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© pexels/alexander dummer

„Der Umgang mit Kin­dern zeigt die Reife einer Gesellschaft“

Kin­der­me­di­zin folgt ande­ren Mecha­nis­men als die The­ra­pie von Erwach­se­nen. Der Wis­sen­schaft­stalk „Spon­tan gefragt“ von Kurier und Wie­ner Wis­sen­schafts­fonds hat mit Spe­zia­lis­ten neue Ent­wick­lun­gen erörtert.

Kin­der sind keine klei­nen Erwach­se­nen und das gilt auch in medi­zi­ni­scher Hin­sicht. Sie sind hier nicht mit erwach­se­nen Per­so­nen zu ver­glei­chen, ihr Stoff­wech­sel, die Funk­tion ihrer Organe oder auch ihr Immun­sys­tem unter­schei­den sich grund­le­gend. Und das erfor­dert auch eine andere Her­an­ge­hens­weise bei Dia­gnose und The­ra­pie. Die Kin­der­me­di­zin spielt auch in der For­schung eine spe­zi­elle Rolle und damit beschäf­tigte sich der aktu­elle Wis­sen­schaft­stalk, ein For­mat von Kurier und Wie­ner Wissenschafts‑, For­schungs- und Tech­no­lo­gie­fonds (WWTF).

Aktu­el­les Thema waren neue wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse in der Päd­ia­trie, die von Lilian Kle­bov, Mut­ter zweier Kin­der und Schau­spie­le­rin, und Kaan Boz­tug, renom­mier­ter Kin­der­arzt und wis­sen­schaft­li­cher Direk­tor am St. Anna Kin­der­spi­tal, gemein­sam mit Mode­ra­tor und Human­ge­ne­ti­ker Mar­kus Hengst­schlä­ger erör­tert wur­den. Ein Thema war etwa, wel­che Para­me­ter braucht es, um den Job als Kin­der­arzt gut umset­zen zu können.

Lau­fende Ein­bin­dung der Eltern mit­ent­schei­dend für Genesung
„Wie in den meis­ten ande­ren Beru­fen muss man mögen, was man macht“, betont Kaan Boz­tug. „Ich liebe Kin­der, des­halb war für mich meine Fach­rich­tung schnell klar“, so der Kin­der­arzt. Auch aus der Sicht von Eltern ist das bei der Wahl des Kin­der­arz­tes ein rele­van­tes Thema. „Man muss das Gefühl haben, er ist an den Kin­dern inter­es­siert und nimmt sie wich­tig. Gleich­zei­tig muss auch ein guter Aus­tausch mit den Eltern statt­fin­den“, sagt Lilian Klebov.
Die Schau­spie­le­rin erläu­tert bei­spiel­haft Krank­heit und Behand­lung ihrer Nichte. „Das Ent­schei­dende für die Gene­sung war auch, dass ihre Eltern in jeden Schritt der The­ra­pie ein­be­zo­gen wur­den und bei ihr sein konn­ten“, unter­streicht Kle­bov. Auch aus Sicht des Arz­tes und For­schers ist die Rolle der Eltern und Fami­lie sehr rele­vant. „Für uns Kin­der­ärzte ist es aber auch eine Her­aus­for­de­rung. Jede Fami­lie ist anders und das reicht vom sozia­len Hin­ter­grund bis hin zu, was sie zu leis­ten ver­mag“, ergänzt Kaan Boztug.

Die Frage der Medi­ka­men­ten­tes­tung an Kindern
In der Folge wech­selt Mar­kus Hengst­schlä­ger zum Thema Medi­ka­mente und der Frage, ob Medi­ka­mente für Kin­der an Kin­dern getes­tet wer­den. „Es ist ein mora­li­sches Dilemma, denn wir als Gesell­schaft wol­len keine Medi­ka­mente an Kin­dern tes­ten“, sagt Kaan Boz­tug. „Somit kön­nen wir aber nicht prä­zise sagen, ob diese bei Kin­dern genauso wir­ken und wel­che Dosie­rung wahr­schein­lich adäquat ist.“ 

Es liege aber auch daran, dass es – glück­li­cher­weise – in Summe weni­ger päd­ia­tri­sche Pati­en­tIn­nen gebe und daher das Inter­esse der Indus­trie an Kin­der­me­di­zin und ihrer For­schung gerin­ger sei. For­schungs­tech­nisch beschäf­tigt sich Boz­tug mit dem Thema Kin­der­krebs, ein aus sei­ner Sicht wis­sen­schaft­lich span­nen­des Gebiet. „Die Mecha­nis­men, wie Krebs bei Kin­dern ent­steht, sind grund­le­gend anders als bei Erwach­se­nen. Es gibt auch Sor­ten, die man bei Erwach­se­nen teil­weise gar nicht sieht“, erzählt Boz­tug. Sein zwei­tes For­schungs­ge­biet sind die soge­nann­ten sel­te­nen Erkrankungen. 

