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Die Ambi­va­lenz in der Exzellenz

Bei einer viel­be­ach­te­ten Ver­an­stal­tung der Donau-Uni Krems erör­tern Spit­zen­for­scher das Thema wis­sen­schaft­li­che Exzel­lenz und die Aus­wir­kun­gen auf För­de­run­gen. Meh­rere Wis­sen­schaf­ter kri­ti­sie­ren eine oft­mals irra­tio­nale Ambi­va­lenz in der Beur­tei­lung von Exzellenz.

„Exzel­lenz in der Wis­sen­schaft ist ein viel­stra­pa­zier­ter Begriff, der die hohe Qua­li­tät, die eigen­stän­dige Leis­tung basie­rend auf hohem Stan­dard an Aus­bil­dung und Trai­ning, sowie Talent als Vor­aus­set­zung abbil­det. Zugleich wird Exzel­lenz von außen durch Ran­kings, Impact­fak­to­ren, For­schungs­fi­nan­zie­run­gen und gene­rel­ler Repu­ta­tion gemes­sen“, so Ste­fan Nehrer, Dekan der Fakul­tät für Gesund­heit und Medi­zin an der Donau Uni Krems, in sei­ner Eröff­nungs­rede anläss­lich der Ver­an­stal­tung „Sci­en­ti­fic Excel­lence – Focus on Medi­cal Sciences“.
„In Öster­reich wer­den in etwa 3,2 % des BIP in die For­schung inves­tiert“, erläu­tert Michael Brai­nin, Lei­ter des Depart­ments für Kli­ni­sche Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und Prä­ven­ti­ons­me­di­zin an der Donau-Uni­ver­si­tät Krems. Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich befinde sich Öster­reich damit im euro­päi­schen Spit­zen­feld. Nur Schwe­den und die Schweiz inves­tie­ren mehr in die For­schung, so der Spe­zia­list für Neurowissenschaften. 

Irra­tio­nale Ambi­va­lenz bei Beur­tei­lung von Exzellenz
Die Ent­schei­dung, ob ein For­schungs­pro­jekt för­de­rungs­wür­dig ist und somit allen Exzel­lenz-Kri­te­rien ent­spricht, ist schwie­rig. Hans Lass­mann, Neu­ro­im­mu­no­loge und Grün­dungs­di­rek­tor des Zen­trums für Hirn­for­schung an der Uni­ver­si­tät Wien, zeigte an Hand von zwei Bei­spie­len, dass nicht alle bahn­bre­chen­den For­schungs­pro­jekte iden­ti­fi­ziert und finan­ziert werden.
Die For­schungs­ar­beit von Stan­ley Pru­si­ner, der zeigte, dass Eiweiß­mo­le­küle (Prio­nen) infek­tiös sein kön­nen, wurde von Beginn an geför­dert, wäh­rend die For­schung von Luc Mon­tagnier über Retro­vi­ren 20 Jahre lang kaum Beach­tung fand. Erst als man auf Basis sei­ner Grund­la­gen­for­schung das HI-Virus ent­deckte, fand seine For­schung Beachtung. 

Neue Regu­la­rien zur Entscheidungsfindung
Wer ent­schei­det also, ob ein For­schungs­pro­jekt exzel­lent und somit för­de­rungs­wür­dig ist ? Hans Lass­mann zeigte, dass For­schungs­pro­jekte nach retro­spek­ti­ven und pro­spek­ti­ven Kri­te­rien beur­teilt wer­den. Schluss­end­lich ent­scheide eine – immer auch sub­jek­tiv beein­flusste – Ein­stu­fung durch inter­na­tio­nale Gut­ach­ter, ob ein Pro­jekt geför­dert wird.
Lass­mann plä­dierte in die­sem Zusam­men­hang für eine sorg­fäl­tige und zeit­auf­wen­di­gere Ana­lyse der Erfolge und Vor­ha­ben von For­schern. Die Aus­wahl der Exper­ten müsse kri­ti­scher erfol­gen und Eva­lua­tio­nen von Pro­jek­ten und Insti­tu­tio­nen soll­ten sel­te­ner, aber gründ­li­cher sein. Außer­dem sei es wich­tig, mehr For­schungs­pro­jekte zu för­dern, denn Raten von fünf Pro­zent, wie sie bei man­chen Aus­schrei­bun­gen üblich seien, ermög­li­chen keine objek­ti­ven Förderentscheidungen. 

Exzel­lenz bedingt Humanität
Jürg Kes­sel­ring, ehe­ma­li­ger Chef­arzt der Neu­ro­lo­gie des Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trums Valens in der Schweiz und Mit­glied des Inter­na­tio­na­len Komi­tees des Roten Kreu­zes, stellte die Huma­ni­tät in den Mit­tel­punkt sei­nes Vor­tra­ges. Huma­ni­tät sollte die Grund­lage jeder For­schung dar­stel­len, erst dann könne man über gute oder exzel­lente For­schung dis­ku­tie­ren, so der Neuroexperte.
In der For­schungs­ar­beit des Roten Kreu­zes etwa ste­hen nicht das Sam­meln von Daten, son­dern andere For­schungs­fra­gen im Mit­tel­punkt. Zum Bei­spiel, wie man mit Mit­men­schen umge­hen sollte oder wel­che Geschich­ten hin­ter einer ver­miss­ten Per­son ste­cken. Auch hier seien Qua­li­täts­stan­dards sehr wich­tig, wie bei der Aus­wahl der Exper­ten für die jewei­li­gen Ein­satz­ge­biete, so Kes­sel­ring. Wis­sen­schaft­ler soll­ten sich somit auch mit der Frage beschäf­ti­gen, wie man Huma­ni­tät umset­zen kann, denn Exzel­lenz bedinge auch Humanität.

Organ­her­stel­lung über Stammzellen
Zum Abschluss der Vor­trags­reihe refe­rierte Harald Ott, M.D., Labo­ra­tory für Organ Engi­nee­ring and Rege­ne­ra­tion der Har­vard Medi­cal School und Har­vard Stem Cell Insti­tute, über das Thema Exzel­lenz in der Anwen­dung im Bereich Tis­sue Engi­nee­ring und Organ­re­ge­ne­ra­tion. Seine For­schung ver­folgte ver­schie­dene Ansätze, um arti­fi­zi­elle Organe mit Hilfe von Stamm­zel­len her­zu­stel­len. Trotz Über­win­dung vie­ler Hin­der­nisse ist der For­schungs­an­satz jedoch noch nicht kli­nisch anwendbar.
Dies warf die Frage auf, ob Exzel­lenz für sich alleine ste­hen kann oder ob exzel­lente For­schung immer anwend­bar sein muss. „Grund­la­gen­for­schung ist die Vor­aus­set­zung jeder Anwen­dung und der Weg in die Anwen­dung ist zumeist ein sehr lan­ger. In der heu­ti­gen Zeit ist der Druck aber sehr hoch, rasch Resul­tate zu erzie­len“, so Ott in einem abschlie­ßen­den Statement. 

Autor: red/cc
21.02.2019

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