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Donnerstag, 11.12.2025 | 16:53

„Das ist nicht der Gott, den ich kenne“

Die Anhän­ger der Schöp­fungs­lehre lie­fern sich in den USA tra­di­tio­nell hit­zige Debat­ten mit Ver­tre­tern der Lehr­mei­nung. Gläu­bi­gen Natur­wis­sen­schaft­lern kommt inmit­ten des Geran­gels eine heikle Posi­tion zu.

Michael Dowd, Geist­li­cher und mit einer beken­nen­den Athe­is­tin ver­hei­ra­tet, reist seit sie­ben Jah­ren als Evo­lu­ti­ons­evan­ge­li­ker durch die USA, um eine, wie er sagt, „Reli­gion 2.0“ unter die Leute zu brin­gen. Sein Buch Thank God for Evo­lu­tion (Dankt Gott für die Evo­lu­tion) wird von fünf Nobel­preis­trä­gern und einer gan­zen Heer­schar von Wis­sen­schaft­lern in den höchs­ten Tönen gelobt.
Dowds Welt­sicht kon­zen­triert sich ganz und gar auf die Evo­lu­tion und kommt dabei ohne einen per­sön­li­chen Gott aus. Anklang fin­det das Kon­zept nicht nur unter For­schern. 70 Pro­zent des Publi­kums kön­nen sich bei sei­nen, meist im reli­giö­sen Rah­men statt­fin­den­den Vor­trä­gen mit der Idee anfreun­den, so der Autor.
Die hit­zige Debatte der Dar­win-Ver­wei­ge­rer und Intel­li­gent-Design-Ver­tre­ter, die ent­we­der die Evo­lu­ti­ons­theo­rie die Ursa­che allen Übels schimp­fen oder die christ­li­che Schöp­fungs­ge­schichte ver­wis­sen­schaft­li­chen, kühlt auch unter der Obama-Regie­rung nur lang­sam ab. Ent­spre­chend kon­tro­ver­si­ell bleibt die Frage, ob gläu­bi­gen For­schern beim Arbei­ten ihre pri­va­ten Heils­an­sich­ten in die Quere kom­men. „Das Thema löst bei vie­len Wis­sen­schaft­lern Alarm aus, vor allem bei jenen, die nicht reli­giös sind“, sagt Ste­phen Gra­n­ade, Phy­si­ker bei Advan­ced Opti­cal Sys­tems, einem Unter­neh­men, das unter ande­rem für die Nasa arbeitet.

Dut­zende Meinungen
Ange­sichts der in den letz­ten Jah­ren ableh­nen­den Hal­tung gegen­über The­men wie embryo­na­ler Stamm­zel­len­for­schung sei dies sei­ner Mei­nung nach durch­aus ver­ständ­lich. Gra­n­ade selbst arbei­tet im Nor­den Ala­ba­mas, einer Kern­re­gion des Bible Belt, der sich über den Süd­os­ten der USA erstreckt. Reli­giöse Wis­sen­schaft­ler wür­den dort kaum Irri­ta­tio­nen auslösen.
Tat­säch­lich kur­sie­ren Dut­zende von Spiel­ar­ten zwi­schen Dar­wi­nis­mus auf der einen Seite und des­sen Ableh­nung auf der ande­ren. Fran­cis Coll­ins, ehe­ma­li­ger Lei­ter des Human Genome Pro­ject und seit August Chef der Natio­nal Insti­tu­tes of Health, ist Gene­ti­ker und offen beken­nen­der Christ. Sein Job an der Spitze der finanz­stärks­ten US-For­schungs­för­de­rungs­stelle hin­dert Coll­ins nicht daran, seine Pri­vat­mei­nung über die Anfänge des Lebens kundzutun.
Von wört­li­chen Aus­le­gun­gen der Bibel distan­ziert er sich ebenso wie von einer Schöp­fung, die in sie­ben Tagen oder vor 6000 Jah­ren statt­fand. Zur Ent­wick­lung der Dop­pel­he­lix befragt, kom­men­tiert Coll­ins aller­dings, dass es sich dabei sei­ner Ansicht nach um die Art und Weise handle, „wie Got­tes Wort Leben ent­ste­hen ließ“.
Wäh­rend für soge­nannte „Ultra-Dar­wi­nis­ten“ wie den bri­ti­schen Wis­sen­schafts­autor und Bio­ma­the­ma­ti­ker Richard Daw­kins Evo­lu­tion nur mit Athe­is­mus in Ein­klang zu brin­gen ist, leh­ren nahezu alle christ­li­chen Uni­ver­si­tä­ten in den USA die Evo­lu­ti­ons­theo­rie. Der Unter­schied zur Ver­mitt­lung an her­kömm­li­chen Hoch­schu­len ist, dass der christ­li­che Gott dabei meist glo­ri­fi­ziert wird – für den Geist­li­chen Dowd ein viel zu the­is­ti­scher Ansatz. Für ihn ist die Mensch­heits­ge­schichte nicht nur untrenn­bar mit der His­to­rie des Kos­mos ver­bun­den. Das Uni­ver­sum würde sich durch den Men­schen gar sei­ner selbst bewusst. „Wir sind die Natur, die ihre eigene Natur ent­deckt“, for­mu­liert Dowd. „Offen­ba­run­gen“ sind für ihn wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse, womit sein Kon­zept eine Art Brü­cken­schlag zwi­schen reli­giö­sen und nicht­re­li­giö­sen Über­zeu­gun­gen dar­stellt : eine Welt­sicht, die alle ver­eint, weil sie auf Fak­ten basiert.

