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Der Traum vom Real Time-Pink Cadillac

Sind Echt­zeit-Unter­neh­men mit Just in Time-Pro­duk­tion und ver­zö­ge­rungs­freier Logis­tik wirk­lich die Zukunft ?

Neh­men wir an, Sie gehen zum Auto­händ­ler und wol­len sich (end­lich!) Ihren Traum erfül­len und einen Cadil­lac kau­fen. Aller­dings : Rosa­rot muss er sein, mit lila­far­be­nen Leder­sit­zen. Und : Sie wol­len ihn bin­nen drei Wochen. (Also recht­zei­tig, bevor die Ver­nunft Sie wie­der in Gei­sel­haft genom­men hat.) Was, mei­nen Sie, wird gesche­hen ? Rich­tig : Der ansons­ten gut sor­tierte Händ­ler hat par­tout kein Exem­plar die­ser spe­zi­el­len Mach­art lagernd. Und er wird Ihnen ver­si­chern, er könne Ihnen den Cadil­lac wohl lie­fern – jedoch frü­hes­tens in drei Mona­ten. Auf Ihre ener­gi­sche Frage nach dem „Warum“ wird er Ihnen ant­wor­ten : „Wir müs­sen ihn doch schließ­lich erst herstellen!“
Sie boh­ren wei­ter : „Gerade heute wer­den doch ganz sicher einige Cadil­lacs pro­du­ziert. Warum denn nicht gleich ein rosa­far­be­ner?“ Er ant­wor­tet : „Wir haben nicht gewusst, dass Sie einen sol­chen haben wol­len.“ Dar­auf­hin spie­len Sie Ihr Kil­ler­ar­gu­ment aus : „Hier­mit habe ich es Ihnen gesagt, nun wis­sen Sie es!“ Der unter Druck gesetzte Händ­ler dar­auf­hin : „Wir haben in der Fabrik ver­mut­lich keine rosa Farbe lagernd. Und bis die defi nitive Bestel­lung bei der Pro­duk­ti­ons­zen­trale ist und danach Ihr Wunsch unse­rem Part­ner, der Farbfi rma, über­mit­telt wurde und diese den Son­der­lack an uns geschickt hat, ver­ge­hen locker zwei bis drei Wochen!“ Mit die­ser Ant­wort zufrie­den, wech­seln sie nun zu den Leder­sit­zen. Der Ver­käu­fer beginnt all­mäh­lich seine Con­ten­ance zu ver­lie­ren. Das beschrie­bene Sze­na­rio stammt von Apple-Mit­be­grün­der Steve Jobs, der diese Vision bereits vor einem Jahr­zehnt der Indus­trie mit den Wor­ten emp­fahl : „Wenn Sie den kon­kre­ten Ablauf zurück­ver­fol­gen, wer­den Sie zwangs­läufi g ent­de­cken, dass das Pro­blem nicht nur darin besteht, wie lange es braucht, das Auto rein mate­ri­ell her­zu­stel­len. Son­dern vor allem auch, wie lange die jewei­li­gen Infor­ma­tio­nen benö­ti­gen, durch das Sys­tem zu fl ießen. Elek­tro­nen hin­ge­gen bewe­gen sich in Echtzeit.“
Die Argu­men­ta­tion von Steve Jobs ist aus zwei Grün­den bemer­kens­wert : Zum einen sah er sehr klar die Option vor­aus, durch com­pu­ter­ver­mit­telte Kom­mu­ni­ka­tion ganz wesent­lich beschleu­nigte Pro­duk­ti­ons­ab­läufe (Just in Time-Pro­duk­tion) zu erzie­len. Zum ande­ren begann sich seit­her auch der Cha­rak­ter der Pro­duk­tion in vie­len Bran­chen prompt zu ver­wan­deln. Und zwar von einer gleich­för­mi­gen indus­tri­el­len Mas­sen­fer­ti­gung hin zu indi­vi­dua­li­sier­ten, das heißt für die Bedürf­nisse des Kun­den maß­ge­schnei­der­ten Lösun­gen und Pro­duk­ten (Cus­to­me­riza­tion).

Zu schnell für diese Welt
Kon­kret : Der Cadil­lac-Händ­ler 2006 ist mit der Zen­trale ver­netzt, diese wie­derum mit ihren Zulie­fe­rern. Und alle Betei­lig­ten ver­fü­gen über ein homo­ge­nes Soft­ware-Sys­tem, wel­ches alle Daten auto­ma­tisch an die rich­ti­gen Adres­sa­ten wei­ter­gibt. Ihr Son­der­wunsch ist also bin­nen weni­ger Sekun­den bei allen an der Her­stel­lung betei­lig­ten Part­nern in Evi­denz. Im Ide­al­fall wer­den alle nöti­gen Son­der­teile an den Ort der end­gül­ti­gen Assem­blie­rung Ihres „Pink Cadil­lacs“ unver­züg­lich in Bewe­gung gesetzt. Dort ange­langt, kön­nen sie zeit­lich opti­mal in den aktu­el­len Pro­duk­ti­ons­ab­lauf inte­griert wer­den. Und durch die ten­den­zi­elle Ver­kür­zung der Trans­port­zeit, der nöti­gen Pro­duk­tiv-Infor­ma­tio­nen und Kenn­da­ten gegen null setzt sich Ihre War­te­zeit nur mehr aus der unab­ding­ba­ren Her­stel­lungs­zeit und den ech­ten, den phy­si­schen Trans­port­zeit­räu­men der Ein­zel­teile und des End­pro­dukts zusammen.
Aus der Traum : Letz­te­res bedeu­tet näm­lich, dass jed­wede „Echt­zeit-Pro­duk­tion“ zumin­dest bei hand­fes­ten Gütern eine Uto­pie blei­ben wird, wie der US-Zeit-Experte Jeremy Rif­kin in einem Inter­view spöt­tisch anmerkte : „Die neuen Tech­no­lo­gien wie das Inter­net erlau­ben es den Men­schen zwar, ihr Leben in Licht­ge­schwin­dig­keit zu orga­ni­sie­ren. Der tra­di­tio­nelle Kapi­ta­lis­mus des Markt­plat­zes wurde jedoch nicht für eine so schnelle Gesell­schaft kon­zi­piert. Und so bleibt das Kau­fen und Ver­kau­fen von non­di­gi­ta­len Waren wohl auch in Zukunft eine träge Sache.“

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus dem Jahr 2006 

Autor:
26.05.2015

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