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Can­na­bis und Kokain und Crys­tal Meth

Die Inns­bru­cker Gerichts­me­di­zin ana­ly­siert im euro­päi­schen Rah­men regel­mä­ßig die Klär­an­la­gen der Abwäs­ser auf Dro­gen­rück­stände. Im aktu­el­len Bericht für 2021 spie­gelt sich auch die Corona-Pandemie. 

Das abwas­ser­ba­sierte Dro­gen­mo­ni­to­ring in euro­päi­schen Städ­ten wird seit Jah­ren erfolg­reich ein­ge­setzt, um Ver­gleichs­werte und Trends des Dro­gen­kon­sums über Län­der­gren­zen hin­weg zu ermit­teln. Mit dem Insti­tut für Gericht­li­che Medi­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck (GMI) nimmt seit 2016 auch Öster­reich am jähr­li­chen Moni­to­ring im Rah­men des euro­pa­wei­ten Netz­wer­kes SCORE teil. Die aktu­el­len Ergeb­nisse für 2021 ste­hen erwar­tungs­ge­mäß unter dem Ein­fluss der Corona-Pandemie. 

Hier wur­den euro­pa­weit die Abwäs­ser von 110 Klär­an­la­gen in 90 Städ­ten und Regio­nen ana­ly­siert, dar­un­ter auch die Abwäs­ser von neun öster­rei­chi­schen und einer Süd­ti­ro­ler Klär­an­lage (Anm. ins­ge­samt 118 Gemein­den). Die Unter­su­chung lässt Rück­schlüsse auf den Dro­gen­kon­sum von fast einer Mil­lion Men­schen in Öster­reich und Süd­ti­rol zu. Für die jähr­lich wie­der­holte Stu­die wur­den im Som­mer 2021 über einen Zeit­raum von einer Woche täg­lich Pro­ben vom Zufluss der Klär­an­la­gen entnommen. 

Can­na­bis, Kokain, Amphet­amine, Alko­hol und Nikotin
Die Ana­lyse der ein­zel­nen Kon­sum­mar­ker für Dro­gen und deren Stoff­wech­sel­pro­dukte erfolgte wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im foren­sisch-toxi­ko­lo­gi­schen Labor der Gericht­li­chen Medi­zin der Med-Uni Inns­bruck (GMI) unter Lei­tung des Che­mi­kers Her­bert Ober­acher. Auf Grund der vor­han­de­nen Exper­tise darf das Labor der Inns­bru­cker Uni als ein­zige Ein­rich­tung Öster­reichs am SCORE-Pro­gramm teil­neh­men. Ober­acher gilt auch inter­na­tio­nal als einer der renom­mier­tes­ten Exper­ten für Meta­bo­lo­mik und Bio­ana­ly­ti­sche Massenspektrometrie.

Im Fokus der Unter­su­chun­gen stan­den die Sucht­gifte Tetra­hy­dro­can­na­bi­nol (Wirk­stoff in Can­na­bis) sowie Kokain und zudem Amphet­amin (Wirk­stoff in Speed), 3,4‑Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA als Wirk­stoff in Ecstasy) und Metham­phet­amin (Wirk­stoff in Crys­tal Meth), sowie Alko­hol und Niko­tin. Die Ergeb­nisse der che­mi­schen Ana­ly­sen wer­den von der Euro­päi­sche Beob­ach­tungs­stelle für Dro­gen und Dro­gen­sucht (EMCDDA) in Lis­sa­bon für den euro­päi­schen Dro­gen­be­richt ver­wer­tet und jähr­lich veröffentlicht.
 
Öster­reich im hin­te­ren euro­päi­schen Mittelfeld
„Ein Ein­woh­ner aus einer der zehn unter­such­ten Regio­nen trinkt im Schnitt täg­lich ein Glas Wein, raucht drei Ziga­ret­ten und kon­su­miert 0,06 Joints sowie rund ein Mil­li­gramm an auf­put­schen­den Dro­gen“, erläu­tert Stu­di­en­lei­ter Her­bert Ober­acher die Ergeb­nisse für Öster­reich. Damit lie­gen die in Öster­reich und Süd­ti­rol über­wach­ten Regio­nen in einer aus den Ergeb­nis­sen der SCORE Stu­die abge­lei­te­ten Rang­liste der unter­such­ten euro­päi­schen Staa­ten bei allen ana­ly­sier­ten Sub­stan­zen „bes­ten­falls“ im Mittelfeld. 

Die Mög­lich­keit des Ver­gleichs unter­schied­li­cher Regio­nen ist eine beson­dere Stärke des abwas­ser­ba­sier­ten Dro­gen­mo­ni­to­rings So ergab die Ana­lyse, dass der Pro-Kopf-Kon­sum an Alko­hol und Niko­tin inner­halb Öster­reichs rela­tiv ein­heit­lich ist. Bei den ver­bo­te­nen Dro­gen bie­tet sich ein weni­ger homo­ge­nes Bild : In fast allen Regio­nen war Can­na­bis die domi­nie­rende Droge, wobei der THC-Kon­sum im urba­nen Raum höher zu sein scheint als in länd­li­chen Gegen­den. Unter den Sti­mu­lan­zien ist Kokain die men­gen­stärkste Droge. In West­ös­ter­reich und Süd­ti­rol wird Kokain pro Kopf in grö­ße­ren Men­gen kon­su­miert als in Ost­ös­ter­reich. Bozen und Kuf­stein ver­zeich­nen den höchs­ten Pro-Kopf-Ver­brauch an Kokain. 

Weni­ger Par­tys, weni­ger Drogen
Die größ­ten Pro-Kopf-Kon­sum­men­gen von Amphet­ami­nen als Wirk­stoffe in Speed und Crys­tal Meth lie­ßen sich in Ost­ös­ter­reich, spe­zi­ell in Graz, beob­ach­ten. Diese West-Ost-Ver­tei­lung von Sti­mu­lan­zien und syn­the­ti­schen Dro­gen ist nicht auf Öster­reich beschränkt, son­dern spie­gelt sich in Europa wider. In Süd­ti­rol scheint der gene­relle Pro-Kopf-Kon­sum nied­ri­ger als in Öster­reich. In Bozen war der Ver­brauch von Alko­hol, Niko­tin, Can­na­bis, Amphet­amin und MDMA gerin­ger als in Inns­bruck, jener von Kokain aber höher.

Für neun unter­suchte Regio­nen erge­ben sich im Ver­gleich zu 2019 und 2020 Ände­run­gen im Kon­sum­ver­hal­ten. „Corona und die damit ver­bun­de­nen Ein­schrän­kun­gen schei­nen Aus­wir­kun­gen auf den Dro­gen­markt zu haben. Auch wenn es regio­nale Unter­schiede gibt, legen unsere Ergeb­nisse nahe, dass es ins­ge­samt zu einem Rück­gang beim Kon­sum von Par­ty­dro­gen, ins­be­son­dere von MDMA/​Ecstasy (minus 50 Pro­zent) aber auch Kokain (minus 10 Pro­zent) und Can­na­bis (minus 10 Pro­zent), gekom­men ist“ so Ober­acher. Wei­tere Auf­fäl­lig­kei­ten waren Stei­ge­run­gen bei den Amphet­ami­nen, Crys­tal Meth plus 130 Pro­zent und Speed mit plus 30 Prozent.
 
Mehr­wert für öffent­li­che Gesundheitsüberwachung
Die im Rah­men des SCORE Netz­werks über den Dro­gen­markt erho­be­nen Daten lie­fern den Behör­den und den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen Ent­schei­dungs­hil­fen, um geeig­nete Maß­nah­men für eine nach­hal­tige Dro­gen­po­li­tik aus­ar­bei­ten und umset­zen zu kön­nen. Zudem wurde in den bei­den letz­ten Stu­di­en­läu­fen auch der Ein­fluss der Corona-Pan­de­mie auf den Dro­gen­kon­sum der Bevöl­ke­rung unter­sucht. „Die Abwas­ser­ana­lyse erweist sich immer mehr als geeig­ne­tes und pro­fi­ta­bles Public Health Instru­ment“, betont Ober­acher. Sein Labor wäre auch für die Ana­lyse umfang­rei­che­rer Abwas­ser­da­ten gerüstet. 

In Bezug auf den Kon­sum von Alko­hol und Niko­tin decken sich die Ergeb­nisse der Abwas­ser­ana­lyse weit­ge­hend mit den Kenn­zah­len der Öster­rei­chi­schen Gesund­heits­be­fra­gung aus 2019. Her­bert Ober­acher pro­mo­vierte an der Uni­ver­si­tät Inns­bruck zum Ana­ly­ti­schen Che­mi­ker. Seit 2003 forscht er am Insti­tut für Gericht­li­che Medi­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck, wo er sich 2007 für Bio­ana­ly­tik habi­li­tierte. 2021 wurde er zum Pro­fes­sor für Meta­bo­lo­mik und Bio­ana­ly­ti­sche Mas­sen­spek­tro­me­trie beru­fen. Das unter sei­ner Lei­tung ste­hende foren­sisch-toxi­ko­lo­gi­sche For­schungs­la­bor ist die ein­zige Ein­rich­tung Öster­reichs, die für die Teil­nahme am euro­päi­schen SCORE-Pro­gramm zer­ti­fi­ziert ist.

Autor: red/czaak
21.03.2022

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