
Die beste und die billigste Gesundheit
Teure Medikamente gegen Generika, Komplementär- gegen Schulmedizin – immer weniger Glaubens-krieger streiten über den Wert dieser Heilmethoden. Einst für bereits tot erklärte alternative Heilpraktiken boomen wie nie zuvor, und diverse Ersatzpräparate punkten längst bei Ärzten und Patienten. Oder doch nicht ?
Plakate mit dem schlichten Sujet und dem griffigen Slogan „Sie verdienen die beste und nicht die billigste Medizin“ stachen auf den Litfaßsäulen im letzten Sommer heraus. „Ein simpler Werbegag. Generika gehören bei Ärzten und Patienten bereits zum Alltag“, wiegelt die Pharmazeutin Birgit W. beim Lokalaugenschein in der St. Johannes Apotheke im Wiener Stadtteil Rodaun ab. „Der Absatz in diesem Segment steigt bereits seit Jahren deutlich und regelmäßig an, und zahlreiche Ärzte verordnen schon längst das sogenannte ‚billigere‘ Medikament.“
Auch hinsichtlich Komplementärmedizin und alternativer Heilmethoden sei der Trend eindeutig. „Wir bemerken einen deutlichen Anstieg bei der Nachfrage nach Behandlungsalternativen wie etwa der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin, Anm. d. Red.), auf die wir selbst verstärkt setzen. Bei anderen Apotheken, die noch nicht auf dieses durchaus starke Zugpferd aufgesprungen sind, steigt die Nachfrage durch die Kunden ebenso. Auch bei Heilmethoden integrativer Medizin wie etwa jener der Homöopathie steigt die Nachfrage leicht an.“
Diese Aussagen aus dem gefühlten heimischen Fachalltag zeitigen sogleich einigen Widerspruch, wenn man sie zur Diskussion stellt. So unter anderem vom Österreichischen Generikaverband (OEGV), wo die Bedeutung dieser Präparate auf dem heimischen Kassenmarkt hinterfragt wird und dabei Vergleiche mit anderen EU-Staaten gezogen werden.
Auf den Arzt kommt es an
„Generika spielen in Österreich leider noch immer eine ziemlich untergeordnete, ja stiefmütterliche Rolle“, stellt OEGV-Sprecherin Waltraud Janisch-Lang fest. „Nur etwa 25 Prozent der Verordnungen beziehungsweise 14,5 Prozent des Umsatzes – diese Zahlen von 2007 werden auch 2008 bei der kommenden Statistik wohl nur um ein halbes Prozent im Plusbereich variieren – entfallen auf Generika, während Dänemark, Deutschland oder Holland unerreichbar bleiben. Diese Werte sind auch vom Hauptverband in Stein gemeißelt und widersprechen klar derartigen Aussagen. Wenn eine Apotheke beim Verkauf über ihre Tara subjektiv ein Ansteigen oder einen hohen Prozentanteil an Generika ausweist, dann kann das bei der nächsten Niederlassung bereits völlig anders sein. Es kommt immer darauf an, was die Ärzte eines Sprengels verschreiben.“
Dies deckt sich mit einem Lokalaugenschein in einer weiteren Wiener Apotheke, wo die Magistra lächelnd feststellt, dass Patienten sogar bereit wären zuzuzahlen, wenn ihr Arzt nicht sowieso ein Markenmedikament verschreiben würde.
Der obsolet gewähnte Diskurs über das Match Generika gegen „innovative Medikamente“ ist heute also noch längst nicht tot, sondern scheint fast ungebrochen, wenn man sich beim Forum der forschenden Pharmazeutischen Industrie (FOPI) umhört. Dort wird zwar eingeräumt, dass Generika beim Sparen helfen, man sieht jedoch in einem starken Anstieg des Umsteigens eine große Gefahr.
„Österreich liegt bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel europaweit mit 137 Euro unter dem Durchschnitt. Medikamentöse Therapien machen nur 13,2 Prozent der Gesamtgesundheitsausgaben aus, und Einsparungen im Bereich der Medikamente zielen nur auf einen geringen Teil der Gesamtkosten ab“, so Präsident Christoph Sauermann. „Generika mögen zwar eine Maßnahme im Rahmen einer effizienten Kostensenkung sein, doch sie können Originalmedikamente nie vollständig ersetzen. Würden nur noch Generika verschrieben, könnte es sich kein pharmazeutisches Unternehmen mehr leisten, in die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente zu investieren. Es käme zu einem Stillstand in Forschung und Entwicklung. Eines wird in Diskussionen zu wenig erwähnt : Nicht nur Generika, auch neue, innovative Medikamente helfen Kosten zu sparen. Wirkt ein neues Medikament effizienter als ein älteres Produkt, so führt dies zu einer schnelleren Gesundung beziehungsweise Stabilisierung des Patienten. Operationen, Krankenhausaufenthalte und Krankenstände können verkürzt werden.“
Komplementärmedizin-Boom
Wenn man nun ob dieser Argumente nicht sicher ist, ob man überhaupt diese oder jene Pille schlucken soll, dann eröffnen sich längst alternative Wege zur Gesundheit. Trotz der vielen Nackenschläge wie etwa jenen gegen die Homöopathie, die in Fachpublikationen wie Lancet noch vor Jahren als „Placebotherapie“ disqualifiziert wurde, hat sich die Komplementärmedizin auch in Österreich endlich etabliert, und das Ansehen steigt weiter. Im Gegensatz zu Deutschland, wo man einen Mangel an Universitäten und Etatprobleme für alternative Medizinlehrgänge beklagt, ist man hierzulande laut heimischer Ärztekammer weit besser aufgestellt.
„Wir bewegen uns zunehmend Hand in Hand in Richtung Ganzheitsmedizin und gemeinsam statt gegeneinander“, erläutert der Allgemeinmediziner und Rektor der TCM-Privatuniversität Andreas Bayer. „Komplementär bedeutet nichts anderes als ‚ergänzend‘, und es gibt in jeder Phase einer Erkrankung eine passende Behandlung. Die Schulmedizin ist dabei ersetzend, substanz- und ereignisorientiert. Es muss dem Patienten erst sehr schlecht gehen, ehe man eingreifen kann. Techniken wie TCM, Homöopathie oder Ayurveda hingegen sind funktionell, stimulierend und ergänzend. Hier wird präventiv dafür gesorgt, dass Leiden gar nicht erst auftreten.Langsam begreifen nun auch Technokraten, dass beide Ansätze richtig und erstrebenswert sind. Es gibt keine richtige oder falsche, sondern nur eine einzige Medizin – nämlich jene, die Patienten persönlich hilft.“