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Der Exodus der klu­gen Köpfe

Öster­reich inter­es­siert sich kaum für seine Spit­zen­for­scher : Seit Jah­ren lei­det das Land unter einem anhal­ten­den Bra­in­drain. Hoch qua­li­fi­zierte Wis­sen­schaft­ler ver­las­sen rei­hen­weise das Land. Die weni­gen For­scher, die ein­wan­dern, kön­nen den Ver­lust bei Wei­tem nicht ausgleichen. 

Die bes­ten österreichi­schen Wis­sen­schaft­ler arbei­ten im Aus­land. Nicht immer lockt sie das Geld an Uni­ver­si­tä­ten und Insti­tute, nicht deren Renom­mee, aber fast immer „das System“. 

Ver­lo­rene Intelligenz
Öster­reich inter­es­siert sich kaum für seine Spit­zen­for­scher. Auf­grund der unbe­weg­li­chen Struk­tu­ren an den Uni­ver­si­tä­ten, in denen Stu­den­ten erst spät selbst gewählte Fra­ge­stel­lun­gen bear­bei­ten kön­nen, bleibt auch der Nach­wuchs auf der Stre­cke. Fazit : miese Arbeits­be­din­gun­gen für kluge Köpfe.
Die Folge ist ein seit Jahr­zehn­ten anhal­ten­der Bra­in­drain. Hoch qua­li­fi­zierte Wis­sen­schaf­ter ver­las­sen rei­hen­weise das Land. Die weni­gen For­scher, die ein­wan­dern, kön­nen den Ver­lust bei Wei­tem nicht aus­glei­chen. „Die Bilanz stimmt nicht“, klagte bereits vor eini­ger Zeit Peter Schus­ter, der Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wissenschaften.
Mit dem 57-jäh­ri­gen Bio­che­mi­ker und Gen­tech­nik­pio­nier Erwin Wag­ner kehrte bei­spiels­weise einer der klügs­ten Köpfe Öster­reich den Rücken, um in Madrid das zu tun, was hier nicht mög­lich war : frei zu for­schen. Im Natio­na­len Zen­trum für Krebs­for­schung Spa­nien über­nahm er den Pos­ten des Pro­gramm­lei­ters. In den nächs­ten Jah­ren sol­len unter sei­ner Füh­rung rund 80 Wis­sen­schaft­ler ver­su­chen, die Geheim­nisse von Krebs­zel­len zu ent­schlüs­seln. Seit 25 Jah­ren arbei­tet Wag­ner mit gen­ma­ni­pu­lier­ten Mäu­sen und ihren Stamm­zel­len. Er beschäf­tigt sich mit der Frage, wel­che Gene das Wachs­tum und die Tei­lung der Zel­len regu­lie­ren. Sein Ziel : jene krank­hafte Zell­wu­che­rung zu stop­pen, an der 22 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit lei­den. Wag­ner hat an den bes­ten Insti­tu­ten Euro­pas und in den USA gear­bei­tet, auch mit dem spä­te­ren Medi­zin-Nobel­preis­rä­ger Richard Axel. 1996 gewann er mit dem Witt­gen­stein-Preis die höchste Aus­zeich­nung des Lan­des und ver­öf­fent­lichte bis heute rekord­ver­däch­tige 250 wis­sen­schaft­li­che Arti­kel. Neben­bei küm­merte er sich als Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor um den wis­sen­schaft­li­chen Nachwuchs.
Seit Jah­ren ver­sucht man in Öster­reich, das Ver­sa­gen als For­schungs­stand­ort zu kor­ri­gie­ren und die Rah­men­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern : höhere Gehäl­ter für Uni­ver­si­täts­leh­rer und rasant stei­gende For­schungs­aus­ga­ben, zuletzt 6,83 Mrd. Euro pro Jahr. Das ist dop­pelt so viel wie noch vor zehn Jah­ren. Viel inves­tiert wird auch in das Pres­ti­ge­pro­jekt in Maria Gug­ging bei Klos­ter­neu­burg. In das Exzel­lenz­zen­trum für Natur­wis­sen­schaf­ten namens Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria (ISTA) sol­len bis 2016 mehr als 500 Mio. Euro fließen.
Die Zeit sei reif, so geben sich viele Poli­ti­ker über­zeugt, den Brain­drain, den Exodus öster­rei­chi­scher Wis­sen­schaft­ler, in einen Brain­gain, einen Strom aka­de­mi­scher Rück­keh­rer zu ver­wan­deln. Doch schwankt die Reak­tion der Hoch­schule­mi­gran­ten zwi­schen Sym­pa­thie, dass nach jahr­zehn­te­lan­ger frucht­lo­ser Reform­de­batte end­lich jemand den Mut hat, „hei­lige Kühe“ zu schlach­ten – und Skep­sis. Reicht es aus, dem Wis­sen­schafts­sys­tem ein paar neue Struk­tu­ren, etwa nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild, ein­zu­pflan­zen, um es inter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hig zu machen ?

Aka­de­mi­sches Himmelreich
Schwer haben es hier­zu­lande auch junge Wis­sen­schaft­ler, die unge­wohnte wis­sen­schaft­li­che Metho­den und The­men von ihren Auslands­aufenthalten mit­brin­gen. Denn die Pfor­ten des aka­de­mi­schen Him­mel­rei­ches bewa­chen die Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren höchst­selbst. Schwer hat es da, wer mit einem Thema zur Habi­li­ta­tion um Ein­lass bit­tet, das den Hoch­schul­leh­rern nicht behagt, etwa weil es in andere Fach­ge­biete hin­ein­ragt. Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät nennt sich die­ses For­schen zwi­schen den Fach­ge­bie­ten. Es wird in jeder Fest­rede über die Zukunft der Uni­ver­si­tät geprie­sen – im All­tag jedoch sabo­tiert. Doch hat eben eine For­schung, die nicht die Gren­zen des Wis­sens sucht, son­dern das Bekannte bedient, keine Zukunft. Und sie scheucht junge, talen­tierte Wis­sen­schaft­ler in die Welt hinaus.
Wis­sen ist zum Roh­stoff der Zukunft gewor­den, nach dem welt­weit geschürft wird. Wer es nicht schafft, den Talent­pool des eige­nen Lan­des oder ande­rer Län­der anzu­zap­fen, droht wis­sen­schaft­lich und damit wirt­schaft­lich in die zweite Liga abzu­sin­ken. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben das begrif­fen. 21 Pro­zent des wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schul­per­so­nals stammt aus ande­ren Län­dern. Hier­zu­lande dage­gen ist ein nicht­ös­ter­rei­chi­scher Pro­fes­sor noch sel­te­ner als eine Frau auf einem Lehrstuhl.

Autor:
27.08.2010

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