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Donnerstag, 11.12.2025 | 15:51

Die beste und die bil­ligste Gesundheit

Teure Medi­ka­mente gegen Gene­rika, Kom­ple­men­tär- gegen Schul­me­di­zin – immer weni­ger Glau­bens-krie­ger strei­ten über den Wert die­ser Heil­me­tho­den. Einst für bereits tot erklärte alter­na­tive Heil­prak­ti­ken boo­men wie nie zuvor, und diverse Ersatz­prä­pa­rate punk­ten längst bei Ärz­ten und Pati­en­ten. Oder doch nicht ?

Pla­kate mit dem schlich­ten Sujet und dem grif­fi­gen Slo­gan „Sie ver­die­nen die beste und nicht die bil­ligste Medi­zin“ sta­chen auf den Lit­faß­säu­len im letz­ten Som­mer her­aus. „Ein simp­ler Wer­be­gag. Gene­rika gehö­ren bei Ärz­ten und Pati­en­ten bereits zum All­tag“, wie­gelt die Phar­ma­zeu­tin Bir­git W. beim Lokal­au­gen­schein in der St. Johan­nes Apo­theke im Wie­ner Stadt­teil Rodaun ab. „Der Absatz in die­sem Seg­ment steigt bereits seit Jah­ren deut­lich und regel­mä­ßig an, und zahl­rei­che Ärzte ver­ord­nen schon längst das soge­nannte ‚bil­li­gere‘ Medikament.“
Auch hin­sicht­lich Kom­ple­men­tär­me­di­zin und alter­na­ti­ver Heil­me­tho­den sei der Trend ein­deu­tig. „Wir bemer­ken einen deut­li­chen Anstieg bei der Nach­frage nach Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven wie etwa der TCM (Tra­di­tio­nelle Chi­ne­si­sche Medi­zin, Anm. d. Red.), auf die wir selbst ver­stärkt set­zen. Bei ande­ren Apo­the­ken, die noch nicht auf die­ses durch­aus starke Zug­pferd auf­ge­sprun­gen sind, steigt die Nach­frage durch die Kun­den ebenso. Auch bei Heil­me­tho­den inte­gra­ti­ver Medi­zin wie etwa jener der Homöo­pa­thie steigt die Nach­frage leicht an.“
Diese Aus­sa­gen aus dem gefühl­ten hei­mi­schen Fach­all­tag zei­ti­gen sogleich eini­gen Wider­spruch, wenn man sie zur Dis­kus­sion stellt. So unter ande­rem vom Öster­rei­chi­schen Gene­ri­ka­ver­band (OEGV), wo die Bedeu­tung die­ser Prä­pa­rate auf dem hei­mi­schen Kas­sen­markt hin­ter­fragt wird und dabei Ver­glei­che mit ande­ren EU-Staa­ten gezo­gen werden.