Prä­zi­si­ons­me­di­zin und per­so­na­li­sierte Medi­zin in der Pädiatrie
Eine sel­tene Erkran­kung betrifft per Defi­ni­tion höchs­tens einen von 2000 Mit­bür­gern. In Summe exis­tie­ren gleich­zei­tig ca. 10.000 ver­schie­dene sel­tene Erkran­kun­gen. Boz­tug schil­dert das Zitat eines sei­ner Pro­fes­so­ren : „Vor die The­ra­pie hat der liebe Gott die Dia­gnose gestellt“. Boz­tug wei­ter : Wenn man die gene­ti­sche Ursa­che eine Erkran­kung nicht kennt, fällt es schwer, eine gute Behand­lung zu eta­blie­ren. Und mit dem Wis­sen, dass an den Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken jedes zweite sta­tio­näre Bett von einem Kind mit sel­te­ner Erkran­kung belegt wird, ist da enorm viel zu tun“, so der Kinderarzt. 

In Folge spricht Mar­kus Hengst­schlä­ger die The­men Prä­zi­si­ons­me­di­zin und per­so­na­li­sierte Medi­zin in der Päd­ia­trie an. Kaan Boz­tug, auch wis­sen­schaft­li­cher Direk­tor der St. Anna Kin­der­krebs­for­schung, illus­triert die Ant­wort im Kon­text der Kin­der­krebs­for­schung. „Über die letz­ten 40 Jahre ist die Über­le­bens­rate auf 80 Pro­zent gestie­gen, das ist ein enor­mer medi­zi­ni­scher Erfolg. Jetzt kommt viel­leicht ein Pla­teau, denn bei 20 Pro­zent spricht die The­ra­pie nicht an, weil der Tumor offen­sicht­lich anders ist. Wo der Unter­schied liegt und wie man den­noch the­ra­pie­ren kann, ist ein Bei­spiel für Prä­zi­si­ons­me­di­zin“, skiz­ziert Boztug.

„Das war eine Lehre in puncto Demut“
Im wei­te­ren Ver­lauf erzählt Lilian Kle­bow von Rei­sen nach Uganda in iher Funk­tion als Ehren­bot­schaf­te­rin des Jane Goo­dall-Insti­tuts Aus­tria. „Ich habe dort Kin­der­krank­hei­ten gese­hen, die es hier gar nicht mehr gibt. Polio etwa“, so die Schau­spie­le­rin. „Das war eine Lehre in puncto Demut. Dank­bar zu sein, dass es bei uns Spe­zia­lis­ten gibt, denen wir ver­trauen können.“ 

Kaan Boz­tug ent­geg­net : „Es heißt : ‚Die Reife der Gesell­schaft zeigt sich, wie sie mit ihren Kin­dern umgeht.‘ Das kann man auch auf die For­schung ummün­zen : Hier zu inves­tie­ren, dient allen. Die aus­rei­chende För­de­rung der For­schung ist daher mein größ­ter Wunsch an die Zukunft“, so der Kin­der­me­di­zi­ner und Krebs­spe­zia­list vom St. Anna Kinderspital. 

Der Wis­sen­schaft­stalk „Spon­tan gefragt“ ist eine regel­mä­ßige Ver­an­stal­tungs­reihe von Kurier und Wie­ner Wissenschafts‑, For­schungs- und Tech­no­lo­gie­fonds (WWTF). Das vom renom­mier­ten Gene­ti­ker Mar­kus Hengst­schlä­ger mode­rierte For­mat zu aktu­el­len The­men rund um Medi­zin und For­schung wird als Video über die Web­site vom Kurier übertragen.

Autor: red/czaak
23.01.2024

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