Zum Inhalt
© Patricia Nickel-Dönicke (links) mit Ensemble bei Premiere von Brechts Arturo Ui in St. Pölten (Foto economy)

„Der Schoß ist frucht­bar noch“

Brechts „Arturo Ui“ von 11 Regisseur:innen am Lan­des­thea­ter St. Pöl­ten zum Start der neuen Inten­danz von Patri­cia Nickel-Döni­cke ist inhalt­lich ein aktu­ell pas­sen­des Stück und ope­ra­tiv ein wage­mu­ti­ger Schritt. Final sie­gen große Schau­spiel­kunst und Büh­nen­bild gegen die kleine Büh­nen­flä­che und die vie­len Hand­lungs­stränge. Ein kom­men­tie­ren­der Bericht von der Pre­mière mit Publi­kums­re­ak­tio­nen von Chris­tian Czaak.

Ber­tolt Brecht. Arturo Ui. Viele Hand­lungs­stränge. 11 Regisseur:innen. Chi­cago und des­sen Vor­ort Cicero bzw. Deutsch­land und Öster­reich. St. Pöl­ten in Nie­der­ös­ter­reich. Lan­des­thea­ter. Rund 80 m² Spiel­flä­che. Par­ti­cia Nickel-Döni­cke hätte sich ihren Antritt als künst­le­ri­sche Lei­te­rin des Lan­des­thea­ters Nie­der­ös­ter­reich in St. Pöl­ten leich­ter machen kön­nen. Sie macht es aber den Regisseur:innen, dem Ensem­ble, den Büh­nen­bild­nern und final dem Publi­kum und sich selbst nicht leicht und doku­men­tiert mit die­sem gewähl­ten Start ihre Sicht­weise eines zeit­ge­nös­sisch moder­nen Thea­ters. Hier ist jedes Stück ein Gesamt­kunst­werk, mit akti­ver Ein­bin­dung des Publi­kums. Viel Erfolg und Glück damit im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen St. Pöl­ten gleich an die­ser Stelle, auch im Kon­text mit den spä­ter ange­führ­ten Publi­kums­re­ak­tio­nen der älte­ren Generation.

Die Thea­ter­phi­lo­so­phie der neuen Intendantin

Diese Hal­tung bzw. Thea­ter­phi­lo­so­phie liegt in ihrer Stu­di­en­zeit begrün­det. Nickel-Döni­cke, 1979 in Pots­dam in der dama­li­gen DDR gebo­ren, stu­diert zunächst Neue Deut­sche Lite­ra­tur, Medien und Poli­tik­wis­sen­schaf­ten und dann Dra­ma­tur­gie bei Hans-Thies Leh­mann an der Goe­the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt (D), wo sie mit einem Mas­ter-of-Arts abschließt. Leh­mann ent­wi­ckelte in den 1990er-Jah­ren einen neuen bzw. post-dra­ma­ti­schen Ansatz („Post­dra­ma­ti­sches Thea­ter“, Ver­lag der Autoren, Frank­furt 1999), der sich von ein­di­men­sio­na­len Cha­rak­te­ren bzw. Figu­ren löst und bei Auf­füh­run­gen auch den geschrie­be­nen Text als nur eines von meh­re­ren gleich­be­rech­tig­ten Aus­drucks-Mit­teln ansieht. 

Kör­per, Bewe­gung, Musik, Licht, Raum, Bil­der, Video, Spra­che und Geräu­sche kön­nen ebenso wich­tig oder gar noch wich­ti­ger sein. Leh­manns Thea­ter geht es nicht darum einen Text mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu auf die Bühne zu brin­gen, sein Thea­ter ist ein eigen­stän­di­ges Ereig­nis. Ein wich­ti­ger Bestand­teil ist dabei auch die Inter­ak­tion zwi­schen Schau­spie­ler und Publi­kum, das aktiv in Sze­nen ein­ge­bun­den wer­den soll. Thea­ter kann so mit Kon­ven­tio­nen bre­chen, irri­tie­ren und die Wahr­neh­mung zwi­schen Fik­tion und Rea­li­tät ver­schie­ben. Leh­mann beschäf­tigte sich auch mit der Frage nach poli­ti­schem Thea­ter, wo das Poli­ti­sche auch in der Auf­füh­rung selbst lie­gen kann.

