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Der Lock­ruf der wei­ten Welt

Ein Lebens­lauf ohne Hin­weis auf Aus­lands­er­fah­rung ist heute prak­tisch wertlos.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ist die Aus­wan­de­rungs­welle einer Aus­lands­ar­beits­welle gewi­chen. Auf geho­be­ner Manage­ment- Ebene oder vor allem im For­schungs­be­reich ist ein Lebens­lauf ohne Hin­weis auf Aus­lands­er­fah­rung prak­tisch wert­los. Bereits wäh­rend des Stu­di­ums sollte man zumin­dest ein Aus­lands­se­mes­ter absol­vie­ren. Andern­falls wer­den vor allem junge Aka­de­mi­ker ohne ein­schlä­gige Berufs­er­fah­rung bei Bewer­bun­gen ten­den­zi­ell nach hin­ten gereiht. Aber auch im Berufs­le­ben wird Aus­lands­er­fah­rung immer wich­ti­ger. Die meis­ten schnup­pern ein paar Monate, viele blei­ben ein paar Jahre, und man­che wol­len nur noch von Land zu Land ziehen.
Sabine Scha­den, der­zeit in der Peu­geot-Zen­trale in Paris im Mar­ke­ting tätig, bringt ihre Ein­stel­lung schnell auf den Punkt : „Eine Aus­lands­er­fah­rung macht eigent­lich nur Lust auf die nächste. Ich bekomme kaum genug davon.“ Nicht süch­tig auf Aus­land, aber eher als Schuh­löf­fel für die Kar­riere sieht es Chris­toph Ulmer, Vor­stand bei der CE Oil & Gas Tra­ding, der einige Zeit bei HSBC in Lon­don (siehe auch Kar­riere- Spalte rechts) tätig war : „Mich reizt vor allem ein attrak­ti­ves beruf­li­ches Ange­bot. Das war auch der Grund, warum ich jetzt wie­der in Öster­reich bin.“

