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© Rebay-Salisbury_OeAW

Der Zahn­schmelz ver­rät das Geschlecht

Archäo­lo­gen der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten ent­wi­ckeln neue Methode zur Bestim­mung von Geschlecht bei bestat­te­ten Kin­dern. Unter­su­chun­gen auf früh­bron­ze­zeit­li­chem Grä­ber­feld zei­gen auch neue Erkennt­nisse beim Thema Iden­ti­tät im Familienverbund.

Ein Team von Wis­sen­schaft­le­rIn­nen vom Archio­lo­gi­schen Insti­tut der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten unter der Lei­tung von Katha­rina Rebay-Salis­bury hat soeben nach­ge­wie­sen, dass Kin­der schon in der frü­hen Bron­ze­zeit ent­spre­chend ihres bio­lo­gi­schen Geschlechts bestat­tet wur­den. Die strenge binäre Geschlech­ter­ideo­lo­gie, die Men­schen in männ­lich und weib­lich ein­teilte, galt also auch für Kin­der, wie die For­scher nun auch im Jour­nal of Archaeo­lo­gi­cal Sci­en­ces berichten.

Frauen hat­ten mehr Spielraum
Es gibt aber auch Aus­nah­men, wie der Fund eines bestat­te­ten Mäd­chens in einer män­ner­ty­pi­schen Kör­per­hal­tung und Aus­rich­tung zeigt. „Frauen hat­ten mög­li­cher­weise etwas mehr Spiel­raum, um Geschlech­ter­gren­zen zu über­schrei­ten und ihr Geschlecht im Ver­lauf ihres spä­te­ren Lebens zu ändern“, erläu­tert Rebay-Salis­bury. Dies kor­re­liere auch mit den Zah­len bei Erwach­se­nen, wo sich bei zwei bis vier Pro­zent der Bestat­te­ten zeigt, dass sie nicht ihres bio­lo­gi­schen Geschlechts gemäß bei­gesetzt wur­den. „Auch hier ist das über­wie­gend bei Frauen der Fall“, so die OeAW-Forscherin.

Die Unter­su­chung fand am Gra­bungs­feld Franz­hau­sen I im Bezirk St. Pöl­ten (Nie­der­ös­ter­reich) statt, eines der größ­ten früh­bron­ze­zeit­li­chen (2200−1600 v. Chr.) Grä­ber­fel­der in Europa. Kon­kret wurde das Geschlecht von 70 Kin­dern unter 12 Jah­ren iden­ti­fi­ziert und mit geschlechts­spe­zi­fi­schen Bestat­tungs­prak­ti­ken ver­gli­chen, wie sie bei Erwach­se­nen gel­ten. Frauen wur­den in Hocker­lage auf der rech­ten Kör­per­seite lie­gend bestat­tet, mit dem Kopf nach Süden, Män­ner auf der lin­ken Kör­per­seite mit dem Kopf nach Norden.

Zahn­schmelz ver­rät bio­lo­gi­sches Geschlecht
Bis­her war es schwie­rig, das Geschlecht bei bestat­te­ten Kin­dern fest­zu­stel­len, weil sich erst nach der Puber­tät die Ske­lett­mor­pho­lo­gie aus­bil­det. Vor­han­dene DNA-Ana­ly­sen sind kos­ten­in­ten­siv und vom Erhal­tungs­zu­stand der Kno­chen abhän­gig. Das Team von Rebay-Salis­bury (im Ver­bund mit Insti­tut für Ana­ly­ti­sche Che­mie Uni Wien und Gerichts­me­di­zin Med-Uni Wien) setzt nun auf die Iden­ti­fi­zie­rung geschlechts­spe­zi­fi­scher Pep­tide im Zahn­schmelz durch Nano-Flüs­sig­keits­ch­ro­ma­to­gra­phie-Tan­dem-Mas­sen­spek­tro­me­trie (nanoLC-MS/MS). Pep­tide im Zahn­schmelz erhal­ten sich wesent­lich bes­ser als DNA in Knochen.

„Diese neue Methode hat das Poten­zial, die Anthro­po­lo­gie und Archäo­lo­gie der Kind­heit zu ver­än­dern, da geschlechts­spe­zi­fi­sche Mor­bi­di­tät und Mor­ta­li­tät, Ernäh­rung und Behand­lung von Kin­dern nun in gro­ßem Umfang unter­sucht wer­den kön­nen“, unter­streicht Rebay-Salis­bury. Wei­tere For­schun­gen in der Geschlech­ter­ar­chäo­lo­gie sol­len nun mit Hilfe der neuen pep­tid­ba­sier­ten Methode der Geschlechts­be­stim­mung Erkennt­nisse brin­gen, wie Män­ner und Frauen in der Ver­gan­gen­heit zusam­men­leb­ten und mit­ein­an­der in Bezie­hung standen.

Autor: red/mich
08.02.2022

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