Neue Ele­mente und die Geschichte des Brecht-Stücks

All diese Ele­mente fin­den sich in der Thea­ter-Phi­lo­so­phie von Patri­cia Nickel-Döni­cke. Und alle diese Ele­mente decken ab bzw. ver­wen­den auch die 11 Regisseur:innen und das Büh­nen­bild (Wolf­gang Menardi) beim aktu­el­len Arturo Ui in St. Pöl­ten. Ein­ge­spiel­ter Ton/​Audio, Video (Bert Zan­der), Licht sowie fixe Büh­nen­ele­mente wie eine rie­sige Dis­ko­ku­gel aus den 1980er-Jah­ren, ein Musik-Wur­lit­zer, meh­rere Öster­reich-Fah­nen an den Wän­den, ein gro­ßer gekreu­zig­ter Jesus, ein Auto­wrack mit Anhän­ger (und St. Pölt­ner Kenn­zei­chen) sind eigene Aus­sa­gen oder ver­stär­ken die schau­spie­le­ri­schen und text­li­chen Dar­stel­lun­gen. Ein zen­tra­les und durch­ge­hen­des und vor allem ankom­men­des Ele­ment ist auch die (Ganz)Körpersprache der Akteure und die (gespro­chene) Spra­che selbst.

Brechts Thea­ter­stück „Der auf­halt­same Auf­stieg des Arturo Ui“ spielt im Chi­cago der 1930er-Jahre und erzählt vom Auf­stieg des Gangs­ters Arturo Ui. Es geht um einen soge­nann­ten Kar­fi­ol­trust als Zusam­men­schluss von Gemü­se­händ­lern, der in einer wirt­schaft­li­chen Krise steckt. Für staat­li­che Unter­stüt­zung bestechen die Unter­neh­mer den Poli­ti­ker Dogs­bo­rough. Als der Betrug bekannt zu wer­den droht, nutzt Arturo Ui die Situa­tion für sich – als ver­füh­ren­der Unter­stüt­zer den Unter­neh­mern gegen­über, mit Gewalt und Mord gegen­über Dogs­bo­rough und ande­ren. Unter­stützt wird Ui dabei beson­ders von sei­nem Ver­trau­ten und Leib­wäch­ter Ernesto Roma und vom Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gen Givola.

Angst, Kor­rup­tion, Eigen­nutz und das Schwei­gen vie­ler Menschen

Ui lernt par­al­lel aber auch von einem Schau­spie­ler, wie er durch Spra­che, Ges­tik und Hal­tung über­zeu­gen­der wir­ken kann. Er will Ein­fluss und Wir­kungs­feld auf Chi­ca­gos Nach­bar­stadt Cicero aus­wei­ten und ermor­det den sich ihm wider­set­zen­den Dull­feet. Final kon­trol­liert Ui beide Städte und kün­digt wei­tere Erobe­run­gen an. Die zen­trale Aus­sage des Brecht-Stücks ist, dass Angst, auch Exis­tenz­angst, sowie Kor­rup­tion, Eigen­nutz und das Schwei­gen vie­ler Men­schen Arturo Uis Auf­stieg ermög­li­chen. Unver­meid­bar war Uis Auf­stieg aber nicht. 

Brecht (1898 bis 1956) warnt mit dem Stück vor der Unter­schät­zung von Dik­ta­to­ren und die­sen kei­nen Wider­stand ent­ge­gen­zu­set­zen. Chi­cago steht für Deutsch­land und Cicero für Öster­reich. Arturo Ui ist Adolf Hit­ler, Ernesto Roma ist Ernst Röhm (SA-Füh­rer), Dogs­bo­rough steht auch für die Poli­tik und für Paul von Hin­den­burg (dama­li­ger Deut­scher Reichs­prä­si­dent), ebenso Dull­feet, die­ser steht für Engel­bert Doll­fuß (ehe­ma­li­ger Öster­rei­chi­scher Bun­des­kanz­ler). Der im Stück eben­falls vor­kom­mende und auch durch Ernesto Roma ver­ur­sachte Brand eines Getrei­de­spei­chers steht für den Brand des Reichs­tags­ge­bäu­des in Ber­lin 1933. Einen Tag danach ist Brecht mit Fami­lie aus Nazi-Deutsch­land geflüchtet.

