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© pexels/gianluca grisenti

Die Glet­scher wer­den instabil

Ein gemein­sa­mes Pro­jekt von Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten mit den Unis Inns­bruck, Hei­del­berg und Zürich zeigt die zuneh­mende Insta­bi­li­tät von Glet­scher­for­ma­tio­nen am Bei­spiel des Tiro­ler Öztals.

For­sche­rIn­nen der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (OeAW) und der Uni­ver­si­tä­ten Inns­bruck, Hei­del­berg und Zürich zei­gen mit­tels Kom­bi­na­tion von his­to­ri­schen Daten mit Luft­auf­nah­men, Laser­scans und neuen Mes­sun­gen, dass der Block­glet­scher im Äuße­ren Hoch­eben­kar im öster­rei­chi­schen Ötz­tal im unte­ren Bereich durch wär­mere Ver­hält­nisse insta­bil wird. 

Die genaue Beob­ach­tung die­ser Block­glet­scher erlaubt ein bes­se­res Ver­ständ­nis der kom­ple­xen Fließ­dy­na­mik und gibt Hin­weise, wie sich kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen auf die Bewe­gung der Block­glet­scher aus­wir­ken. Die Metho­den könn­ten künf­tig hel­fen, Gefah­ren, die durch auf­tau­en­den Per­ma­frost ent­ste­hen, bes­ser abzu­schät­zen. Für Laien sieht der Block­glet­scher im Hoch­eben­kar wie eine gewöhn­li­che Schutt­halde aus, in Wahr­heit ist er aber weit­aus inter­es­san­ter und informativer. 

Geschichte des Block­glet­schers von 1950 bis heute
“Block­glet­scher sind Per­ma­frost­phä­no­mene, Gemi­sche aus Stein­blö­cken, Schutt und Eis, die ste­tig Rich­tung Tal krie­chen. Wenn ein Block­glet­scher nicht mehr gleich­mä­ßig fließt, son­dern in man­chen Berei­chen viel schnel­ler wird und sich Risse bil­den, spricht man von einer Desta­bi­li­sie­rung“, erklärt Lea Hartl vom Insti­tut für Inter­dis­zi­pli­näre Gebirgs­for­schung der ÖAW. „Das Mate­rial ver­hält sich dann ähn­lich wie bei einer Hang­rut­schung“, so Hartl. Eine sol­che Desta­bi­li­sie­rung zeigt sich aktu­ell im Hoch­eben­kar im unte­ren Bereich des Blockgletschers. 

“In den letz­ten Jah­ren hat sich die Fließ­ge­schwin­dig­keit stark erhöht und das ver­mehrte Auf­tre­ten von Spal­ten und Ris­sen an der Ober­flä­che zeigt, dass sich auch das Fließ­ver­hal­ten ändert. Der Kli­ma­wan­del spielt hier sicher eine Rolle, aber wir haben durch die Ana­lyse his­to­ri­scher Daten gese­hen, dass es zwi­schen Anfang der 1950er-Jahre und Mitte der 1970er schon ein­mal eine Desta­bi­li­sie­rung gege­ben haben muss”, sagt Hartl.

Gefahr durch Stein­schlag für Infrastruktur
Durch die Ana­lyse von his­to­ri­schen Auf­zeich­nun­gen zur Bewe­gung des Block­glet­schers und ein­zel­ner grö­ße­rer Stein­blö­cke in Kom­bi­na­tion mit Luft­auf­nah­men und von Droh­nen durch­ge­führ­ten Laser­scans, konn­ten die For­scher die Geschichte des Block­glet­schers von 1950 bis heute fast lücken­los ana­ly­sie­ren und detail­lierte Modelle erstellen.

“Wir sehen, dass sol­che Desta­bi­li­sie­run­gen für Block­glet­scher zykli­sche Ereig­nisse sein kön­nen und wis­sen damit auch, dass sich insta­bile Berei­che wie­der sta­bi­li­sie­ren kön­nen, ohne dass der gesamte Block­glet­scher in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wird. Aber wenn es zu warm wird und der Per­ma­frost im Block­glet­scher taut, blei­ben am Ende nur Geröll­hau­fen”, sagt Hartl.

Fort­set­zung der For­schun­gen für bes­se­res Verständnis
Im Hoch­eben­kar ist eine Erho­lung der­zeit nicht in Sicht. Der untere Bereich des Block­glet­schers bewegt sich mit bis zu 30 Metern pro Jahr auf eine nahe gele­gene Straße zu, die zur Ver­sor­gung einer Schutz­hütte dient. Durch die schnelle Bewe­gung des Block­glet­schers kommt es häu­fi­ger zu Stein­schlag, der die Straße gefähr­det. Durch moderne Werk­zeuge wie GPS, Droh­nen und hoch­auf­lö­sende Luft­auf­nah­men lässt sich die äußere Ent­wick­lung von Ris­sen und Spal­ten im Geschiebe exakt erfas­sen, im Inne­ren ist das Ver­hal­ten aber noch wenig erforscht.

“Wir ver­mu­ten, dass flüs­si­ges Was­ser für die Desta­bi­li­sie­rung eine wich­tige Rolle spielt. Das Was­ser dient als Gleit­mit­tel und der Block­glet­scher rutscht bergab. Je wei­ter der Block­glet­scher nach unten fließt, desto wär­mer wird die Umge­bung und der Pro­zess beschleu­nigt sich. Diese Fließ­dy­na­mik ist aber noch kaum erforscht“, erläu­tert Hartl. „Wenn wir die bestehen­den Beob­ach­tun­gen wei­ter­füh­ren und mit neuen Metho­den ergän­zen, haben wir gute Chan­cen, die Bewe­gung der Block­glet­scher und die poten­zi­el­len Gefah­ren bes­ser zu ver­ste­hen”, resü­miert Lea Hartl vom Insti­tut für Inter­dis­zi­pli­näre Gebirgs­for­schung der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW).

Autor: red/mich
24.03.2023

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