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© pexels/niklas jeromin

Der größte Thea­ter­skan­dal der Zwei­ten Republik

„Hel­den­platz“ von Tho­mas Bern­hard wurde zu einem lite­ra­ri­schen wie gesell­schafts­po­li­ti­schen Exem­pel in der Geschichte Öster­reichs. For­scher der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten rekon­stru­ie­ren nun erst­mals Details zur Werkgeschichte.

Das Publi­kum applau­dierte über eine halbe Stunde lang bei der Urauf­füh­rung von Tho­mas Bern­hards Drama „Hel­den­platz“ im Wie­ner Burg­thea­ter. Bei die­sem aus­ver­kauf­ten und unter Poli­zei­schutz statt­fin­den Pre­mie­ren­abend im Novem­ber 1988 misch­ten sich aller­dings auch grö­lend Buh­rufe in den fre­ne­ti­schen Bei­fall. Bereits in den Wochen davor gin­gen die Wogen in den hei­mi­schen Medien hoch. Pas­sa­gen aus Bern­hards Drama waren noch wäh­rend der Pro­ben ver­schie­de­nen Zei­tungs­re­dak­tio­nen zuge­spielt worden.

„6,5 Mil­lio­nen Debile“ titelte die Kro­nen Zei­tung am 7. Okto­ber 1988. Der dama­lige Bun­des­prä­si­dent Kurt Wald­heim, Vize­kanz­ler Alois Mock (beide ÖVP) sowie FPÖ-Chef Jörg Hai­der woll­ten dar­auf­hin das Thea­ter­stück abset­zen las­sen. Man dürfe Bern­hards „Öster­reich­be­schimp­fun­gen“ nicht noch durch Steu­er­gel­der sub­ven­tio­nie­ren. „Hel­den­platz“ han­delt von den Hin­ter­blie­be­nen des ehe­mals von den Nazis ver­trie­be­nen Mathe­ma­tik­pro­fes­sors Josef Schus­ter, der, aus dem eng­li­schen Exil nach Wien zurück­ge­kehrt, sich auf­grund des unver­än­der­ten Anti­se­mi­tis­mus das Leben nimmt.

Bis zur Pre­mière des Stücks, das im Auf­trag des dama­li­gen Burg­thea­ter­di­rek­tors Claus Pey­mann für das 100-Jahr-Jubi­läum des Gebäu­des an der Wie­ner Ring­strasse ent­stand, wurde dar­über spe­ku­liert, ob Bern­hard den Text ent­schärft oder wei­ter zuge­spitzt haben könnte.

Hat Bern­hard auf die Skan­da­li­sie­rung in sei­nem Stück reagiert ?
Diese Fra­gen beant­wor­ten nun Lite­ra­tur- und Text­wis­sen­schaft­le­rin­nen an der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW) in einer neu erschie­ne­nen digi­ta­len Edi­tion von „Hel­den­platz“. Die Her­aus­ge­be­rin­nen Kon­stanze Fliedl, Bar­bara Tumf­art und Sil­via Waltl beleuch­ten darin die im Nach­lass über­lie­ferte Ent­ste­hungs­ge­schichte. Ein­seh­bar als Fak­si­mile und Tran­skrip­tion sind diverse Text­stu­fen von Ent­wür­fen und Frag­men­ten über Typo­skripte bis hin zu mehr­fach vom Autor kor­ri­gier­ten Druck­fah­nen dokumentiert.

Diese Text­trä­ger zei­gen, wie Bern­hards Ideen in den typi­schen the­ma­ti­schen und syn­tak­ti­schen Schlei­fen ent­wi­ckelt wur­den und sie bele­gen, dass er auf die Skan­da­li­sie­rung sei­nes Dra­mas im Grunde nicht reagierte. Spä­tere Text­ein­griffe haben nichts mit sei­nem Rund­um­schlag gegen den öster­rei­chi­schen Faschis­mus, Katho­li­zis­mus und Sozia­lis­mus zu tun.

Medi­en­be­richte und Kom­men­tare von damals visu­ell dargestellt
Die am Aus­trian Cen­ter for Digi­tal Huma­ni­ties and Cul­tu­ral Heri­tage der ÖAW erstellte Aus­gabe prä­sen­tiert eine digi­tale Ver­sion der betref­fen­den Über­lie­fe­rungs­trä­ger mit Tran­skrip­tion. Alle Texte sind per Voll­text­su­che durch­such­bar, außer­dem bie­ten Regis­ter und Stel­len­kom­men­tare zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen zu Per­so­nen, Orten und Ereig­nis­sen. In einer Zeit­leiste wer­den auch die zahl­rei­chen und kon­tro­ver­sen Pres­se­ar­ti­kel biblio­gra­phisch erfasst.

„Damit sind neue Zugänge zum Text und zu sei­ner Wir­kung gewon­nen. Tho­mas Bern­hards Drama kann so nicht nur als Schlüs­sel­text öster­rei­chi­scher Lite­ra­tur­his­to­rie, son­dern auch als Doku­ment öster­rei­chi­scher Poli­tik- und Gesell­schafts­ge­schichte gele­sen wer­den“, so die ÖAW in einer Aus­sendung. Die Ver­öf­fent­li­chung von „Hel­den­platz“ folgt der Publi­ka­tion der his­to­risch-kri­ti­schen digi­ta­len Edi­tion von Bern­hards 1982 erschie­ne­ner Erzäh­lung „Witt­gen­steins Neffe“ Ende 2021 durch die ÖAW. 

Autor: red/czaak
06.02.2024

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