Zum Inhalt
© Bilderbox.com

„Dann ist die ver­hee­rende Krank­heit gestoppt!“

SPRIND, die Deut­sche Bun­des­agen­tur für Sprung­in­no­va­tion för­dert drei neue Pro­jekte. Mikro­plas­tik-Ent­fer­nung aus Gewäs­sern, Ana­log­com­pu­ter auf Chip­größe und der Kampf gegen Alz­hei­mer spie­geln alle­samt aktu­elle gesell­schafts­po­li­ti­sche Herausforderungen. 

In Öster­reich wurde „SPRIND“ als neue För­der­stelle für radi­kale Inno­va­ti­ons­pro­jekte einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit erst­mals nach dem Auf­tritt bei der (ebenso neuen) Kapsch-Pod­cast­reihe „Cof­fee, Tea, Tech­no­logy“ bekannt. Letz­ten Jän­ner war Sprind-Boss Rafael Laguna Gast bei Kapsch Busi­ness­Com-Vor­stand Jochen Boren­ich und sprach über Hin­ter­gründe und Pläne die­ser neuen deut­schen Bun­des­ein­rich­tung als (neue) Hei­mat für radi­kale Neu­den­ker (eco­nomy berich­tete). Vorab dotiert mit einer Mil­li­arde Euro (!), sol­len pri­mär dis­rup­tive Geschäfts­mo­delle unter­stützt werden. 

Laguna erör­tere dabei die mit­un­ter schwie­rige Grat­wan­de­rung zwi­schen : „Wie viel Ver­rückt­heit darf man auf Staats­kos­ten zulas­sen und wann ist eine Idee zu aus­ge­fal­len?“ – ver­sus : „Gerade diese Aus­ge­fal­len­heit hat Chan­cen eine neue Nische erfolg­reich zu beset­zen oder gar neu zu defi­nie­ren“. Aktu­ell wur­den nun drei neue Pro­jekte aus­ge­wählt. Alle drei spie­geln große aktu­elle gesell­schafts­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen, sie beschäf­ti­gen sich mit den The­men Umwelt, Digi­ta­li­sie­rung und Gesundheit.

Eine Ant­wort inner­halb eines Tages
Das erste Sprind-Pro­jekt mit der Beschrei­bung „Eine Makro­lö­sung für das Mikro­plas­tik-Pro­blem“ behan­delt pri­mär die mitt­ler­weile enor­men Belas­tun­gen von Plas­tik­ab­fäl­len in den Gewäs­sern sowie die dar­aus fol­gen­den und ebenso enor­men Aus­wir­kun­gen auf Mensch und Tier. Roland Damann, der Inno­va­tor des Pro­jekts, gilt als Erfin­der und Welt­rei­sen­der in Sachen Was­ser­qua­li­tät. Bereits in den 1980er Jah­ren erfand Damann den soge­nann­ten Aqua­tec­tor®, ein Sys­tem, das Aqua­kul­tur und Fisch­zucht glo­bal revolutionierte. 

Mit­tels Anwen­dung der soge­nann­ten Mikro­flo­ta­tion avan­cierte der For­scher zum Spe­zia­lis­ten für die Behand­lung von Schmutz­was­ser. Dabei wer­den hydro­phobe Par­ti­kel an Gas­bla­sen gebun­den und von den auf­stei­gen­den Gasen an die Ober­flä­che trans­por­tiert. Das Ver­fah­ren ist an sich schon aus dem Mit­tel­al­ter bekannt, Damann hat es wei­ter­ent­wi­ckelt, per­fek­tio­niert und glo­ba­li­siert. Mikro­flo­ta­tion gilt als inter­na­tio­na­ler Stan­dard, es gibt aktu­ell über 300 Refe­ren­zen in über 50 Län­dern. Der For­scher erhielt dafür u.a. den Inno­va­ti­ons­preis des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len (NRW).

Anlass für Damanns Mel­dung bei Sprind war der Pod­cast „Start-Up-DNA“. „Ich fand das gut, neu und ziem­lich inspi­rie­rend und hab‘ mich gleich mit mei­nem Pro­jekt bei Sprind gemel­det. Irre war dann, dass ich gleich am nächs­ten Tag eine Ant­wort erhal­ten habe“, so Roland Damann zu Kon­takt und Ent­ste­hung der Zusam­men­ar­beit mit der Inno­va­ti­ons­agen­tur. „Wir müs­sen Mikro­flo­ta­tion noch intel­li­gen­ter machen“, unter­streicht der For­scher sei­nen Antrieb für die nächste Projektstufe.

„Digi­tal ist nicht mensch­lich genug“
Im zwei­ten Sprind-Pro­jekt mit der Beschrei­bung „Ana­log­com­pu­ter-On-A-Chip“ geht es um die Ent­wick­lung eines Ana­log­rech­ners auf einem Chip von der Klein­größe weni­ger Qua­drat­mil­li­me­ter. Inno­va­tor Bernd Ulmann nennt als Ver­gleich Digi­tal­rech­ner auf einem Chip. Aller­dings : „Digi­tal ist unter­kom­plex und auch nicht mensch­lich genug. Es kann nur ana­log geben!“, betont Ulmann. Sein Pro­jekt wäre ein Sprung, der „die Signal­ver­ar­bei­tung in Han­dys oder medi­zi­ni­schen Implan­ta­ten wie etwa Hirn­schritt­ma­cher revo­lu­tio­nie­ren würde“.

Bernd Ulmann selbst gilt als Pas­si­ons­den­ker. Ana­log­rech­ner fas­zi­nie­ren den Pro­fes­sor für Wirt­schafts­in­for­ma­tik an der Uni Frank­furt seit Teen­ager­zei­ten, sein Haus ist Werk­statt und Museum zugleich und rand­voll mit zum Teil rie­si­gen Ana­log­rech­nern. Ulmann, auch der Vax­man (nach dem Com­pu­ter VAX) genannt, erläu­tert : „Ein nor­ma­ler digi­ta­ler Com­pu­ter arbei­tet pro­gramm­ge­steu­ert in ein­zel­nen Schrit­ten. Ein Ana­log­rech­ner kennt keine Schritt-für-Schritt-Aus­füh­rung, alle Rechen­ele­mente arbei­ten hier parallel“.

Der pro­mo­vierte Mathe­ma­ti­ker und Phi­lo­soph (Unis Mainz und Ham­burg ; Dok­tor­ar­beit „Fas­zi­na­tion Ana­log­rech­nen — Geschichte und Grund­la­gen elek­tro­ni­scher Ana­log­rech­ner“) ver­gleicht ana­loge Rech­ner auch gerne mit dem mensch­li­chen Gehirn : „Im Prin­zip ist es so wie ein Ner­ven­sys­tem, wie das mensch­li­che Gehirn, ganz bio­lo­gisch. Nichts in der Bio­lo­gie kann es sich leis­ten, sequen­zi­ell zu rech­nen. Die Zukunft sind des­halb Ana­log­rech­ner“, unter­streicht Ulmann.
.
Der Mensch ver­liert alles, was seine Mensch­lich­keit ausmacht
Im drit­ten Sprind-Pro­jekt wid­met sich der auch inter­na­tio­nal über­aus renom­mierte Struk­tur­bio­loge Die­ter Will­bold der Alz­hei­mer-Krank­heit — eine Plage, die Gehirne und in Folge das Leben von Men­schen zer­stört. Der pro­mo­vierte Bio­che­mi­ker beschreibt einen Zer­stö­rungs­pro­zess in per­fi­der Unauf­halt­sam­keit. „Da gibt es unge­fähr­li­che Ein­zel­pro­te­ine (Mono­mere) im Gehirn, die Abeta-Mole­küle. Diese bal­len sich zusam­men und schaf­fen es toxisch zu wer­den. Und diese toxi­schen Knäuel (Oli­go­mere) ver­meh­ren sich selbst auf Kos­ten der Mono­mere und las­sen immer mehr Neu­ro­nen im Gehirn ster­ben“, so der Forscher. 

Will­bold unter­streicht : „Die Hirn­masse nimmt ab, der Mensch ver­liert nach und nach alles, was seine Mensch­lich­keit aus­macht.“ Im Kampf gegen Alz­hei­mer ver­folgt der Experte nun den Ansatz der krea­ti­ven und final heil­sa­men Zer­stö­rung die­ser toxi­schen Ver­bünde. In jah­re­lan­ger For­schung hat er einen Wirk­stoff und ins­be­son­dere einen exakt abge­stimm­ten Anwen­dungs­pro­zess ent­wi­ckelt. Das soge­nannte PRI-002 ist ein All-D-pep­tid, Anga­ben zufolge güns­tig her­stell­bar und es wird ein­fach oral und nicht intra­ve­nös inji­ziert ver­ab­reicht. Will­bolds Wirk­stoff geht aktu­ell nun bereits in die kli­ni­sche Test­phase II, die wich­tige Phase‑I Stu­die an gesun­den Pro­ban­den zur Prü­fung der Ver­träg­lich­keit ist erfolg­reich absolviert.

Für die Umset­zung sei­ner Prion-For­schun­gen und die Ent­wick­lung sei­nes Wirk­stoffs PRI-002 hat der Alz­hei­mer-Experte sein Unter­neh­men Pria­void gegrün­det. Zusam­men mit SPRIND wird Will­bold das The­ra­peu­ti­kum jetzt wei­ter­ent­wi­ckeln. „Der Wirk­stoff ist wich­tig, die Sprung­in­no­va­tion liegt aber im Pro­zess. Die­ser ist das Bahn­bre­chende : das Zer­le­gen neu­ro­to­xi­scher Pro­tein-Ver­bünde in harm­lose Mono­mer-Bau­steine“, betont Die­ter Will­bold. Und : „Sind die toxi­schen Struk­tu­ren besei­tigt, kann man die ver­hee­rende Krank­heit stoppen!“ 

Autor: red/Christian Czaak
15.04.2021

Weitere aktuelle Artikel

Men­schen hadern seit jeher mit der Ver­gäng­lich­keit des oder zumin­dest eines Lebens. Frü­her wurde der Jung­brun­nen gesucht, heute inves­tie­ren Mil­li­ar­däre in die Kon­trolle des Alterns und Auto­kra­ten las­sen medi­zi­ni­sche Wun­der­mit­tel erpro­ben. Eine His­to­ri­ke­rin der ÖAW ord­net nun die Sehn­sucht nach der Ver­län­ge­rung des irdi­schen Daseins ein.  Das soge­nannte Lon­ge­vity ist schon län­ger eine Art Trend. […]
TU Wien ent­wi­ckelt neues 3D-Druck-Ver­fah­ren zur Her­stel­lung von bio­lo­gi­schem Gewebe. Ein Anwen­dungs­ge­biet ist etwa die For­schung an Haut­krank­hei­ten. Neue Methode soll dabei auch die mehr­fach schwie­ri­gen Tier­ver­su­che ersetzen. Rund ein Vier­tel der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung lei­det unter chro­nisch ent­zünd­li­chen Haut­krank­hei­ten wie Pso­ria­sis, Neu­ro­der­mi­tis oder Akne. The­ra­pien dafür zu erfor­schen ist oft schwie­rig. Die schon ein­mal ethisch […]
Metalle und Stahl­pro­dukte wer­den in gro­ßen Volu­mina für ver­schie­denste Erzeu­gun­gen benö­tigt. Roh­stoffe auf wenige Her­kunfts­ge­biete beschränkt. Her­stel­lung ener­gie­in­ten­siv und Recy­cling­quote nied­rig. Neues För­der­pro­gramm von SPRIND adres­siert neue Kreislaufmodelle. Kri­ti­sche Metalle sind zen­tra­ler Bestand­teil der ver­schie­dens­ten Her­stel­lungs­ver­fah­ren und betriebs­über­grei­fen­den Pro­duk­ti­ons­ket­ten. Die Anwen­dun­gen erstre­cken sich von High­tech-End­pro­duk­ten und erneu­er­ba­ren Ener­gie­tech­no­lo­gien über die Luft- und Raum­fahrt bis hin […]
Nie­der­ös­ter­rei­chi­sches Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria (ISTA) erhält von Uber-Mit­be­grün­der Garett Camp Spende über fünf Mil­lio­nen Euro. Im Fokus ste­hen neue For­schun­gen zu KI im engen Kon­text mit den The­men men­schen­zen­trierte Ver­trau­ens­wür­dig­keit und gesell­schaft­li­ches Gemeinwohl.  Das Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria (ISTA) in Klos­ter­neu­burg (NÖ) hat vom kana­di­schen Unter­neh­mer Gar­ret Camp, ein Mit­be­grün­der […]
Aku­tes Nie­ren­ver­sa­gen ver­hin­dert lebens­wich­tige Ent­gif­tung des Kör­pers. Ärzte der Med-Uni Inns­bruck ent­wi­ckeln für Nie­ren­er­satz­the­ra­pie neues extra­kor­po­ra­les Blut­rei­ni­gungs­ver­fah­ren gegen gefähr­li­che Übersäuerung. Die Niere ist ein lebens­wich­ti­ges Organ, das für die Ent­gif­tung von Stoff­wech­sel­pro­duk­ten und die Auf­recht­erhal­tung des Säure-Basen Haus­hal­tes ver­ant­wort­lich ist. Bei einem aku­ten Nie­ren­ver­sa­gen pas­siert (auch) eine schäd­li­che Über­säue­rung des Kör­pers. Die Behand­lung erfolgt dann mit­tels einer […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram