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Der Schwin­del mit dem Jakobsweg

Roland Girt­ler : „Die katho­li­sche Kir­che benö­tigte eine starke katho­li­sche Macht im nicht­is­la­mi­schen Teil Spa­ni­ens, um den Feind zu ver­ja­gen. Dazu bedurfte es eines pro­mi­nen­ten Natio­nal­hei­li­gen, der den hei­li­gen Krieg, den Kreuz­zug, legi­ti­mierte. Einen sol­chen Hei­li­gen fand man schließ­lich im Apos­tel Jakob.“

Jähr­lich gehen über 100.000 Men­schen den Jakobs­weg nach Sant­iago de Com­pos­tela. Sie suchen reli­giöse, mys­ti­sche oder auch schlicht nur per­sön­li­che Erfah­run­gen. Der Wie­ner Sozio­loge und Eth­no­loge Roland Girt­ler jedoch ent­larvt den Pil­ger­weg als Pro­pa­ganda-Mythos eines Kreuz­zu­ges gegen Mau­ren, Juden und Ketzer. 

eco­nomy : Sie üben hef­tige Kri­tik am Kult um den Jakobs­weg. Warum ?
Roland Girt­ler : Ich sage, dass das reine Geschichts­fäl­schung ist. Der Apos­tel Jako­bus ist in Jeru­sa­lem ent­haup­tet wor­den, sein Kopf wurde über die Stadt­mauer geschleu­dert. Dubio­sen Legen­den zufolge soll sein Leich­nam nach Spa­nien gekom­men und in Gali­cien begra­ben wor­den sein. Dafür gibt es weder Beweise noch schlüs­sige Argumente.

Wie kam es dann zu die­ser kul­ti­gen Pilgerbewegung ?
Im Zuge der Völ­ker­wan­de­rung kamen etwa um 400 die West­go­ten auf die Ibe­ri­sche Halb­in­sel. Um 710 kam es zu Thron­strei­tig­kei­ten, wor­auf der ent­mach­tete Thron­fol­ger Attila nach Ceuta an der nord­afri­ka­ni­schen Küste floh und sich Mus­lime, die kurz zuvor den Maghreb erobert hat­ten, als Ver­bün­dete suchte. 711 setzte ein mus­li­mi­sches Heer nach Spa­nien über, schlug Rode­rich und seine Leute, und in der Folge erober­ten die Mus­lime die gesamte Halbinsel.

Was damals ja ganz Europa in helle Auf­re­gung ver­setzt hat.
Ja, denn die Mau­ren kamen bis zur Loire, wo sie aller­dings 732 von den Fran­ken ent­schei­dend geschla­gen wur­den. Auch den Nor­den Spa­ni­ens muss­ten sie bald räu­men, wo die christ­li­chen König­rei­che gegen sie mobil­mach­ten. Deren Ziel war es, die Mau­ren, aber auch die spa­ni­schen Juden, die Sephar­dim, aus dem Land zu ver­trei­ben. Damit begann die soge­nannte „Recon­quista“, die Rück­erobe­rung des Lan­des durch die Chris­ten. Aber auch schon die­ser Aus­druck ist irre­füh­rend, denn nie­mals zuvor hat­ten die Chris­ten Herr­schaft über die­ses Gebiet gehabt. Es war also keine Wie­der­erobe­rung, son­dern ein­fach die nächste Eroberungswelle.

Trotz­dem blie­ben die Mau­ren acht Jahr­hun­derte im Land.
Sie zogen sich aber bald in den Süden nach Anda­lu­sien zurück. Sie pfleg­ten eine Ord­nung der Tole­ranz, der Con­vi­ven­cia, des fried­li­chen Zusam­men­le­bens aller Reli­gio­nen. Syn­ago­gen und Kir­chen blie­ben bestehen, dane­ben ent­stan­den neue Moscheen. Alle Reli­gi­ons­grup­pen konn­ten ihre Gesetze und Rich­ter behal­ten. Die Juden hat­ten, im Gegen­satz zu ihren Glau­bens­brü­dern im übri­gen christ­li­chen Europa, vol­les Bür­ger­recht und konn­ten gemäß den mosai­schen Geset­zen leben.

Und wann kam dann der hei­lige Jakob ins Spiel ?
Die katho­li­sche Kir­che benö­tigte eine starke katho­li­sche Macht im nicht­is­la­mi­schen Teil Spa­ni­ens, um den Feind zu ver­ja­gen. Dazu bedurfte es eines pro­mi­nen­ten Natio­nal­hei­li­gen, der den hei­li­gen Krieg, den Kreuz­zug, legi­ti­mierte. Einen sol­chen Hei­li­gen fand man schließ­lich im Apos­tel Jakob, von des­sen Ver­eh­rung in Spa­nien man nach­weis­lich bis in das 8. Jahr­hun­dert nichts weiß. Die Figur des hei­li­gen Jakob in Sant­iago de Com­pos­tela ist also mit purem poli­tisch-katho­li­schem Macht­stre­ben verbunden.

Aber Jakob soll ja sogar Karl dem Gro­ßen im Traum erschie­nen sein ?
Aus­ge­rech­net Karl dem Gro­ßen, dem Ver­brei­ter des Chris­ten­tums mit krie­ge­ri­schen Mit­teln, soll Jakob im 8. Jahr­hun­dert im Traum eine Ster­nen­straße gezeigt haben, die von Nord­deutsch­land bis ins spa­ni­sche Gali­cien führte ; außer­dem habe Jakob ihn auf­ge­for­dert, diese Ster­nen­straße und ganz Spa­nien von den Sara­ze­nen zu befreien. Damit wurde der hei­lige Jakob zum Sym­bol des Kamp­fes gegen die Mau­ren. Da hat die Pro­pa­gan­da­ma­schine der katho­li­schen Kir­che per­fekte Arbeit geleis­tet. Heute wis­sen wir jedoch, dass alle ein­schlä­gi­gen Schrif­ten, die vor­ge­ge­ben haben, das zu doku­men­tie­ren, Fäl­schun­gen spä­te­rer Jahr­hun­derte sind. Tat­säch­lich benutz­ten dann Karls Trup­pen die alten römi­schen Heer­stra­ßen, die in der Folge die Route des Jakobs­we­ges bestimmten.

Der Apos­tel und Hei­lige wurde also gna­den­los in die Kriegs­pflicht genommen.

Der arme Jakob konnte sich ja nicht weh­ren. In vie­len Pro­pa­gan­da­schrif­ten wurde er als Anfüh­rer der „militia Christi“ dar­ge­stellt, als Rit­ter, der in Got­tes Kriegs­diens­ten steht. Spä­ter erhielt er sogar den Bei­na­men „Mata­mo­ros“, der Mau­ren­tö­ter. Jeden­falls regte diese Reklame die Pil­ger an, sich auf den Weg nach Sant­iago de Com­pos­tela zu machen und sich unter den Schutz die­ses ver­we­ge­nen Apos­tels zu stel­len. Auf dem Höhe­punkt des Jakobs­kul­tes, im 12. Jahr­hun­dert, sol­len jähr­lich 400.000 Pil­ger aus ganz Europa zum ver­meint­li­chen Grab des Apos­tels gewan­dert sein.

Und der Kreuz­zug hat sein Ziel letzt­end­lich erreicht.
Ja, zwi­schen 1200 und 1492 ging’s da ziem­lich rund. Im Namen des schuld­lo­sen Jakobs wur­den neben den Mau­ren auch gleich die Juden und die Ket­zer als Feinde aus­ge­macht und ver­trie­ben oder ermor­det. 1232 wurde dafür eigens die unse­lige Inqui­si­tion geschaf­fen. Es wurde gegen die Juden gehetzt, es gab Pogrome. 1451 wur­den die abso­lut ras­sis­ti­schen „Sta­tu­ten der Blut­rein­heit“ erlas­sen, um auch die zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­ten Juden dis­kri­mi­nie­ren zu kön­nen. Unglaub­lich eigent­lich, aber diese Sta­tu­ten wur­den in Spa­nien erst 1865 offi­zi­ell abge­schafft. Gleich­zei­tig mas­sa­krierte die Inqui­si­tion die Ket­zer, die vom „wah­ren“ christ­li­chen Glau­ben Abge­fal­le­nen. Die, die Glück hat­ten und nicht auf dem Schei­ter­hau­fen lan­de­ten, muss­ten zur Strafe zum angeb­li­chen Grab Jakobs wall­fahr­ten, um ihre Sün­den zu büßen.

Wel­ches Fazit zie­hen Sie aus die­ser Tragödie ?
Die Mau­ren und Sephar­den leb­ten in Spa­nien eine groß­zü­gige Tole­ranz und eine hohe Kul­tur. Ihre Ver­trei­bung bedeu­tete einen schmerz­vol­len Ader­lass für Wis­sen­schaft und Kunst. Das ist durch­aus ver­gleich­bar mit der Aus­höh­lung des öster­rei­chi­schen Geis­tes­le­bens in den 1930er Jah­ren, als die Juden gezwun­gen waren, vor ihren Ver­fol­gern aus dem Land zu flie­hen. Mit der Geschichte des hei­li­gen Jakobs und des Jakobs­we­ges ver­bin­den sich von Anfang an Gewalt und Into­le­ranz, ebenso wie die Ver­trei­bung und Ver­nich­tung von Mus­li­men, Juden und Ket­zern. Viel­leicht gehen zukünf­tige Pil­ger den Jakobs­weg auch mit die­sen Gedanken.

Autor:
18.12.2009

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