­ge­wie­sen, dass kei­ner der ehe­mals krebs­kran­ken Kan­di­da­ten John McCain und Rudolph Giu­liani bei pri­va­ten Ver­si­che­rern unter­ge­kom­men wäre. Der­weil stei­gen die Kos­ten für das Sys­tem unauf­halt­sam an. 2007 mach­ten die lan­des­wei­ten Gesund­heits­aus­ga­ben 2,2 Bil­lio­nen Dol­lar und damit 16 Pro­zent des Brutto-inlands­pro­dukts (BIP) aus. Ohne wei­tere Ver­än­de­rung könn­ten sie in den nächs­ten 15 Jah­ren auf bis zu 25 Pro­zent des BIP stei­gen. Das gesamte Sys­tem ist rund dop­pelt so teuer wie die Ver­sor­gung in ande­ren Staa­ten : An die 8000 Dol­lar geben Leute in den USA für Gesund­heits­leis­tun­gen aus, ein Wert, der nicht nur auf das Bud­get von Fami­lien, son­dern auch von Unter­neh­men drückt.
Die Rezes­sion zeigt sich inzwi­schen von ihrer Breit­seite. Arzt­be­su­che, die auch bei Ver­si­cher­ten oft mit Gebüh­ren ver­bun­den sind, wer­den ebenso auf­ge­scho­ben wie teure Ope­ra­tio­nen, bei denen bis­wei­len meh­rere Tau­send Dol­lar selbst bezahlt wer­den müs­sen. Arbeits­lose, die mit dem Job auch die Kran­ken­ver­si­che­rung ver­lie­ren, ver­le­gen sich auf den Besuch von Not­auf­nah­men. Die-se müs­sen Leute auf­neh­men, unab­hän­gig von deren Zah­lungs­fä­hig­keit. Das dicke Ende könnte laut Exper­ten erst kom­men : Wenn es durch feh­lende Prä­ven­tion und das Ver­schie­ben not­wen­di­ger Behand­lun­gen zu ver­schlepp­ten Krank­hei­ten und teu­ren blei­ben­den Schä­den kommt.

Oba­mas Plan
In einem ers­ten Schritt unter­zeich­nete der Prä­si­dent Anfang Februar ein Gesetz, das die Kran­ken­ver­sor­gung auf vier Mio. unver­si­cherte Kin­der aus­wei­tet. Fami­lien, die zu viel ver­die­nen, um Medi­caid zu erhal­ten, aber zu wenig, um sich eine Ver­si­che­rung leis­ten zu kön­nen, sol­len somit nicht mehr durch den Rost fallen.
Bush hatte den Plan mit sei­nem Veto belegt und begrün­dete dies stets mit der zu hohen Ein­mi­schung des Staa­tes. Finan­zie­ren will Obama sei­nen Plan mit der Erhö­hung der Tabak­steuer. Im 780 Mrd. Dol­lar-Kon­junk­tur­pa­ket ist rund eine Mrd. Dol­lar bereit­ge­stellt, um die Effek­ti­vi­tät von Behand­lun­gen zu erhe­ben. Damit sol­len Fra­gen geklärt wer­den, wel­che The­ra­pien für wel­che Krank­hei­ten am bes­ten sind. Der Zugang, der auch in den USA nicht ganz neu ist, wird zwar begrüßt, jedoch auch mit Skep­sis betrach­tet. Kri­ti­ker füh­ren ins Tref­fen, dass dies Kran­ken­ver­si­che­rern nun­mehr als Vor­wand für die Ableh­nung teu­rer The­ra­pien die­nen könnte.
Eben­falls im Kon­junk­tur­pa­ket vor­ge­se­hen sind 19 Mrd. Dol­lar für die Moder­ni­sie­rung medi­zi­ni­scher Daten­hal­tung. Alle Vor­ha­ben, allen voran die mög­li­che staat­li­che Ein­mi­schung in die Ver­hand­lung von Medi­ka­men­ten­prei­sen, um die Kos­ten für Medi­caid zu sen­ken, wer­den von der Indus­trie mit Argus­au­gen ver­folgt. Der Staat als Gesund­heits­leis­tun­gen aus­tei­len­der Mono­po­list ist, Reform­freu­dig­keit hin oder her, kein gang­ba­rer Weg.

hello world!
Autor:
27.02.2009

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