Pas­sende Inhalte und Quer­ver­weise zur aktu­el­len poli­ti­schen Situation

Thema und Inhalte der aktu­el­len Brecht-Insze­nie­rung im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen St. Pöl­ten pas­sen also per­fekt in die aktu­elle Zeit, wo in vie­len Län­dern rechts­na­tio­nale wie auto­ri­täre Par­teien und Grup­pie­run­gen an der Schwelle zur Macht ste­hen oder sie bereits über­nom­men haben. Im Pro­gramm­heft zur Auf­füh­rung in St. Pöl­ten ist dem Wahl­sieg der AfD im deut­schen Bun­des­land Sach­sen-Anhalt, dem Auf­stieg und der Regie­rungs­be­tei­li­gung der öster­rei­chi­schen FPÖ in fünf Bun­des­län­dern (inklu­sive Nie­der­ös­ter­reich, Anm.) und auch dem ambi­va­len­ten Ver­hält­nis der Bun­des-ÖVP zur FPÖ ein eige­ner Abschnitt gewid­met. Das ein­gangs ange­führte „wage­mu­tig“ trifft auch auf diese Anfüh­run­gen in einem St. Pölt­ner Thea­ter­pro­gramm zu.

Wie ebenso bereits ange­führt sind die Inhalte des Brecht-Stücks mit meh­re­ren spe­zi­el­len Öster­reich-Bezü­gen auch im aktu­el­len Büh­nen­bild ent­hal­ten. Beson­ders auf­fal­lend sind die vie­len Öster­reich­fah­nen an den Wän­den, nach­emp­fun­den den hun­dert-tau­sen­den Haken­kreuz­fah­nen in den Hän­den nahezu aller Öster­rei­cher beim Anschluss an Nazi-Deutsch­land. Ebenso auf­fal­lend der große Jesus am Kreuz. Für Ihren Kri­ti­ker steht er für die katho­lisch geprägte Dop­pel­mo­ral der Österreicher:innen, beson­ders in länd­li­chen Gebie­ten, aber nicht nur. Das Auto­wrack mit Anhän­ger spie­gelt das kriegs­zer­störte Deutsch­land mit sei­nem ebenso zer­stör­ten Anhäng­sel Österreich.

Schau­spie­le­ri­sche Glanzleistungen

Schau­spie­le­risch glänzt die aktu­elle Brecht-Insze­nie­rung am Lan­des­thea­ter in St. Pöl­ten. Begin­nend mit den Haupt­fi­gu­ren sind ein­mal Max Kurth und Bet­tina Kerl her­vor­zu­he­ben. Kurth besticht durch sein ein­drucks­vol­les Wech­sel­spiel mit unmit­tel­bar sich ändern­der Prio­ri­sie­rung von Mimik und Kör­per­ges­tik, Spra­che und Tona­li­tät und einer als Gan­zes ein­ge­setz­ten Kör­per­spra­che bzw. ‑Wir­kung. Er schafft damit auch locker Auf­tritt und Ver­wand­lung vom Ver­füh­rer zum auto­ri­tä­ren und gewalt­tä­ti­gen Des­po­ten und wie­der retour. Super auch, wie er zu Beginn den schüch­ter­nen, angst­haf­ten Ui bzw. Hit­ler spielt. 

Bet­tina Kerl und Max Kurth als dop­pel­ter Arturo Ui © Isa­bel Machado Rios

Bet­tina Kerl schafft die­ses Wech­sel­spiel nicht ganz. Mimik und Ges­tik sowie Spra­che pas­sen, ihre Bewe­gun­gen und die gesamte Kör­per­spra­che wir­ken ver­gleichs­weise aber „harm­los“, bzw. brin­gen die damit ver­bun­de­nen Absich­ten als Verführer(in) und auto­ri­täre Des­po­tin nicht rüber. Das gilt ins­be­son­dere für eine Tanz­ein­lage der bei­den, die eben zwi­schen ver­füh­re­risch tän­zelnd und dro­hen­dem Stech­schritt wech­seln sollte. Warum Arturo Ui von zwei Per­so­nen dar­ge­stellt wer­den muss und eine davon weib­lich ist, erschließt sich mir nicht. Viel­leicht will die Regie aus­drü­cken, dass auch Frauen auto­ri­täre Macht­ha­ber sein kön­nen, siehe deut­sche AfD oder fran­zö­si­sche Ras­sem­blem­ent Natio­nal. Oder „Frau“ musste ein­fach auch die Haupt­rolle spielen.

