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Die Sünde Wucher

Zwi­schen dem 11. und 14. Jahr­hun­dert ent­wi­ckelte sich neben der tra­di­tio­nel­len Kauf­mann­schaft ein neues Spe­zia­lis­ten­tum : der Geld­han­del. Die städ­ti­sche, euro­pa­weit agie­rende Wirt­schaft und ihre Kli­en­tel an den Fürs­ten­hö­fen bedurf­ten umfang­rei­cher Kre­dite. Und in der Tat war der Geld­han­del ein loh­nen­des Geschäft – bei Zins­sät­zen von durch­schnitt­lich 30 Prozent.
Dabei galt der Wucher seit der Antike als Inbe­griff des Bösen. „Usura“, der Wucher, bedeu­tete ursprüng­lich jede Form der Leihe, bei der mehr zurück­ge­ge­ben wer­den musste, als gege­ben war ; im Mit­tel­al­ter wurde dann allein der Gewinn aus einem Geld­dar­le­hen, also der Zins, als Wucher bezeich­net. Nach Kir­chen­recht war der Wucher ver­bo­ten und wurde als eine der schlimms­ten Sün­den angesehen.
Die­ses Zins­ver­bot aus reli­giö­sen Grün­den galt aller­dings nur für die eige­nen Glau­bens­ge­nos­sen, wäh­rend über die Reli­gi­ons­gren­zen hin­weg Chris­ten an Juden und umge­kehrt sehr wohl Geld gegen Zin­sen ver­lei­hen durf­ten. Doch die Wirk­lich­keit sah anders aus : Die ers­ten gro­ßen Bank­häu­ser wur­den von Chris­ten geführt. Die Gelehr­ten des Kir­chen­rechts recht­fer­tig­ten immer mehr Aus­nah­men und gestat­te­ten vor­nehm­lich den Köni­gen und Päps­ten zahl­rei­che Wucher­pri­vi­le­gien. Vor allem für die Finan­zie­rung von Krie­gen und Kreuz­zü­gen hatte sich so eine christ­li­che Hoch­fi­nanz gebildet.
In deut­schen Lan­den oder West­eu­ropa wur­den zuneh­mend auch nord­ita­lie­ni­sche lom­bar­di­sche Bank­häu­ser tätig. Die Kon­kur­renz­si­tua­tion ver­schärfte sich. Als Edu­ard III. von Eng­land, der zur Finan­zie­rung sei­ner Kriege mit Frank­reich enorme Kre­dite bei ita­lie­ni­schen Bank­häu­sern auf­ge­nom­men hatte, zah­lungs­un­fä­hig war, brach 1343 das damals größte Bank­haus Euro­pas, jenes der Bardi in Flo­renz, zusam­men und riss koope­rie­rende Ban­ken mit in den Untergang.
Nicht sel­ten aber hatte der Lan­des­fürst auch einen jüdi­schen Hof­ban­kier. Damit wurde das kirch­li­che Zins­ver­bot ele­gant umgan­gen ; für die jüdi­schen Ban­kiers bedeu­tete das in man­chen Län­dern Euro­pas, wie etwa in Öster­reich, ein Kre­dit­mo­no­pol. Andern­orts herrschte scharfe Kon­kur­renz. Die Kreuz­züge moti­vier­ten seit 1200 die Dis­kri­mi­nie­rung jüdi­scher Ban­kiers. So wur­den jüdi­sche Kre­dit­ge­ber aus der fran­zö­si­schen Kron­do­mäne gedrängt und durf­ten nur mehr Klein­kre­dite an Bau­ern und Gewerbe geben oder Pfand­ge­schäfte betrei­ben ; viel­fach wurde von der Obrig­keit jüdi­sches Ver­mö­gen beschlag­nahmt oder aus­ste­hende Kre­dite für null und nich­tig erklärt.
Gegen Ende des 14. Jahr­hun­derts ver­schwan­den dann auch die Lom­bar­den, und ein­hei­mi­sche mit­tel­eu­ro­päi­sche Chris­ten über­nah­men in den gro­ßen Han­dels­zen­tren den Geld­markt. Die wirt­schaft­li­che Räson hatte end­gül­tig über die reli­giöse Tugend gesiegt.
Johan­nes Fried zählt zu den renom­mier­tes­ten Medi­ävis­ten Deutsch­lands. Er lehrt mit­tel­al­ter­li­che Geschichte an der Goe­the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt am Main

Autor:
24.04.2009

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