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Die Jun­gen zah­len die Rech­nung aller Generationen

Die Ein­kom­men jun­ger Men­schen sin­ken in meh­re­ren euro­päi­schen Län­dern seit dem Kri­sen­jahr 2008 und die Armuts­ge­fähr­dung steigt. Das trifft auch auf Öster­reich zu, so neue Erhe­bun­gen von Öster­rei­chi­scher Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und TU Wien.

For­scher von Öster­rei­chi­scher Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW) und TU Wien haben die alters­spe­zi­fi­sche Ein­kom­mens­ent­wick­lung von 2008 bis 2017 in neun euro­päi­schen Län­dern ana­ly­siert. Die Öko­no­men bele­gen, dass die Alters­gruppe der 20- bis 39-Jäh­ri­gen über­pro­por­tio­nal von den Effek­ten der Wirt­schafts­krise 2008 betrof­fen war. Wäh­rend die Ein­kom­men der jun­gen Bevöl­ke­rung sta­gnier­ten oder san­ken, pro­fi­tierte die ältere Bevöl­ke­rung von gestie­ge­ner Erwerbs­be­tei­li­gung und höhe­ren Pensionen.
 
„Wirt­schafts­kri­sen wer­den meist anhand des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes unter­sucht. Doch die­ses Maß sagt wenig über die mit­tel­fris­tige Ent­wick­lung der Haus­halts­ein­kom­men aus und vor allem nichts über Unter­schiede zwi­schen Alters­grup­pen“ erklärt Bern­hard Bin­der-Ham­mer vom Insti­tut für Demo­gra­phie der ÖAW, einer der Autoren der Stu­die. „Unsere Arbeit schließt diese Lücke und ana­ly­siert auch die Gründe für die Unter­schiede in der Ein­kom­mens­ent­wick­lung zwi­schen Alters­grup­pen“, so Binder-Hammer.

Ältere Gene­ra­tio­nen zie­hen davon
Basie­rend auf aktu­el­len EU-Daten (Anm. Sta­tis­tik für Ein­kom­men und Lebens­be­din­gun­gen) haben die For­scher für neun euro­päi­sche Län­der die alters­spe­zi­fi­sche Ein­kom­mens­ent­wick­lung nach­ge­zeich­net, dar­un­ter auch für Öster­reich. Ein Fokus lag auf län­der­über­grei­fen­den Trends : In sie­ben der ana­ly­sier­ten Län­der haben sich die Ein­kom­men der 20- bis 39-Jäh­ri­gen ungüns­ti­ger ent­wi­ckelt als jene der 40- bis 59-Jäh­ri­gen und der Gruppe 60+. Nur in Est­land und Polen sind die Ein­kom­men der jun­gen Bevöl­ke­rung rela­tiv zur älte­ren Bevöl­ke­rung gestiegen.
 
Die alters­spe­zi­fi­schen Unter­schiede in der Ein­kom­mens­ent­wick­lung sind beacht­lich. So sind in Ita­lien die durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men der 20- bis 39-Jäh­ri­gen um 17 Pro­zent gesun­ken, jene der 40- bis 59-Jäh­ri­gen um neun Pro­zent, aber die durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men der Über-60-Jäh­ri­gen sind um 4 Pro­zent gestie­gen. Ähn­lich groß sind die Unter­schiede in Spa­nien und Grie­chen­land. In Öster­reich, Frank­reich und Slo­we­nien sind die Ein­kom­men der 20- bis 39-Jäh­ri­gen im Unter­su­chungs­zeit­raum sta­gniert, wäh­rend pri­mär die 60+ sich über einen Anstieg freuen konn­ten, in Öster­reich um 11 Prozent. 

Ver­mö­gens­auf­bau für Junge schwie­ri­ger und höhe­res Armutsrisiko
Die Gruppe der 20- bis 39-Jäh­ri­gen lei­det dar­un­ter, dass für Neu­an­kömm­linge am Arbeits­markt Ein­stiegs­ge­häl­ter und Lohn­stei­ge­run­gen weni­ger stark sind. Ältere Arbeit­neh­mer sind davon weni­ger betrof­fen und Trans­fer­ein­kom­men sind von der kurz- und mit­tel­fris­ti­gen Ein­kom­mens­ent­wick­lung unab­hän­gig. In Grie­chen­land, Ita­lien und Spa­nien belas­ten hohe Arbeits­lo­sen­zah­len unter der jün­ge­ren Bevöl­ke­rung das Durch­schnitts­ein­kom­men zusätz­lich. Haupt­gründe für den Ein­kom­mens­zu­ge­winn bei der Gruppe 60+ sind stei­gende Erwerbs­quo­ten und stei­gende Pen­sio­nen. „Beide Effekte sind für Frauen stär­ker als für Män­ner”, sagt Bin­der-Ham­mer von der ÖAW.
 
Die zuneh­mend schwie­rige Situa­tion für die junge Bevöl­ke­rung hat lang­fris­tige Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft. Trotz Sta­gna­tion der Ein­kom­men kam es im glei­chen Zeit­raum zu einem star­ken Anstieg der Immo­bi­li­en­preise. Der Erwerb eines Eigen­heims und Auf­bau von Ver­mö­gen wurde dadurch für junge Men­schen immer schwie­ri­ger. Sta­gnie­rende oder sin­ken­den Ein­kom­men gehen auch mit hohen Armuts­ri­siko von jun­gen Erwach­se­nen und Fami­lien einher.

Die unge­wisse Zukunft
Die öko­no­mi­sche Situa­tion beein­flusst in wei­te­rer Folge auch die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung. “Wir haben die Gruppe so defi­niert, dass sie die Lebens­phase reprä­sen­tiert, in der übli­cher­weise Haus­halte und Fami­lien gegrün­det wer­den. Wenn es die öko­no­mi­sche Situa­tion nicht zulässt, wer­den das Aus­zie­hen aus dem Eltern­haus und die Grün­dung einer Fami­lie auf­ge­scho­ben. Das dürfte ein maß­geb­li­cher Grund für die nied­rige Fer­ti­li­tät in süd­eu­ro­päi­schen Län­dern sein“, unter­streicht Binder-Hammer.
 
Meh­rere Ent­wick­lun­gen dürf­ten die Ein­kom­men der jun­gen Bevöl­ke­rung auch in Zukunft belas­ten. Der Pen­si­ons­an­tritt der Baby-Boo­mer erfor­dert hohe und mög­li­cher­weise stei­gen­den Bei­träge zum Sozi­al­sys­tem. Auch die Corona-Pan­de­mie dürfte über­pro­por­tio­nale Belas­tun­gen für junge Men­schen brin­gen. “Wie Corona sich aus­wir­ken wird, kön­nen wir wohl erst in eini­gen Jah­ren ana­ly­sie­ren. Es ist wich­tig die alters­spe­zi­fi­sche Ein­kom­mens­ent­wick­lung genau zu beob­ach­ten, um bes­sere und aus­ge­wo­gene Ant­wor­ten auf Kri­sen zu fin­den”, sagt Bern­hard Bin­der-Ham­mer vom Insti­tut für Demo­gra­phie der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW).

Autor: red/czaak
13.12.2021

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