Ein Wie­ne­ri­sches Ele­ment und die Per­si­flage eines neuen Rechtsradikalen

Dem Hand­lungs­strang der ers­ten Halb­zeit fol­gend, hat dann Dogs­bo­rough sei­nen ers­ten län­ge­ren Auf­tritt. Michael Scherff spielt den Cha­rak­ter des älte­ren Unter­neh­mers und Patri­ar­chen(?) mit unter­wür­fi­gem Sohn (sehr gut gespielt von Mika Pavle Kuruc) in einer ebenso ein­drucks­vol­len wie auch lie­bens­wür­di­gen Art. Scherff glänzt mit einer geschlif­fe­nen Spra­che, mit einer eige­nen, dem (schö­nen) Wie­ne­ri­schen ent­lehn­ten Sprach-Rhyth­mik und ‑Musik aus exakt gesetz­ten Tona­li­tä­ten und Beto­nun­gen – und die ver­bin­det er ebenso exakt abge­stimmt mit Mimik und Ges­tik. Sehr wir­kungs­voll sind zudem seine groß auf einen Büh­nen­vor­hang über­tra­ge­nen Video-Auf­nah­men, was par­al­lel zu sei­nem „nor­ma­len“ Auf­tre­ten in einer gleich nach der Bühne befind­li­chen Zuschauer-Loge pas­siert. Diese geson­dert wir­kungs­vol­len Über­tra­gun­gen pas­sie­ren auch bei ande­ren Sze­nen und Schauspielern.

Michael Scherff als Dogs­bo­rough und Mika Pavle Kuruc als sein Sohn © Isa­bel Machado Rios

Der abso­lute Lieb­ling Ihres Kri­ti­kers ist aber Ernesto Roma, vulgo Felix The­wan­ger. The­wan­ger tritt am Anfang optisch als eine Art Per­si­flage eines neuen Rechts­na­tio­na­len in kur­zen schwar­zen Hosen (Angus Young von AC/DC lässt grü­ßen), schwar­zer Leder­ja­cke über ein bunt­ge­fleck­tes T‑Shirt und mit schwar­zen Stie­feln auf (Kos­tüme: Michael Sie­be­rock). The­wan­ger wech­selt naht­los und über­aus gekonnt zwi­schen freund­lich, lie­be­vol­lem Druck­ma­cher und gewalt­be­rei­ten Hand­lan­ger Uis. Ganz toll und beson­ders ein­drucks­voll seine las­zive sän­ge­ri­sche Dar­bie­tung nur in wei­ßer Unter­hose mit in die Luft gestreck­tem nack­ten Bein am Dach des Autowracks. 

Felix The­wan­ger als las­zi­ver Sän­ger und Bet­tina Kerl (Ui) © Isa­bel Machado Rios

Ein­dring­li­che Sze­nen mit Eis und Zunge

Nach sei­ner Ermor­dung steht The­wan­ger dann ebenso nur in wei­ßer Unter­hose sowie mit rot­um­ran­de­ten Ein­schuss­lö­chern im Ober­kör­per und mit Dor­nen­krone am Kopf gemein­sam mit ande­ren Schau­spie­lern im Zuschau­er­raum nahe der Bühne. Auch andere Prot­ago­nis­ten bewe­gen sich sozu­sa­gen inter­ak­tiv im Zuschau­er­raum und dazu gehört auch Arturo Ui bzw. Max Kurth. Auf­ge­setzt freund­lich lächelnd und sich ver­beu­gend schüt­telt er die Hände meh­re­rer Zuschauer. Auch seine regel­recht ver­stö­rende Szene, wo er ein schon über seine Hände zer­rin­nen­des Eis (im Sta­nit­zel) genuss­voll schleckt und dabei nach neuen Mit­strei­tern oder (eher) Opfer Aus­sicht hält ist prägend.