Auf den Arzt kommt es an
„Gene­rika spie­len in Öster­reich lei­der noch immer eine ziem­lich unter­ge­ord­nete, ja stief­müt­ter­li­che Rolle“, stellt OEGV-Spre­che­rin Wal­traud Janisch-Lang fest. „Nur etwa 25 Pro­zent der Ver­ord­nun­gen bezie­hungs­weise 14,5 Pro­zent des Umsat­zes – diese Zah­len von 2007 wer­den auch 2008 bei der kom­men­den Sta­tis­tik wohl nur um ein hal­bes Pro­zent im Plus­be­reich vari­ie­ren – ent­fal­len auf Gene­rika, wäh­rend Däne­mark, Deutsch­land oder Hol­land uner­reich­bar blei­ben. Diese Werte sind auch vom Haupt­ver­band in Stein gemei­ßelt und wider­spre­chen klar der­ar­ti­gen Aus­sa­gen. Wenn eine Apo­theke beim Ver­kauf über ihre Tara sub­jek­tiv ein Anstei­gen oder einen hohen Pro­zent­an­teil an Gene­rika aus­weist, dann kann das bei der nächs­ten Nie­der­las­sung bereits völ­lig anders sein. Es kommt immer dar­auf an, was die Ärzte eines Spren­gels verschreiben.“
Dies deckt sich mit einem Lokal­au­gen­schein in einer wei­te­ren Wie­ner Apo­theke, wo die Magis­tra lächelnd fest­stellt, dass Pati­en­ten sogar bereit wären zuzu­zah­len, wenn ihr Arzt nicht sowieso ein Mar­ken­me­di­ka­ment ver­schrei­ben würde.
Der obso­let gewähnte Dis­kurs über das Match Gene­rika gegen „inno­va­tive Medi­ka­mente“ ist heute also noch längst nicht tot, son­dern scheint fast unge­bro­chen, wenn man sich beim Forum der for­schen­den Phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie (FOPI) umhört. Dort wird zwar ein­ge­räumt, dass Gene­rika beim Spa­ren hel­fen, man sieht jedoch in einem star­ken Anstieg des Umstei­gens eine große Gefahr.
„Öster­reich liegt bei den Pro-Kopf-Aus­ga­ben für Arz­nei­mit­tel euro­pa­weit mit 137 Euro unter dem Durch­schnitt. Medi­ka­men­töse The­ra­pien machen nur 13,2 Pro­zent der Gesamt­ge­sund­heits­aus­ga­ben aus, und Ein­spa­run­gen im Bereich der Medi­ka­mente zie­len nur auf einen gerin­gen Teil der Gesamt­kos­ten ab“, so Prä­si­dent Chris­toph Sau­er­mann. „Gene­rika mögen zwar eine Maß­nahme im Rah­men einer effi­zi­en­ten Kos­ten­sen­kung sein, doch sie kön­nen Ori­gi­nal­me­di­ka­mente nie voll­stän­dig erset­zen. Wür­den nur noch Gene­rika ver­schrie­ben, könnte es sich kein phar­ma­zeu­ti­sches Unter­neh­men mehr leis­ten, in die For­schung und Ent­wick­lung neuer Medi­ka­mente zu inves­tie­ren. Es käme zu einem Still­stand in For­schung und Ent­wick­lung. Eines wird in Dis­kus­sio­nen zu wenig erwähnt : Nicht nur Gene­rika, auch neue, inno­va­tive Medi­ka­mente hel­fen Kos­ten zu spa­ren. Wirkt ein neues Medi­ka­ment effi­zi­en­ter als ein älte­res Pro­dukt, so führt dies zu einer schnel­le­ren Gesun­dung bezie­hungs­weise Sta­bi­li­sie­rung des Pati­en­ten. Ope­ra­tio­nen, Kran­ken­haus­auf­ent­halte und Kran­ken­stände kön­nen ver­kürzt werden.“

Kom­ple­men­tär­me­di­zin-Boom
Wenn man nun ob die­ser Argu­mente nicht sicher ist, ob man über­haupt diese oder jene Pille schlu­cken soll, dann eröff­nen sich längst alter­na­tive Wege zur Gesund­heit. Trotz der vie­len Nacken­schläge wie etwa jenen gegen die Homöo­pa­thie, die in Fach­pu­bli­ka­tio­nen wie Lan­cet noch vor Jah­ren als „Pla­ce­bo­the­ra­pie“ dis­qua­li­fi­ziert wurde, hat sich die Kom­ple­men­tär­me­di­zin auch in Öster­reich end­lich eta­bliert, und das Anse­hen steigt wei­ter. Im Gegen­satz zu Deutsch­land, wo man einen Man­gel an Uni­ver­si­tä­ten und Etat­pro­bleme für alter­na­tive Medi­zin­lehr­gänge beklagt, ist man hier­zu­lande laut hei­mi­scher Ärz­te­kam­mer weit bes­ser aufgestellt.
„Wir bewe­gen uns zuneh­mend Hand in Hand in Rich­tung Ganz­heits­me­di­zin und gemein­sam statt gegen­ein­an­der“, erläu­tert der All­ge­mein­me­di­zi­ner und Rek­tor der TCM-Pri­vat­uni­ver­si­tät Andreas Bayer. „Kom­ple­men­tär bedeu­tet nichts ande­res als ‚ergän­zend‘, und es gibt in jeder Phase einer Erkran­kung eine pas­sende Behand­lung. Die Schul­me­di­zin ist dabei erset­zend, sub­stanz- und ereig­nis­ori­en­tiert. Es muss dem Pati­en­ten erst sehr schlecht gehen, ehe man ein­grei­fen kann. Tech­ni­ken wie TCM, Homöo­pa­thie oder Ayur­veda hin­ge­gen sind funk­tio­nell, sti­mu­lie­rend und ergän­zend. Hier wird prä­ven­tiv dafür gesorgt, dass Lei­den gar nicht erst auftreten.Langsam begrei­fen nun auch Tech­no­kra­ten, dass beide Ansätze rich­tig und erstre­bens­wert sind. Es gibt keine rich­tige oder fal­sche, son­dern nur eine ein­zige Medi­zin – näm­lich jene, die Pati­en­ten per­sön­lich hilft.“

Autor:
15.01.2009

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