Zum Inhalt

Das Hoch­leis­tungs­mi­kro­skop am Bungee-Seil

Wenn man ein­zelne Atome abbil­den will, darf das Mikro­skop nicht wackeln. Um das zu errei­chen ent­wi­ckelte die TU Wien eine Schwin­gungs­dämp­fung für höchste Bildqualität.

Es gehört zu den prä­zi­ses­ten Mess­ge­rä­ten, die es heute gibt : Im Hoch­leis­tungs­mi­kro­skop am Insti­tut für Ange­wandte Phy­sik der TU Wien erzeugt man Bil­der ein­zel­ner Atome, indem eine extrem feine Nadel­spitze über eine Ober­flä­che bewegt wird. Die Posi­tion die­ser Spitze muss dabei mit einer Prä­zi­sion im Bereich von Pico­me­tern kon­trol­liert wer­den, das sind Mil­li­ards­tel eines Mil­li­me­ters. „Es ist als müsste man eine Nadel mit der Länge des gesam­ten Erd­durch­mes­sers mit einer Prä­zi­sion im Mil­li­me­ter­be­reich steu­ern“, erklärt Michael Schmid vom Insti­tut für Ange­wandte Phy­sik der TU Wien.
Jede Art von Vibra­tion kann das Mess­ergeb­nis unbrauch­bar machen, es ist ent­spre­chend eine große tech­ni­sche Her­aus­for­de­rung aus einem sol­chen Mikro­skop die opti­male Leis­tung her­aus­zu­ho­len. An der TU Wien gelang das mit Hilfe einer spe­zi­el­len Vor­rich­tung, die selbst Schwin­gun­gen mit sehr nied­ri­ger Fre­quenz fast voll­stän­dig dämpft. Das ganze Mikro­skop wurde auf Bun­gee-Sei­len auf­ge­hängt, eine elek­tro­ni­sche Steue­rung jus­tiert die Auf­hän­gung stän­dig nach, um das Gerät gerade zu hal­ten. Diese neu­ent­wi­ckelte Schwin­gungs­dämp­fung wurde nun patentiert. 

Zwei Mil­li­me­ter Abstand zum Boden
Gelöst wurde das Schwin­gungs­pro­blem, indem man das ganze Mikro­skop an die Decke hängt, und das an Bun­geesei­len, deren elas­ti­sche Eigen­schaf­ten beson­ders gut geeig­net sind, soge­nannte nie­der­fre­quente Schwin­gun­gen zu dämp­fen. Sie wur­den in einer spe­zi­el­len, ver­win­kel­ten Anord­nung befes­tigt, um ver­schie­dene Schwin­gungs­rich­tun­gen gleich­zei­tig dämp­fen zu kön­nen. Die Vor­rich­tung schwebt dabei etwa zwei Mil­li­me­ter über dem Boden, wo wie­derum Abstands­sen­so­ren ange­bracht sind.
Ändert sich der Abstand, wird auto­ma­tisch nach­jus­tiert, indem einer von drei ver­schie­de­nen Elek­tro­mo­to­ren an zusätz­li­chen Bun­gee-Sei­len zieht. „Das ist wich­tig, weil es wäh­rend der Expe­ri­mente zu Gewichts­ver­la­ge­run­gen kommt“, erklärt Michael Schmid. „Wir ver­wen­den flüs­si­gen Stick­stoff, um unsere Pro­ben zu küh­len. Der Stick­stoff­vor­rat befin­det sich direkt am Mikro­skop, wenn er ver­dampft, wird er leich­ter – die Gesamt­kon­struk­tion muss aber exakt hori­zon­tal bleiben.“

Spe­zi­elle ört­li­che Rahmenbedingungen
Mit die­ser Spe­zi­al­auf­hän­gung gelang es schließ­lich, die Mög­lich­kei­ten des Hoch­leis­tungs­mi­kro­skops voll aus­zu­nüt­zen – trotz des auf den ers­ten Blick ungüns­ti­gen Stand­or­tes. „Wir hät­ten sonst in ein ande­res Gebäude aus­wei­chen müs­sen, aber das hätte wie­derum andere Nach­teile mit sich gebracht“, sagt Ulrike Die­bold. Sie wurde 2013 mit dem Witt­gen­stein-Preis aus­ge­zeich­net, und ein Teil des Preis­gel­des wurde in die Anschaf­fung eines beson­ders leis­tungs­fä­hi­gen Mikro­skops inves­tiert, das Ras­ter­tun­nel­mi­kro­sko­pie mit Ras­ter­kraft­mi­kro­sko­pie verbindet.
„Anderswo hät­ten wir kei­nen so leich­ten Zugang zu flüs­si­gem Stick­stoff und flüs­si­gem Helium. Die Infra­struk­tur für unsere Mes­sun­gen ist eben genau hier im Frei­haus der TU Wien mit­ten in der Stadt opti­mal, wo aber eben die Vibra­ti­ons­ver­hält­nisse alles andere als opti­mal sind“, erläu­tert Die­bold. Mit der spe­zi­el­len Vibra­ti­ons­dämp­fung wur­den bereits zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Mes­sun­gen erfolg­reich durch­ge­führt und dadurch auch meh­rere wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen ermög­licht. Nun wurde die Erfin­dung in Öster­reich paten­tiert und zudem auch eine inter­na­tio­nale Anmel­dung durch­ge­führt. „Wir hof­fen natür­lich, dass auch andere Insti­tu­tio­nen unsere Idee auf­grei­fen und eben­falls ihre Ergeb­nisse so dras­tisch ver­bes­sern kön­nen wie wir“, ergänzt Michael Schmid. 

Autor: red/cc
13.04.2018

Weitere aktuelle Artikel

Anwen­dun­gen im Welt­raum, in der Hoch­en­er­gie­phy­sik oder für Quan­ten­com­pu­ter. Her­kömm­li­che Elek­tro­nik ver­sagt bei Tem­pe­ra­tu­ren knapp über dem abso­lu­ten Null­punkt. Die TU Wien ent­wi­ckelt nun einen Weg über adap­tive Transistoren. Elek­tro­nik kann Pro­bleme bekom­men, wenn sie zu heiß wird, siehe etwa ent­spre­chende Aus­fälle bei der Küh­lung eines Lap­tops. Elek­tro­ni­sche Schal­tun­gen kön­nen aber auch bei extre­mer Kälte […]
AIT ent­wi­ckelt neu­ar­tige Bio­sen­so­ren für prä­zi­sere Dia­gnos­tik von Blut­pro­ben. Gegen­über bis­he­ri­gen Ver­fah­ren soll neue Vari­ante zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen für medi­zi­ni­sche Beur­tei­lung brin­gen und weni­ger res­sour­cen­in­ten­siv sein.  Die soge­nannte „Liquid Bio­psy“ gilt in der moder­nen Medi­zin als gro­ßer Fort­schritt. Diese Form der Unter­su­chung kann Gewe­be­ana­ly­sen ergän­zen und zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen für die medi­zi­ni­sche Beur­tei­lung sowie wert­volle Rück­schlüsse für die […]
Med Uni Inns­bruck lei­tet inter­na­tio­nale Zulas­sungs­stu­die einer neuen The­ra­pie von Par­kin­son mit Wirk­stoff Pra­si­ne­zu­mab. Aktu­elle Ergeb­nisse der kli­ni­schen Phase II-Stu­die als Basis für erste „Par­kin­son-Imp­fung“ nun im renom­mier­ten Fach­jour­nal The Lan­cet veröffentlicht. Par­kin­son gehört zu den am schnells­ten zuneh­men­den Krank­hei­ten. Welt­weit lei­den daran rund 20 Mil­lio­nen Men­schen, bis 20250 sol­len es über 25 Mil­lio­nen sein. […]
Insti­tut für Demo­gra­phie der ÖAW ent­wi­ckelt neues Gebur­ten­ba­ro­me­ter für umfas­sende Ana­ly­sen zur Fer­ti­li­tät in Öster­reich. Immer mehr Frauen wol­len kin­der­los blei­ben, Zwei-Kind-Fami­lien häu­figs­tes Modell, Trend zu spä­ter Mut­ter­schaft, ältere Väter mit jün­ge­ren Partnerinnen. Das neue Gebur­ten­ba­ro­me­ter des Insti­tuts für Demo­gra­phie der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten ermög­licht viel­fäl­tige und umfas­sende Ana­ly­sen von aktu­el­len Daten zur Fer­ti­li­tät […]
Mit Hilfe von Was­ser kön­nen bestimmte Mine­ra­lien schäd­li­ches CO2 aus der Atmo­sphäre holen und rasch in fes­tes Car­bo­nat umwan­deln. Die TU Wien konnte die­sen mine­ra­lo­gi­schen Mecha­nis­mus nun nachweisen. Steine kön­nen Koh­len­di­oxid bin­den – und das weit­aus schnel­ler als bis­her bekannt und ange­nom­men. Bis dato wur­den lang­wie­rige und ent­spre­chend lang­same Pro­zesse für die Umwand­lung von CO2 in […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram