Zum Inhalt

Der digi­tale Überdruss

Zukunfts­for­scher Mat­thias Horx schreibt im Trend-Report 2009, dass immer mehr Men­schen zumin­dest zeit­weise auf E‑Mails und soziale Netz­werke ver­zich­ten, um ihre Lebens­qua­li­tät in der „rea­len“ Welt zu steigern.

Es war ein span­nungs­rei­ches Prak­ti­kum im deut­schen Bun­des­mi­nis­te­rium für Post und Tele­kom­mu­ni­ka­tion in Bad Godes­berg gegen Ende des Jah­res 1989. Hatte man ohne­hin nicht schon genü­gend damit zu tun, sich sitt­sam selbst zu zer­schla­gen, musste unse­li­ger­weise auch noch die Mauer fal­len. So waren die rhei­ni­schen Froh­na­tu­ren gefor­dert, der nicht müde wer­den­den, gie­ren­den Jour­naille flugs den Unter­schied zwi­schen west- und ost­deut­schem Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz zu erklären.
Wozu mir, als Schild­knappe Sancho Panza assis­tie­rend, auf mei­nem Esel am Ende eines lan­gen, anstren­gen­den Beam­ten­ta­ges in das glei­ßende Abend­rot rei­tend, fol­gen­des Bon­mot ein­fiel : „Es ist so, wie wenn eine sechs­spu­rige Auto­bahn in einen Feld­weg mün­det.“ Wei­ters geis­ter­ten vier omi­nöse Buch­sta­ben durch die Flure : ISDN. „Ist-so-was-denn-nötig?“, kol­por­tierte jeder, der ein Scherz­bold sein wollte.
Sol­cher Humor blieb Tim Ber­ners-Lee erspart. Seine Erfin­dung, das Inter­net, gilt laut Wiki­pe­dia – und ach, da nut­zen wir es ja auch schon – „bei vie­len Exper­ten als eine der größ­ten Ver­än­de­run­gen des Infor­ma­ti­ons­we­sens seit der Erfin­dung des Buch­drucks mit gro­ßen Aus­wir­kun­gen auf diverse Berei­che des all­täg­li­chen Lebens.“ Eher lapi­dar wird for­mu­liert : „Ein Zusam­men­bruch des Inter­nets oder ein­zel­ner Teile hätte weit­rei­chende Fol­gen.“ Wohl wahr : Das Medi­en­ver­hal­ten auf die­sem Pla­ne­ten hat sich mit unglaub­li­cher Geschwin­dig­keit geän­dert, es wurde tech­nisch ela­bo­rier­ter, funk­tio­nal kom­ple­xer und beschleunigt.

Tee­ko­chen mit Google
Ist es nicht erschre­ckend ? Das Web pro­du­ziere längst mehr CO2 als die Luft­fahrt­in­dus­trie, heißt es. Die ange­se­hene bri­ti­sche Times rech­nete die öko­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen von Google-Suchen vor und behaup­tete, dass man mit zwei Google-Recher­chen einen Tee­kes­sel Was­ser hei­zen könnte.
Infor­ma­ti­ons-Over­load oder doch schon ‑Over­kill ? Die Revo­lu­tion frisst ihre in Foren, Rooms und Com­mu­ni­tys ach so schön selbst dar­ge­stell­ten Kin­der, Ent­schul­di­gung, „User“. Schleu­sen wur­den geöff­net, reiz­über­flu­tend drin­gen vir­tu­elle Wel­ten in Wol­ken­krat­zer und machen auch vor der Alm­hütte nicht halt.
Auch wenn die Zahl der Nicht-Inter­net-Nut­zer unver­min­dert abnimmt – keine Bewer­bung, keine Steu­er­erklä­rung ist fast schon ohne sie denk­bar – hat sich par­al­lel dazu eine Boheme for­miert, die einen digi­ta­len Back­slash setzt. Froh­lockte AOL-Tes­ti­mo­nial Boris Becker noch, als er „drin“ war, (gemeint ist nicht die Besen­kam­mer), gilt heute : In ist, wer „nicht drin“ ist oder per­ma­nent drin sein muss – und sich dabei, denkt man etwa an Char­lie Chap­lins Modern Times, nur wenig vom Hams­ter im Lauf­rad unterscheidet.
Zwei Drit­tel der Deut­schen sind Onli­ner, so die von ARD und ZDF durch­ge­führte Online-Stu­die und der (N)Onliner Atlas der Initia­tive D21 – in Öster­reich dürfte es nicht anders sein – und ver­brin­gen fast eine Stunde täg­lich im World Wide Web. Für die 14- bis 19-Jäh­ri­gen in Deutsch­land ist das Web zum täg­li­chen Beglei­ter gewor­den. Sie sind fast geschlos­sen online ver­tre­ten (96,3 Pro­zent). Wer kei­nen Inter­net-Anschluss hat, ist im Nachteil.
Weni­ger Infos, weni­ger Son­der­an­ge­bote und auch der Zugang zu Ebay, Wiki­pe­dia und Bil­lig­flie­gern, zu Online-Ban­king und EM-Tickets bleibt ver­schlos­sen. Das ist schlimm, sagen deut­sche Aka­de­mi­ker und legi­ti­mie­ren ihr beruf­li­ches Dasein mit frag­wür­di­gen Stu­dien über Info-Eli­ten und digi­tal Unterprivilegierte.
Wer mit dem Medium arbei­tet, öff­net gar 50-mal am Tag sei­nen E‑Mail-Account, ver­schickt 77 Instant Mes­sa­ges und besucht 40 Web­sei­ten (Res­cue Time). Immer brei­ter wird, wie immer von Intel­lek­tu­el­len oder zumin­dest jenen Dan­dys, die sich dafür hal­ten, die Pha­lanx der Anti-Digi­ta­lis­ten ange­führt, jener wert­ori­en­tier­ten Trend­set­ter, die sich nebst Down­s­hif­ting und Slow-Mo-Men­ta­li­tät hin­sicht­lich Living, Food und Tech genüss­lich den Luxus oder bes­ser die Deka­denz des Off­line-Hide-aways erlau­ben, in glei­cher Manier, wie sie sich die Kugel von Rocher geben.
Die Nicht-User wer­den in fünf Typen ein­ge­teilt : Des­in­ter­es­sierte, Ableh­nende, Distan­zierte, Nut­zungs­pla­ner sowie Erfah­rene, die Ex-Onli­ner. „Off­linern“ ist en vogue. Brie­fe­schrei­ben und die Rück­kehr zur Vinyl-Platte übri­gens auch. Das Sich-Erho­len in einer Kon­trast­welt. Rund 2,6 Mio. Deut­sche tun es bereits. Eska­pis­mus oder Sturz­flug ins Biedermeier ?
eco­nomy sprach mit Anja Kirig, Mit­ar­bei­te­rin des renom­mier­ten Zukunfts­in­sti­tuts von Mat­thias Horx.

eco­nomy : Ist der kon­sta­tierte Off­line-Trend von Dauer oder nur eine Modeerscheinung ?
Anja Kirig : Es ist heute ein Bedürf­nis, zu sagen : „Ich brau­che eine Aus­zeit, um mit neuer Ener­gie wie­der an den All­tag ran­zu­ge­hen.“ Es ist sicher auch eine gewisse Form des Luxus, zu sagen : „Ich kann es mir leis­ten, meine E‑Mails zwei Tage nicht zu che­cken.“ Aber gleich­zei­tig ist es eine neue Form der Selbst­fin­dung. Das Wich­tige am Off­line-Trend ist, dass er nicht eine gene­relle Anti-Hal­tung gegen­über den neuen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien, son­dern einen neuen, bewuss­te­ren Umgang mit ihnen dar­stellt. Das Inter­net wird sinn­voll und in Maßen ein­ge­setzt. Es gibt diese Bewe­gung, die vom Inter­net gene­rell Abstand nimmt, aber was die­sen Off­line-Trend aus­macht, ist die „Sowohl-als-auch-Kul­tur“.

Wer kann sich denn in unse­rer Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft „off-linern“ erlauben ?
Jeder Mensch kann ent­schei­den, ob er im Urlaub das Mobil­te­le­fon aus­schal­tet und nicht erreich­bar sein möchte. Auf der beruf­li­chen Ebene stel­len Unter­neh­men sogar fest, dass sich die Pro­duk­ti­vi­tät erhöht, wenn sie e‑Mail-freie Tage einrichten.

Wie viel Kom­mu­ni­ka­tion braucht der Mensch ?
Für den Stu­den­ten, der die ganze Zeit Infor­ma­tio­nen schluckt, ist es wich­tig, diese zu ver­ar­bei­ten. Die krea­tive Klasse, die ja davon lebt, dass sie sich immer wie­der neu erfin­det und neue Pro­jekte gene­rie­ren muss, braucht Momente, in denen sie zur Ruhe kom­men kann. Gerade die gleich­zei­tig kon­sta­tierte Rück­kehr zu Büchern oder Vinyl-Schall­plat­ten doku­men­tiert die Sehn­sucht der Men­schen nach Hap­tik, nach Begreif­ba­rem. Sie wol­len ganz bewusst diese „alten“ Medien wie­der in ihren All­tag integrieren.

Echt anste­ckend
Es wäre wohl bes­ser gewe­sen, ich hätte die­sen Arti­kel auf mei­ner guten, alten DDR-Rei­se­schreib­ma­schine „Erika“ getippt. Ein ech­tes Schätz­chen, ohne Zicken. Denn ich hab’s mir über­legt. Ich bin gerade dabei, den Ste­cker her­aus­zu­zie­hen. Nur noch die­sen einen Satz. Ich glaube, ich bin infiz…

Autor:
15.01.2009

Weitere aktuelle Artikel

Wie­ner Neu­stadt baut Rolle als euro­päi­sches Kom­pe­tenz­zen­trum für Sicher­heit aus. Geo­po­li­ti­sche Lage ver­deut­licht Not­wen­dig­keit einer unab­hän­gi­gen Sicher­heits­stra­te­gie. Land Nie­der­ös­ter­reich betont und unter­stützt Stand­ort mit inter­na­tio­na­ler Ausrichtung. Wie­ner Neu­stadt erwei­tert seine Bedeu­tung als euro­päi­sches Kom­pe­tenz­zen­trum für Sicher­heit. Dies pas­siert auch im Lichte neuer inter­na­tio­na­ler Ent­wick­lun­gen. Im Kon­text mit den aktu­el­len geo­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen setzt die EU einen […]
Neues Ver­fah­ren holt CO2 mit weni­ger Ener­gie aus der Luft. Anlage Aus­trian Pilot Unit 1 wird nun von Start-Ups DAClab (US) und DAC­worx (A) sowie von TU Wien weiterentwickelt.  Nicht weni­ger als ein Game­ch­an­ger für die CO2-Abschei­dung soll es Anga­ben zufolge wer­den : Der neu­ent­wi­ckelte Pro­to­typ in Größe eines Last­wa­gen­con­tai­ners holt pro Jahr 50 Ton­nen CO2 aus der […]
Nach­hal­tige Kreis­lauf­wirt­schaft und Alu­mi­ni­um­re­cy­cling über digi­tale Platt­form. Das von Leicht­me­tall­kom­pe­tenz­zen­trum Rans­ho­fen gelei­tete EU-Pro­jekt RecAL erhält ÖGUT-Aus­zeich­nung. CAN­COM Aus­tria ist Technologiepartner. Das vom LKR Leicht­me­tall­kom­pe­tenz­zen­trum Rans­ho­fen des Aus­trian Insti­tute of Tech­no­logy (AIT) gelei­tete euro­päi­sche For­schungs­pro­jekt RecAL (Recy­cling Tech­no­lo­gies For Cir­cu­lar ALu­mi­nium) wurde soeben mit dem ÖGUT-Umwelt­preis 2025 in der Kate­go­rie „Mit For­schung & Inno­va­tion zur Kreis­lauf­wirt­schaft“ aus­ge­zeich­net. „Die Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft […]
Der Kli­ma­wan­del führt zu stär­ke­ren Hoch­was­ser­ka­ta­stro­phen. TU Wien und Joan­neum Rese­arch ent­wi­ckeln nun erst­mals Modell zur Abbil­dung kom­bi­nier­ter Schutz­maß­nah­men im pri­va­ten und öffent­li­chen Bereich. Jetzt und in Zukunft müs­sen sich viele Gegen­den der Welt auf stär­kere Hoch­was­ser­ka­ta­stro­phen ein­stel­len. Mit indi­vi­du­el­len Schutz­maß­nah­men wie bau­li­che Maß­nah­men oder Ver­si­che­run­gen sowie gemein­same Anstren­gun­gen zur Ver­rin­ge­rung der Hoch­was­ser­ge­fahr wie Damm­bau­ten […]
Die Alfred Korn­ber­ger Foun­da­tion eröff­net in Wie­ner Bäcker­strasse 9 museale Schau­räume mit Schwer­punkt auf Expres­sio­nis­mus und Akt. Museum, Art-Shop & Gale­rie haben geöff­net von Di bis Fr : 11 – 18 und Sa : 10 – 13 Uhr. Die Eröff­nungs­aus­stel­lung „Der ero­ti­sche Moment“ mit retro­spek­ti­ver Werk­schau von Akt­mo­ti­ven aus dem Bestand von Alfred Korn­ber­ger-Foun­da­tion und Fami­lie.Die Alfred Korn­ber­ger Foun­da­tion eröff­net in der Wie­ner Bäcker­strasse […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram