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Cern und Öster­reich nach dem Fast-Knall

Porr baute am Tun­nel mit, Uniqa ver­si­chert die Mit­ar­bei­ter, das Soft­ware-Haus ETM visua­li­siert die Pro­zesse, junge Phy­si­ker schrei­ben ihre Dis­ser­ta­tion. Das Kern­for­schungs­zen­trum Cern kos­tet Öster­reich 16 Mil­lio­nen Euro jähr­lich und schickt weni­ger Geld zurück. Doch die Chan­cen­ver­luste wären bei einem Aus­tritt enorm gewesen.

Am 7. Mai löste Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Johan­nes Hahn (ÖVP) eine Schock­welle aus. Er kün­digte den Aus­tritt Öster­reichs aus dem Euro­päi­schen Kern­for­schungs­zen­trum Cern an. Seine Begrün­dung : Der Mit­glieds­bei­trag von jähr­lich 16 Mio. Euro sei zu hoch, und es gebe wenig Rück­flüsse in Form von Auf­trä­gen des Cern an öster­rei­chi­sche Unter­neh­men. Mit den frei wer­den­den Mit­teln könnte die Betei­li­gung an ande­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten finan­ziert wer­den. Die Schock­welle stieß auf Pro­test­wel­len von Wis­sen­schaft­lern und Poli­ti­kern. Die dar­aus ent­stan­dene Inter­fe­renz hatte zur Folge, dass Hahn elf Tage spä­ter den Rück­tritt vom Aus­tritt bekannt geben musste.
Rein buch­hal­te­risch stimmt Hahns Kal­ku­la­tion. Laut Wirt­schafts­kam­mer machte die Zulie­fe­rung öster­rei­chi­scher Unter­neh­men an Cern im Jahr 2008 1,5 Mio. Euro aus, 2007 zwei Mio. Euro. In den Jah­ren davor, als der Teil­chen­be­schleu­ni­ger LHC gebaut wurde, waren es jeweils fünf bis sie­ben Mio. Euro. Zu den größ­ten Auf­trag­neh­mern zählt Porr Tun­nel­bau. Gemein­sam mit einem deut­schen und einem Schwei­zer Bau­un­ter­neh­men baute Porr Kaver­nen und Ver­bin­dungs­stol­len. Cern macht sich gut auf einer Refe­renz­liste, doch Porr konnte auch vor­her schon gut Tun­nel graben.

