
Die KI sieht mehr, als wir wissen
Die Stärken von Künstlicher Intelligenz in der Herzmedizin. Ein Expertenkommentar von Axel Bauer, Direktor der Univ. Klinik für Kardiologie und Angiologie an der Med Uni Innsbruck anlässlich des aktuellen Kardiologie-Kongresses in Innsbruck.
Künstliche Intelligenz wird den Arzt und die Ärztin nicht ersetzen, jedoch hat KI das Potential, die Gesundheitssysteme zu revolutionieren und viele von noch gegenwärtigen Problemen zu lösen. Das gilt etwa für Systeme, die Gespräche zwischen Arzt, Ärztin und Patient:in aufzeichnen und in strukturierte Befunde übertragen. Der Dokumentationsaufwand verringert sich, es bleibt mehr Zeit für das Gespräch und die Versorgung der Patient:innen.
KI-Anwendungen eröffnen aber auch diagnostische Möglichkeiten jenseits menschlicher Mustererkennung. „Man sieht nur, was man weiß und verstehet“, hat Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt. Heute können wir behaupten, dass die KI mehr sieht, als wir Menschen wissen. Anschauliche Beispiele kommen aus der EKG-Analyse, zeigen, dass KI-Algorithmen Hinweise auf verschlossene Herzkranzgefäße entdecken können, obwohl klassische Veränderungen in bestimmten Kurven-Abschnitten des EKGs fehlen.
KI und Biomarker unterstützen bei Früherkennung, Risikoeinschätzung und Verlaufskontrolle
Auch Vorhofflimmern kann schon mit KI prognostiziert werden, selbst wenn im Moment des EKGs ein normaler Herzrhythmus vorliegt. Solche Modelle und Assoziationen basieren auf sehr großen und komplexen Datensätzen. Das ist eine Stärke der KI, aber auch eine Herausforderung für die evidenzbasierte Medizin. Die Relevanz und auch der Nutzen solcher Muster müssen in prospektiven Studien erst geprüft und bestätigt werden, ähnlich wie bei klinischen Medikamentenstudien. Nicht jede bessere Diagnostik führt automatisch zu besserer Versorgung und damit Prognose.
Moderne Kliniken wie die Med Uni Innsbruck forschen und entwickeln auch selbst mit KI. Einer unserer Forschungsschwerpunkte ist beispielsweise die digitale Kardiologie. Aus Signalen wie hochauflösendem EKG oder Smartphone-Sensorik entwickeln wir mithilfe von KI und anderen Analyseverfahren Biomarker, die bei Früherkennung, Risikoeinschätzung und Verlaufskontrolle unterstützen. Unsere Stärke als Universitätsklinik ist es, dass wir neue Entwicklungen auch in klinische Studien umsetzen können. Das kommt unserer Zielsetzung, im KI-Bereich europaweit vorne mit dabei zu sein, sehr entgegen.
Smartphones für einen Herzklappencheck von zuhause aus
Als Beispiel aus der medizinischen Praxis sei hier die Pulskontroll-App zur Früherkennung von Vorhofflimmern angeführt, die wir im Rahmen des groß angelegten und geförderten Austrian Digital Heart Program entwickelt haben und die nun in einer österreichweiten Studie evaluiert wird. Im Forschungsprojekt SMART VALVE untersuchen wir, ob handelsübliche Smartphones mit ihren eingebauten Mikrofonen und Bewegungssensoren für einen Herzklappencheck genutzt werden können, indem sie etwa auf dem Brustkorb liegend Vibrationen erfassen.
Auch dazu wird eine klinische Studie durchgeführt, um die Smartphone-Messung mit etablierten Verfahren wie der Echokardiographie zu vergleichen. Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte ein einfacher, digitaler Herzcheck von zuhause aus möglich werden. Auch Stimme und Mimik geben Signale ab, die mithilfe von KI, Rückschlüsse auf kardiovaskuläre Erkrankungen zulassen. In diesem Projekt werden sowohl Sprache und Sprechfluss als auch visuelle Biomarker wie Lidschluss oder mimische Bewegungen mithilfe des Smartphones analysiert. Wir sehen, dass mit solchen Anwendungen immer mehr Informationen direkt verfügbar werden und damit die Risikovorhersage immer besser und individueller wird.
KI und die Entwicklung von innovativen Algorithmen für die Bildanalyse und Bildinterpretation
Das Thema Künstliche Intelligenz bildet auch im diesjährigen Kongressprogramm wieder einen besonderen Schwerpunkt, wo wir mit Daniel Rückert einen überaus renommierten Experten als Hauptredner gewinnen konnten. Er ist Alexander von Humboldt-Professor für KI in der Medizin an der Technischen Universität München und auch Professor am Imperial College London. Rückert forscht zur Entwicklung von innovativen Algorithmen für die Bildanalyse und Bildinterpretation und über KI für die Ableitung klinischer Informationen aus medizinischen Bildern. Das sind zentrale Anwendungsgebiete in der diagnostischen und prognostischen Herzmedizin.
Beim diesjährigen Kongress setzen wir generell wieder auf die bewährte Praxisnähe und interaktive Diskussionsformate. Statt rein akademischer Vorträge stehen konkrete Fälle und Szenarien im Mittelpunkt. Dazu behandeln wir neue Studienergebnisse, neue Leitlinien und Technologien, die wir gemeinsam mit führenden internationalen Expert:innen erörtern und einordnen. Diese Mischung aus klinischem Alltag und aktuellen Belegen aus der Wissenschaft sorgt dafür, dass Innovationen dort ankommen, wo sie wirken sollen : in den Ordinationen und am Krankenbett.
(Axel Bauer ist Direktor der Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Kardiologie und Angiologie an der Med Uni Innsbruck. Gemeinsam mit Christoph Brenner und Bernhard Metzler verantwortet er nun von 5. bis 7. März den 28. Kardiologie Kongress in Innsbruck, wo wiederum rund 800 Teilnehmende erwartet werden. Kommende Woche startet an der Med Uni dann „Die Woche des Gehirns ; economy berichtete)