Apro­pos schle­cken und Zunge. Susi Wirth spielt den Givola, ein Blu­men­händ­ler und Mit­glied in Uis Gangs­ter­bande, der für Nazi-Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels steht. Givo­las Rolle liegt weni­ger in kör­per­li­cher Gewalt als in Täu­schung, Insze­nie­rung und Mani­pu­la­tion. Er hilft dabei Uis Gewalt und Macht­stre­ben nach außen anders erschei­nen zu las­sen und die öffent­li­che Wahr­neh­mung zu beein­flus­sen. Susi Wirth spielt das in einem geson­dert wir­ken­den anzug-bur­schi­ko­sen Mar­lene Diet­rich-Look mit inten­si­ver Mimik und kör­per­li­cher Ges­tik. Ein­drucks­voll dabei ihre oft­mals ein­la­dend aus­ge­streckte (und lange) Zunge und beson­ders ein­drucks­voll, als sie mit ihrer Zunge Ui bzw. Kurth einen Sil­ber­ring andient – den die­ser auch mit sei­ner Zunge aufnimmt.

Susi Wirth als Givola © Isa­bel Machado Rios

Viele musi­ka­li­sche Ein­la­gen und Ber­tolt Brecht auf der Bühne

Geson­dert erwäh­nens­wert sind noch die vie­len im inhalt­li­chen Kon­text ste­hen­den Musik- und Gesangs­ein­la­gen (Musik: Tobias Schwenke). Zu hören sind etwa „Drive“ (The Cars) oder „Every Breath You Take“ (Police). Dogs­bo­rough singt Kon­stan­tin Weckers Lied „Willy“ und adres­siert damit das Thema Resi­gna­tion bzw. Nazi­fi­zie­rung der „schwei­gen­den Mitte“. E‑Gitarre und Elek­tro-Kla­vier sind wei­tere von den Schauspieler:innen selbst(!) gespiel­ten Instru­mente, die die Wir­kung der Sze­nen ver­stär­ken und ergän­zen. Auch Ber­tolt Brecht selbst ist Teil der Auf­füh­rung. Insze­niert von Ila­rio Rascher als rund einen Meter große Puppe bringt er Arturo Ui mit extern ein­ge­spiel­ter Stimme das rich­tige Spre­chen und eine wir­kungs­volle Bewe­gung bei.

Emma Bahl­mann, Bet­tina Kerl und Felix The­wan­ger in einer Musik­ein­lage © Isa­bel Machado Rios

Beein­dru­ckend von Auf­tritt, Spra­che, Aus­drucks­kraft bzw. gesam­ter Büh­nen­prä­senz waren noch Emma Bahl­mann als Clark (Mit­glied in Uis Bande), Phil­ippe The­len in einer Dop­pel­rolle als Dull­feet und Rich­ter, dem er von ver­gleichs­weise weit hin­ten aus dem Auto­wrack trotz­dem eine große Prä­senz ver­leiht. Lisa Edith Frei­ber­ger über­zeugte in ihrer Dar­stel­lung der Betty Dull­feet mit einer brei­ten mimi­schen Kla­via­tur an Stim­mun­gen, von eupho­risch oder anmu­tig über ängst­lich bis tod­trau­rig. Gleich Über­zeu­gen­des gilt für Caro­line Baas (But­cher) und Ines Schil­ler (Ree­de­rei­be­sit­zer Sheet). Sie hat mit ihrer Mimik auch die Wir­kung der von ihr geführ­ten Brecht-Puppe verstärkt.

Die unter­schied­li­chen Reak­tio­nen des Publikums

Wie hat nun das brei­tere Publi­kum auf die vie­len Inno­va­tion und ins­be­son­dere auf das Stück reagiert? Ihr Kri­ti­ker hat sich nach Ende der Auf­füh­rung zu ein paar Grup­pen unter­schied­li­chen Alters und Klei­dung gesellt und deren Reak­tio­nen gesam­melt: „Ich kann abso­lut nichts mit­neh­men, kein Zitat, keine Szene, nix“, so ein gut­ge­klei­de­ter Mann um die 70 zu sei­ner Frau. „Den Inhalt habe ich nicht ver­stan­den, aber die Schau­spie­ler waren gut“, so eine ca. gleich alte Dame zu ihrer Freundin. 

