
Der digitale Kern
Innovation. Defizite in der ganzheitlichen Verbindung von Prozessen, Daten und Steuerungslogik. Bei der Digitalisierung entscheidet der Mut, auch den Unternehmenskern zu transformieren, über Erfolg oder Misserfolg. Ein Expertenkommentar von Christian Wenner, Head of Strategic Portfoliomanagement CANCOM Austria.
Noch vor wenigen Jahren war die Welt für die österreichische Exportwirtschaft in Ordnung. Günstige Energie, gut ausgebildete Fachkräfte, ein international wettbewerbsfähiger Standort und technologische Führungsrollen in vielen Nischen sorgten für ein stabiles Umfeld. Mit der Corona-Pandemie kam dann ein abrupter Stillstand globaler Wertschöpfungsketten.
Direkt danach folgte der Ukraine-Krieg, der eine Energiekrise mit entsprechenden Kostensteigerungen auslöste. Damit stieg die Inflation, die wiederum eine Steigerung bei den Lohnkosten auslöste. Durch die Kombination aus gestiegenen Produktionskosten, der Entwicklung Chinas vom Absatzmarkt zum Mitbewerber und der Zollpolitik der USA brachen Märkte weg und die Planungssicherheit ging verloren.
Ausdruck eines strukturellen Versagens
Was sich wie eine Abfolge außergewöhnlicher Krisen liest, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als schonungsloser Stresstest für ein lange übersehenes Strukturproblem. Ein Blick auf die Produktivitätsentwicklung der vergangenen 20 Jahre offenbart das : Während andere Länder ihre Produktivität teils um bis zu 100 Prozent steigern konnten, kam Österreich im selben Zeitraum auf gerade einmal zwei Prozent. In den letzten fünf Jahren ging die Produktivität sogar zurück. Das ist kein zyklisches Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Versagens.
Europa – und Österreich im Besonderen – leidet nicht nur unter hohen Kosten oder schwacher Nachfrage, sondern unter einem grundlegenden Transformationsdefizit. Dieses Defizit hat sich nicht erst in den letzten Jahren gebildet, es wurde nur durch aufeinanderfolgende Krisen sichtbar gemacht. Zu lange hat man sich darauf verlassen, dass ein stabiler Unternehmenskern ausreicht, während Innovation an die Ränder ausgelagert wurde – zu digitalen Plattformen, kleineren Pilotprojekten oder einzelnen Kundenschnittstellen.
Ganzheitliche End-to-End-Sicht als entscheidender Erfolgsfaktor
Doch nachhaltige Innovation ist heute untrennbar mit nachhaltiger digitaler Innovation verbunden. Und diese findet nicht an der Peripherie statt, sondern im Kern von Unternehmen. Gemeint ist ein digitaler Kern, der Prozesse, Daten und Steuerungslogik ganzheitlich verbindet – und das innerhalb von Unternehmen ebenso wie über Unternehmensgrenzen hinweg etwa unter Einbindung von Kunden und Lieferanten. Die aktuelle Realität sieht aber oftmals noch anders aus : In vielen Betrieben fehlen durchgängige Prozess- und Datenketten, Informationen sind fragmentiert, Entscheidungen verzögern sich, anstatt in Echtzeit zu erfolgen.
Dabei ist genau dieser digitale Kern die Voraussetzung für Effizienz, Skalierbarkeit und Flexibilität bzw. Anpassungsfähigkeit. Digitale Prozesse müssen nicht nur kostengünstig wachsen können, sie müssen sich auch dynamisch an neue Rahmenbedingungen anpassen lassen. Wie entscheidend diese Flexibilität ist, haben die vergangenen Jahre eindrucksvoll gezeigt. Erst diese ganzheitliche End-to-End-Sicht auf Unternehmen ermöglicht es, die operative und strategische Steuerung neu zu denken, Effizienz wie Produktivität zu steigern und sodann Märkte sowie Produkte zu diversifizieren.
Ein teures Versprechen ohne Wirkung
Betriebe haben sich lange am Spagat zwischen einer stabilen, aber trägen IT und schneller digitaler Innovation an der Peripherie versucht und der erweist sich zunehmend als Sackgasse. Innovation erstickt, wenn sie auf unveränderte analoge Kernprozesse trifft. Ein digitaler Kern hingegen schafft Transparenz, senkt Komplexität und bildet die Grundlage für den sinnvollen Einsatz neuer Technologien. Das betrifft insbesondere das Thema künstliche Intelligenz – die ohne die entsprechende Datenbasis ein teures Versprechen ohne Wirkung bleibt.
Österreich steht damit nun tatsächlich an einem Scheideweg. Die Frage ist nicht, ob Innovation notwendig ist, sondern wo sie ansetzen muss. Wer weiterhin nur an Symptomen arbeitet, wird die Produktivitätskrise nicht lösen. Wer hingegen den Mut hat, den Unternehmenskern digital neu zu denken, schafft die Basis für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz. Und das in einer Welt, in der Stabilität längst nicht mehr der Normalzustand ist.
(Der Autor Christian Wenner ist Head of Strategic Portfoliomanagement bei CANCOM Austria (ehem. Kapsch BusinessCom), ein führender Dienstleister für Digitalisierung und IKT im gesamten DACH-Raum. Wenner ist seit über 30 Jahren in leitenden Managementfunktionen tätig und gilt insbesondere als Experte für betriebliche Transformation mittels technologischer Innovation.)