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Ein mög­lichst ewi­ges Leben

Men­schen hadern seit jeher mit der Ver­gäng­lich­keit des oder zumin­dest eines Lebens. Frü­her wurde der Jung­brun­nen gesucht, heute inves­tie­ren Mil­li­ar­däre in die Kon­trolle des Alterns und Auto­kra­ten las­sen medi­zi­ni­sche Wun­der­mit­tel erpro­ben. Eine His­to­ri­ke­rin der ÖAW ord­net nun die Sehn­sucht nach der Ver­län­ge­rung des irdi­schen Daseins ein. 

Das soge­nannte Lon­ge­vity ist schon län­ger eine Art Trend. Liber­täre Tech-Mil­li­ar­däre wie Peter Thiel (58) inves­tie­ren in die Kon­trolle des Alterns, Auto­kra­ten wie Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch Putin (73) las­sen medi­zi­ni­sche Mit­tel ent­wi­ckeln und sich medi­zi­nisch abschir­men. Und schon Hip­po­kra­tes (geb. 460 vor Chris­tus) emp­fahl laut Über­lie­fe­run­gen Maß­hal­ten, Bewe­gung und eine bewusste Ernäh­rung auch unter Ver­wen­dung von Heil­pflan­zen für ein mög­lichst lan­ges Leben. 

Eine der berühm­tes­ten Erzäh­lun­gen des alten Orients 

Die Sehn­sucht nach einer Ver­län­ge­rung des Lebens oder bes­ser des irdi­schen Daseins ist sehr oder the­ma­tisch bes­ser pas­send sogar mehr als uralt. Die His­to­ri­ke­rin Daniela Anget­ter-Pfeif­fer vom Aus­trian Cen­ter for Digi­tal Huma­ni­ties der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW) forscht zu die­sem Thema und lie­fert nun eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung des Hypes um Lon­ge­vity, vulgo Lang­le­big­keit. „Der Wunsch nach Lang­le­big­keit ist so alt wie die Mensch­heit selbst“, sagt Daniela Anget­ter-Pfeif­fer. So weit, so epo­chal – die Erkenntnis.

Eines der frü­hes­ten Zeug­nisse fin­det sich im Gil­ga­mesch-Epos, einer der ältes­ten schrift­li­chen Dich­tun­gen der Welt. Es ist in Baby­lo­nien ent­stan­den und zeit­lich etwa zwi­schen 2100 – 1600 v. Chr. anzu­set­zen. Darin sucht der Held Gil­ga­mesch, König der Sum­me­rer, ein Kraut des ewi­gen Lebens – und ver­liert es wie­der. Auch reli­giöse Texte grei­fen das Motiv früh auf. In der Bibel wer­den Gestal­ten wie Methu­sa­lem oder Noah mit Lebens­span­nen von meh­re­ren Jahr­hun­der­ten beschrieben. 

Frü­hen Vor­stel­lun­gen von Lang­le­big­keit waren reli­giös und mythisch geprägt

Lan­ges Leben galt frü­her zumeist als Beloh­nung für Gehor­sam gegen­über Gott. „In den Büchern Mose ist immer wie­der davon die Rede, dass man lange lebt, wenn man die Gebote ein­hält“, so Anget­ter-Pfeif­fer. In die­sem Kon­text war Unsterb­lich­keit also weni­ger ein rea­lis­ti­sches Ziel als ein mora­li­sches oder spi­ri­tu­el­les Ideal.

Diese frü­hen Vor­stel­lun­gen von Lang­le­big­keit waren vor allem reli­giös und mythisch geprägt. Neben bibli­schen Ver­hei­ßun­gen gab es den sagen­haf­ten Jung­brun­nen, die Suche nach einem Ort, an dem Alter und Krank­heit ver­schwin­den. Aller­dings soll es nicht darum gegan­gen sein, Alter und Tod zu leug­nen : „Lon­ge­vity war immer eine Art Lebens­kunst. Schon in der Antike ging es weni­ger darum, das Leben zu ver­län­gern, als Kör­per und Geist sta­bil zu hal­ten“, so die ÖAW-Historikerin.

Thema beschäf­tigt Men­schen aller Schichten

Dazu wur­den erstaun­lich „prak­ti­sche“ Kon­zepte ent­wi­ckelt. Der grie­chi­sche Arzt Hip­po­kra­tes emp­fahl Maß­hal­ten, Bewe­gung und eine bewusste Ernäh­rung. Heil­pflan­zen spiel­ten ebenso eine Rolle wie Fas­ten­zei­ten, was spä­ter im Chris­ten­tum fest ver­an­kert wurde. „Man wusste, dass man das Altern nicht besie­gen kann, son­dern nur ver­lang­sa­men“, so Anget­ter-Pfeif­fer. Das Den­ken war also da, dass der Mensch selbst etwas zu Gesund­heit und lan­gem Leben bei­tra­gen kann.

Daniela Anget­ter-Pfeif­fer unter­suchte auch, ob ein lan­ges Leben frü­her nur den Mäch­ti­gen vor­be­hal­ten war und ver­neint das : „Das Thema hat Men­schen aller Schich­ten beschäf­tigt“. Zwar konn­ten sich nur Gebil­dete die Schrif­ten von Phi­lo­so­phen wie Aris­to­te­les, Pla­ton oder Seneca leis­ten, die Mäßi­gung und Selbst­dis­zi­plin pre­dig­ten. Doch der Wunsch, nicht krank zu wer­den und mög­lichst gesund zu altern, sei uni­ver­sell gewe­sen. Die bäu­er­li­che Bevöl­ke­rung konnte keine medi­zi­ni­schen Schrif­ten lesen, aber sie kannte Heil­kräu­ter, Fas­ten­zei­ten und die Bedeu­tung eines maß­vol­len Lebens. Das sei durch Erfah­rung und Tra­di­tion über­lie­fert worden.

Völ­le­rei und Abführ­mit­tel und Sei­fen­was­ser als wech­selnde Ver­spre­chen der Epochen

Bewe­gung, gesunde Ernäh­rung, soziale Bin­dun­gen und geis­tige Akti­vi­tät zieht sich trotz aller Unter­schiede wie ein roter Faden durch die Geschichte. Gewech­selt haben die Metho­den, oft auch ins Skur­rile. Hip­po­kra­tes emp­fahl etwa nur eine Mahl­zeit pro Tag, mög­lichst fett­reich. Bei Völ­le­rei setzte er auf Abführ­mit­tel, um den Kör­per zu „rei­ni­gen“. Noch im 18. Jahr­hun­dert rie­ten Ärzte, ein Glas Sei­fen­was­ser zu trin­ken, um inner­lich zu „ent­fet­ten“.

Im 19. Jahr­hun­dert kamen Natur­heil­ver­fah­ren wie die vom deut­schen Pries­ter Sebas­tian Kneipp ent­wi­ckelte Kneipp-The­ra­pie hinzu, dann Hygiene, Imp­fun­gen und schließ­lich die moderne Medi­zin. Der große Unter­schied zu frü­her bestehe heute darin, dass Alte­rungs­pro­zesse mess- und quan­ti­fi­zier­bar gewor­den sind. Bio­mar­ker, epi­ge­ne­ti­sche Uhren und per­so­na­li­sierte Medi­zin sind einige die­ser Methoden.

Der Traum vom Sieg über den Tod und altern ist ein unver­meid­li­cher Prozess

„Was frü­her als all­ge­meine Wider­stands­kraft galt, nen­nen wir heute meta­bo­li­sche, immu­no­lo­gi­sche oder neu­ro­nale Resi­li­enz, also die Fähig­keit des Kör­pers, sich an Belas­tun­gen, Stress und Umwelt­ein­flüsse anzu­pas­sen“, so die ÖAW-For­sche­rin Anget­ter-Pfeif­fer. Auch ein funk­tio­nie­ren­der Stoff­wech­sel, eine gesunde Darm-Hirn-Achse, Bewe­gung sowie aus­ge­wo­gene Ernäh­rung und Mäßi­gung gehö­ren dazu.

Anget­ter-Pfeif­fer hat auch die Frage unter­sucht, ob es je eine Epo­che gab, in der Men­schen wirk­lich glaub­ten, den Tod bald besie­gen zu kön­nen. „Eigent­lich nicht. Seit der Antike war klar, dass Altern ein unver­meid­li­cher Pro­zess ist. Selbst in Zei­ten gro­ßer medi­zi­ni­scher Fort­schritte habe nie­mand ernst­haft ange­nom­men, der Tod lasse sich abschaffen“.

Kryo­sauna, Bio­hack­ing, Plas­ma­trans­fu­sio­nen als neue Ver­pa­ckung eines alten Traums

Auch der heu­tige Tech-Opti­mis­mus sei daher eher nur eine neue Ver­pa­ckung eines alten Traums. Wäh­rend Start-Ups Altern als „tech­ni­sches Pro­blem“ defi­nie­ren, bleibt die Grund­frage die­selbe wie vor 4.000 Jah­ren in Meso­po­ta­mien : Wie kann der Mensch dem Ver­fall ent­kom­men ? Viel­leicht liegt die nüch­ternste Ant­wort eben­falls in der Geschichte. Lon­ge­vity, so Anget­ter-Pfeif­fer, sei „kein Ver­spre­chen auf Unsterb­lich­keit, son­dern der Ver­such, die Jahre, die wir haben, mög­lichst gesund zu leben.“

Also : Kryo­sauna, Bio­hack­ing, Plas­ma­trans­fu­sio­nen jun­ger Spen­der und die via Social Media ver­brei­te­ten Sie­ges­züge gegen Alter und Tod von Tech-Mil­lio­nä­ren wie Bryan John­son sind modern-aktu­elle For­men im Stre­ben nach einem mög­lichst lan­gen irdi­schen Dasein. „Die Sehn­sucht, dem Tod ein Schnipp­chen zu schla­gen, beglei­tet die Mensch­heit seit Jahr­tau­sen­den“, resü­miert His­to­ri­ke­rin Daniela Anget­ter-Pfeif­fer vom Aus­trian Cen­ter for Digi­tal Huma­ni­ties der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW). (red/​czaak)

Autor: red/czaak
12.02.2026

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