Halbe Mil­lion im Ausland
Stän­dig außer­halb von Öster­reich leben rund 400.000 Inha­ber der öster­rei­chi­schen Staats­bür­ger­schaft. Dazu kom­men noch einige 100.000 gebür­tige Öster­rei­cher, die bereits die Staats­bür­ger­schaft ihrer neuen Hei­mat ange­nom­men haben. Oft wer­den die „klas­si­schen“ Aus­lands­ös­ter­rei­cher als das „zehnte Bun­des­land“ bezeich­net. Die Mehr­zahl der Aus­lands­ös­ter­rei­cher lebt und arbei­tet in Deutsch­land (185.000) und in der Schweiz (40.000). Dazu kom­men 36.000 in Mit­tel- und Süd­ame­rika, 30.000 in Aus­tra­lien, 28.500 in den USA und 22.500 in Afrika (vor allem in Süd­afrika). Wei­tere 62.256 haben zwar ihren ordent­li­chen Wohn­sitz im Inland, arbei­ten aber eben­falls im Aus­land, über­wie­gend in Deutsch­land und der Schweiz, als Tages- oder Wochen­pend­ler. Die meis­ten öster­rei­chi­schen Aus­wan­de­rer der Nach­kriegs­zeit ver­lie­ßen Öster­reich aus wirt­schaft­li­chen Grün­den. Bekannte öster­rei­chi­sche Aus­wan­de­rer­ge­mein­den befin­den sich in Süd­ame­rika, zum Bei­spiel in Drei­zehn­lin­den in Bra­si­lien, Pozuzo in Peru oder Inde­pen­den­cia in Para­guay. Dort wird auch heute noch öster­rei­chi­sche Kul­tur gepfl egt. So fühlt man sich in Drei­zehn­lin­den eher in ein Tiro­ler Berg­dorf versetzt.
Dass aller Anfang schwer ist, zei­gen nicht nur die Erfah­run­gen der Aus­wan­de­rer der 50er- und 60er Jahre. Heute zählt vor allem die beruf­li­che Erfah­rung. Per­sön­lich macht vor allem der Men­ta­li­täts­un­ter­schied vie­len zu schaf­fen. „In Frank­reich begin­nen die meis­ten Bespre­chun­gen mit zehn bis 30 Minu­ten Ver­spä­tung. Und meis­tens gibt es keine The­men­pla­nung. Kaf­fee- und Mit­tags­pau­sen dau­ern wesent­lich län­ger. Dafür ist es hier für jeden selbst­ver­ständ­lich, abends län­ger zu arbei­ten – ohne bezahlte Über­stun­den. Der Vor­teil ist, dass man seine Kol­le­gen wesent­lich bes­ser ken­nen lernt. Der ein­deu­tige Nach­teil : weni­ger Frei­zeit“, resü­miert Scha­den. Ulmer hin­ge­gen empfi ehlt, sich vor Job-Antritt Zeit im neuen Land zu neh­men, um sich bes­ser einzuleben.
Aber auch Öster­reich wird als Arbeits­land immer attrak­ti­ver. Nicht nur der Tou­ris­mus zieht tau­sende Sai­son­niers an. Im geho­be­nen Manage­ment lässt es sich in Öster­reich ebenso aus­hal­ten. So hat zum Bei­spiel der gebür­tige Münch­ner und mitt­ler­weile beken­nende Wie­ner Michael Wen­ger­mayer, Coun­try Mana­ger beim Soft­ware- Anbie­ter Com­pu­ter Asso­cia­tes, gute Erfah­run­gen in Öster­reich gemacht : „Mein Vor­teil war sicher, dass für mich als Bayer kein wirk­li­cher Men­ta­li­täts­un­ter­schied zu den Wie­nern exis­tiert. Münch­ner und Wie­ner spre­chen doch weit­ge­hend die glei­che Spra­che. Der Umgangs­ton muss nicht inter­pre­tiert wer­den. Schon oft habe ich mit­er­lebt, dass Ver­tre­ter der nörd­li­chen deut­schen Bun­des­län­der doch gra­vie­rende Schwie­rig­kei­ten hat­ten, ihr Anlie­gen ver­ständ­lich und ohne anzu­ecken vor­zu­tra­gen.“ Und das obwohl man die­selbe Spra­che spricht. Über­wun­den wird diese Hürde oft mit­tels sozia­ler Kom­pe­tenz. „In Öster­reich wird in vie­len Berei­chen star­kes Gewicht auf die Aus­prä­gung von Sozi­al­kom­pe­ten­zen gelegt. Diese Erfah­run­gen kön­nen gerade beim Ein­stieg in eine neue Funk­tion sehr hilf­reich sein“, argu­men­tiert Ulmer. Ob das der Grund ist, dass viele öster­rei­chi­sche Spit­zen­ma­na­ger lie­ber im Aus­land arbei­ten, sei dahingestellt.
Einig sind sich Scha­den, Ulmer und Wen­ger­mayer in einer ande­ren Sache : Die größte Hürde ist für sie der Kon­takt zu Freun­den und Ver­wand­ten. „Es ist schwie­rig, mit sei­ner Fami­lie und Freun­den in Ver­bin­dung zu blei­ben. Es bleibt nach einer gewis­sen Zeit nur der Kon­takt zu den engs­ten Freun­den bestehen“, berich­tet Schaden.

Kin­der und Freunde leiden
Am meis­ten zu lei­den haben sicher Kin­der, „die ihre Freunde und die gewohnte Umge­bung zurück­las­sen müs­sen“, bestä­tigt Wen­ger­mayer und ergänzt : „Und sicher war es nicht för­der­lich, dass zu die­sem Zeit­punkt der Klas­sen­vor­stand in einem Wie­ner Gym­na­sium die auf­kom­men­den Piefke- und sogar Nazi-Hetz­pa­ro­len kei­nes­falls unter­band, son­dern noch unter­stützte.“ Die­ser Zustand konnte nur durch einen Schul­wech­sel über­wun­den werden.
Schwie­rig­kei­ten hatte jeder zu über­win­den. Doch ist es im Grunde immer nur die Erfah­rung, die zählt ? „Ich kann mir im Moment gar nicht vor­stel­len, wie­der nach Öster­reich zurück­zu­ge­hen. Mir ist das Land der­zeit zumin­dest zu klein“, erklärt Scha­den offen, obwohl sich das sicher irgend­wann wie­der geben könnte. „Aber wenn ich wie­der nach Öster­reich komme, zumin­dest für eine Zeit lang, dann wird der Anpas­sungs­pro­zess sicher genauso schwie­rig wie die Anfangs­zeit im Aus­land werden.“ 

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus dem Jahr 2006

Autor:
29.05.2015

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