Glaube ohne Worte
Dass reli­giöse Fun­da­men­ta­lis­ten die Bibel wört­lich neh­men, ist für Doris Kuhl­mann-Wils­dorf „wis­sen­schaft­li­cher Non­sens“. Die gebür­tige Deut­sche wurde 1963 als eine der ers­ten Frauen als Pro­fes­so­rin für Tech­ni­sche Phy­sik an die Uni­ver­sity of Vir­gi­nia beru­fen und ist heute im Ruhe­stand. „Man weiß aus der Quan­ten­me­cha­nik, dass sich Wahr­heit nicht in Worte fas­sen lässt“, ver­deut­licht Kuhl­mann-Wils­dorf. Darin seien schließ­lich alle Welt­re­li­gio­nen ver­eint : „Reli­gion ist nicht wört­lich zu ver­ste­hen“, so die Phy­si­ke­rin. Seit Mitte der 1970er Jahre ver­su­che sie ihren Stu­den­ten zu ver­mit­teln, dass Wis­sen­schaft und Reli­gion zwei Sei­ten „einer gro­ßen Schöp­fung“ seien. An der
öffent­li­chen Debatte des The­mas lässt Kuhl­mann-Wils­dorf kein gutes Haar : „Es gibt eine halb offi­zi­elle Sicht­weise, wonach die Wis­sen­schaft bewie­sen habe, dass es keine Seele gibt und dass es unwis­sen­schaft­lich und dumm ist, gläu­big zu sein“, ist sie überzeugt.
Für „zumeist schlecht“ hält die Aus­ein­an­der­set­zung auch Erik Ander­son, Assistant Pro­fes­sor am Insti­tut für Maschi­nen­bau des Grove City Col­lege. „Beide Sei­ten spre­chen zumeist anein­an­der vor­bei und brin­gen Pseu­do­ar­gu­mente“, meint Ander­son. Die Palä­on­to­lo­gin Kate Bulins­ki, Assistant Pro­fes­sor für Geo­wis­sen­schaf­ten an der katho­li­schen Bell­ar­mine Uni­ver­sity in Louis­ville, unter­rich­tet das Semi­nar „Evo­lu­tion und Krea­tio­nis­mus“. Heuer sind rund die Hälfte der Teil­neh­mer erst­se­mes­trige Bio­lo­gie­stu­den­ten mit über­durch­schnitt­li­chem Noten­durch­schnitt, alle „ziem­lich ein­ver­stan­den mit der Evo­lu­tion“, so Bulin­ski. Ziel sei es, Miss­ver­ständ­nisse aus­zu­räu­men, etwa, dass der Mensch in direk­ter Linie vom Affen abstamme. Typisch sei auch die Behaup­tung, dass Evo­lu­tion „nur“ eine Theo­rie sei. In der wis­sen­schaft­li­chen Bedeu­tung sei das ja immer­hin Fak­ten­ba­siert­heit. In die­sem Jahr ist nur eine Krea­tio­nis­tin mit dabei. „Und sie hat ihre Mei­nung geän­dert.“ Zwei­fel kennt Ander­son nicht : „Ich glaube, was die wis­sen­schaft­li­chen Daten sagen : Fos­si­lien, die auf gemein­same Vor­fah­ren hin­deu­ten.“ Warum solle ein Gott die Men­schen damit an der Nase herumführen?„Das ist nicht der Gott, den ich kenne.“

Autor:
18.12.2009

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