Max Kurth als dia­bo­li­scher Arturo Ui © Isa­bel Machado Rios

Ein ande­rer peni­bel geklei­de­ter Herr mit „Pfar­rer-Steh­kra­gen-Hemd“ beschwerte sich über das – Zitat: „Nuscheln“ eines Schau­spie­lers. Den Namen des Schau­spie­lers nenne ich nicht, da sich die­ser aus mei­ner Wahr­neh­mung gerade durch eine ein­dring­lich klare Spra­che aus­zeich­nete. Zur Pause meinte ein hin­ter mir sit­zen­der rund 60-jäh­ri­ger Mann zu sei­nem Nach­barn: „Na ja, hof­fen wir auf den zwei­ten Teil“. Eine Gruppe von drei Paa­ren, alle um die 50+, kannte sich wie­derum beim Büh­nen­ge­sche­hen nicht aus „wer zu wem gehört“, das Ganze sei „total unüber­sicht­lich“. Ein Paar aus die­ser Gruppe ver­ab­schie­dete sich dann mit den Wor­ten: „Ab jetzt kann es nur bes­ser wer­den, Pfiat eich. Ah jo, und für mor­gen Waidmannsheil“.

Gänz­lich anders die Reak­tio­nen des jün­ge­ren Publi­kums zwi­schen 20 und 40+. Deren Aus­sa­gen reich­ten über­ein­stim­mend von „Super Schau­spie­ler“ und „tol­les Büh­nen­bild“ über „wich­tig, dass so ein Thema gerade jetzt behan­delt wird“ oder „gut, dass Brecht auch hier gespielt wird“ bis zu „dass die Schau­spie­ler das Publi­kum direkt ein­bin­den, finde ich super“ und „Wow, ich bin echt begeistert!“. 

Ein sowohl unter­halt­sa­mer wie auch nach­denk­lich machen­der Theaterabend 

Diese posi­tive Gesamt­be­ur­tei­lung ist abso­lut stim­mig. Das war eine ganz tolle schau­spie­le­ri­sche Leis­tung mit einem Büh­nen­bild, das trotz der Klein­heit der Büh­nen­flä­che alle wich­ti­gen The­men und Quer­ver­weise gut sicht­bar und vor allem ein­dring­lich (Auto­wrack und Anhän­ger, Fah­nen, Jesus-Kreuz) ver­mit­telt hat. Auch Brecht und das bzw. seine The­men pas­sen gut in die aktu­elle poli­ti­sche Zeit. Schwie­rig war teil­weise den Hand­lungs­strän­gen bzw. deren Wechs­lung zu fol­gen. Und lei­der gar nicht fol­gen konnte man oder zumin­dest Ihr Kri­ti­ker am Beginn des zwei­ten Teils, wo rund 15 Minu­ten lang meh­rere Schau­spie­ler auf­tra­ten, ihre Stimme bzw. ihr Text aber extern ein­ge­spielt wurde. 

Es war mir trotz gro­ßer Kon­zen­tra­tion unmög­lich zu fol­gen, was wer zu wem und warum sagt. Die­ser Bruch, weil danach ging es wie­der mit direkt gespro­che­nen Auf­trit­ten wei­ter, war völ­lig unver­ständ­lich bzw. unan­ge­bracht. Unterm Strich war das ein sowohl unter­halt­sa­mer wie auch nach­denk­lich machen­der Thea­ter­abend. Wie ange­führt ist die Bot­schaft des Brecht-Stücks im Kon­text mit den poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen fern und nahe in der Tat aktu­ell. Der am Schluss von meh­re­ren im Publi­kums­be­reich befind­li­chen Schau­spie­lern ein­dring­lich und mehr­fach wie­der­holte Sager „Der Schoß ist frucht­bar noch“ bleibt da beson­ders in Erin­ne­rung. (Chris­tian Czaak)

Der groß­ar­tige Felix The­wan­ger als Ernesto Roma © Isa­bel Machado Rios

(„Der auf­halt­same Auf­stieg des Arturo Ui“ von Ber­tolt Brecht. Regie: Simon Hastrei­ter, Julia Höl­scher, Leo Kees, Wolf­gang Menardi, Michael Pietsch, Ila­rio Benia­mino Rascher, Leo­nie Roh­lfing, Chris­tina Tscha­ry­i­ski, lars-Ole Wal­burg, Anja Michaela Wohlf­art, Bert Zander. 