Visio­när oder Buchhalter
Für andere Unter­neh­men jedoch war Cern die Start­rampe für Höhen­flüge, die sie sonst kaum machen hät­ten kön­nen. Für das Soft­ware-Haus ETM etwa, das das Pro­zess­leit­sys­tem für die gesamte Anlage lie­ferte. 1999 gewann ETM die Aus­schrei­bung gegen hef­tige Kon­kur­renz und nach einer drei­jäh­ri­gen Eva­lu­ie­rung. Damals war der bur­gen­län­di­sche Soft­ware-Ent­wick­ler zwar kein Start-up mehr, aber den­noch ein – inter­na­tio­nal gese­hen – klei­nes Unter­neh­men mit einem Umsatz von rund fünf Mio. Euro. Das Pro­zess­vi­sua­lie­rungs- und Steue­rungs­sys­tem namens PVSS war und ist das ein­zige Pro­dukt von ETM ; mitt­ler­weile wurde das Unter­neh­men aber von Sie­mens übernommen.
„Durch die außer­ge­wöhn­lich hohen Anfor­de­run­gen von Cern haben wir die Soft­ware wei­ter­ent­wi­ckelt“, sagt ETM-Geschäfts­füh­rer Bern­hard Reichl. „Durch Cern haben wir Auf­träge bekom­men, die wir sonst nie bekom­men hät­ten.“ Mit ETM-Soft­ware wird die längste Pipe­line der Welt in China gesteu­ert, das hol­län­di­sche Gas­netz, fast alle öster­rei­chi­schen und viele inter­na­tio­na­len Tun­nels, U‑Bahnen, Flug­hä­fen und Klär­an­la­gen. Ohne den Cern-Auf­trag hätte sich das Unter­neh­men anders ent­wi­ckelt. „Wir haben uns auf kom­plexe Anla­gen konzen­triert“, sagt Reichl. „Heute leben wir in dem Seg­ment aus­ge­spro­chen gut.“
Um einen jahr­zehn­te­lan­gen Cern-Auf­trag hat Uniqa gezit­tert, als das Aus­tritts­vor­ha­ben bekannt wurde. Seit 1971 sind die Cern-Mit­ar­bei­ter bei Uniqa Assu­ran­ces bezie­hungs­weise dem Vor­gän­ger Aus­tria Ver­si­che­run­gen kran­ken­ver­si­chert. Im Mai sollte der Ver­trag mit Uniqa mit einem Prä­mi­en­vo­lu­men von 40 Mio. Euro ver­län­gert wer­den. Das wurde nach Hahns Ankün­di­gung auf Eis gelegt. Erst als der Aus­tritt vom Tisch war, kam der Ver­trag wie­der zustande.
Zu den Unter­neh­men, die in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren für Cern arbei­te­ten, gehö­ren große wie Porr, Amag, Sie­mens, Kapsch, FACC, Böh­ler-Udde­holm und Plansee.
Und ganz kleine, wie das Vier-Mann-Unter­neh­men Mecha­ni­sche Kom­po­nen­ten Tschann in Vor­arl­berg. Der Winz­ling hat für Cern 11.000 Rohr­flansch­ver­bin­dun­gen ent­wi­ckelt und 60.000 Dich­tun­gen gelie­fert – was in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Hälfte des Umsat­zes aus­machte. Die Auf­träge erhielt Edgar Tschann wegen der Qua­li­tät sei­ner Arbeit und auch wegen sei­ner seit 20 Jah­ren bestehen­den Kon­takte. Tschann hatte für Schwei­zer Unter­neh­men bei Cern gear­bei­tet, bevor er sich selbst­stän­dig machte. „Die deut­schen Phy­si­ker haben sich immer wie­der für mich ein­ge­setzt, und ein Öster­rei­cher hat lange im Ein­kauf gear­bei­tet“, sagt Tschann. „Ohne gute Kon­takte hätte man gegen die Fran­zo­sen fast keine Chance. Die hal­ten zusammen.“
Wirt­schaft­li­cher Patrio­tis­mus spielt am Cern eine Rolle. Und geo­gra­fi­sche Nähe. Cern liegt bei Genf, der Tun­nel ist groß­teils in Frank­reich. Die Schweiz und Frank­reich lukrie­ren die größ­ten Auf­träge. Die Cern-Mit­glieds­län­der orga­ni­sie­ren regel­mä­ßig Besu­che für ihre Unter­neh­men, um die Auf­trags­ver­gabe in ihrem Sinne zu pushen. Auch die Wirt­schafts­kam­mer (WKO) macht das für öster­rei­chi­sche Unter­neh­men. Am 30. Sep­tem­ber bie­tet sie in Wien wie­der einen Cern-Infor­ma­ti­ons­tag an. Den größ­ten Ver­lust bei einem Cern-Aus­tritt hät­ten aber nicht die Unter­neh­men erlit­ten, son­dern junge For­scher. „Der frü­here Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Erhard Busek hat eine Koope­ra­tion zwi­schen Cern und öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tä­ten ver­ein­bart, um die uns viele benei­den“, so Michael Scherz, Refe­rent für Tech­no­lo­gie­ko­ope­ra­tio­nen in der WKO.

For­scher hät­ten gelitten
Rund 150 Phy­sik-Stu­die­rende schrie­ben bis­her ihre Dis­ser­ta­tion am Cern. Dazu kom­men Prak­tika und Post­doc-Auf­ent­halte von Absol­ven­ten. Die enor­men Rechen­leis­tun­gen, die Cern benö­tigt, wer­den über ein Netz von Com­pu­tern in ganz Europa durch­ge­führt. Am Com­pu­ting Grid sind die Uni­ver­si­tä­ten Inns­bruck und Wien beteiligt.
Gestor­ben vor sei­ner Geburt wäre wohl Med Aus­tron, ein Zen­trum für Ionen­the­ra­pie, um spe­zi­elle Tumore zu behan­deln. Med Aus­tron wird mit Cern-Tech­no­lo­gie in Wie­ner Neu­stadt gebaut. Ähn­li­che Zen­tren gibt es nur in Pavia (Ita­lien), Hei­del­berg und Japan. „Theo­re­tisch hät­ten wir uns neu ori­en­tie­ren kön­nen“, sagt Med-Aus­tron-Lei­ter Mar­tin Schima. „Doch die Japa­ner haben gar kein Inter­esse, uns ihre Tech­no­lo­gie anzubieten.“

Autor:
21.08.2009

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