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Das Wis­sen der Welt bewahren

Diet­rich Schül­ler : „Es müs­sen gerade im digi­ta­len Zeit­al­ter wesent­lich höhere Anstren­gun­gen als bis­her unter­nom­men wer­den, um die Bewah­rung des Wis­sens als Grund­lage des kul­tu­rel­len und zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritts zu gewähr­leis­ten“, erklärt der ehe­ma­lige Direk­tor des Pho­no­gramm­ar­chis der ÖAW.

eco­nomy : Worin besteht Ihre per­sön­li­che Moti­va­tion, sich für das Unesco-Pro­jekt „Memory of the World“ (siehe Arti­kel auf Seite 8) zu engagieren ? 
Diet­rich Schül­ler : Wenn­gleich ägyp­ti­sche Papyri Jahr­tau­sende und mit­tel­al­ter­li­che Per­ga­mente Jahr­hun­derte über­lebt haben, so wird die Frage der Sta­bi­li­tät von Doku­men­ten immer pre­kä­rer. Sau­res Papier zer­fällt, die Lebens­dauer audio­vi­su­el­ler Doku­mente kann bes­ten­falls mit eini­gen Jahr­zehn­ten ange­nom­men wer­den, elek­tro­ni­sche Doku­mente wer­den ohne spe­zi­elle Obsorge oft schon nach weni­gen Jah­ren unles­bar. Es müs­sen gerade im digi­ta­len Zeit­al­ter wesent­lich höhere Anstren­gun­gen als bis­her unter­nom­men wer­den, um die Bewah­rung des Wis­sens als Grund­lage des kul­tu­rel­len und zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritts zu gewährleisten.
Wir müs­sen einer­seits danach trach­ten, das tra­di­tio­nelle, noch ana­log vor­lie­gende Wis­sen digi­tal ver­füg­bar zu machen, damit es nicht ver­ges­sen wird, und ande­rer­seits auch bereit sein, digi­tale Infor­ma­tion – seien es nun Digi­ta­li­sate von tra­di­tio­nel­len Doku­men­ten oder die quan­ti­ta­tiv unge­mein rasch wach­sende Menge von „Born-digi­tal Docu­ments“ – lang­fris­tig ver­füg­bar zu hal­ten. Das kos­tet erheb­lich mehr, als wir bis­her für Wis­sens­be­wah­rung aus­ge­ge­ben haben. Der Lohn für diese Anstren­gun­gen ist der wirk-lich demo­kra­ti­sche Zugang zu Kul­tur und Wis­sen in einem noch nie­mals erfah­re­nen Aus­maß. Die Unesco ist das zustän­dige inter­na­tio­nale Forum, in dem die mit die­sen Chan­cen, aber auch Gefah­ren ver­bun­dene Ent­wick­lung poli­tisch dis­ku­tiert wer­den kön­nen. Meine per­sön­li­che Moti­va­tion als Anthro­po­loge grün­det sich auf den Umstand, dass die oral tra­dierte sprach­li­che und kul­tu­relle Viel­falt der Mensch­heit in beson­ders gefähr­de­ten audio­vi­suel-len Doku­men­ten fest­ge­hal­ten ist. Als ehe­ma­li­ger Lei­ter eines inter­na­tio­nal an-erkann­ten und ver­netz­ten wis­sen­schaft­li­chen audio­vi­su­el­len Archivs, das nicht unwe­sent­lich zur Ent­wick­lung der audio­vi­su­el­len Archiv­wis­sen­schaft bei­getra­gen hat, ist die Unesco eine beson­ders geeig­nete Platt­form, Initia­ti­ven zur Bewah­rung der Doku­mente der sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Viel­falt an die Ursprungs­län­der heranzutragen.

Was bedeu­tet es für Öster­reich, an die­sem Pro­jekt betei­ligt zu sein ?
Öster­reich ist beson­ders reich an bedeu­ten­den Doku­men­ten. Es ist aber nicht unsere Absicht, unbe­dingt unter den „Weltm­eis-tern“ zu ran­gie­ren. Viel­mehr ist gerade die­ser Reich­tum ein guter Anknüp­fungs­punkt, um unsere Poli­ti­ker und Ent­schei­dungs­trä­ger, aber auch eine breite Öffent­lich­keit dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass gerade im digi­ta­len Zeit­al­ter eine Ver­viel­fa­chung der Anstren­gun­gen not­wen­dig ist, das Wis­sen, das alte wie das täg­lich hin­zu­kom­mende, als Zivi­li­sa­ti­ons­grund­lage zu bewah­ren. Das kos­tet mehr, als wir bis­her für die klas­si­schen Repo­si­to­rien des Wis­sens – Archive und Biblio­the­ken – aus­ge­ge­ben haben. Der Gewinn ist aber gerade durch die digi­tale Tech­nik der Ver­brei­tung unver­hält­nis­mä­ßig grö­ßer als der, den wir bis­her mit den klas­si­schen Insti­tu­tio-nen und ihren Benüt­zungs­mög­lich­kei­ten errei­chen konnten.

Nach wel­chen Kri­te­rien wur­den Öster­reichs Bei­träge ausgewählt ?
Es wurde ver­sucht, Doku­mente bezie­hungs­weise Samm­lun­gen zu nomi­nie­ren, die den recht kom­ple­xen Kri­te­rien des Pro­gramms ent­spre­chen. Im Wesent­li­chen han­delt es sich hier­bei um die „Uni­ver­sal Signi­fi­cance“ sol­cher Nomi­nie­run­gen, die im Ein­zel­nen gut argu­men­tiert wer­den müs­sen, was uns im Wesent­li­chen auch gelun­gen ist.

Wird aus Öster­reich in abseh­ba­rer Zeit ein neuer Bei­trag dazukommen ?
Die Regeln des Pro­gramms erlau­ben pro Staat alle zwei Jahre zwei Nomi­nie­run­gen. Öster­reich hat – zusam­men mit Deutsch­land – mit zehn Nomi­nie­run­gen die höchste Anzahl im inter­na­tio­na­len Regis­ter. Weil dies aber nicht als sport­li­ches Wett­ren­nen miss­ver­stan­den wer­den soll, hat Öster­reich bei der letz­ten Runde bewusst auf eine wei­tere Nomi­nie­rung in der letz­ten Runde ver­zich­tet. Es ist der­zeit noch nicht klar, ob sich Öster­reich an der nächs­ten Runde zurück­hal­ten oder wie­der betei­li­gen wird.

Wel­che Län­der „feh­len“ noch im Unesco-„Memory“?
„Memory of the World“ ist im Ver­gleich etwa zum Welt­kul­tur­erbe-Pro­gramm noch rela­tiv jung. Die erste Nomi­nie­rungs­runde fand 1997 statt. Bis­her gibt es 158 Ein­tra­gun­gen von 67 Län­dern, einer inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tion und einer pri­va­ten Stif­tung, das heißt, es feh­len noch knapp zwei Drit­tel aller Län­der. Da sich eine Nomi­nie­rung immer auf Doku­mente von „Uni­ver­sal Signi­fi­cance“ bezieht, ist es für viele kleine und junge Staa­ten oft schwer, geeig­nete Nomi­nie­run­gen zu machen. Dies stellt auch einen Kri­tik­punkt am Pro­gramm dar. Viele die­ser Staa­ten konn­ten sich aber bis­her erfolg­reich im Pro­gramm „Intan­gi­ble Cul­tu­ral Heri­tage“, also des imma­te­ri­el­len Kul­tur­gu­tes, behaupten.

Autor:
15.01.2009

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