Bühne: Wolf­gang Minardi. Kos­tüme: Michael Sie­be­rock. Musik: Tobias Schwen­cke. Video: Bert Zan­der. Schau­spiel-Team: Emma Bahl­mann, Caro­line Baas, Lisa Frei­ber­ger, Bet­tina Kerl, Max Kurth, Mika Pavle Kuruc, Michael Scherff, Ines Schil­ler, Phil­ippe The­len, Felix The­wan­ger, Susi Wirth und wei­tere Schau­spie­ler des Stadt­en­sem­bles. Wei­tere Auf­füh­run­gen bis 27. Jän­ner 2027).

(Anm. der Redak­tion: der Text wurde bei lei­der falsch geschrie­ben Namen und Regie-Zuord­nun­gen nach­träg­lich berich­tigt und ergänzt – danke für die Hin­weise und sorry für die Fehler)

Autor: red/czaak
20.09.2026

Weitere aktuelle Artikel

In Nie­der­ös­ter­reich locken die „Tage der offe­nen Ate­liers“ zu Aus­flü­gen und Urlaubs­auf­ent­hal­ten. Zwi­schen Enns und Lei­tha zei­gen heuer über 1.000 Kunst­schaf­fende Tex­til­kunst, Schmuck und Schmie­de­ar­bei­ten über Bild­haue­rei und Male­rei bis zu Film oder Fotografie. Nie­der­ös­ter­reichs Kunst- und Kul­tur­schaf­fende laden auch heuer wie­der zu den „Tagen der Offe­nen Ate­liers“ um ihre Leis­tun­gen einer mög­lichst brei­ten Öffent­lich­keit prä­sen­tie­ren zu […]
Kin­der­krebs Sozi­al­hilfe, Stern­tal­er­hof, Licht ins Dun­kel oder aktu­ell die Unter­stüt­zung für den Licht­blick­hof. IT-Dis­tri­bu­tor Omega enga­giert sich regel­mä­ßig für unter­schied­li­che Sozi­al­pro­jekte mit einem Schwer­punkt auf Kin­der und Jugendliche.  Der öster­rei­chi­sche IT-Dis­tri­bu­tor Omega unter­stützt seit über zwei Jahr­zehn­ten soziale Ein­rich­tun­gen, dar­un­ter etwa das St. Anna Kin­der­spi­tal, den Stern­tal­er­hof, Debra Aus­tria, Licht ins Dun­kel oder Mis­sion Hoff­nung. […]
Die Vienna Fashion Week ist aus. Eco­nomy hat letz­ten Frei­tag als modi­sche Höhe­punkte die Arbei­ten von Roee und Plu­ral und vor allem Show und Enga­ge­ment von Sau­ber­ma­cher und Label „Fröh­lich“ gese­hen. Hier war neben Mode auch Inno­va­tion und (wirk­lich) nach­hal­tige Kreis­lauf­wirt­schaft Thema. Einen unpro­fes­sio­nel­len Auf­tritt von Nico­las Dudek gab es auch. Ein Bericht von Han­nah Czaak und Ale­jan­dro […]
Aktu­elle Muehl-Schau im Wie­ner Aktio­nis­mus Museum. Mate­rial-Bil­der aus 1960er Jah­ren und gegen­ständ­li­che Lini­en­ma­le­rei aus 80er-Jah­ren als groß­ar­tige Schwer­punkte. Minu­ten­lan­ger Applaus für Muse­ums­di­rek­tor Klaus Albrecht Schrö­der bei Preview.  Der Mensch, Künst­ler und Straf­tä­ter Otto Muehl (1925 bis 2013) ist aktu­ell beson­ders umstrit­ten. Im Kon­text mit der aktu­el­len Muehl-Per­so­nale im Wie­ner Aktio­nis­mus Museum (WAM) wid­met sich die­ser […]
Nie­der­ös­ter­reich wie­der Schau­platz von Ver­an­stal­tung Wein­herbst. Offene Wein­kel­ler, Ver­kos­tun­gen, Pick­nicks oder Wein­lese. Ent­lang der 830 km lan­gen Wein­straße fin­den in über 100 nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Gemein­den zahl­rei­che Ver­an­stal­tun­gen statt. Bereits zum 31. Mal geht von Ende August bis Ende Novem­ber 2026 mit dem „Wein­herbst Nie­der­ös­ter­reich“ die größte wein­tou­ris­ti­sche Initia­tive Euro­pas in Szene. Wie schon im Vor­jahr wer­den Tau­sende Gäste […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram